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Zum 50. Todestag - Blaise Cendrars: Auf allen Meeren / Die Signatur des Feuers

21.01.2011

Rhapsode einer untergegangenen Welt

Blaise Cendrars – Schriftsteller und Filmemacher, Weltenbummler und Lebenskünstler, Legionär und Bonvivant. In seinem Werk balanciert der Dichter zwischen Wirklichkeit und Fiktion, jongliert mit Anekdoten, Legenden, Erinnerungen, Bonmots, Klischees – und segelt Auf allen Meeren. Von HUBERT HOLZMANN

 

Blaise Cendrars ist ein Pseudonym, ein Künstlername, eine fiktive Gestalt. Mit bürgerlichem Namen heißt der ursprünglich im schweizerischen La Chaux-de-Fonds am 1.9.1887 geborene Dichter Frédéric Louis Sauser. Mit 16 Jahren bricht er mit seiner Familie, reißt von zu Hause aus. Er kommt nach Russland, wo er in St. Petersburg bei einem Goldschmied arbeitet und auch seine spätere Ehefrau Fela kennen lernt. Dann zieht es ihn in die Mandschurei und nach China. Erstmals kommt er 1910 nach Paris. Ein Jahr später kehrt er in seine Schweizer Heimat zurück und beginnt ein Medizinstudium an der Uni Bern, das er jedoch bald hinwirft.

Er schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, ist Imker, Schausteller. Sein Getriebensein führt ihn nach New York: Die Eindrücke der Metropole, die Fremde, die Isoliertheit, das Verschwinden des Einzelnen in den Straßenschluchten verarbeitet er in seinem Gedicht Les Pâques à New York. Er wird es zum ersten Mal mit seinem Künstlernamen unterzeichnen: Blaise Cendrars steigt wie Phönix aus der Asche, »Cendres et braises. Glut und Asche.« – Wortspiel und Initialzündung für sein Schreiben?

 

Die »Remington« als Waffe des Legionärs?

 

»Glut und Asche«

Sein Werk umfasst etwa 40 Bände: zahlreiche Gedichte, Erzählungen, Reiseberichte, ein Romanfragment. In der meisterhaften, hoch gelobten deutschen Übersetzung von Gio Waeckerlin Induni erscheint es aktuell im Lenos Verlag Basel.

In seinen schriftstellerischen Arbeiten klingt immer wieder Autobiografisches an, allerdings verschwindet der Familienvater und bürgerliche Frédéric Louis Sauser völlig hinter dem Werk. Es ist der »blinde Passagier«, der als Schlüsselfigur für sein Werk dient: »Verlass deine Frau und dein Kind / Verlass deine Freundin verlass deinen Freund / Verlass die Geliebte verlass den Geliebten / Geh auf die Reise wenn du liebst« (aus dem Band Frachtbriefe). Cendrars Geschichten betonen die andauernde Veränderung, die scheinbar zusammenhanglose, bruchstückhafte Sammlung von Einzelberichten. Dies alles unter dem Vorzeichen spontaner Fabulierkunst.

Konstanten sind vielleicht die Hafenbars, der maßlose Lebensstil des Gourmets, die Trinkgelage mit »vielen Zechbrüdern, vor allem in Montparnasse, darunter Modigliani, der mitten auf der Fahrbahn Passagen aus der Göttlichen Komödie rezitierte«, die Leidenschaft für schöne Frauen, das Schwadronieren und Erfinden und der Hang zur Selbstüberschätzung: Auf seiner Heimreise von Brasilien trägt er einen Koffer voll von Geldscheinen mit sich, der Steward an Bord des Atlantikdampfers staunt nicht schlecht, als Cendrars ihm den Inhalt zeigt. »Gut, Auguste, wenn du Geld brauchst, bedien dich, aber gleich, hier, vor meinen Augen.«

 

Großspurig geht es weiter, am Fallreep des Schiffes nimmt er einen Jaguar in Empfang, Erinnerung an seine Jagdausflüge. An anderer Stelle betritt er in den Garten seiner Kindheit. Es ist kein gewöhnlicher Ort, sondern jene geheimnisvolle, dämonische Stelle, an dem sich Vergils Grab befindet. Alles ist Superlativ. Was er jedoch immer aufs Neue verspielt. Essentiell für Cendrars ist anderes: Seine Leidenschaft für Bücher. Das Lesen – »und das ist der Grund, warum ich durch die Welt irre... Wir leben alle in der Welt der Bilder... Die einzige Wirklichkeit.«

 

Versunkenes Europa

Konstante sind auch: die Suche nach der verlorenen Kindheit, der Konflikt mit dem Vater, das Schwanken zwischen Extremen, zwischen praller Lebenslust und Nichtigkeit des Materiellen, zwischen Vitalität und Verwundbarkeit. Cendrars lässt sich von Sprache verzaubern, er erzählt raffiniert, temporeich, zielgerichtet: Eines Morgens bricht er von Paris auf, fährt mit seinem Automobil auf der »route bleue« Richtung Süden und hält erst wieder an, als er auf einem Geröllweg vor einem Gasthaus zum Stehen kommt, in La Redonne: »Hier bin ich, rief ich, die Tür aufstoßend. Ich komme aus Paris. Ich möchte zu Abend essen und ein Zimmer haben.« Dort wird er sein Schloss und Versteck L’Escayrol finden, von dem aus er einen gigantischen Blick über die Bucht von Marseille hat.

Handlungsstringenz und Erzählfluss werden immer wieder unterbrochen. Einfälle, Kleinigkeiten, Geschichtliches laden zum Verweilen ein. Cendrars plaudert manche »Marseiller Geheimnisse« aus oder gerät über die Speisenfolge »chez Félix« ins Schwärmen. – Versunkene Welt! Henry Miller empfiehlt in The Books in My Life: »Read him! I say. Read him, even if at the age of sixty you have to begin to learn French: Read him in French, not in English. Read him before it is too late, for it is doubtful if France will ever again produce a Cendrars.«


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