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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 22. Juni 2017 | 13:58

    Bruno Kreisky wäre heute 100

    22.01.2011

    Der Ausnahmepolitiker

    Bruno Kreisky war, mehr noch als Willy Brandt für Deutschland, ein Glücksfall für Österreich, eine singuläre Erscheinung in der mit guten Gründen nicht eben angesehenen Kaste der Berufspolitiker. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Er hat einen Staat, der nur ökonomisch modern, in seinem ganzen Überbau aber zutiefst feudal war, zu einem aufgeklärten Feudalismus geführt. Er gehörte zur letzten Generation der sozialdemokratischen Politiker, die noch fundamental von der Arbeiterbewegung geprägt und nicht bloß auf eine Karriere aus war, die sie ebenso gut in einer anderen Partei verfolgen könnte. Paradoxerweise war er es auch, der den seltenen Beweis dafür antrat, dass man Intellektueller und zugleich ein pragmatischer, keineswegs in abstrakten Höhen wandelnder Politiker sein kann.

     

    Wie viele von der Sorte ließen sich, mit Verlaub, heute finden? In Österreich und anderswo? Dass solch eine Figur zu posthumen Idealisierungen einlädt, liegt nahe. Aber selbst, wenn man Abstriche macht von den Legenden, wenn man sich die zahlreichen Fehlentscheidungen und Kleinmütigkeiten auch der Ära Kreisky in Erinnerung ruft, bleibt die Tatsache bestehen, dass da einer ein unbedeutendes kleines Land mit sieben Millionen Einwohnern regierte, der gut und gern mit den Gewaltigen dieser Erde hätte konkurrieren können, auf dem Gebiet politischer Entscheidungen und Maßnahmen, und als Denker sowieso.

     

    13 Jahre Kanzlerschaft

    Der 1911 in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie geborene Kreisky war früh geprägt vom Zusammenbruch der Monarchie, von den unübersehbaren Klassengegensätzen in der jungen Republik, an deren Überleben als eigenständiger Staat niemand so recht glauben wollte, und von der österreichischen Variante des Marxismus, dem sogenannten Austromarxismus. Schon als Dreizehnjähriger nahm Kreisky an einer Demonstration teil und wurde Mitglied in der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler. Wie für viele seiner Generation zählten die Ereignisse um den Justizpalastbrand 1927, die Wirtschaftskrise, die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und der Bürgerkrieg vom Februar 34 zu den maßgeblichen Eindrücken, die die weitere politische Entwicklung bestimmten. Kreisky übernahm bereits 1928, als Siebzehnjähriger eine leitende Funktion in der Sozialistischen Arbeiterjugend, für die er sich bewusst in Abkehr von der Mittelschülervereinigung entschieden hatte.

     

    Nur sechs Tage nach den Februarkämpfen war Kreisky an der Gründung der Revolutionären Sozialistischen Jugend beteiligt. Die austrofaschistische Staatsmacht nahm ihn jedenfalls so ernst, dass sie den späteren Bundeskanzler 1935 vier Monate in den Arrest sperrte und im März 1936 im Rahmen des sogenannten "Sozialistenprozesses" zusammen mit 26 Genossen vor Gericht stellte und zu einem Jahr Haft verurteilte, von dem er drei Monate absaß. Danach durfte er sein Studium nicht fortsetzen. Zwei Tage nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich legte Kreisky seine letzte Doktorprüfung als Externer ab. Am nächsten Tag kam Kreisky wieder ins Gefängnis, von wo er mit mehr Glück als Verstand im August entlassen wurde, um noch im September 1938 seine Heimat mit Musils Mann ohne Eigenschaften als Gepäck in Richtung Schweden zu verlassen.

     

    Nach dem Ende des Krieges verhinderten die Amerikaner zunächst die Rückkehr des Emigranten. Erst im Mai 1946 konnte er nach Österreich einreisen. Hier aber mischte er sich sofort wieder in die Politik ein, zunächst eher abgeschoben im diplomatischen Dienst, dann, gefördert durch den sozialdemokratischen Bundespräsidenten Theodor Körner, in Wien. 1953 begann er als Staatssekretär im Außenministerium jene Karriere als Außenpolitiker, die ihn auch international bekannt machte. Er war maßgeblich an den Verhandlungen beteiligt, die 1955 zum Österreichischen Staatsvertrag und damit zum Abzug der Besatzungstruppen führten. 1959 wird Kreisky Außenminister der Großen Koalition, 1967 Bundesobmann der SPÖ, und 1970 schließlich Bundeskanzler.

     

    Vier Regierungen steht er vor, ehe die SPÖ 1983 ihre absolute Mehrheit verliert und Kreisky seine Ämter als Bundeskanzler und als SPÖ-Vorsitzender zurücklegt. In den verbliebenen sie­ben Jahren seines Lebens verfehlt er, jedenfalls im Inland, die Rolle des elder statesman, indem er seine eigene Partei kritisiert und sich zu Äußerungen hinreißen lässt, die es einer kleinbürgerlichen Vorstellung von gutem Benehmen und einer teilweise feindseligen Presse erlauben, ihn zu ridikülisieren. Aber die dreizehn Jahre seiner Kanzlerschaft, in denen Kreisky auch international - etwa als Wegbereiter der Friedensgespräche im Nahen Osten - großes Ansehen für sich und sein Land erringen konnte, haben in Österreich soviel verändert, haben soviel in Bewegung gesetzt, dass gerade heute, da vieles davon wieder zurückgenommen wird, nicht zuletzt von einer weit nach rechts gerückten und von Korruptionsaffären gebeutelten Sozialdemokratie, auch einstige Gegner Respekt äußern vor dem Werk dieses bedeutenden Staatsmanns.

     

    Politische und moralische Giganten

    In seinen Memoiren spricht Kreisky eine Unmenge Themen in einer fast beiläufigen, assoziativen Weise an, die dennoch gut verfolgbar ist. Natürlich neigte Kreisky dazu, seine eigene Politik ex post zu rechtfertigen. Aber erstens kommt er dabei zu grundsätzlichen Erwägungen und Forderungen, die heute schon wieder avantgardistisch klingen, und dann war er zu klug, als dass er nicht auch Gegenpositionen bedacht und fallweise sogar eigene Irrtümer eingestanden hätte. Eindrucksvoll ist dabei, wie sehr bei Kreisky Begegnungen und Gespräche mit einzelnen Menschen für seine politischen Entscheidungen den Ausschlag geben konnten.

     

    Es finden sich da Aussagen, die man den heutigen Machthabern ins Ohr brüllen möchte. Etwa diese: "Lebensqualität ist also nicht nur eine bessere ökologische Umwelt, wie man gemeinhin darunter versteht, sondern Lebensqualität heißt für mich auch Bildung um ihrer selbst willen und nicht zum Zwecke des Berufs." Oder diese: "In Wirklichkeit brauchen wir doch den Reichtum Europas, um die große friedliche Aufgabe der letzten Jahre dieses Jahrhunderts zu erfüllen, nämlich die der Überwindung der grenzenlosen Armut auf anderen Kontinenten unseres Planeten." In einem Brief von 1985 an den damaligen Landwirtschaftsminister heißt es: "Es gibt einen Satz in Deinem Brief, dem ich restlos zustimme, wonach es die Sozialdemokratie auch in Hinkunft geben werde und sie auch in Zukunft Erfolge haben wird. Aber es ist höchste Zeit, dass sie auf einen anderen Weg findet, denn die letzten Jahre sind nur deshalb nicht zur Tragödie geworden, weil die ÖVP mit einer Parteiführung gesegnet ist, die in der österreichischen Öffentlichkeit - sogar in ihr nahestehenden Zeitungen - nicht als Alternative präsentiert werden kann."

     

    In jüngster Zeit ist Kreisky wieder zum Thema geworden, als ein Historiker bisher unbekannte Dokumente über seine Auseinandersetzung mit Simon Wiesenthal veröffentlicht hatte. An dieser Auseinandersetzung spalten sich die Geister wie stets, wenn die Beziehung zu Israel impliziert scheint. Kreisky hat sich in der Kritik an der israelischen Politik weiter vorgewagt als die meisten westlichen Politiker. Er tat das auch unter dem Schutz seiner jüdischen Herkunft, der ihm freilich bei seinen Gegnern wenig genützt hat. Fest steht, dass ihn biographische Erfahrungen – etwa die Begegnung mit Nationalsozialisten in den Gefängnissen der Austrofaschisten – lebenslang geprägt haben. Aber auch manchen seiner Anhänger, selbst solchen, die seine Haltung Israel gegenüber teilten, leuchtete nicht ein, warum er einen ehemaligen SS-Mann wie den FPÖ-Politiker Friedrich Peter öffentlich rehabilitieren musste. Rückblickend mag man hier den Anfang jener Entwicklung sehen, die zur Machtposition Jörg Haider führte, der sich übrigens gern auf Bruno Kreisky berief, ja sich als dessen legitimer Nachfolger sah.

     

    Man kann Kreisky ebenso wie Brandt einzelne politische Fehler nachweisen, zumal im Nachhinein, da man nun „klüger“ ist. Aber verglichen mit jenem Typus, der heute in der Politik vorherrscht, verglichen mit den Karrieristen, die ihre Überzeugungen je nach Konjunktur wechseln und notfalls auch die Partei wechseln, wenn sie davon Vorteile haben, waren beide nicht nur politisch, sondern auch moralisch Giganten. Selbst wo sie pragmatisch dachten und handelten, hatten sie Prinzipien. Heutigen Politikern ist das ein Fremdwort.

     

    Als die Bomben auf Afghanistan fielen, gehörte die "uneingeschränkte Solidarität", die die europäischen Sozialdemokraten eben noch den unschuldigen Opfern in New York und Washington bekundet hatten, nicht etwa den unschuldigen Opfern, sondern jenen, die diese bombardierten. Die Fernsehkomiker blödelten wieder, die Schlagersender dudelten wieder. Die Betroffenheit der vergangenen Wochen war aufgebraucht. Nicht die Not der Afghanen - die Möglichkeit von Vergeltung im eigenen Land machte den Europäern Kummer. Willy Brandt und Bruno Kreisky hatten noch ein anderes Verständnis von Solidarität. Sie forderten sie mit Nachdruck für die Entwicklungsländer. Hätte man auf sie gehört, hätten auch die Terroristen keinen oder jedenfalls weniger Rückhalt.


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