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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 06:48

    Michael Ebmeyer im Interview

    17.11.2010

    »Bis zum Tod - und darüber hinaus ...«

    Michael Ebmeyer hat bei Kein & Aber seinen zweiten Roman herausgebracht. Nach Der Neuling (2009) nun - durch die eigene Familiengeschichte inspiriert - ein weiterer "Reise"-Roman: Landungen. Er beginnt im Jahr 1869 und erstreckt sich über die 68er-Jahre beinahe bis in die Heutezeit. CHRISTOPH POLLMANN hat mit dem Autor gesprochen.

     

    Zum Inhalt:

    Michael Ebmeyers erzählt eine Familiengeschichte über drei Generationen hinweg. In Bremerhaven besteigt die junge Friederike Soltau ein Auswandererschiff nach Argentinien, wo sie ihren Brüdern helfen und ihr Gemüt beruhigen soll. Doch sie nimmt ihr Leben selbst in die Hand und entzieht sich der Kontrolle der Familie. Hundert Jahre später träumt Udo Soltau nach einer gescheiterten Ehe von einem Neuanfang mit der viel jüngeren Sigrid und will dafür den alten Familienbesitz in Übersee verkaufen. Doch als er auf der Estancia ankommt, wird er von der Vergangenheit eingeholt. Die Geschichte der Familie lässt auch Udos Sohn Marco nicht los: Nach einem Zusammenbruch verfolgt er seine argentinischen Wurzeln und entdeckt dabei vor allem die Möglichkeit von Freiheit.

     

    Im Titel Landungen sind vermutlich auch die "Bauchlandungen" mit enthalten.

    Ja - und auch "Landjungen" und "Landzungen" ...

     

    Und wohl auch das Ankommen auf dem Boden der Tatsachen ...

    Oder im Gegenteil das Ungewisse. Damit spielt ja schon das erste Kapitel, in dem Friederike sich aufs Meer geworfen fühlt und ans Land nicht mehr glauben kann. Dabei steht ihr eine Landung bevor, vordergründig betrachtet sogar eine rasche.

     

    Auch landet sie wesentlich härter, existenzieller als alle anderen deiner Protagonisten. Weil sie mehr Tragödienpotential hat als die beiden anderen Protagonisten deines Romans, Udo und Marco?

     

    Ihr wird am übelsten mitgespielt. Zugleich ist aber gerade sie diejenige, die sich im Lauf der Handlung am ehesten ihre Freiheit verschaffen kann. Für mich sind die drei Teile und ihre Hauptfiguren gleichgewichtig. Dennoch mag auch ich Friederike von ihnen am liebsten.

     

    Das merkt man! Aber das liegt vermutlich auch am Setting.

     

    Auch das. Wenn sie als Hauptfigur unter den Hauptfiguren erscheint, kommt das aber, glaube ich, vor allem daher, dass ich ihre Geschichte auserzählen kann - also bis zu ihrem Tod und darüber hinaus. Außerdem ist Friederike ein Bindeglied für die ganze Romanhandlung. So hatte ich es von Anfang an geplant, auch als ich noch nicht wusste, wie die Figuren sich entwickeln würden.

     

    Sie besitzt erzählerische Vollwertigkeit - ist es das?

     

    Sie ist eine Figur des 19. Jahrhunderts, also des Jahrhunderts der großen Erzählungen ...

     

    Also noch nicht modern, postmodern zerfranst?

     

    Vom eigenen Bewusstsein her wäre ja von den drei Hauptfiguren nur Marco modern oder postmodern zerfranst.

     

    Ja, Udo, der Mittlere, ist tatsächlich auf tragische Weise eher ein Konsolidierer als ein Abenteurer wie etwa Friederike oder Marco.

     

    Ein Konsolidierer auf Gedeih und Verderb.

     

    In der Tragik der Mittelmäßigkeit?

     

    Udo ist derjenige von den dreien, der nie klinisch auffällig wird, aber vielleicht den schwersten seelischen Schaden hat. Mit der Kategorie "Mittelmäßigkeit" wäre ich vorsichtig, ebenso mit der Kategorie "Tragik".

     

    Okay, aber Friederike und Marco hätten sich wahrscheinlich auf Anhieb gemocht?

     

    Vielleicht hätten auch Friederike und Udo sich gemocht. Friederikes "Endzustand" ist für mich der einer großen Versöhnerin. ohne dass ich Propaganda fürs Versöhnen machen wollte. Es ist bloß ihr Weg, der Weg einer Romanfigur.

     

    Ich frage deshalb, weil du Friederike und Marco auch diese sexuelle Frische zukommen lässt, die Udo fehlt ... Es ist Landungen ja auch eine Geschichte der Erotik.

     

    Udo hat in der Hinsicht vor allem biografisches Pech, würde ich sagen. Ihm steht zu viel im Weg, als dass er eine frische Sexualität haben könnte. Interessantes Thema übrigens. Es überrascht mich, dass manche Menschen, die Landungen lesen, mit der freizügigen Darstellung von Sexualität darin ein Problem haben. Ich hätte nicht gedacht, dass das heute und mir noch passieren würde.

     

    Also, es ist nicht so, dass ich beim Lesen rote Ohren bekommen hätte, aber dennoch ist die Sexualität ein klar erkennbarer Motor des Romans. Und ein bisschen Sittengeschichte ist ja schon vorhanden ...

     

    So hatte ich das auch gedacht. Alle Hauptfiguren sollten in ihrer ganz privaten, aber zugleich von ihrer Zeit geprägten Sexualität gezeigt werden. Das Wort "Sittengeschichte" gefällt mir sehr gut in dem Zusammenhang, vielen Dank! Ein Grund, den Roman auf den drei Zeitebenen anzulegen, war für mich auch, weil ich sie sittengeschichtlich so interessant finde. Zuerst das letzte Drittel des 19. Jahrhundert, mit  der Reichsgründung und dem dröhnenden preußischen Selbstbewusstsein in Deutschland und zugleich den Auswandererschicksalen in Überseee. Dann "1968", was mich schon immer sehr beschäftigt - und mir besonderes Vergnügen machte, aus der Perspektive eines 1929 geborenen Rechtsanwalts zu erzählen, dem vor jedem Kontrollverlust graut. Und schließlich 1995, ein Lieblingsjahr von mir.

     

    Ist "Ankommen" für dich territorial oder doch ideell zu verstehen?

     

    Territorial, ideell, sexuell ... Mit all diesen Bedeutungsebenen spielt ja der Roman auf seine Weise. Ich würde aber "landen" nicht mit "ankommen" gleichsetzen. Es kann ja auch ein "wohin geraten" sein. Und das ist es im Roman auch häufig, glaube ich.

     

    Womit ich auf deine literarischen Suchbewegungen hinauswill!

     

    Landungen ist tatsächlich der erste Roman, für den ich mir vorher eine Art Thema aufschrieb.

    Die Frage: Kann man entrinnen?

     

    Ist der fernere Raum auch der bessere Erzählraum?

     

    Es ist Zufall, dass ich nun zwei Romane hintereinander über Aufbrüche in die Ferne geschrieben habe. Was heißt Zufall, ich habe es ja schon absichtlich getan. Aber ich nehme an, der nächste Roman wird in diesem Sinn weitaus weniger weit gehen. Gute Erzählräume gibt es überall.

     

    Ich finde, dass eine Stärke in den neuzeitlichen Szenen unverkennbar ist. Der Einstieg in den Erzählton von Landungen ist ja durchaus ungewohnt ... Das Cover und die ersten Seiten bilden ja schon einen gewissen Tenor.

     

    Ich wollte einen Grundton für das ganze Buch, aber in drei Variationen für die drei Zeitebenen. Will sagen: Der Friederike-Teil soll nicht so tun, als wäre er im 19. Jahrhundert geschrieben, aber er soll mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts spielen, und die Figuren sollen sich so ausdrücken, wie sie es von der Sprache ihrer Zeit her wohl gekonnt hätten. Dasselbe gilt für 1969 und 1995. Zugleich wollte ich eben diese Überblenden schaffen, also dass man es in den ersten Kapiteln nicht auf Anhieb merkt, wenn die Zeitebene wechselt. Und das Cover - ich habe Frieden damit geschlossen, finde es auch als Bild tatsächlich schön. Aber den Verdacht, dass es in Bezug auf den Roman unpassende Erwartungen wecken kann, bin ich nicht losgeworden.

     

    Darf ich dir den Aufbau in sieben Kapiteln übrigens als symbolisch anhängen?

     

    Klar darfst du das. Die Sieben hat auch ihre ganz unspektakuläre Symbolik innerhalb der Romansymmetrie. Ich wollte zwei Kapitel für jede Zeitebene und eins am Schluss, das die Ebenen sozusagen zusammenfasst.

     

    Wie kommt es eigentlich, dass du nach Piper und KiWi nun bei Kein & Aber "gelandet" bist?

     

    Piper war ja, so gesehen, nur ein Ausflug, mit der "Gebrauchsanweisung für Katalonien". Mein Hausverlag war Kiepenheuer & Witsch, dort sind mein Debütband und meine ersten beiden Romane erschienen. Mit meinem Roman Der Neuling ging ich dann zu Kein & Aber. Ich hatte das Gefühl, er würde bei KiWi nicht so gut ins Programm passen, und ich wusste, Kein & Aber würden ein richtig schönes Buch draus machen. Es war ein ganz freiwilliger Wechsel, der auch nirgends einen Scherbenhaufen hinterließ. Für Kiepenheuer & Witsch übersetze ich zum Beispiel gerade einen großartigen katalanischen Roman, wir halten einander also auch weiter die Treue.

     

    Am Ende des Bandes erwähnst du noch deine ganz persönliche Verwobenheit in diese Geschichte der Familie Soltau.

     

    Die Idee für Landungen kam mir ganz klassisch aus der eigenen Familiengeschichte. Vorfahren von mir wanderten im 19. Jahrhundert nach Argentinien aus und versuchten sich in der Provinz Santa Fe als Schaf- und Rinderzüchter. Seit Jahren kannte ich knappe Lebenserinnerungen, die einer von ihnen hinterlassen hat, und hatte schon lange vor, sie für einen Roman zu nutzen. Ein erstes Exposé für Landungen schrieb ich 2006. Dann schob ich den Neuling dazwischen. Allerdings hat die Geschichte meiner ausgewanderten Vorfahren mit der Geschichte, die ich in Landungen erzähle, außer einigen Schauplätzen nicht viel gemeinsam.

     

    Vielen Dank, Michael Ebmeyer!


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