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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 20:44

    In Teheran geboren, in Deutschland daheim - die Schriftstellerin Sudabeh Mohafez im Porträt

    08.01.2011

    »Sprache ist für mich wie für andere das Meer.«

    Trotz ihres Erfolgs bleibt Sudabeh Mohafez eine Autorin zum Anfassen. Wir treffen uns im Stuttgarter Café Sutsche. Ob es ein Problem sei, dass der Fernseher nebenbei Fußballspiele zeige, fragt Mohafez und zündet sich erst einmal eine Zigarette an. Von JENNIFER WARZECHA

     

    Die 47-jährige, kleine, zierliche Autorin, mit dem langen schwarzen Haar wirkt müde. Sie habe am Abend zuvor lange Freunde zu Besuch gehabt, gekocht und viel gegessen. Kochen sei eines ihrer Hobbies, neben dem Lesen und Klettern an Kletterwänden oder im Freien. In Teheran wurde Sudabeh Mohafez geboren, lebte in Berlin, Portugal, Berlin - und nun in Stuttgart. Durch einen Zufall kam sie das erste Mal hierher: durch ein Stipendium des Stuttgarter Schriftstellerhauses in der Kanalstraße und dem Verlag Klett-Cotta. Wie es der Zufall wollte, hatte sie es zu dem Zeitpunkt erhalten, als sie es vor Sehnsucht nach Deutschland nicht mehr aushielt.

     

    »Den ganz normalen deutschen Bildungsweg«

    Dass Deutschland für die Halbiranerin eine Heimat geworden ist, mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen. Zu sehr liegt nahe, ihr einen migrationspolitischen Hintergrund zu unterstellen: Ihre Geburtsstadt ist Teheran. Vor 16 Jahren kam sie nach Deutschland. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Iraner. Was kommt ihr in den Sinn, wenn sie das Wort »Iran« hört?

     

    »Er hat was mit mir zu tun, aber mir persönlich ist er fremd geworden. Ich bin seit über 30 Jahren nicht mehr dort gewesen. Ich verfolge auch die Nachrichten über das Land nicht ständig. Mein Iran, das ist etwas Persönliches: mein Vater, meine Brüder, meine Familie, sehr viele Kindheitserinnerungen, mehr ist es nicht.«

     

    Sie lächelt traurig und sagt, sie finde die Gewalt gegenüber muslimischen Frauen schlimm, kenne sich aber mit dem Thema nicht sonderlich gut aus. Ihr Lächeln wird fröhlicher, als sie davon erzählt, wie ihr Vater sie schon früh auf seine Weise an die Literatur herangeführt hat.

     

    »Er sagte nicht: Das macht Aua, wenn einer von uns Kindern an den Herd gefasst hat, sondern hat eine Geschichte erzählt, wie jemand sich die Hand verbrannt hat. Das war sehr eindrücklich.«

     

    Ist ihr die Literatur dadurch in die Wiege gelegt worden? Bei der Frage strahlt die sympathische Autorin wieder.

     

    »Ja, meine Eltern lasen sehr viele persische und deutsche Gedichte, Geschichten und Märchen.«

     

    Es scheint so, als meine sie das nicht nur in Bezug auf die Literatur, sondern auch auf die familiäre Situation. Denn als sie nach Deutschland kam, hatten sich ihre Eltern gerade scheiden lassen. Ein Schatten huscht über ihr Gesicht. Dann berichtet sie von ihrer ersten Zeit in Deutschland. Schwierig? – Nicht wirklich.

     

    »Ich konnte die deutsche Sprache schon, hatte einen deutschen Pass, und Ahnung von der deutschen Kultur. Wir hatten zum Beispiel einen deutschen Weihnachtsbaum. Ich bin ja nur vom Land meines Vater ins Land der Mutter gewechselt. Vielleicht ist das ja nur eine andere Form von Migration.«

     

    Auch schulisch hat sie den »ganz normalen deutschen Bildungsweg«, wie sie es nennt, durchlaufen: Gymnasium und dann Studium der Musik, Anglistik und Erziehungswissenschaften. Als Kind hat sie Flöte und Querflöte gespielt und sehr viel gesungen.

     

    Aktive und lustvolle Suchbewegung

    Auch ihr im März 2010 erschienener Roman brennt ist ein Zeugnis ihrer Musikalität. Ich frage sie, ob sie Literatur und Sprache als Mittel zur besseren Verständigung zwischen den Kulturen einsetzen möchte?

     

    »Nein, das ist nicht mein Schreibanliegen. Literatur ist wie ein Übersetzungsprozess.«

     

    Zweisprachige Texte, die zur Hälfte in der einen, zur anderen in einer anderen Sprache geschrieben sind, funktionierten, wenn die Leser beide Sprachen sprechen könnten. So richtig gelinge das aber nur in der amerikanischen Literatur. In Deutschland sei man zu sehr auf das Deutsche eingestellt. Für Mohafez bedeutet Literatur, was sie beschäftigt, hinaus in die Welt zu tragen. Literatur in diesem Sinne stellt keinen exakten Auftrag an den Leser dar. Mohafez möchte sich auf die Spur ihrer Figur begeben, sie erkunden. Handlung, Sprache, Form, Gedankenwelt und Fragestellung sind dramaturgisch auf sie zugeschnitten.

     

    »Ich begebe mich auf eine aktive und lustvolle Suchbewegung, an deren Ende der fertige Text steht.«

     

    Sie freut sich, wenn ein Leser ihre Bücher und Texte gerne liest. Dennoch vollzieht sie eine strikte Trennung von Textzugang und Leseverständnis.

     

    »Schreiben ist, wie wenn ein Kind mit Bauklötzen spielt, dies ist ein zutiefst selbstvergessener, wacher Vorgang, ein tolles Gefühl.«

     

    »Sprache ist ein Ort«

    Ein Satz der Autorin, der in diversen Medien immer wieder zitiert wird. Ist dieser Ort einer, der Gedanken und Erinnerungen beinhaltet?

     

    »Wenn ich in der Lage bin, Sätze zu schreiben in einer Sprache, ist es, wie als würde ich ein Haus einrichten, einen Ort, mit einem bestimmten Raum und Klang, einem Raumklang.«

     

    Jede Sprache habe ihren eigenen Raumklang, egal, ob es das Portugiesische, das Englische, Persische oder Deutsche sei. Jede der Sprachen habe darüber hinaus ihre eigene Mitteilungsabsicht.

     

    »In diesem Sinne ist Sprache ein Raum, ein Ort.  Sprache ist etwas, in dem ich mich gerne aufhalte und bewege, sowie für andere das Meer.«

     

    Als Kind war sie begeistert von Karl-May. Heute gehören zu ihren literarischen Vorbildern zum Beispiel Christa Wolf oder Virginia Woolf. Von Marguerite Duras habe sie alles gelesen und eine Zeit lang komplett in sich aufgesogen. Imre Kertész begeistert sie nicht nur, weil er traumhaft mit Sprache umgehe, sondern auch durch seine literarische Durchdringung von totalen Systemen und was diese mit Menschen machten – gerade, wenn Gewalt im Spiel sei und gerade in Diktaturen wie Nationalsozialismus oder Stalinismus. So finde er Worte und Sprache für das Fremd-Sein in der Welt. Fremd hat sie sich nicht nur beruflich gefühlt. Zuerst wollte sie nicht Schriftstellerin werden, sondern Lehrerin.

     

    »Ich bin aber nicht mit dem Regelschulsystem klar gekommen, mit dem Notensystem, dem Frontalunterricht usw. Das wäre nicht mein Leben gewesen.«

     

    Das war es auch nicht auf Dauer als Mitarbeiterin eines autonomen Frauenhauses in Berlin. Hier war sie dank ihres Studiums der Erziehungswissenschaften jahrelang aktiv. Außerdem in weiteren Nichtregierungsorganisationen wie kleinen Vereinen in Berlin/Kreuzberg, zum Beispiel in der  Gesundheitsfürsorge für Migranten. Weil sie selbst keinen ausschließlich deutschen Hintergrund besitzt, waren Sprach- und kulturelle Barrieren dementsprechend fühlbar nicht so hoch. Die eigene Barriere gegenüber den Gewalterlebnissen im Frauenhaus wuchs dafür umso mehr. Irgendwann nahm sie Frauen nur noch als Opfer, und Männer nur noch als Täter wahr. Das war für sie der Zeitpunkt, um zu sich zu sagen: Jetzt musst du aufhören, so kannst du nicht mehr helfen!

     

    Dass Frauen nicht einseitig als Opfer dargestellt werden, darum geht es ihr einerseits. So hat sie in ihrem Text Das Heinrichshaus (aus ihrem Roman Gespräch in Meeresnähe) eine Frau zitiert, die sich der Dominanz ihres Mannes hingibt: »Sie hat weitergemacht, sich gewöhnt. Sie hat sich an das Kind gewöhnt, das tagelang auf dem Bett gegessen hat. Sie hat weitergemacht.« Nicht die Eltern, sondern das Kind steht im Fokus ihres Schreibens. Eine große Rolle spielt dabei die Liebe.

     

    »Liebe ist ein Ausweg aus der Gewalt und aus gewalttätigem Handeln. An erster Stelle stehen Liebe und Selbstliebe. Wenn ich mich selbst liebe, werde ich mich aus Situationen entfernen, in denen Gewalt das Sagen hat.«

     

    Liebe sei ihr Hauptthema, sagt sie. Bei einer ihrer Lieblingsautorinnen, Marguerite Duras, werde Begierde als eine Form von Verbundenheit dargestellt, die auf frustrierende Art in Nicht-Verbundenheit münde. Ihr aktueller Roman brennt handelt davon, wie ein Wohnungsbrand das Leben der Protagonistin Mané durcheinanderbringt. Sie hört seit dem Vorfall ständig Stimmen. Am Ende stehen das Hin- und Ankommen in Verbundenheit.

     

    Was tat Mohafez, als sie aber merkte, dass sie ihre Arbeit im Frauenhaus nicht mehr ausüben möchte? Sie dachte sich: Eigentlich wollte ich ja Schriftstellerin werden. Sie hat es einfach probiert und 1999, mit 36 Jahren, einzelne Erzählungen veröffentlicht – teilweise Texte, die Tagebucheinträge waren: Texte wie Das Haus oder Der Zeitlupenschrei (aus ihrem Erzählungsband Wüstenhimmel, Sternenland). Diese hatte sie als Tagebucheinträge verfasst und 22 Jahre zuvor geschrieben sowie rechtzeitig zur Veröffentlichung ein wenig überarbeitet.

     

    Wie gestaltet sich so ein Schreibprozess, frage ich.

     

    »Wenn man viel schreibt, beginnt man gestaltend zu schreiben, ohne dass man es bewusst tut, und kommt so zu einem gestaltendem Ende und Schluss. Man schreibt erzählend, in Ansätzen.« Auch das Lesen habe ihre Lust am Schreiben gefördert.

     

    Die Frage, ob sie risikofreudig sei, bejaht sie, schaut dabei aber doch ein wenig besorgt drein.

     

    »Tendenziell ja, auch wenn ich Angst habe, dass meine Schriftstellerkarriere schief gehen könnte. Aber das weiß man erst, wenn man es probiert hat. Man muss in diesem Beruf viele Unsicherheiten ertragen. Ich bin schon froh, wenn die nächsten fünf Monate gesichert sind.«

     

     

    Anmerkung der Redaktion:

     Sudabeh Mohafez gehört zu denen, die neben Björn Kern und Patrick Findeis mit einem der drei Literaturstipendien des Landes Baden-Württemberg 2010 ausgezeichnet worden sind. Ein Jahr lang erhält sie die monatliche Summe von 1000 Euro. Der Preis soll die Arbeit herausragender Autoren oder junger Autoren mit Entwicklungspotenzial fördern. Er wird jährlich an drei Schriftsteller vergeben, die damit eine größere Arbeit durchführen oder abschließen können.


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