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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 22. Juni 2017 | 14:03

    Zum 150. Geburtstag des Jugendstilarchitekten Victor Horta

    05.01.2011

    Und es gibt sie noch, die schönen Dinge

    Unsere Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie kann sich nicht auf Museumsbesuche beschränken. Aber ihr auf einem Stadtspaziergang in Türklinken, Treppenaufgängen und Fassaden zu begegnen, muss wunderbar sein. Von VIOLA STOCKER

     

    Wir Menschen sind einzigartig als Spezies. Wir können unser kumuliertes, über den ganzen Erdball verteiltes Wissen gemeinsam nutzen und weiterentwickeln und wir tun es auch. Gerade in den letzten 200 Jahren hat sich unser Wissen nicht mehr nur linear, sondern exponentiell entwickelt. Die dabei produzierten Datenmengen sind für einzelne kaum erfassbar, nicht einmal in Ansätzen. Wir müssen uns hilflos auf andere und einen blinden Fortschrittsglauben verlassen. Manche mag das beängstigen, viele verunsichert es und die meisten beschleicht zumindest zeitweise das beunruhigende Gefühl, die Herrschaft über sich selbst zu verlieren. So entstehen Sehnsüchte.

     

    Sehnsüchte nach Dingen, die wir verstehen, die sich nachvollziehen lassen, Sehnsucht nach Vergangenheit. Die Sehnsucht springt uns überall an. Historische Romane verkaufen sich blendend, es gibt mittlerweile auch in Film und Fernsehen eine wahre Sucht nach Mittelalter und Vergangenheit, Weihnachtsmärkte auf Burgen florieren und jedes noch so kleinste Dorf hat einen Mittelaltermarkt. Unser Verstand weiß, wie weit entfernt die modernen kitschigen Vorstellungen von der historischen Realität sind, aber die Sehnsucht!

     

    Das Bildungsbürgertum rümpft darob die Nase und blättert verträumt in aktuellen Katalogen, wo es noch die guten, alten Dinge gibt, in Klöstern gebraut, von Hand gesponnen und in kleinen Tischlereien gedrechselt. Natürlich wird im örtlichen Bioladen und auf dem Wochenmarkt eingekauft. Ach, die Sehnsucht. Ein Phänomen unserer hektischen Zeit? Nein, das ist es nicht. Es ist vielleicht eher eine Art Tribut, den wir für unsere sich beschleunigende Fortentwicklung zahlen. Wir zahlen ihn seit gut zweihundert Jahren.

     

    Die Sehnsucht nach Jugend und nach Stil

    Die Industrialisierung hat der Menschheit überdeutlich gezeigt, wozu wir fähig sind. Sie hat uns begeistert und beunruhigt. Die beeindruckende Schönheit der mechanischen Physik rief ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine verängstigte Gegenbewegung hervor. Der Historismus war in seiner rückwärtsgewandten Steifheit ein Versuch, der sich beschleunigenden Gegenwart entgegenzutreten. Ein weiterer war das britische Arts and Crafts Movement, ins Leben gerufen unter anderem durch den Schriftsteller und Künstler William Morris.  Diese Geburt des Kunsthandwerks sollte um die Jahrhundertwende noch eine Reaktion hervorrufen. Eine, die sich nach der kritischen Analyse der sich technisierenden Gegenwart um eine Synthese bemühte, die versuchte, das dynamische Element der Industrialisierung ästhetisch zu sublimieren, Kunst und Technik letztendlich zu einer Symbiose im angewandten Bereich zu bringen. Kurzum, eine neue Art von Kunst, eine »Art Nouveau«. Sie speiste sich aus dem dekorativen, überstilisierten Moment des Arts and Crafts Movements und konzentrierte sich hauptsächlich auf die Veredelung benutzbarer Dinge. 

     

    Schon zur Zeit der Entstehung der in Deutschland als Jugendstil bezeichneten Kunstform prangerte die Kritik die überhöhten Ansprüche, die so nicht erfüllbar waren, an als eine zwangsläufige Folge der Dissonanz zwischen Kunst und Technik, welche auch der Jugendstil nicht überwinden konnte. Diese Spannung entlud sich zeitgleich an verschiedenen Orten, in Wien, Brüssel, München, Chicago, Paris, um nur einige zu nennen. Es war eine heftige Explosion inszenierter Künstlichkeit gegenüber technischen Formen schöner Knappheit und kühner Eleganz. Sie mündete zuletzt im Kunstgewerbe als sentimentalem Fluchtpunkt. Der Anspruch des Jugendstils, die lange Periode der Sterilität des Historismus zu überwinden und der technischen Form Terrain abzugewinnen scheiterte jedoch bereits an einem Publikum, das eben keine stilisierte Allgemeinheit wollte, sondern Besonderheiten suchte. Schon  der Begriff des Jugendstils konnte so als eine contradictio in adiecto gedeutet werden: »Jugend« signalisierte Lebensreform, Idealismus, Sturm und Drang  und stand in Widerspruch zu »Stil«, zu formalisierten und strengen Formen. 

     

    Dennoch, gerade der Versuch des Jugendstils, das eigentlich Banale zu feiern, wie zum Beispiel in der Architektur die Tatsache, dass der Mensch nicht gern unter freiem Himmel wohnt, verkörperte seine ungemein verführerischen Eigenschaften. Sie machten ökonomische Notwendigkeiten, wie z.B. einen Schreibtisch oder Türgriff, ästhetisch erlebbar. Seine ornamentale Konstruktion, das Grundmotiv der Bewegung, nährten die Sehnsüchte nach Naturerfahrung und Sinnlichkeit.

     

    Widersprüchlicher Stil in einer widersprüchlichen Stadt

    Der Brüsseler Jugendstil war in seiner Widersprüchlichkeit noch fundamentaler. Belgien war ein junges Königreich, erst 1831 gegründet. Die soziale und sprachliche Spaltung in eine frankophone Oberschicht und eine flämische Arbeiterschaft, die aber dennoch einen Großteil der Wirtschaftsmacht des Landes ausmachte, schrie geradezu nach einer künstlichen Einheit, ganz entsprechend z.B. dem Jugendstil in der Architektur und dem sehr privaten Jugendstil des damaligen Königs Leopolds II. in seiner Liaison mit der Tänzerin Cléo de Merode. Die aufkeimende Aufbruchsstimmung in Belgien gipfelte in sozialer Umbruchstimmung mit der Gründung der belgischen Arbeiterpartei 1895. Die belgischen Sozialisten und Freimaurer unterstützten viele künstlerische Initiativen, die Reformbegeisterung der Künstler des Jugendstils kam ihnen dabei entgegen. Durch diese große geistige Aufgeschlossenheit kam es zur Symbiose fortschrittlicher Kräfte, eine Avantgarde junger Ingenieure und Unternehmer vergab die Aufträge für ihre Stadthäuser an die neuen Architekten des Jugendstils.

     

    Victor Horta als genialer Baumeister gesellschaftlicher Sehnsüchte

    Einer davon war der 1861 in Gand als  Sohn eines Schusters geborene Victor Horta. Nach dem Besuch einer öffentlichen weiterführenden Schule unternahm Horta bereits 1878 eine Reise zur Pariser Weltausstellung und ließ sich beim Innenarchitekten Jules Debuysson  ausbilden. Nach seiner Heirat 1880 und dem Umzug nach Brüssel war er an der Académie Royale eingeschrieben und vollendete seine Ausbildung bei Alphonse Balat, dem Architekten König Leopolds II. Hortas Schaffen war seit Anbeginn von Erfolg gekrönt, 1884 gewann er den Godecharle Architekturpreis, 1887 den Aluminiumwettbewerb der Kunstakademie von Brüssel. 1892 wurde er an der Faculté Polytechnique der Université Libre von Brüssel angestellt, an der er später auch eine Professur innehatte. Aus einer derart gesicherten Stellung heraus konnte er nun seine Vorstellungen von Architektur verwirklichen und drückte der Heimatstadt seinen unverkennbaren Stempel auf. Eben jene oben erwähnte intellektuelle Avantgarde wählte Horta als Bauherren für öffentliche und private Häuser und eine Vielzahl Brüsseler Jugendstilbauten entstanden auf seinem Reißbrett.

     

    All die Möglichkeiten und Gefährdungen des neuen Stils zeigten sich bereits 1893 am Maison Tassel gebündelt, das komplexe Auftragswerk forderte Horta umfassend heraus. Die typischen schmalen Brüsseler Stadtgrundstücke legten es nahe, das Augenmerk von der Fassade auf das Innere der Häuser zu verlegen und es künstlich zu vergrößern, z.B. durch  Glasdächer oder Spiegel. Die Raumanlage des Hauses Tassel gab Hinweise darauf, dass der Auftraggeber ein Ingenieur war, die Durchsichtigkeit in der Verwendung schlanker Eisenteile, z.B. an den Treppen, wurde nicht durch das sinnlich dekorative Ambiente verdeckt. Die  Treppenaufgänge erinnern an einen Dschungel, die fragilen verschlungen Pflanzenlianen verdeutlichen das labile Gleichgewicht aus Ratio und Kunst, es war eine flamboyante Komposition. Dennoch schien jede Einzelheit logisch gerechtfertigt und stilistisch in ein Gesamtkonzept eingebunden, ein beständiges Merkmal der Architektur Hortas.  Seine  Gesamtkonzepte perfektionierten sich.

     

    1897 löste Horta die gesamte Architektur des Maison du Peuple - im Auftrag der Arbeiterpartei erbaut - in ein einziges organisches Skelett auf, in dem Mauerwerk nur noch rudimentär vorhanden war. Es dominierten große Fenster und schlanke Eisenprofile. Die Flexibilität der konstruktiven Grundhaltung zeigte sich auch auf Basis einer geschwungenen Kontur - wieder bedingt durch den Grundstückszuschnitt - und der unklassischen Behandlung des Eisens. Das Volkshaus glich in seiner ehrlichen und unprätentiösen Architektur einer Fabrik, es war eben ein Versammlungshaus der Arbeiterpartei.  Horta baute auch Kaufhäuser, wie 1903 das Grand Bazar Anspach in Brüssel in einer Mischform aus Stein und Eisen mit nur gemäßigter Verwendung von Glas. Hier äußerte sich die plastische Virtuosität Hortas: der untere Teil schien durch die Bogenarchitektur nach oben zu drängen, während der obere Teil durch die vielen erkerartigen Anbauten nach vorn zu stürzen schienen. Leider wurden sowohl das Volkshaus als auch das Kaufhaus Anspach in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts abgerissen.

     

    Victor Horta blieb gerade in den Anfangsjahren des belgischen Jugendstils der führende Architekt, seine gewandte und selbstsichere Art zeigte den studierten Akademiker, der stilistisch Frankreich nahe blieb. Er war ein kühner und intellektueller Architekt, kein gebrochener und sich selbst findender Künstler wie Henry van de Velde. Seine umfassende Ausbildung erlaubte ihm ein Höchstmaß an Virtuosität, erkennbar an den privaten Stadthäusern, die Horta plante. Auf  äußerst beschränktem Raum konnte Horta Luxus und Weite vermitteln, besonders gut zu sehen am Haus van Eetvelde, wo Horta alles einer einzigen Idee unterordnete. Die schmale Anlage mit spiralförmiger Bewegung vermittelte mit zunehmender räumlicher Steigerung entsprechend mehr Helligkeit und gipfelte im Hauptgeschoss in einem offenen Rundraum, der Zugang zu einem großen Raum an der Vorderseite des Hauses gewährte und mit ihm durch einen nach innen gewandten gläsernen Erker verbunden war. Horta  gestaltete hier die Einführung in den Organismus des Hauses noch differenzierter und einfallsreicher als beim Hause Tassel.

     

    Sein Können fand ihr Fanal im Haus Solvay, 1895-1900. Der Auftraggeber, ein Fabrikant, ließ sein Haus an der teuren Avenue de Louise errichten und Horta konnte in der Innengestaltung seine Vorstellungen von Transparenz und Kühnheit in Vollkommenheit verwirklichen. Die Glaswände und Vitrinen waren teils verschiebbar und das sichtbar belassene Eisen wurde ergänzt durch teure Hölzer und Marmor. Andererseits aber hing der Perfektion hier bereits der Geruch des Konventionellen und Routinierten an. Horta wurde mit dem Grundproblem des Jugendstils konfrontiert. Jugend vergeht und reift zum Erwachsensein. Auch Horta reifte weiter. Nach privaten Veränderungen und einer zweiten Heirat kümmerte er sich ab 1912 um die Reorganisation der Brüsseler Kunstakademie, deren Leitung er später übernahm. Nach einem längeren USA - Aufenthalt arbeitete er ab 1919 mit strengeren Linien. 1932 wurde er für seine Verdienste zum Baron geadelt. Sein letztes Projekt war der Gare Centrale de Bruxelles 1937, er starb 1947 im Alter von 86 Jahren. Sein Privathaus in der rue Américaine beherbergt heute das Musée Horta.

     

    Unsere Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie kann sich nicht auf Museumsbesuche beschränken. Aber ihr auf einem Stadtspaziergang in Türklinken, Treppenaufgängen und Fassaden zu begegnen, muss wunderbar sein.


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