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    Donnerstag, 27. April 2017 | 20:46

    Robert Schumann und der "Faschingsscherz"

    07.03.2011

    Robert und Clara

    Der Komponist Robert Schumann hatte es nicht leicht. Ausgerechnet an einem Rosenmontag will sich der Wahl-Rheinländer das Leben nehmen. Von JOSEF BORDAT

     

    Rosenmontag am Rhein. Ein Feiertag. Wer als Rheinländer nicht mitfeiern will, fährt rechtzeitig in Urlaub. Rosenmontag 1854 in Düsseldorf. Viele feiern. Ein Mann springt in den Rhein, will sich das Leben nehmen. Er wird gerettet und spricht hinterher bei seinem Verhalten von einem »Faschingsscherz«. Kaum zu glauben, denn der Lebensmüde ist der psychisch schwer kranke Komponist Robert Schumann, ein Wahl-Rheinländer aus Zwickau, der ab 1850 in Düsseldorf als Städtischer Musikdirektor wirkte.

     

    Schumann hatte nach dem Abitur zunächst in Leipzig und Heidelberg Jura zu studieren begonnen, bevor er 1829 erstmals als Pianist auftrat und Kompositionsunterricht nahm, u.a. bei Wieck in Leipzig. Als Schüler war er bei Friedrich Wieck in guten Händen, als junger Mann nicht. Schumanns Aufmerksamkeit galt nämlich bald einer jungen Pianistin namens Clara, Wiecks Tochter.

     

    Ihr Vater ist strikt gegen die Verbindung und blockiert die keimende Liebe, wo er nur kann. Doch Robert und Clara kämpfen, ein ganzes Jahrzehnt. Der sensible Romantiker Schumann erinnert sich des Jura-Studiums und lässt die Zustimmung des Vaters zur Eheschließung gerichtlich erzwingen. Am 1. August 1840 ergeht der Beschluss, am 12. September wird geheiratet. Schumann notiert: »Nie zuvor ist ein Ja mit solcher Überzeugung, mit solchem festen Glauben an eine glückliche Zukunft ausgesprochen worden.« Im Jahr seiner Heirat mit Clara schreibt Schumann im Hochgefühl der Liebe 138 Lieder, was seinen Ruhm als großen deutschen Liedschöpfer begründet.

     

    Doch die »glückliche Zukunft« für das junge Paar blieb aus. Zwar ist die mit sechs Kindern gesegnete Ehe harmonisch, zwar gelangen beide in ihrer reifen Liebe und dem tiefen Respekt vor dem Genie des Anderen zunächst in nie gekannte Höhen ihrer Kunst, sie als Pianistin (»Meine Clara hat so gespielt, daß ich über die Meisterin die Frau vergaß.«), er als Komponist (es entstehen Symphonien und Kammermusik), doch bald stellt sich die Frage, wer wen begleitet – und wer im Vordergrund steht. Robert Schumann bestimmt zwar die Lebensstationen – 1844 siedeln die Schumanns von Leipzig nach Dresden um, 1850 von dort nach Düsseldorf, immer aufgrund seiner Karriere –, doch er leidet unter dem Gefühl, nur der Gatte der berühmten Pianistin zu sein und arbeitet wie ein Besessener, häufig bis zur totalen Erschöpfung.

     

    Innerlich zerrissen

    1849 ist sein produktivstes Jahr. In den ersten drei Düsseldorfer Jahren komponiert er zwar mit großem Eeifer weiter, aber das, was er schreibt, trägt deutliche Spuren seines seelischen Leidens. Musiktheoretiker identifizieren »Verrückungen der Noten im Rhythmus des Wahns«; sein letztes Opus (Gesänge der Frühe) gilt als »traurigstimmender Beleg der restlosen Verausgabung eines der größten Genies der Musik, dessen kranke Seele sich ruhesehnend in himmlischen Gedanken wiegt«.

     

    Das ganze Leben des Komponisten ist von psychischen Krisen geprägt. Das Tagebuch, das er von seinem 18. Lebensjahr an führt, zeugt schon in jungen Jahren von tiefster Melancholie. Kein Wunder, denn als junger Mensch hatte Schumann bereits viel mitmachen müssen; in elf Jahren verlor er fünf engste Verwandte. 1825 begeht seine nervenkranke Schwester Emilie Selbstmord, ein Jahr später stirbt sein Vater, 1833 sein Bruder Julius, kurz darauf seine Schwägerin Rosalie und Anfang 1836 schließlich seine Mutter. So oft und stark mit dem Tod konfrontiert, fällt er von einer Trauerzeit in die andere.

     

    Seine Tätigkeiten als Kritiker und Komponist Anfang der 1830er Jahre zerreißen ihn innerlich und in ihm entstehen die beiden Gestalten, in denen Schumann sein Doppelwesen personifiziert: der verträumte Eusebius und der kämpferische Florestan. Traum und Kampf – nirgendwo tritt diese Ambivalenz der Gefühle deutlicher zu Tage als in seinem langen Ringen um die Liebe zu seiner Clara.

     

    Doch die Auseinandersetzung mit Claras Vater zehrte zusätzlich an den Nerven und vertiefte Schumanns Schwermut. Seine Depression bildete die Grunderkrankung, eine Gemütsdisposition, die das plötzliche, infarktartige Entstehen immer neuer psychotischer bzw. neurotischer Leidensformen begünstigte. Schwermütiger Seelenschmerz schwebt stets über Schumann, Anfälle nervöser Angstzustände und Schlaflosigkeit treten immer wieder plötzlich hinzu, in periodischer Wiederkehr. Sein Leben war Leiden.

     

    Zum Ende dieses kurzen, qualvollen Lebens glitt Schumann nach einem Anfall im Juli 1853, den er selbst als »Nervenschlag« bezeichnete, endgültig in den Dauerzustand des Wahnsinns, der sich in Hör- und Sprechschwierigkeiten, Halluzinationen und dem so genannten »Faschingsscherz« manifestierte.

     

    Wenige Tage nach diesem Suizidversuch überführt man ihn auf eigenen Wunsch in die Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn. Dort besucht ihn der junge Kollege Brahms regelmäßig – seit dem Zusammenbruch Robert Schumanns ein Freund der Familie –, Clara hingegen wird untersagt, ihren Mann zu besuchen, zu groß sei für ihn die Aufregung.

     

    Zweieinhalb Jahre sehen sich die beiden nicht, bevor die Sehnsucht Clara zu ihrem geliebten Gatten treibt. Am 27. Juli 1856 sehen sie sich wieder. Er lächelt sie an, erkennt sie offenbar, trotz der geistigen Verwirrtheit. Mit letzter Kraft umarmt er seine Frau. Sie bleibt noch Stunden bei ihm. Zwei Tage später stirbt Robert Schumann. Es scheint, als habe er auf Clara gewartet.

     

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