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Lou Andreas-Salomé zum 150. Geburtstag

12.02.2011

»Jahrtausende zu sein! zu denken!«

1882: Im Petersdom, der größten Kirche der Christenheit, treffen zwei Menschen aufeinander, die doch gerade als Protokollanten der Abwesenheit Gottes Aufsehen erregten. Einer der beiden hat ihm erst kürzlich mit der Fröhlichen Wissenschaft den Totenschein ausgestellt, die andere erlebte den »Ur-Schock« bereits in früher Kindheit. Als ob Nietzsche die Geschwisterlichkeit im Denken erahnte, musste diese Begegnung mit Feierlichkeit vollzogen werden: »Von welchen Sternen sind wir hier einander zugefallen?« Doch wer war dieses 21-jährige Mädchen, über die Nietzsche schon in einem Brief an Paul Rée orakelte, er sei nach dieser Gattung von Seelen lüstern? Von DENISE JACOBS

 

Louise von Salomé wird, als Tochter eines Generals im Dienst des Zaren, am 12. Februar 1861 in St. Peterburg geboren. Das Grundgefühl aus einem elterlichen Schoß hinaus in die Welt zu fallen, wird schon früh zur Seinsvoraussetzung der jungen Russin. Louise umgeht den schmerzlichen Aufprall indem sie sich auf dem immerwährenden Schoß Gottes niederlässt. So ist es nicht verwunderlich, dass ihre Autobiographie Lebensrückblick mit dem Kapitel »Das Gott Erlebnis« beginnt. Das Rätsel der Vergänglichkeit macht den Allgegenwärtigen, der so fraglos immer über den Dingen stand, plötzlich zum Subjekt des Zweifels. Der Vergänglichkeit schien er nunmehr selbst erlegen zu sein und seine Antwortlosigkeit verbannt ihn aus dem Lou’schen Universum. Viel später wird sie ihrem »Gott-Entschwund« etwas Positives abgewinnen, denn so habe der Verlust sie »mit ebensolcher Unwiderruflichkeit ins Leben des Wirklichen […] gewiesen«.

 

Trotzdem oder gerade deshalb wird die Religion zu einem ihrer großen Themen. Nicht zuletzt durch den Pastor der Niederländischen Gesandtschaft, Hendrik Gillot. Sie lesen zusammen Leibniz, Kant, Schopenhauer sowie Kirkegaard und studieren die Geschichte der Theologie. Er macht sie mit dem methodischen Denken der westlichen Philosophie und ihren Denksystemen vertraut. Leider nimmt Gillot, 42 Jahre und Vater zweier Kinder, die Euphorie der eifrigen Schülerin etwas zu persönlich und macht ihr einen Heiratsantrag. Nach der Expansion im Denken nun die allzu kleinbürgerliche Kontraktion im Privaten? Nein, so hatte sich die 17-jährige das nun wirklich nicht vorgestellt. Das Denken hat bei ihr schon jetzt etwas Topographisches bekommen, es ist ihr ein »Bei-Sich-Selbst« sein, ein Verorten der Freiheit in kontinuierlicher Bewegung. Dass diese gebirgisch-zerebrale Landschaft bereist werden muss, weiß sie – und sie will sich nicht schon kurz nach dem Aufbruch auf einen Ort, geschweige denn auf einen Mann festlegen.

 

Leben unter Ihresgleichen: Lou und die Männer

1880 beginnt sie ihr Studium der Theologie und Kunstgeschichte in Zürich, eine der wenigen Städte deren Universität für Frauen zugänglich war. Doch ihre akademischen Bemühungen enden abrupt. Lou erkrankt an Bluthusten und reist aus gesundheitlichen Gründen noch im selben Jahr mit ihrer Mutter in den Süden. Ohne mütterliche Generalüberwachung trifft sie in Rom, durch engagierte Vermittlung der Mäzene und Schriftstellerin Malwida von Meysenburg, auf den Philosophen Paul Rée und seinen Freund Friedrich Nietzsche. Die Schicksalsbekanntschaft dieser »Heiligen Dreieinigkeit«, wie sich die ungewöhnliche Trias offensichtlich in vorschneller Emphasis bezeichnet, währt nur kurz. Mit dem Positivisten Rée wird sie eine jahrelange Freundschaft und Lebensgemeinschaft verbinden.

 

Nietzsche verwindet kaum den abgelehnten Heiratsantrag (er ist, wie kurz zuvor auch Rée, in die Gillot-Falle getappt) und die Eifersuchtsintrigen seiner Schwester Elisabeth tragen kaum zu einer möglichen Versöhnung bei. Für Lou Andreas-Salomé ist Nietzsche Mentor und Seelenverwandter zugleich – doch auch dies nur in der noch jungen Entwicklungsphase ihres Denkens. Nietzsche behauptete, dass eine Schlange zu Grunde gehe, wenn sie Ihre Haut nicht abwerfen könne. Für Lou scheint diese metaphorische Feststellung Maxime zu sein. Der Philosoph, der ihr Gedicht Lebensgebet vertont, muss nun schmerzlich erfahren, dass es für sein »Geschwistergehirn« ganz unschwesterlich leicht war, i h n (!) aus ihrem Leben zu streichen. Nicht ganz, muss ergänzt werden. Sie dankt ihm auf ihre Weise für die Schärfung ihres eigenen psychologischen Verstehens: 1894 erscheint die erste, bis heute vielfach gelobte, Gesamtdarstellung von Nietzsches Denken unter dem Titel Nietzsche in seinen Werken.

 

In der Berliner (Wohn-)Gemeinschaft mit Rée, die als durchaus modern gedacht werden darf, setzt sie ihr Privatstudium fort und befindet sich in der für sie besten Gesellschaft: unter lauter Wissenschaftlern und Philosophen. Lou ist die einzige weibliche Teilnehmerin der intellektuellen Arbeitsgruppe, aber deshalb Zweifel an der Gleichwertigkeit ihrer Präsenz hegen? – Undenkbar! Sie erhält den Spitznamen »Exzellenz«: sowohl eine Anspielung auf ihre adelige Herkunft, als auch Würdigung ihres scharfen Verstandes. Für Paul Rée bleibt nur der etwas düpierende Titel »Ehrendame« übrig.

 

In Berlin veröffentlicht sie auch ihr erstes Buch, noch unter dem Pseudonym Henry Lou: Der Kampf um Gott. In psychologisierender Selbstbeobachtungen hinterfragt hier der Mensch seine Stellung in einer von Kontingenz gezeichneten Welt. Viele Themen die sie in ihren späteren Essays aufgreifen wird, sind hier schon im Kern vorhanden: Geschlechtsidentitäten, Ur-Traumata der Kindheit, Erotik sowie die Bedeutung und Problematisierung der Religion. Nach der Trennung von Rée lernt Lou ihren zukünftigen Ehemann, den Orientalisten Dr. Friedrich Carl Andreas, kennen. Der Pastor Hendrik Gillot wird regelrecht gezwungen, der Ehe seinen Segen zu geben – und erliegt dem Eigensinn seiner ehemaligen Schülerin am 20. Juni 1887. Doch diese Ehe darf man sich bei Lou Andreas-Salomé nicht als konventionelle vorstellen. Sie beschreibt ihre Vermählung mit Andreas als »eine gemeinsame Höhe […], in der […] beide gipfeln wollen«. Das Bett wird sie nie mit ihm teilen.

 

Das Erlebnis Rilke und die Psychoanalyse

In der Zeit von 1890-1895 verfasst sie, unter anderem für die Literaturzeitschrift Freie Bühne für modernes Leben, eine Vielzahl an Rezensionen über Ibsen bis Strindberg, außerdem Essays zu Themenkomplexen wie Religion, Kunst und der Positionierung der Frau in der modernen Gesellschaft.  Die Begegnung mit dem Politiker und Schriftsteller Georg Ledebour 1891 führt zu einer ernsthaften Ehekrise (Ledebour will Andreas zur Scheidung überreden – dieser zeigt sich jedoch erfolgreich unnachgiebig). Es folgen Monate der Rastlosigkeit. Die denkbar einfachste Möglichkeit der Distanzierung zu Carl Andreas bleibt für Lou weiterhin das Reisen. Von Paris geht es über St. Petersburg und schließlich nach München.

 

1897 lernt sie dort René Maria Rilke kennen (den Namen Rainer wird sie ihm geben). Ohne sie je gesehen zu haben, verfällt Rilke, der programmatische Schwärmer, ihr schon beim Lesen einer ihrer Essays mit dem Titel Jesus der Jude. Vielleicht weil sie das ihr ureigene Sich-Entziehen, das komplizierte Seelenleben, im deutlich jüngeren Rilke gespiegelt findet, wird sie mit dem Dichter bis an sein Lebensende eine tiefe Verbundenheit teilen. Sie reist mit ihm zweimal nach Russland, führt ihn an ihre Wurzeln heran und oszilliert zwischen strenger Dozentin, mütterlicher Freundin und zärtlicher Geliebten. Schon im Laufe der zweiten Russlandreise allerdings, im Jahr 1900, beginnt Lou den jungen Liebhaber regelrecht zu psychologisieren, gar hysterisches Nervenleiden an ihm zu konstatieren und, einem Fallbeispiel gleich, mehr analytische Neugierde als Leidenschaften hegt. Seine empfindlichen Nerven, das Überbordende und Beengende seiner Liebe müssen für Lou den Rückzug geradezu unverzichtbar machen - kurz: eine Frau wie sie erträgt das nicht auf Dauer. Ein paar Jahre später wird sich wieder mit knabenmorgenblütenträumerischen Liebesbekenntnissen versöhnt, natürlich erst nach vollständiger Rilke-Rehabilitation.

 

1903 erhält ihr Mann einen Ruf nach Göttingen und so beziehen sie gemeinsam das Haus am Hainberg, das auf den Namen Loufried, eine Anspielung auf Wagners Wohnhaus in Bayreuth, getauft wird. Sie ist zwar ihrem Mann nach Göttingen gefolgt, aber eine Gefolgschaft in ehefrauenzimmerlichem Sinne soll das deswegen noch lange nicht werden. Sie trifft sich wieder mit Rilke sowie mit dem schwedischen Psychiater Poul Bjerre. (Es sei hier der Gerechtigkeit halber vermerkt, dass auch Friedrich Carl Andreas sich etwas von der Freizügigkeit seiner Frau abgeschaut zu haben scheint und inzwischen das Dienstmädchen im Hause Loufried geschwängert hat.)

 

Die »Rilke-Studie« und ihre sich ständig erweiternde Auseinandersetzung mit  Körper als psychischen Apparat, kann den Lou’schen Kompass nur in eine Richtung zeigen lassen: das Ziel muss Wien lauten. Es ist  Bjerre der seiner Begleiterin Lou 1911, auf dem psychoanalytischen Kongress in Weimar, den ersten Weg zu Freud ebnet. Spätestens jetzt springt der Funke über, zum Leidwesen Bjerres weniger für seine Person als vielmehr für seine Disziplin. 1912 richtet sie sich mit der Bitte an Freud, nach Wien kommen zu dürfen um an den berühmten »Mittwochssitzungen« der Wiener Psychoanalytiker teilnehmen zu dürfen. In der Zwischenzeit ist Lou nicht untätig geblieben. Sie veröffentlicht zahlreiche Romane, beschäftigte sich wieder eingehend mit der Rolle der Frau und vertiefte ihre religionsphilosophischen Studien. Es wird für sie Zeit, sich ernsthaft mit der Psychoanalyse auseinanderzusetzen – den ersten Lehrgang hatte sie ja bereits bei Nietzsche absolviert. Gerade das Reziproke ihrer Denkbewegungen, das was unvereinbar erscheint, mit Leichtigkeit zu verbinden und als Entwicklungsprozess e i n e s Ganzen zu verstehen, die intellektuellen Interessen mit einer Tätigkeitsform zu verbinden, bot ihr optimalen Zugang zum freudschen Gelehrtenzirkel. Das Wiener Semester beendet Lou, dieses, so Freud, »Frauenzimmer von gefährlicher Intelligenz«, wieder einmal als einzig weibliche Dauerzeugin im April 1913.

 

»Hast du kein Glück mehr mir zu schenken / Wohlan - noch hast du deine Pein«

Den Ausbruch des Krieges erlebt sie in einer Phase geradezu unermüdliche Produktivität. Statt ihrer geliebten Studienreisen ins Ausland, die durch den Krisenherd Europa und fehlende finanzielle Mittel undenkbar geworden sind, unternimmt sie nun Expeditionen durch fremde Seelen: Loufried wird zur psychoanalytische Praxis. Es scheint als arbeite sie gegen den Krieg und seine Folgen an, um nicht selbst dem so Unfassbaren zu erliegen. Das Verhältnis zu Freud und seiner Tochter Anna wird im Laufe der Zeit immer persönlicher – jedes Treffen ist ihr ein familiengleiches Wiedersehen mit »Vater und Schwester«.  Die Psychoanalyse wird ihr ein Heimkommen im eigenen Denken, das schon seit der Kindheit die Fragen nach den Regungen der Seele stellte. Ihr größtes Interesse richtet sich schon bald auf den Begriff des Narzissmus. Die Phänomene scheinen ihr vertraut – aus ihrem eigenen Leben, wie dem Nietzsches und Rilkes. Es ist wird ihr Spezialgebiet, die eigene Seele in die Textilhaftigkeit der Wissenschaft gekleidet. Auch das eine Eigentümlichkeit, die Lou Andreas-Salomé auszeichnet: vom Leben in die Theorie und von der Theorie ins Leben zu transkribieren – ohne das dabei so Hinübergetragene zu entstellen. Demaskierung des Personellen ohne Veräußerlichung des Objektiven.

 

1937 stirbt Andreas-Salomé in Göttingen, sieben Jahre nach ihrem Mann, an den Nachfolgen einer Krebsoperation. Das Gemeinschaftsgrab trägt bis heute nur die Inschrift seines Namens.

Man würde Unrecht tun, ihre Faszination auf die Strahlkraft der männlichen Weggefährten zu reduzieren. Vielmehr war sie es, die all jene Philosophen, Künstler und Wissenschaftler euphorisierte, indem sie das soeben Gehörte immer noch ein Quantum besser zu verstehen vermochte, als der Erzählende selbst. Sogar Rée und Nietzsche ließen sich in Luzern mutwillig vor den Karren dieses ungewöhnlichen Mädchens spannen. Vielleicht waren es ihr »In-die-Zukunft-weisen«, ihr Anachronismus gepaart mit der Lebendigkeit im Jetzt – »Du allein bist wirklich« dichtet Rilke in einem Brief über seine Geliebte.

 

Am 12. Februar wäre Lou Andreas-Salomé 150 Jahre alt geworden. Ein Grund mehr diese faszinierende Persönlichkeit und ihren mutigen Lebensentwurf, der seiner Zeit voraus war, zu würdigen. Aus der also vielleicht nicht allzu fernen Vergangenheit erklingt heute ein stiller Appell, zu mehr Mut in der Gestaltbarkeit des eigenen Lebens und zu mehr Freiräumlichkeit, mehr Grenzübertritte im Denken: Denn, so lernte sie schon von Nietzsche, »das Leben ist Alles«. - Wie wahr!

 

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ein toller artikel, sehr interessant! hatte von lou a.-s. schon im frauenkalender gelesen und mich erinnert...also: auf unser eigenes leben, welches wir leben wollen und sollen!
| von claudine o.r., 12.02.2011

... bis sie dann gestorben sind.

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