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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 04:29

     

    The Wire im Interview

    03.03.2011

    Schwer auf Draht

    Ob auf Platte oder live – die Postpunk-Legende Wire setzen kein Moos an und überzeugen auch nach dem Ankratzen der fünften Dekade. TOM ASAM traf Colin Newman und Graham Lewis in München.

     

    Das Cover des neuen Wire-Albums Red barked tree zeigt von oben photographierte, symmetrisch angeordnete Flaschen, vermutlich Weinflaschen. Auf den ersten Blick ist schwer auszumachen, was da abgebildet ist, es könnte auch irgendeine Art von Munition sein. Beide Assoziationen passen irgendwie zur Band. Das dritte Album, das Wire im neuen Jahrtausend eingespielt haben, verfügt über eine gewisse Geradlinigkeit und Durchschlagskraft. Bei gutem Wein schenkt man sich gerne ein Gläschen des neuesten Jahrgangs ein, ein Fläschchen der länger gelagerten Topjahrgänge genießt man bewusst bis zum letzten Tropfen. Der Kenner schmeckt die Herkunft des edlen Tropfens auch ohne Etikett heraus. Weder nennt das Cover von Red barked tree den Band- oder Albumnamen, noch tragen die abgebildeten Flaschen Etiketten.

     

    Wire ist eine besondere Band. Der Tryptichon, bestehend aus ihren ersten Alben Pink Flag (1977), Chairs Missing (1978) und 154 (1979) ist in seiner zeitlosen Strahlkraft – nicht nur im Bereich Punk /Postpunk/ New Wave – einzigartig. Obwohl sie im Jahr 1977 im Herzen des UK-Punks debutierten und sie auf Pink Flag in einer guten halben Stunde 21 Songs unterbringen, waren sie von Anfang an nicht wirklich einer Szene zuzuordnen. Der Minimalismus ihrer Stücke basiert nicht auf der Tatsache, dass man nur zwei Akkorde beherrscht, sondern besitzt Methode. Die Art und Weise, wie Material auf der Basis von Rockmusik auseinandergelegt und wieder zusammengesetzt wird, verweist auf den Kunst-Background der Bandmitglieder.

     

    Red barked tree (Cover) Red barked tree (Cover)

    Even The Sunday Mail

    34 Jahre nach Pink Flag sitzen mir die Gründungsmitglieder Colin Newman (Gesang/Gitarre) und Graham Lewis (Bass/Gesang) in den Katakomben des Münchner Atomic Cafe gegenüber. Colin ist mir davor schon dreimal auf dem Gang begegnet auf der Suche nach einem weiteren Raum, der für ein Interview geeignet sein könnte, da eine Kollegin immer noch mit Graham im Gespräch ist. Man merkt ihnen an, dass sie heiß darauf sind, den Soundcheck zu machen und alles perfekt vorzubereiten. Die Tour muss eine große Bestätigung für sie sein. Nachdem das aktuelle Album, wie Graham meint, wirklich rund um den Globus sehr wohlwollend besprochen wurde (»even the Sunday Mail!«), kommen die Leute auch zu den Shows, sei es in Australien, England oder Deutschland. Sie kommen nicht, wie bei anderen Bands, die seit Jahrzehnten existieren, um die alten Hits zu hören, denn die gab´s in der Form nicht wirklich. Und Wire verweigern sich, einfach die Songs der Frühphase aneinanderzureihen.

     

    Aber so sehr die Band versucht im Hier und Jetzt zu wirken, muss ich doch ein paar Fragen zur Frühphase loswerden. »Schon sehr früh« ist für Colin klar gewesen, dass er Musiker werden will. Die Möglichkeit den Rock´n´Roll mit künstlerischen Ansätzen voranzutreiben, lag zum einen an den Entwicklungen der Zeit. Wichtig war dabei aber auch das damalige System der Art School. Hierbei stand kein akademischer Zugang oder Gestus im Vordergrund: »Jedermann, der eine ordentliche Bewerbungsmappe abgab, konnte da mitmischen«, so Colin. Am Art Collage Watford lernte er, dass es vor allem eine innere Einstellung ist, was den Künstler ausmacht. Er traf hier auch Brian Eno, der die damalige Form der britschen Art Schools »one of the highly evolved forms of liberal education« nannte. Graham erzählt begeistert von seiner Zeit am Horney College of Art, wo es einen »change of authority gab« und man vor allem »thinking« gelernt habe. Auf meine Frage, ob die Bedeutung künstlerischer wie sozialer Ausprägungen von Gegenkultur (gerade in England) zwischen dem Big Bang von 1968 und der Punkexplosion von 1976 etwas aus dem Focus der Wahrnehmung gekommen sind, gehen die beiden nicht wirklich ein. Graham nennt dafür die Monks als Beispiel für ein künstlerisches Konzept vor dem erstgenannten Datum: »Das war Punk, lange bevor es Punk gab, oder denk mal an die Dada-Bewegung!«

     

    Change in Music

    Mitte der 70er gab es diesseits und jenseits des großen Teiches einen »change in music«. Das erste Ramones-Album sehen die beiden als ein wichtiges Statement, das vieles ermöglichte. Zu ihren eigenen frühen Werken wollen sie eigentlich gar nichts mehr sagen. »Lies das Buch, wenn´s da noch Fragen gibt«, sagt Graham und meint damit Pink Flag von Wilson Neate. Sie bleiben dafür längere Zeit bei Howard Devoto hängen, der nur kurz bei den Buzzcocks war, bevor er die - zumindest hierzulande - wohl nicht allzu bekannten Magazine gründete. Die Buzzcocks-EP Spiral Scratch halten sie für »das Ding überhaupt«. Für viele gilt die im Januar 1977 erschiene Platte als wichtigeres Ereignis als das Sex Pistols Debut. Spiral Scratch ist die erste Veröffentlichung einer britischen Punkband ohne eine Plattenfirma im Hintergrund - und somit Zündfunke für viele DIY-Feuerchen.

     

    Die beiden scheinen mit ihrer momentanen Situation recht zufrieden zu sein. Sie wissen um ihren Stellenwert und genießen es, dass zahlreiche Bands sich in den letzten Jahren deutlich auf sie beziehen. Dass der kommerzielle Erfolg nie im Verhältnis zu ihrem musikalischen Einfluss stand, ermöglicht es vermutlich erst, dass diese Band auch im Jahr 2011 noch ein wirklich gutes Album veröffentlicht und alle Freiheiten hat. Wire gehört zu diesen Bands, die sprichwörtlich mehr Bandgründungen verursacht als Platten verkauft haben. Dabei sperrten sich Wire schon in ihren Anfangstagen überhaupt nicht gegen kommerzielle Vermarktung. Im Gegenteil, sie schlugen den Leuten von EMI vor, TV-Spots zu schalten und Videos zu drehen. Doch die meinten - kurz vor dem alles verändernden Aufschlag von MTV -, Musik über das Fernsehen zu verkaufen, sei Quark. So waren es andere Bands, die im richtigen Moment per Musikvideo in das kollektive Gedächtnis einer Generation gelangten - wenige davon mit vergleichbarer Qualität.

     

    Wenngleich Gitarrist Bruce Gilbert schon beim 2007er Object 47 (es ist das 47. Objekt in der Diskographie – der Titel 154 gab damals übrigens die Zahl der gespielten Livekonzerte an) nicht mehr voll in die Band involviert war, ist Red Barked Tree das erste Album, das komplett als Trio entstanden ist. Die Songs wurden zunächst um die akustische Gitarre herum konstruiert. »Das Gefühl, dass wir diesmal hatten, ist so intensiv wie damals in den 70ern«, meint Colin. Bewusst wurde das Album am Jahresanfang veröffentlicht, da man schon immer eine »early year record« haben wollte. Man ahnt nicht, was alles Teil eines Konzepts sein kann! Zum Konzept gehört es auch, ein schnörkelloses Liveset abzuliefern, dass wie auch das neue Album in der Lage ist, das Publikum von Anfang bis zum Ende bestens zu unterhalten. Aber gerade weil sich die Band keinen Erwartungen unterwirft, wünscht man sich I am the fly, dot dash und outdoor miner am Stück hingehauen zu bekommen. Denkste!

     

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