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Donnerstag, 30. März 2017 | 10:48

 

Luise Rinser zum 100. Geburtstag

30.04.2011

Ein Leben in Widersprüchen

Leben und schreiben waren bei Luise Rinser kaum voneinander zu trennen. Sie mischte sich lebhaft in aktuelle gesellschaftliche Diskussionen ein und war eine streitbare und umstrittene Anwältin der sozialen Minderheiten. In den letzten Jahren erhielt das Bild von der politisch integren Autorin posthum jedoch einige Kratzer. „Luise Rinser war in der Nazi-Zeit ebenso verstrickt wie viele andere. „Faktisch gesehen hat sie gelogen – uns alle angelogen“, erklärt José Sánchez de Murillo, der viele Jahre mit der Autorin befreundet war und nun eine opulente Rinser-Biografie vorgelegt hat. Von PETER MOHR

 

Luise Rinsers beinahe missionarischer Eifer hielt bis ins hohe Alter noch an. In ihrem letzten Tagebuchband „Kunst des Schattenspiels“ findet sich die heute beinahe naiv anmutende Frage: „Wofür arbeitet man sonst als für den Weltfrieden, für die Rettung aller.“

 

Sie hat nicht nur literarisch daran gearbeitet, sondern auch als politische Aktivistin. Für viele ihrer Leser galt die kleine zierliche Frau als Synonym für gesellschaftliches Engagement und unzähmbaren Tatendrang. Noch als 83-jährige reiste sie in den Himalaya, um den Dalai Lama zu besuchen. Eine Woche lang sprach sie täglich zwei Stunden mit ihm. Sie unterstützte die Politik von Willy Brandt und begründete ihr Engagement mit den Worten: „Ich habe mich für alles brennend interessiert, in der Politik vor allem.“ Da passt es überhaupt nicht ins Bild, dass ihr Biograf Sánchez de Murillo herausgefunden haben will, dass Luise Rinser in den 1930er Jahren als junge Lehrerin ihren jüdischen Schuldirektor denunziert haben soll.

 

Luise Rinser, die am 30. April 1911 als Tochter eines Volksschuldirektors im oberbayrischen Pitzling geboren wurde, hat seit Erscheinen ihres literarischen Erstlings „Die gläsernen Ringe“ (1941) in ihren mehr als 40 Büchern immer den eigenen politisch-moralischen Standpunkt einfließen lassen. Dies hat ihr in über einem halben Jahrhundert schriftstellerischer Arbeit reichlich Anfeindungen eingebracht. 1944 wurde die damalige Volksschullehrerin wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung aus dem Schuldienst entlassen und vorübergehend inhaftiert.

 

Luise Rinser beharrte stets auf ihrem links-katholischen Standpunkt und schrieb weiter Romane, Erzählungen und Essays, in denen sie sich für Verfolgte und Entrechtete einsetzte. Ein Werk von bleibendem Wert ist die 1956 erschienene Erzählung „Jan Lobel aus Warschau“, in der sie das Schicksal eines geflohenen KZ-Häftlings beschreibt, der bei zwei Frauen in einer Gärtnerei Unterschlupf findet.

 

Viele ihrer Werke („Die gläsernen Ringe“, „Septembertag“, „Der Sündenbock“ und das „Gefängnistagebuch“) erreichten sechsstellige Auflagezahlen. Auch ihre Spätwerke „Mirjam“ (1983), „Silberschuld“ (1986) und die zarte, im Mittelalter angesiedelte Liebesgeschichte „Abaelards Liebe“ 1991) fanden, wenngleich von der Kritik eher zurückhaltend aufgenommen, eine große Leserschaft.

 

In den letzten 30 Lebensjahren ließ sich Luise Rinser, die von 1953 bis 1959 mit dem Komponisten Carl Orff verheiratet war, in starkem Maße politisch vereinnahmen - erst die Frauenbewegung, dann auf Seiten der Nachrüstungsgegner, schließlich als „Anwältin der ökologischen Bewegung“. Hohn und Spott erntete die Autorin, als sie sich 1984 von den Grünen als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten nominieren ließ. Mehr als fragwürdig waren ihre Äußerungen über den nordkoreanischen Diktator Kim Il-sung, den sie als „eine Vaterfigur, mit einer starken und warmen Ausstrahlung, ganz in sich ruhend, heiter, freundlich, ohne Falschheit, witzig und humorvoll auch“ beschrieb.

 

Luise Rinser hat sich für ihr eigenes Leben stets den Schluss ihres Romans „Die gläsernen Ringe“ zu eigen machen wollen, der mit dem Wunsch endet: „...dass nicht das wirre dunkle Leiden der Kreatur, sondern das scharfe klare Gesetz des Geistes mein Leben leiten würde.“

 

Und doch war es (insofern ist der Titel der Biografie treffend gewählt) ein Leben voller Widersprüche – vor allem, wenn es um Luise Rinsers Verhältnis zur Politik ging. Schon 1988 hatte sie in ihrem Tagebuch „Wachsender Mond“ notiert: „Brief eines Freundes, der seit einiger Zeit den Umgang mit mir meidet. Wir können uns nur wiedersehen, schreibt er, wenn wir uns gegenseitig versprechen, jedes politische Gespräch zu vermeiden.“ Am 17. März 2002 ist Luise Rinser in einem Altersheim in Unterhaching sechs Wochen vor ihrem 91. Geburtstag an Herzversagen gestorben.

 

Vom 13. bis 15. Mai findet in Wessobrunn (Oberbayern) eine Tagung der Luise-Rinser-Stiftung statt. Am 15. Mai soll zum Abschluss im Rathausgarten von Wessobrunn (auf dem Gemeindefriedhof befindet sich Luise Rinsers Grab) ein Denkmal zu Ehren der Autorin enthüllt werden.

 

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