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Vor 100 Jahren starb Franz Eugen Schlachter

12.01.2011

Die Bibel für die Jackentasche

Wie kein anderes Buch hat die Bibel Menschen zu allen Zeiten und praktisch überall auf der Welt angesprochen und begeistert. Mit verantwortlich dafür sind ihre Übersetzer. Der bekannteste von ihnen im deutschen Sprachraum ist Martin Luther. Ein anderer wichtiger Bibelübersetzer, der jedoch beinahe in Vergessenheit geraten wäre, starb vor 100 Jahren in Bern: Franz Eugen Schlachter. ANDREAS ALT erinnert an ihn.

 

Schlachter, geboren 1859, war ein leidenschaftlicher Altsprachler. Er las das Neue Testament mit Vorliebe im altgriechischen Original und beherrschte auch Hebräisch, die Sprache des Alten Testaments. Die nötigen Kenntnisse hatte er sich auf einer Predigerschule in Basel angeeignet. Zuvor hatte er das Gymnasium abbrechen müssen, weil seine Eltern das Schulgeld nicht aufbringen konnten. Neben dem sprachlichen Talent hatte er aber auch eine schriftstellerische Ader. In mehreren Büchern und zahlreichen Beiträgen für seine eigene Zeitung, die »Brosamen«, legte er die Bibel aus und verfasste Reiseberichte, biografische Skizzen und Artikel über das Zeitgeschehen.

 

Er stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Mülhausen im Elsass. Als Jugendlicher kam er nach Basel und begann nach dem Schulbesuch eine Glaser- und Kaufmannsausbildung. 1875 hörte der junge Protestant mehrere Erweckungspredigten aus dem Umfeld englischer freikirchlicher Bewegungen, bekehrte sich bewusst zum christlichen Glauben und entschied sich für die Predigerlaufbahn. 1882 wurde er bei der pietistischen Evangelischen Gesellschaft des Kantons Bern angestellt und 1890 als Prediger nach Biel entsandt. Dort begann seine publizistische Arbeit. 1883 hatte er das Schweizer Bürgerrecht erhalten.

 

Schlachter wird die Gabe bescheinigt, Menschen durch seinen lebendigen Predigtstil anzuziehen und zu erreichen. Dabei war ihm wichtig, seine Zuhörer ebenfalls zu einem persönlichen Glaubensschritt herauszufordern. Seine christliche Botschaft war immer klar und deutlich. Bei seiner Übersetzungsarbeit versuchte er sich zunächst an einzelnen biblischen Büchern wie Hiob oder Jesaia. Auch dabei ging es ihm zentral um gute Verständlichkeit dieses antiken Werks, wobei aber der Sinn der einzelnen Verse, die biblische Botschaft in ihrer vollen Bedeutung erhalten bleiben sollte.

 

Ein Beispiel: Im Lukasevangelium (Kapitel 7, Vers 29) heißt es: »Und das ganze Volk, das zuhörte, und die Zöllner rechtfertigten Gott ...« Schlachter benutzt stattdessen die Wendung: »... die Zöllner gaben Gott recht ...« Oder Paulus schreibt im ersten Kapitel des Kolosserbriefs (Vers11) laut Schlachter: »(Deshalb hören wir nicht auf, für euch zu beten, gestärkt) zu allem standhaften Ausharren ...« In anderen Versionen steht da häufig »Geduld«, doch er wählt eine Formulierung, die die Anstrengung des Apostels verdeutlicht. Soweit griechische oder hebräische Begriffe mehrere Bedeutungen haben oder eine exakte deutsche Entsprechung fehlt, gibt er dies in Fußnoten an. In einem gewaltigen Arbeitspensum übersetzte er bis 1905 die gesamte Heilige Schrift. Freunde der Schlachter-Bibel nannten sie »die beste Luther-Revision«.

 

Allmählich zum Geheimtipp

Schlachter wollte nicht nur – wie Luther – eine Bibel, die alle verstehen, sondern auch eine, die ihr Besitzer überall dabei haben konnte. Sie erschien in einem Miniaturformat mit 728 eng bedruckten, aber gut lesbaren Seiten, nur etwas mehr als einen Zentimeter dick. Diese »Miniatur-Bibel« konnte man problemlos in die Jackentasche stecken. Sie war in der Schweiz, im Elsass und in Südwestdeutschland bald weit verbreitet. Im Ersten Weltkrieg wurde das Neue Testament der Miniatur-Bibel von der englischen Script Gift Mission an deutsche Kriegsgefangene verteilt. 1907 erschien eine großformatige Hausbibel und 1908 eine Handbibel, die beide deutlich mehr Fußnoten sowie biblische Parallelstellen und einen umfangreichen Anhang aufwiesen.

 

Schlachter wirkte in einem Grenzbereich zwischen evangelischer Kirche und freikirchlichen Gemeinden und eckte daher öfters an, ohne sich in seinem Glauben beirren zu lassen. 1907 wechselte er zu einer Gemeinde nach Bern, erkrankte kurz danach aber an Magenkrebs. Er starb am 12. Januar 1911 im Berner Spital Salem. So gut und anerkannt seine Bibelübersetzung war, wurde sie doch schon bald danach ihrerseits revidiert und 1918 von der Privilegierten Württembergischen Bibelanstalt in Stuttgart neu herausgegeben. 1951 wurde sie noch einmal neu bearbeitet, konnte sich aber in evangelischen und freikirchlichen Kreisen nur punktuell durchsetzen. Der Versuch einer Revision zwischen 1970 und 1980 führte nicht zu einer Neuveröffentlichung der Schlachter-Bibel, die allmählich zu einem Geheimtipp wurde.

 

Ab 1995 wurde sie noch einmal überarbeitet. Das Ergebnis kam als »Schlachter Version 2000« auf den Markt. Bis 2003 besorgten die Bearbeiter dann eine neue Vollrevision. Dadurch erlebte die Schlachter-Bibel nochmals einen Boom.


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