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Vor 50 Jahren starb Dashiell Hammett

10.01.2011

So noir, dass es noirer nicht geht

Heute vor 50 Jahren starb Dashiell Hammett, der Vater eines ganzen Genres. Von JAN FISCHER

 

Sam Spade will überleben, dort draußen, auf den dreckigen Nebenstraßen von San Francisco, wo den gröbsten Müll dankenswerterweise der Nebel verdeckt, der von der Golden Gate Bridge über die Bucht in die Stadt zieht. Überleben, mehr nicht, in der Welt, in der englische Salondetektive wie Lord Peter Wimsey oder Miss Marple nach fünf Minuten als kleine, schleimige Einzelteile enden.  Es ist eine Welt, »in der Menschen einen besseren Grund haben zu morden als nur eine Leiche für den Detektiv zu liefern«, wie Raymond Chandler schrieb. Eine Welt voller Leute, die sich nicht mit so Quatsch wie irgendwelchen tropischen Fischen oder seltenen südamerikanischen Ureinwohnergiften abgeben, wenn sie jemanden ermorden wollen, sondern sich lieber auf ihre eigenen Hände verlassen. Das ist die Welt von Dashiell Hammett. Es war die Zeit, in der Männer noch Hüte trugen.

 

Schnell mal die Ärmel hochkrempeln

Der erste Ausflug in diese Welt, auf den Hammett seine Leser mitnahm, klingt so: »Jim Tarr nahm die Zigarre, die ich ihm über den Schreibtisch zugerollt hatte, sah auf die Bauchbinde, biss das Ende ab, und nahm ein Streicholz.« Das ist der erste Satz von Hammetts erster veröffentlichter Kurzgeschichte, und gleichzeitig die Erfindung eines Genres: Der Hardboiled-Novel, der Noir-Thriller. Unaufgeregt, down-to-earth, wie: Schnell mal die Ärmel hochkrempeln, die Arbeit tun, die ein Mann tun muss. Hammetts Detektive leben in einer dreckigen Welt, in der jeder korrupt ist, und der Unterschied zwischen Kriminellem und Polizist nur äußerlich ist. Hammetts Antihelden können es sich  nicht leisten, mit irgendwelchen übertriebenen Moralvorstellungen ans Werk zu gehen.

 

Nachrufe branden an die Küste

Wenn heute – an Hammetts 50. Todestag – die Nachrufe durch die Medien branden wie die Wellen des Pazifik an einem dieser regnerischen Herbstage, an denen alles schmierig aussieht vom Dreck der kalten Welt, dann werden sie erwähnen, dass Hammett selbst Detektiv, war, dass er aus eigener Erfahrung schrieb. Sie werden erwähnen, dass er nur fünf Bücher und eine handvoll Kurzgeschichten schrieb, die die Kriminalliteratur nachhaltig und bis heute veränderten, die ganze Generationen brillianter Schriftsteller antrieb den  Groschenroman zu veredeln. Diejenigen unter ihnen, die sich klug geben wollen, werden Verbindungen zum Zweiten Weltkrieg ziehen, sie werden über die Welt sprechen, die sich veränderte, so dass eine Literatur notwendig wurde, die sich in den Rinnstein begibt, dorthin, wo allein derjenige Recht hat, der am Ende noch steht, sie werden sagen, dass die Literaturgeschichte, die sich verändernde Gesellschaft, beides, geradezu danach schrie, einen wie Hammett ans Tageslicht zu zerren, und von dort aus weiter die Fäden spannen, Hammetts Leben zu einem Destillat der Zeitgeschichte machen, seinen linksgerichteten politischen Aktivismus, seinen Eintritt in die Kommunistische Partei zu Zeiten, in denen man nicht in die Kommunistische Partei eintrat, was ihm  soviel Ärger einbrachte, dass er in Hollywood nicht mehr arbeiten durfte. Sie werden erwähnen, dass er starb, so, wie Sam Spade sein Leben lang durch die Straßen wanderte: Arm und allein, auf keiner Seite als seiner eigenen. Sie werden ihm  die goldene Aureole des Genies an den Kopf tackern und ihm die Märtyrerpalme des armen Poeten vor die Füße schmeißen, zum tausendsten Mal. Und sich zurücklehnen, froh, ihr Tagewerk getan zu haben.

 

Das Noirste vom Noiren

Es wird ein schaler Geschmack zurückbleiben beim Leser dieser Artikel, denn was zur hohen Literatur erhoben ist, das tut nicht mehr weh, das ist Kunst. Man vergisst das oft, weil Hammetts Geschichten sich weglesen wie geschnitten Brot: Dass es Geschichten sind, die von der Auflösung der Gesellschaft erzählen, vom Tod der Moralvorstelungen, vom Ende einfacher Schwarz/Weiß-Vorstellungen, von sozialer Not und Verbrechen, von Korruption, Dunkelheit und namenlosen Opfern in einem Krieg ohne Fronten. Heute wäre Gelegenheit, Hammett noch einmal zu lesen, seine Geschichten zu nehmen wie sind sind: Das Noirste vom Noiren.

 

Dashiell Hammett hatte eine Menge Gelegenheiten zu sterben: Sein prügelnder Vater, seine Arbeit als Detektiv der berüchtigten Agentur Pinkerton, zwei Weltkriege, Tuberkulose, Lungenemphysem, das wäre eine kleine Auswahl. Er zog es vor, an einer Krankheit zu sterben, an der er sein Leben lang gearbeitet hatte. Heute vor 50 Jahren starb Dashiell Hammett an Lungenkrebs, seine Lungen schwarz wie seine Geschichten.


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