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Ralf Rothmann: Hitze

14.03.2004

 


Ralf Rothmann verändert sich...

Ein Essay zum 50. Geburtstag



 

Ralf Rothmanns Schreibweise verändert sich – und diese Veränderung vollzieht sich über die Jahre hin unzweifelhaft zu seinem Vorteil. Sie ist vergleichbar dem Wandel der seinen Büchern jeweils beigegebenen Autorenporträts. Wer in seinem neuesten, 2003 erschienenen Roman Hitze den hinteren, inneren Schutzumschlag aufschlägt, sieht einen immer noch fast jungen(haften), aber dennoch unverkennbar abgeklärter werdenden Mann. Er fasst sich, wie seiner selbst vergewissernd, an die gegenüber sehr frühen Aufnahmen angenehm dezente – und zum Glück nicht mehr wie noch zu Zeiten von Messers Schneide (1989) das Gesicht beherrschende – Brille.
Zugleich wirkt die einhändige Geste wie das Zurechtrücken des Sitzes der Sehhilfe und signalisiert damit das Austarieren des Blickes auf die Ereignisse, die Menschen, die Wahlheimat Berlin, kurz: die eigene Welt – eine korrekte Geste zu seinem 50. Geburtstag im Jahr 2003!

Die Feinkorrektur könnte sich im schriftstellerischen Sinn beziehen auf den Erzählungsband Ein Winter unter Hirschen (2001), der ein bisschen wie ein sprachlich ernsthaftes, aber formal spielerisches Experiment wirkt in der Abfolge der Werke Rothmanns - sehr eigenwillig, nicht der Rothmann, den man kennt und jetzt mit Hitze wiedertrifft.

Bezüglich des Autorenporträts ist nun auch der Hang zur Starpose wie etwa auf dem Taschenbuchumschlag der längeren Erzählung Der Windfisch (1991) offenbar Vergangenheit. Noch extremer, weil mit der Gefahr zum Klischee behaftet, war allerdings jenes mehrfach verwendete und im Duktus dandyhafte (Kalt-) Raucherbild etwa der Paperbackausgabe von Flieh, mein Freund (2000).
Auch die Paperbackausgabe von Milch und Kohle (2002) greift auf dieses Foto zurück, wählt allerdings einen kleineren Ausschnitt (der schemenhafte Vordergrund ist ausgespart und der Kopf nicht mehr angeschnitten) – ein Spiegelbild der zunehmenden Konzentration des Autors auf das Wesentliche?

Dafür müsste erst einmal festgestellt werden, dass Rothmann sich in seinen Romanen und Erzählungen jemals nicht auf seinem spezifischen Terrain – der eingängigen Schilderung des Menschen in seiner Beziehung zu seiner Lebens- bzw. Wohnwelt und den Typen, die diese hervorbringt – bewegt hätte. Und siehe da: dies war nur in dem Erzählungsband Ein Winter unter Hirschen (2001) der Fall, der aber ebenfalls schon mit jenem beschnittenen Kaltraucherbild ausgestattet war. Rothmann hat den Erzählungsband zu einem Gutteil mit einer ihm sonst fremden, offen gestalteten und manchmal alleine Rätselhaftes schildernden Erzählweise bestritten, die ihn wiederum unterscheidet von dem nachfolgenden Roman Milch und Kohle (2002). Mit dieser durch und durch gelungenen Geschichte einer vertrackten Jugend im Ruhrgebiet der 60er Jahre, der Suche nach Zuneigung und Anerkennung, war Rothmann insbesondere auf einem sprachlichen Niveau angekommen, das sich in Stier, Rothmanns erstem, 1991 erschienenen Roman, und in Wäldernacht (1996) vielleicht schon mehr als nur angedeutet und mit Flieh, mein Freund (2000) seine Fortsetzung genommen hat – bis hin zu Hitze in 2003, so dass man in der Vereinfachung geneigt wäre, von einer linearen Entwicklung zu sprechen.

Gleichwohl sprang Rothmann mit den Erzählungen in Ein Winter unter Hirschen über diese selbstgezogene, imaginäre Linie hinweg in neues erzählerisch-kompositorisches Terrain, wie um sich Luft zu verschaffen für die beiden nachfolgenden Romane. Während dieser Ausflug in Milch und Kohle allerdings offenbar keine Spuren hinterlassen hat, so strahlt er jedoch in der stellenweise aufgebrochene Struktur aus auf den Roman Hitze. Gemeinsam ist beiden freilich eine ebenso eingängige wie einnehmende, spezifische Mischung aus Witz und Melancholie, die für eine Ruhrgebietsstory ebenso wichtig ist wie für einen Großstadtroman. Wie schon in der frühen Erzählung Messers Schneide (1989) und dem Roman Stier (1991) ist Hitze angereichert mit stimmigen, stimmungsvollen Berlin-Skizzen und atmosphärisch dichten Bildern. Realitätssplitter wechseln mit ausführlichen Schilderungen, nie hat man das Gefühl, Überflüssigem zu begegnen, keine falschen Töne, keine billige Belustigung, statt dessen Lust am komplizierten Leben.

Nahezu freundschaftlich ist die Haltung von Rothmann gegenüber seinen männlichen Protagonisten, ob Kai Carlsen aus Stier, ob Simon Wess in Milch und Kohle oder ob nun in Hitze Simon DeLoo, Ex-Kameramann und Essensausfahrer bei einer Großküche: vom Typus her sind sie sich ähnlich und Rothmann lässt ihnen immer die wesentliche Gabe der genauen Beobachtung.
Simon DeLoo, der eine Wohnung im Haus einer alten Malerin in Berlin-Kreuzberg bewohnt, begegnet durch Zufall einer eigenwilligen Streunerin. Die konfuse Annäherung der beiden und was sie für ihn bedeutet entwickelt sich im Roman allmählich und darf um der Dramaturgie des Buches Willen hier nicht vorweggenommen werden, nur soviel: es ist eine Schlüsselbegegnung für sein weiteres Leben, eingebettet in die Geschichte der greisen Künstlerin, die ebenfalls im hohen Alter noch an einem bedeutenden Scheideweg für ihre Kunst und ihr Leben steht.

Der Genuss beim Lesen von Ralf Rothmanns Romanen besteht ein ums andere Mal in seiner ebenso unterhaltsamen wie subtil unter die Haut gehenden Verwendung der Alltagsgeschichte(n) – aus den 60er Jahren bis hinein in die unmittelbare Gegenwart –, deren Signifikanz für das Leben der in diesen Jahren Geborenen so sicht- und greifbar wird, dass man der erzählerischen Kurzsichtigkeit der mit gequälter Ironie verbrämten Schreib- und Interpretationsversuchen der vermeintlichen Generation Golf zunehmend peinlich berührt gegenübersteht.

Überhaupt kann man angesichts der Entwicklung von Ralf Rothmann – und auch Helmut Krausser oder Bodo Morshäuser – fragen, warum es in den 90er Jahren jemals eine Diskussion um den Fortbestand und die Wirkungskraft deutschsprachiger Literatur gegeben hat. Sie alle sind nicht wie Phönix aus der Asche gestiegen und insbesondere Rothmann brannte spätestens seit dem Ende der 80er darauf, seine Sicht auf das Leben aus dem Blickwinkel der Gegenwart und durch Auslotung der Vergangenheit mitzuteilen.

Die Bilder, die von Ralf Rothmann dabei im Laufe der Jahre in die Welt gesetzt werden, scheinen zu korrespondieren. In Abbildung wie Text bietet er sowohl spielerische Ausschweifung und gezielte Fokussierung als auch auf Außenwirkung angelegte Posen und nach Innen weisende Selbstvergewisserung: Es entsteht der Gesamteindruck, dass Rothmanns allmählicher Wandel gleichbedeutend ist mit einer konstanten bildsprachlichen Weiterentwickelung.

Textauszug aus Hitze:

"Glaubst du eigentlich, dass man eine Frau braucht? Jetzt nicht nur fürs Bett – ich meine, um glücklich zu sein und so?"
DeLoo kurbelte das Seitenfenster runter. Der Geruch von rohem Fleisch im Wagen vermischte sich mit dem von Make-up und Parfüm. "Man ist vollständiger", sagte er. "Aber glücklich... Ich weiß nicht. Wahrscheinlich ist es gar nicht so wichtig, glücklich oder unglücklich zu sein, oder? Man lebt. Und aus."


Olaf Selg




Ralf Rothmann: Hitze. Roman. Suhrkamp Verlag. 2003. Geb. 290 S., 19.90 ¤.
ISBN 3-518-41396-1

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