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    Mittwoch, 26. Juli 2017 | 06:28

    Kim Jong-il wird 70

    16.02.2011

    Nichts zu feiern

    Kim Jong-il ist einer der letzten Despoten der Welt. Als Staats- und Parteichef absoluter Regent Nordkoreas, hat er ein abstoßendes System aus Stalinismus, quasireligiösem Personenkult und aggressiver Außenpolitik errichtet. Heute wird er 70 Jahre alt. Von JOSEF BORDAT

     

    Es sieht düster aus in Nordkorea. Das kann man ganz wörtlich nehmen. Das Satellitenbild bei Nacht zeigt über dem hell erleuchteten Süden der koreanischen Halbinsel und links neben dem funkelnden Japan einen tiefschwarzen Flecken: Nordkorea. Ein Land, dessen Volk sich seit Jahrzehnten in Isolationshaft befindet. Ein Tal der bilateralen Ahnungslosigkeit: die Nordkoreaner wissen wenig über die Welt, die Weltgemeinschaft weiß wenig über Nordkorea.

     

    Dazu gehört auch, dass über die Führung Nordkoreas wenig bekannt ist. Die Führung, das ist Kim Jong-il. Es wird viel spekuliert über den Lebensstil des Diktators (Er soll jährlich mehr als 200 Millionen US-Dollar für private Zwecke aus dem Staatshaushalt abzweigen.), seinen Gesundheitszustand (»Is Kim Jong ill?«) und darüber, dass sein Sohn Kim Jong-un (Ende 20; sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt), demnächst die Regierungsgeschäfte übernehmen wird bzw. dies schon getan hat.

     

    Was unterdessen zweifellos fest steht: Der Begriff »Menschenrecht« kommt im Wörterbuch Kim Jong-ils nicht vor. Nordkorea ist die unumstrittene Nummer 1 in Sachen »Verfolgung Andersdenkender«. Dabei ist das Konzept von »andersdenkend« ein sehr weites. Wer den Führer nicht gottgleich verehrt, ist sein Feind. Punkt.

     

    Der Kult um den Staatsgründer Kim Il-sung (»Gott Vater« als »Schöpfer« Nordkoreas) und um Geburtstagskind Kim Jong-il (»Gottes Sohn« als »Großer Führer«) nimmt ironischerweise christliche Glaubenssätze auf, um sie zugleich auf das Unverschämteste zu pervertieren. Zu dieser Perversion gehört der unerbittliche Kampf gegen jene, die sich dem Anspruch auf Verherrlichung sperren: praktizierende Christen. Sie lehnen die Huldigung der Diktatorendynastie als Götzendienst ab und landen allein aufgrund ihres Glaubens zu Tausenden in den gefürchteten Arbeitslagern, wo sie sich unter unvorstellbar grausamen Bedingungen zu Tode schuften müssen.

     

    Schätzungen zufolge wird fast die Hälfte des nordkoreanischen Bruttoinlandsprodukts in diesen Lagern generiert. Christen aller Konfessionen gelten in Nordkorea als »westliche Agenten« und »Staatsfeinde«. In den Lagern gehören sie zu den Häftlingen der unterster Kategorie, die bevorzugt Objekte der Willkür ihrer Aufseher sind. Eine Besserung der seit Jahrzehnten systematisch betriebenen Christenverfolgung ist nicht in Reichweite, im Gegenteil: Das Leben für die 200.000 bis 400.000 Christen im Norden Koreas (zum Vergleich: in Südkorea leben rund 14 Millionen Christen) wird immer unerträglicher. Nirgendwo sonst werden Christen so gewaltsam verfolgt wie unter Kim Jong-il. Im »Open Doors«-Weltverfolgungsindex steht das Land regelmäßig ganz oben, die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert in ihren Jahresberichten ebenso regelmäßig die mangelnde Religionsfreiheit und die systematische Internierung bekennender Christen.

     

    Nordkorea nachts (Bildmitte) Nordkorea nachts (Bildmitte)

    Seit zwölf Jahren auf Kollisionskurs

    Zur langjährigen »Umerziehung durch Arbeit« werden aber nicht nur Christen verurteilt, sondern jeder, der wagt, die scheußliche Tyrannei und ihr selbstherrliches Unregime zu kritisieren, dessen Brutalität mit jeder sprachlichen Charakterisierung unterbestimmt bleibt. Die Menschen haben nichts zu essen, das ist offensichtlich. Doch wer davon spricht, wer nur die Frage aufwirft, warum das so ist, bekommt Probleme. Auch Ausländer können rasch vom langen Arm des Despoten ergriffen werden, wie der Fall zweier amerikanischer Reporterinnen zeigt, der im Sommer 2009 den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton nach Nordkorea reisen ließ, um dort ihre Freiheit zu erwirken. Euna Lee und Laura Ling waren angeblich »illegal« im Land des »großen Führers«. Strafmaß: Zwölf Jahre »Umerziehung durch Arbeit«. Über den Preis für die Gnade Kim Jong-ils wurde in den Medien viel spekuliert. Auch wenn man die Diktion mit Vorsicht zur Kenntnis nehmen sollte, Lee und Ling seien als Geiseln eine Art Faustpfand im Atomstreit gewesen und Nordkorea habe von den USA im Zusammenhang mit ihrer Freilassung weitgehende Zugeständnisse erpresst, scheint eines sicher: Zum Nulltarif gab es die »Amnestie« nicht.

     

    Nordkorea ist seit Jahren auf Kollisionskurs mit der Weltgemeinschaft. Mit dem Atomprogramm, den andauernden militärischen Provokationen gegen den wirtschaftlich prosperierenden Süden und der penetranten Ignoranz gegenüber allen diesbezüglichen Forderungen des UN-Sicherheitsrats hat Kim Jong-il Nordkorea international weiter ins Abseits gestellt. Ob sich an dieser Lage unter seinem Sohnemann Kim Jong-un etwas grundlegend ändern wird, ist unwahrscheinlich. Im Süden bereitet man sich dennoch schon auf die Wiedervereinigung vor und lässt probeweise schon mal die Höhe eines Soli-Zuschlags für den »Aufbau Nord« ausrechnen. In Seoul steht ein Stück der Berliner Mauer. Ein Symbol der Hoffnung. Und die stirbt bekanntlich zuletzt. Auch in Korea.

     

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