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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 20:43

    Interview zum Ende von GEE

    17.05.2011

    »Das hätte besser laufen können«

    Heiko Gogolin, Chefredakteur der gerade eingestellten Computerspielzeitschrift GEE, spricht über den Tod von Print, Chance und Blödsinn von Tablet-Magazinen und über das unglückliche Ende einer innigen Liebesbeziehung mit den Lesern. Ein Interview von JAN FISCHER

     

    Heiko Gogolin kommt im Freizeitlook: kurze Hose, Sandalen, ein T-Shirt mit etwas Picassomäßigem drauf. Vor ein paar Wochen war er noch der Chefredakteur der vielleicht interessantesten, auf jeden Fall aber ambitioniertesten deutschsprachigen Print-Spielezeitschrift, der GEE, jetzt macht er sich Gedanken, ob es eigentlich arbeitslos oder arbeitssuchend heißt. Aber was soll's, es ist ein schöner Tag in Hamburg, fast sommerlich ist es im Schanzenviertel, und die vollbärtigen Hipster in ihren engen Hosen, die vor karg eingerichteten Läden herumstehen, blinzeln etwas desorientiert in die Sonne. Es ist einer dieser Tage, an denen selbst das Omelette, das Heiko sich bestellt, in der Sonne zu glitzern scheint, obwohl der Tisch im Halbschatten steht.

     

    Die Nachricht vom Ende des Magazins kam vor allem für die Leser überraschend, in den Foren der Website von GEE machen sie ihrer Wut immer noch Luft. Da hilft es auch nicht viel, dass die Restredaktion als Alternative eine iPad-Variante der GEE ankündigt, die Ende Juli zum ersten Mal erscheinen soll. Aber, wie gesagt, es ist ein schöner Tag in Hamburg. Und neben dem Omelette glitzert auch die Rhabarberschorle in den Frühlingstag hinein.

     

    Was machst du mit deiner neu gewonnenen Freizeit?

     

    Ich habe in letzter Zeit viel gefeiert. Als ich mich im Januar von meiner Freundin getrennt habe, habe ich angefangen. Als dann das Ende der GEE klar war, habe ich noch eine Schippe draufgelegt, und seitdem ich arbeitslos bin, bin ich ziemlich durchgedreht. Jetzt komme ich langsam wieder zur Ruhe, und denke an meinen Körper, an das Herz und das Hirn. Aber der Hedonismus lässt sich in diesem Fall gut mit der Jobsuche vereinbaren. Ich sitze ja nicht den ganzen Tag zuhause rum und kiffe. Ich bemühe mich um meine Kontakte. Ich bin auf Facebook aktiv, ich treffe mich mit Leuten, ich saufe auch mit Leuten. Das ist ja im Kulturbereich viel effektiver als Bewerbungen zu schreiben, das weiß meine Arbeitsvermittlerin auch.

     

    Wann wusstet du, dass es die GEE nicht mehr als Printmagazin geben wird?

     

    Redaktionell war das ab Ende Februar klar. Zuerst bin ich informiert worden, dann sukzessive alle anderen. Zuletzt haben wir noch das Best-of-Heft gemacht, das uns von den Lesern jetzt um die Ohren gehauen wird. Die sind natürlich wütend auf uns - und enttäuscht. Vollkommen zu Recht. Die Abonnenten haben dafür bezahlt, neue Inhalte zu bekommen und nicht alte Inhalte nochmal zusammengeschustert.

     

    Zusammengeschustert ist es aber nicht: Das Layout hat Jan Spading gemacht, einer der Hefterfinder. Die GEE hat ja im Laufe der Zeit vier verschiedene Layout-Phasen gehabt, Jan Spading hat drei davon gestaltet, und eben jetzt nochmal das Best-of-Heft. Wir haben auch die Texte noch einmal editiert. Ich glaube, die Leser werden das in ein paar Wochen auch mögen, wenn sie sich das Heft nochmal ankucken und sich die Trauer und die Wut gelegt hat. Aber ich kann es den Leuten nicht verübeln, wenn sie jetzt sauer sind, dass es nicht weiter geht.

     

    Die Nachricht von der Einstellung der Print-GEE ist den Lesern aber auch erst ziemlich spät mitgeteilt worden.

     

    Wir haben den Kreis zu Anfang sehr klein gehalten, aber so vertrauenswürdig die Leute auch sind, es wird viel rumerzählt, das ist ganz klar. Und durch so digitale Kanäle verbreitet sich das auch schnell. Leute, die finanziell in irgendeinem Verhältnis zu uns stehen, mussten vorgewarnt werden. Ich habe mir den Pathos auf Facebook erspart, zumindest vor dem Ende. Aber es ist so, dass auch Gerüchte aufgekommen sind. In einer digitalen Zeit hätte das anders ablaufen können. Das wäre unsere Aufgabe gewesen, das vernünftig zu kommunizieren. Und es ist vielleicht auch ein bisschen unfair gewesen.

     

    Auf der GEE-Website kocht die Diskussion in den Foren gerade hoch, die Abonnenten wollen neue Hefte. Und viele sagen auch: Auf diese iPad-Ausgabe habe ich überhaupt keine Lust, ich habe so ein Gerät auch gar nicht. Ich möchte gerade nicht in der Haut von deinem Nachfolger stecken.

     

    Zunächst war es mal so, dass uns das Feedback gefreut hat. Wir haben immer Print an die allererste Stelle gesetzt, und da bekommt man viel weniger Feedback als im digitalen Bereich. Es war also erstmal schön, überhaupt etwas zu hören. Wir haben sehr viel Liebe von den Lesern bekommen, wir wurden aber auch sehr angefeindet. Wir haben die letzten Jahre wahnsinnig viel Herzblut in das Magazin gesteckt, es war zwischenzeitlich schwierig, und als kleines Magazin ist es immer schwierig. Was mich überrascht hat, war die Annahme von den Lesern, dass wir sagen: Wir machen jetzt kein Print-Magazin mehr, sondern nur noch das iPad, weil das viel toller ist, weil wir Apple so geil finden.

     

    Die Verlagskommunikation zum Ende der GEE und wie es danach weiter geht, war aber auch, ich sag jetzt mal, ein wenig unglücklich. Wir haben zu den Lesern immer eine sehr innige Liebesbeziehung gehabt, und wenn so innige Beziehungen auseinander gehen, wenn einer Schluss machen muss, dann ist die Kommunikation über das Ende oft schwierig. Und im Nachhinein hätte man alles gerne stringenter formuliert, anders gesagt oder besser hervorgebracht. Streckenweise wäre das aber auch gar nicht möglich gewesen, obwohl wir diesen langen Vorlauf hatten, war vieles einfach nicht klar. Wir wussten nicht, wer jetzt noch dabei ist, wie es verlagsseitig weitergeht, wie teuer dieses Tablet-Magazin jetzt wird, solche Geschichten. Wir hätten gerne mehr angekündigt, wir haben da so einen Eiertanz aufgeführt, den Lesern ein bisschen was gesagt, alles sagen konnten wir nicht, und dieser Eiertanz ist natürlich das Falsche gewesen. Im Grunde muss ich mich da bei den Lesern entschuldigen, auch wenn ich es nicht selbst zu verantworten habe. Das hätte besser laufen können.

     

    Und dann seit ihr noch mitten im Eifer des Gefechts von der alternativen Schanze in die cleane Hafencity gezogen, in die Nachbarschaft dieser ganzen Werbeagenturen.

     

    Das ist auch durch diese unglückliche Kommunikation bei den Lesern falsch angekommen. Die Hafencity ist ein etwas suspektes Projekt, das auch für eine mondänere Firmenhaltung steht. Das sah aus, als ginge es uns gar nicht schlecht, sondern als wollten wir jetzt so richtig Apple-Styler werden. Eigentlich ist es genau das Gegenteil: Im Hamburger Schanzenviertel ist die Gentrifizierung mittlerweile so hoch, dass die Büros in der Schanze teurer sind als in der Hafencity, weil die so dermaßen fehlgeplant ist, dass sie unglaublich viel Leerstand haben. Das war eine Rationalisierungsmaßnahme, aber von außen denkt man: Die zünden sich jetzt die Zigarren an.

     

    Was ist denn jetzt genau schief gelaufen? Warum ist die Print-GEE eingestellt worden?

     

    Der Anzeigenmarkt im Printbereich ist einfach zusammengebrochen über die letzten Jahre. Viele Firmen schalten eher Online-Anzeigen, nicht unbedingt, weil sie das geiler finden, sondern weil es erheblich billiger ist. Und wenn ich zehn Anzeigen im Netz schallten kann, oder eine im Print, da würde ich mir das auch überlegen, die Firmen hatten es ja auch nicht einfach im Zuge der Wirtschaftskrise. Selbst die Spieleindustrie, der es eigentlich ganz gut geht, hat ein bisschen was abbekommen. Da gehen jetzt viele in Richtung Online, oder Richtung Fernsehen, Nintendo zum Beispiel – obwohl Nintendo auch noch viel Print schaltet - oder Sony, die sponsern jetzt das Dschungelcamp.

     

    Ein Heft die GEE braucht Anzeigen von großen Publishern, von den Indie-Anzeigen allein kann man nicht leben. Da muss schon jemand kommen und sagen, er schaltet mal eben eine Doppelseite, das ist das, was Geld bringt. Das hat am Ende einfach gefehlt, wir hatten Anzeigenverluste in fünfstelliger Höhe. Da gibt es für ein kleines Magazin nicht viel zu kompensieren. Ich habe mich auch immer sehr gegen Qualitätskürzungen gewehrt, klar, wir mussten mal hier und da was einsparen oder selber ein bisschen bluten, aber die GEE steht für Qualitätsjournalismus, und wenn man anfängt den zu unterminieren, ist das der Anfang vom Ende.

     

    Das sieht man ja auch bei vielen Tageszeitungen, gerade auf dem amerikanischen Markt. Print ist in der Krise und immer weniger Leute lesen das, und dann fängt man auch noch an, die Leute, die das noch lesen mit weniger Qualität abzuspeisen. Das funktioniert nicht. Aber ich will jetzt hier nicht sitzen und rumheulen, dass die Industrie uns im Stich gelassen hat. Man muss aber auch sagen: Die GEE ist ein teures Heft, und hätten wir fünf- oder zehntausend Hefte mehr verkauft, dann hätten wir das auch kompensieren können. Wir hatten keine Auflagenverluste wie andere Magazine im Computerspielebreich, das macht es doppelt schmerzhaft. Es hat einfach nicht gereicht. Die GEE hatte zwar einen gewissen Fame und eine gewisse Qualität, ist aber doch zu nischig, um so viele Hefte zu verkaufen, dass sie sich tragen kann.

     

    Ist damit die GEE das erste Print-Magazin in Deutschland, das eingeht und ausschließlich als Tablet-Variante weitermacht?

     

    Das wird die große Herausforderung für die Redaktion sein, und für den Verlag: Weiterzuexistieren, wenn du kein Mutterschiff hast. Alle Projekte, die sich auf dem Tablet im Moment zumindest ansatzweise rechnen, haben irgendeine Art von Mutterschiff: Eine bekannte Website, ein Print-Magazin, da kommen aufs Tablet Inhalte, die dort eben nochmal verwertet werden. Die GEE hat zwar eine Website, aber auf der konnten wir nie soviel machen, wie wir eigentlich wollten. Das lag schlicht daran, dass das Team so klein war und wir lieber ein geiles Print-Magazin machen wollten.

     

    Wobei es aber auch unsere Philosophie war, dass die Onlineredaktion eben nicht aus drei Praktikanten besteht. Wenn du ein Medium hast, das für Qualität steht, kannst du online ja nicht irgendeinen Scheiß machen. Das wird in nächster Zeit jedenfalls höchst schwierig für die Redaktion, auch in finanzieller Hinsicht. Qualität kostet immer Geld, und ich bin mir sicher, dass auch die Tablet-GEE eine gute Qualität haben wird, dass die Jungs da schon Ideen haben werden. Aber in Deutschland auf deutsch Inhalte exklusiv fürs Tablet zu produzieren, das ist eine Nuss, die da zu knacken ist.

     

    Die Tablet-GEE also als Vorreiter?

     

    Im Moment gibt es bei vielen Tablet-Magazinen den Entwurf, entweder einfach eine PDF-Variante des Mutterschiffs anzubieten, oder - wie die amerikanische Wired - zusätzlich noch eine Menge Videos dazu zu stellen, und ganz viel interaktiven Kram. Dadurch wird das allerdings ziemlich unruhig, da poppen überall Videos auf und alles springt total auf einen ein. Daran zeigt sich, dass die journalistische Formensprache für so ein Tablet-Magazin einfach noch nicht gefunden ist.

     

    Jeder weiß, oder ahnt zumindest, dass das ein wichtiger Kanal für die Zukunft ist, aber wie das auszusehen hat, weiß man nicht. Wenn die GEE jetzt etwas exklusiv fürs Tablet macht, dann ist klar, dass das von Anfang an konstitutiv ins Design, in die Art der Artikel, in die Auswahl mit einbezogen werden muss, und dass da nicht einfach nur ein Video im Artikel ist, dass man auch noch anklicken kann. Ich denke aber nicht, dass das Tablet DIE Zukunft des Journalismus ist. Viele Leute halten es dafür, hauptsächlich die Verlage, weil sie es nicht geschafft haben, im Internet Geld zu verdienen, und es jetzt für wichtig halten, für Tablets neue Inhalte aufzubauen, für die man von vorneherein Geld verlangen kann.

     

    Das führt dann so zu Absurditäten wie bei der BILD, deren Website auf dem iPad gesperrt ist, damit die Leute die BILD-App kaufen, die zu einem nicht unerheblichen Teil nichts anderes ist als die Website. Da gibt es einfach noch sehr viele Fragen. Eine davon ist, warum man unbedingt eine App braucht, wenn man auch auf die Website gehen kann. Oder ob es Sinn macht, einen anlogen Erscheinungsrhythmus zu simulieren, wenn die Website viel schneller und aktueller ist, und die Leute die auf demselben Gerät lesen können.

     

    Ich versuche gerade rauszuhören, ob du glaubst, dass Print tot ist und nichts mehr kann außer sterben oder nicht.

     

    Ich halte Print für in Zukunft relevant. Das Tablet ist ein neuer Kanal, aber Print bleibt weiter wichtig. Es wird vielleicht an Relevanz verlieren, vielleicht wird auch weniger gedruckt werden. Ich glaube, dass die Entwicklung da in zwei Richtungen gehen kann: Einmal auf Masse, dass du eine Zeitschrift hast für zwei Euro, und dazu – das wäre der Ansatz der Computer Bild Spiele – noch zwei Vollversionen dabei. Oder du hast Print in einer Nische, du bietest Qualität, ein haptisches Erlebnis, so, wie es die GEE schon gebracht hat, vielleicht noch einen Level geiler.

     

    Dass man zum Beispiel mit noch mehr Extras arbeitet: Wir hatten mal Leuchtfarbe auf dem Cover, oder so Designzeitschriften wie die Form, die hat jedes Mal eine andere Sonderfarbe auf dem Cover, oder ein anderes Material, solche Geschichten. Aber für ein Magazin wie die GEE, sollte es das in einigen Jahren nochmal geben, muss man dann einfach mehr Geld verlangen. Statt der 4,50 €, die wir gekostet haben, vielleicht 7,50 €, um sich auch vom Anzeigenmarkt zu emanzipieren.

     

    Das wäre aber für euch keine Option gewesen, um das Ende doch noch abzuwenden?

     

    Wir haben das auch mal überlegt, aber es reicht ja nicht, wenn man das Magazin nur ein bisschen teurer macht, einen Euro, oder einsfünfzig. Da hängen ja auch immer noch andere Leute dran, die Grossisten, die Einzelhändler... Von zwei Euro mehr bekommst du nur einen Euro wieder. Wir haben versucht, das mal durchzurechnen, aber das Magazin hätte signifikant teurer werden müssen. In ein paar Jahren geht das vielleicht, da wissen die Leute: Print, haptisches Erlebnis, da zahl ich meinetwegen acht Euro für. Aber jetzt, für die GEE diesen Sprung zu machen, das funktioniert nicht, das kann man ja keinem erzählen. Aber ich glaube schon, dass das Gedruckte weiter einen Wert haben wird. Ich merke das ja bei mir: So sehr ich das Digitale nutze, dass für mich das Analoge sogar noch wichtiger geworden ist.

     

    Ich stelle mit meinem Label Pingipung Schallplatten her, ich habe eine Tageszeitung im Abo, ich lese gerne Bücher. Ich merke, dass es total toll ist, die Sachen auch anzufassen. So ein Medium dann zur Entschleunigung zu nutzen: Ich glaube, dass das in Zukunft wichtiger werden wird. Es wird aber sicher auch eine Menge wegbrechen, der Buchmarkt ist dann wohl als nächstes dran, das sieht man ja auch in den USA. In Deutschland sind ja die Leser zum Glück sehr alt und sehr konservativ, da geht das nicht so schnell ins Digitale. Aber wenn ich unter meinen Nerd-Freunden gucke, da kaufen einige tatsächlich keine Bücher mehr. Aber diese sinnliche Qualität wird bestimmt Bestand haben.

     

    Bei der GEE war es ja tatsächlich immer auch schön, diese Spielereien zu haben, das Leuchtcover zum Beispiel.

     

    Spielereien wird es jetzt sicher auch geben, auf einer anderen Ebene. Wir hatten öfter Spielekunststrecken im Heft, Game-Art-Geschichten, die hatte man vielleicht auch schon mal im Netz gesehen, in irgendwelchen Blogs, aber das war dann eben nochmal was anderes, die großformatig und gedruckt zu sehen. Aber die Bilder, die du genauso sexy auf demselben Gerät kostenlos sehen kannst, in der GEE auf dem iPad zu zeigen – das ist natürlich kein Konzept. Da müssen sich die Jungs jetzt was überlegen.

     

    Meinst du, das klappt?

     

    Die GEE ist vielleicht finanziell gescheitert, aber sie ist nicht inhaltlich gescheitert, das macht mir Hoffnung für die Zukunft. Ich würde es den Leuten auf jeden Fall wünschen, dass es klappt. Die Jungs sind auf jeden Fall gut, und ich denke, dass das kreativ klappen kann. Ich glaube auch, die Ideen, die wir im Tablet-Bereich haben, werden fernab der Computerspielszene Beachtung finden. Die GEE war ja vor der Spieleindustrie da, wo die Spieleindustrie eigentlich hinwollte, in der Auffassung von Spielern, von Spielkultur.

     

    Wir haben für das Best-of-Heft noch einmal alle Heft durchgeschaut, und man kann da die Entwicklung sehen: In den ersten Heften geht es noch viel um die Spieler, da ging es uns darum, Frauen zu zeigen, Alte, nicht nur die Nerds. Später ging es dann darum, Computerspiele aus dieser gesellschaftlichen Schmuddelecke herauszuholen, zu zeigen, wo die Spiele überall angekommen sind. Und die letzten Ausgaben befassen sich dann mit den Spielen eher auf künstlerischer Ebene. Und jetzt nochmal von Neuem anzufangen, mit etwas ganz anderem, das wird schwierig. Vor allem finanziell. Für jede Erfolgsgeschichte von digitaler Selbstvermaktung gibt es ja auch eine endlose Reihe an Beispielen, wo es halt nicht funktioniert.

     

    Hast du denn noch irgendein Verhältnis zu der Redaktion?

     

    Es ist ja so, dass ich im Guten gegangen bin. Nach mehr als sechseinhalb Jahren, in denen ich für die GEE gearbeitet habe – erst als freier Autor – war für mich war es einfach Zeit, einen Cut zu machen, zu sagen: Meine GEE-Geschichte ist hier zu Ende. Außerdem ist es wichtig, dass da jetzt jemand an der Spitze steht, der komplett neu motiviert ist. Der Anspruch bei der GEE ist hoch: Wir sind ja angetreten, das beste Spielemagazin in Deutschland zu machen. Und der Anspruch muss auch weiterhin gelten. Es ist nicht so, dass das nicht nicht hätte erfüllen können, aber ich dachte, es ist besser, wenn jetzt jemand neues kommt. Moses Grohé ist sowieso immer unser Digitalspezi gewesen. Ich selbst mache bestimmt auch nochmal was für die GEE, aber das ist ein bisschen so, wie mit der Exfreundin schlafen: Kann man zwar mal machen, aber es bringt einen nicht unbedingt weiter.

     

    Und was hast du jetzt vor? Außer Sex mit der Exfreundin?

     

    Ich interessiere mich natürlich weiter für journalistische Projekte, ich finde auch in den Spielejournalismus weiter interessant. Es ist ja nicht so, dass die GEE alleine tollen Spielejournalismus gemacht hätte, es gibt im Netz viele Projekte, die auch mal Formexperimente wagen und die sich auch viel ausführlicher mit den Sachen auseinandersetzen können als das in diesem Test-Journalismus Geflacker so üblich ist. Ich könnte mir schon vorstellen, mal wieder eine Spielezeitschrift zu machen. Ich glaube auch, dass den großen Verlagen Spiele – immer noch – suspekt sind.

     

    Gruner und Jahr z.B. Ich habe mit denen nicht gesprochen – sind ja dafür bekannt, dass sie sehr printfreundlich sind, und ganz viele neue Print-Projekte auf den Weg bringen. Auch hochgradig suspekte Projekte wie die Business Punk, aber auch ein paar Sachen die ganz interessant sind, da wird viel ausprobiert. Aber es ist oft so, dass die Entscheider – das ist vielleicht auch ein Generationenkonflikt – doch eher keinen Bock haben, ein Computerspielmagazin zu machen. Und die GEE ist ja – das muss man auch sehen – letztendlich finanziell gescheitert. Aber mit einem Verlag im Rücken, und einem größeren Team, so dass man in der Lage wäre, tatsächlich alle Kanäle zu bedienen – da könnte so etwas wie die GEE, eine Art »anderes« Spielemedium vielleicht noch einmal eine ganz andere Breitenwirkung haben.

     

    Also gründest du demnächst einfach was Neues?

     

    Das könnte schwierig werden. Ein Print-Magazin auf dem Markt zu etablieren, da sind ganz andere Summen im Spiel. Es gibt ja Leute, die das versucht haben. Christian Gaca, der ist jetzt Chefredakteur von Game Reactor und Kristian Metzger, der Chefredakteur von Eurogamer, die haben streckenweise das Printmagazin [ple:] gemacht, auch alternativ. Der Ansatz war ein bisschen anders als bei der GEE, aber das war schon vielversprechend. Die haben auch Geld gehabt, aber wenn es nicht genug ist, kommst du damit nicht weit.

     

    Wenn ich eine geile Geschäftsidee hätte, würde ich auch einen Kredit aufnehmen, um ein Print-Magazin zu machen. Aber ich könnte jetzt einen Kredit über 100.000 Euro aufnehmen, wenn mir die jemand geben würde, und käme damit höchstens ein halbes Jahr über die Runden. Und um so ein Magazin zu etablieren brauchst du mindestens zwei Jahre. Deshalb könnte ich mir auch nicht vorstellen zu sagen, wir machen das jetzt einfach.


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