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    Zum 75. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa

    28.03.2011

    Plädoyer für eine Kultur der Freiheit

    Großereignisse werfen bekanntlich ihre Schatten voraus. So geht es auch mit Mario Vargas Llosas neuem, im November unter dem Titel El sueno del celta (dt. Der Traum des Kelten) im Original erschienenen Roman, der ein heftiges Tauziehen zwischen den renommierten Verlagshäusern Suhrkamp und Rowohlt entfacht hat. Die deutsche Übersetzung soll nun im Herbst auf den Markt kommen, sehr wahrscheinlich nun doch bei Vargas Llosas deutschem Stammhaus Suhrkamp. Im neuen opulenten Erzählwerk geht es um die blutigen Auswüchse des Kolonialismus und den tragischen Lebensweg eines irischen Diplomaten. Von PETER MOHR

     

    Für seine Kartographie von Machtstrukturen und seine scharf gezeichneten Bilder individuellen Widerstands, hatte ihm das Stockholmer Nobelpreiskomitees im letzten Herbst die mit umgerechnet rund 1,1 Millionen Euro dotierte wichtigste Auszeichnung der literarischen Welt zugesprochen. Eine Charakterisierung, die auch dem neuen Roman vollends gerecht wird.

     

    Mario Vargas Llosa, der am 28. März 1936 in Arequipa im peruanischen Hochland als Sohn eines Radiojournalisten geboren wurde, begann schon früh zu schreiben. In seinem ersten bedeutenden Werk, den in mehr als 20 Sprachen übersetzten Roman Die Stadt der Hunde (1963) verarbeitete er seine Erfahrungen in der Kadettenanstalt von Lima. Er arbeitete später als Journalist für viele internationale Zeitungen, als Literaturdozent in den USA und hatte Gastprofessuren in aller Welt inne. Sein Studium hatte er ausgerechnet mit einer Arbeit über seinen großen südamerikanischen Antipoden Gabriel Garcia Márquez abgeschlossen, dem er stets seine politische Nähe zu Fidel Castro vorhielt: »Daß ein Schriftsteller den Führer eines Regimes beweihräuchert, in dem es viele politische Gefangene - darunter mehrere Schriftsteller - gibt, das eine rigorose intellektuelle Zensur praktiziert, nicht die mindeste Kritik duldet und Dutzende Intellektuelle ins Exil gezwungen hat, ist etwas, das mich mit Scham erfüllt.«

     

    Noch ein zweites Mal schrieb Vargas Llosa ganz eng an seiner eigenen Biografie entlang. Mit 18 Jahren hatte er Julia Urquidi geheiratet, mit der er neun Jahre zusammenlebte. Diese Beziehung diente als Grundlage des vielbeachteten Romans Tante Julia und der Kunstschreiber.

     

    In seinen großen, überquellenden Romangemälden hat sich Vargas Llosa, der 1990 für das Präsidentenamt in Peru kandidiert hatte (»Ich würde mich als Liberalen bezeichnen. Ich bin ein liberaler Demokrat.«), wiederholt der Ausbeutung der Ureinwohner, der blutigen Kämpfe von Untergrundorganisationen, der Korruption, der zwielichtigen Rolle der Militärs und des Totalitarismus gewidmet.

     

    Seine Romane Tod in den Anden, Das Fest des Ziegenbocks, Der Geschichtenerzähler und Das grüne Haus (alle bei Suhrkamp erschienen) stießen auch hierzulande auf große Resonanz. Darüber hinaus hat er in Lob der Stiefmutter und Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto dem Faszinosum Liebe (und der Erotik) eine neue poetisch-zeitgenössische Dimension verliehen. In der Figur des leicht exzentrischen Don Rigoberto, der das Mittelmaß in allen Lebenslagen verachtet, spiegelt sich auch Vargas Llosas Credo.

     

    Gratwanderer zwischen Exotik und Realismus

    In seinem letzten großen Roman Das böse Mädchen (2006) breitet er ein opulentes Erzählspektrum aus, in dem es nicht nur um eine leicht märchenhaft anmutende Liebesgeschichte geht, sondern auch um politische Umwälzungen und um gescheiterte Utopien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. »Um zu erreichen, was man will, ist jedes Mittel recht.« So lautet das Credo der weiblichen Hauptfigur in Mario Vargas Llosas neuem Roman. Wie ein Chamäleon wechselt sie ihre Identitäten und treibt so über den Handlungszeitraum von rund vierzig Jahren ein emotionales und kriminalistisches Verwirrspiel mit dem männlichen Protagonisten Ricardo Somocurcio.

     

    Dieser hochgebildete Autor, der auch brillante Essays über Flaubert, Hugo und Gauguin verfasste und zwei Jahre dem Internationalen PEN-Club vorstand, ist ein behutsamer Gratwanderer zwischen Exotik und Realismus, zwischen Lebensfreude und Skeptizismus.

     

    Als großes »Plädoyer für eine Kultur der Freiheit« wurde sein gewaltiges Oeuvre 1996 von der Frankfurter Friedenspreis-Jury bezeichnet. Den Cervantes-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung der spanischsprachigen Welt, hat er erhalten und 35 Ehrendoktortitel gesammelt, 2005 den ersten aus Deutschland - von der Berliner Humboldt-Universität.

     

    Mario Vargas Llosa, der mit seiner zweiten Frau Patricia abwechselnd in London, Paris, Madrid und Lima lebt, ist nicht nur einer der bedeutendsten zeitgenössischen Erzähler der Welt, sondern auch einer der klügsten Köpfe unserer Zeit.

     

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