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Phil Spector wird 70

25.12.2010

Mehr Sound! Mehr Kitsch! Mehr Waffen! Mehr!

Der Chefexzentriker aller Produzenten, Phil Spector, wird heute 70. Ein kleiner Geburtagsgruß von JAN FISCHER an den Typen in der Zelle neben Charles Manson.

 

Manchmal, da muss die übermächtige Mutter Popkultur nur mit Finger schnippen, um beiläufig zu beweisen, dass sie immer noch die mächtigste Ironikerin ist, die es gibt. Warum sonst sollte der berühmteste Popmusik-Produzent überhaupt,  Phil Spector, die Zelle neben dem berühmtesten Pop-Massenmörder überhaupt, Charles Manson bekommen? Manson behauptete ja gerne, seine Anhänger würden von Jesus von den vier Beatles in Engelsgestalt in den Himmel geleitet, und fand seine Mordmotive unter anderem im Beatles-Song Helter Skelter.  Spector wiederum produzierte das letzte Album der Beatles. Übrigens, es ist ja so, dass beide von den Beach Boys verehrt wurden, sie coverten auch mal einen von Manson geschriebenen Song – mit den von Spector erfunden Soundbasteleien.

 

Man wäre gerne dabei, wenn Spector und Manson da liegen und sich, spätnachts, wenn sie nicht schlafen können, sich gegenseitig ihre neuesten Pläne zuflüstern, wie sie sich als nächstes durch die Popkultur schlachten wollen.

 

Absolutistisch

Nur, dass das niemand falsch versteht: Phil Spector ist ein Mörder, er sitzt rechtmäßig verurteilt in einer Zelle, und das ist gut so. Der Mann war irre, immer schon, mit dem Alter ist er sogar immer nur noch noch irrer geworden, und ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem er ein Album der Ramones produzierte -  End of the Century - und sie mit einer Waffe bedrohte, nur, damit sie ein und denselben Akkord immer wieder spielten, da ließ Spector die normale Geisteswelt wohl für immer hinter sich. Die Ramones, selbst keine Waisenkinder in jeglicher Hinsicht, gaben hinterher Auskunft, Spector sei »schwierig«, wenn nicht »verrückt« gewesen.

 

Das war 1980, und in einem Interview, dass Spector 2005 gab, anlässlich der Anklage wegen Mordes an der B-Movie Darstellerin Lana Clarkson - unter anderem in den Meisterwerken Deathstalker und Babarian Queen zu sehen - da gibt Spector kaum noch verständliche Worte von sich, seine Hände zittern, alles, was er sagt, ist ein eigenartiges Dokument von durch Psychopharmaka geschleuster Linkenparanoia. Dass Spector noch dazu ein großer Fan von Kunsthaar ist, verbessert das Bild, dass er abgibt auch nicht unbedingt zum Positiven: Wie er da sitzt, auf einem thronartigen Sessel, im Hintergrund opulente Pflanzen, auf dem Kopf ein gigantisches, unnatürlich glänzendes Haarteil, das hat was absolutistisches. Ein Monarch, von der Revolution überrannt, ein Irrer, der das Herrschen gewohnt ist, aber über nichts mehr herrscht als seinen eigenen, dahinbröckelnden Palast. Ein Monarch, dessen Kopf schon längst auf der Guillotine liegt. Es war ein langer und bunter Fall.

 

Man kann, wenn man das positiv formulieren möchte, sagen, dass Spector sein ganzes Leben, bis heute, in den Dienst des Immer Mehr, des Viel zu viel stellte: Sein nachhaltiger Produzentenruhm kam mit der Erfindung des »Wall of Sound«, einer komplexen Aufnahmekonstruktion aus einer ganzen Armada von Instrumenten, die er gleichzeitig spielen ließ: Zwei oder drei Klaviere, Hörner, Streicher, mehrere Schlagzeuge, jeder, der vorbeikam, durfte mal Percussion spielen: Ein ganzes Studio voller Musiker, deren Musik er wiederum durch Echhokammern leiten ließ, bevor sie aufgenommen wurde.

 

Spectors großes Verdienst für die Aufnahmetechnik besteht darin, als Kreuzung aus Wagner und verrücktem Wissenschaftler Kurzsymphonien für Teenager zusammengebastelt zu haben. In einer Zeit, in der die Größe einer durchschnittlichen Band meist nicht über vier oder fünf Leute hinausging. Spector dachte größer, viel größer als das, und wenn man sich seine Aufnahmen heute anhört, hört man das: Spectors Aufnahmen klingen voller als andere aus dieser Zeit, aus jedem Winkel kommt noch ein Instrument, und noch ein Instrument, ein riesiges Arrangement, das tatsächlich wie eine Wand funktioniert.

 

Heutzutage muss man aber leider eher sagen: Keine »Wall of Sound«, eher eine »Wall of Kitsch«. Aber das ist es ja, was Kitsch ist: Viel zuviel von etwas. Spector hat dieses viel zuviel niemals aufgegeben, selbst der eher minimalistischen Musik der Ramones trotzte er noch orchestrale Arrangements ab. Selbst der Mord, den Spector beging, passt in dieses vielzuviel-Schema: Ausgerechnet im »House of Blues« gabelt er eine B-Movie-Darstellerin auf, die vor allem berühmt ist für eine barbusige Vergewaltigungsszene, und als sie gefunden wird, sitzt sie in einem seiner monarchistischen Stühle, neben ihr eine Flasche Whisky, die Handtasche mit dem Leopardenprint ist ihr aus der Hand gerutscht.

 

Ein Waffennarr, ein Kunsthaarliebhaber, ein Musikrevolutionär, ein Mörder: Sowas kann man sich nicht ausdenken. Einen Menschen wie Spector kann man sich nicht ausdenken. Ein Leben wie das von Spector kann man sich nicht ausdenken. Heute hat er es 70 Jahre lang gelebt. Ein Kunststück, das gewürdigt werden will.

 

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