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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 22. Juni 2017 | 14:04

     

    Joan Baez ist 70

    09.01.2011

    Die sanfte Rebellin

    Die Pop-Kultur hat ein kurzes Gedächtnis. Können sich junge Leute noch vorstellen, dass eine ganze Generation von jener Sängerin schwärmte, die heute 70 Jahre alt wird? Damals, Anfang der sechziger Jahre, galt sie politisch als Protagonistin der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, als Saint Joan jener Protestbewegung, die sich von Berkeley aus über die ganze Welt verbreitete, und musikalisch als wichtigste Repräsentatin jener Richtung, die man gelegentlich, lange ehe es die Grünen gab, »Grüne Welle« nannte. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Sie war bekannter als Bob Dylan, ihre Lieder wurden nachgesungen, ihr Stil so häufig imitiert, dass man ihn schließlich nicht mehr hören konnte. Damals aber stand sie, so rebellisch und engagiert sie war, für leise Töne, für »handgemachte« Musik, für Veränderung durch Freundlichkeit und Zuwendung. In ihr hatten die Hippies eine Mutterfigur.

     

    Es ist schick geworden, die Botschafter des Aufbruchs und des Widerstands der sechziger Jahre, einen Franz Josef Degenhardt, einen Dario Fo, eine Joan Baez, als veraltet, als überholt zu denunzieren und ins Out zu verweisen. Aber der strapazierte Zeitgeist rächt sich an seinen allzu eifrigen Apologeten. Die Vergangenheit beschämt den Status quo. Und in den Protesten gegen Stuttgart 21 wird auch die Erinnerung an Menschen wie Joan Baez wach. Nur gesungen wird heute weniger.

     

    Sie ist inzwischen grau geworden, die einstige Kombattantin Bob Dylans. Gelegentlich tritt sie noch auf. Ein Konzert der Joan Baez bedeutet stets Liebe auf Gegenseitigkeit. Die Stimme ist immer noch ungetrübt in ihrem charakteristischen Vibrato bei den in die Höhe gepressten Partien. Das war der Klang des Folk. Als dann der Rock die Herrschaft übernahm, als Janis Joplin und Julie Driscoll, Maggie Bell und Inga Rumpf den »schmutzigen« Sound des Blues bevorzugten und der traditionelle Schönklang nichts mehr bedeutete, konnte einem die Baez allzu brav, allzu »clean« erscheinen. Denn die Rebellion lag in ihrer Haltung und in ihren Texten, nicht im Gesang. Die Karikatur vom fuchtelnden, brüllenden, humorlos um sich schlagenden Revolutionär passte auf Joan Baez am allerwenigsten.

     

    Gehalt statt Getue

    Heute, inmitten des Techno-Gedröhns, das den Menschen marginalisiert, bekommen die Musik und der ruhige Gesang einer Joan Baez wieder eine widerständige Qualität. Sie singt über den sexuellen Missbrauch von Kindern, über Schikanen gegen illegale mexikanische Einwanderer und natürlich immer noch die altvertrauten Songs von »the night they drove old Dixie down«, vom Gewerkschafter Joe Hill, den man ermordet hat und der doch stets dabei ist, wo Arbeiter streiken und sich organisieren, von Diamonds and Rust, Dylans geniales Don't Think Twice von 1963, das auch zu den ersten großen Erfolgen der Baez gehörte, Violetta Parras Gracias A La Vida, Paul Simons The Boxer, Leonard Cohens schönstes Lied Suzanne, und, wie ein Bekenntnis - Forever Young.

     

    Ihre Lieder erzählen stets Geschichten. Musikalisch sind sie meist schlicht. Der Text soll auch nicht von Arrangements zugedeckt werden. Joan Baez verzichtet bei ihren Auftritten auf jegliche Show. Sie sitzt da, singt, lächelt ihren Mitmusikern zu und blamiert mit künstlerischer Substanz jene zunehmende Auffassung von Entertainment, die meint, auf Grimassieren und Aktion, auf läppisches Getue und dämliche Sprüche nicht verzichten zu können. Nicht alle Amerikanerinnen, werden wir belehrt, feixen so gnadenlos aufdringlich wie jene, die uns die Fernsehserien bescheren.

     

    Auf George W. Bush folgte, immerhin, Barack Obama. Vielleicht haben wir ja Glück und es findet sich auch für Lady Gaga eine Nachfolgerin, eine neue Joan Baez. Erst einmal gratulieren wir der alten zum 70. Here‘s to you, Joan!


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    Kommentar:
    Wohltuend, dass mal ein Autor ohne das übliche bashing auskommt.
    | von pe17, 09.01.2011

    ... bis sie dann gestorben sind.

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