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Carlo Fashion / Carl Oesterhelt

12.08.2010

Beyond the sound of Munich

Er taucht immer wieder im Dunstkreis von The Notwist auf, traf wiederholt die britische Radiolegende John Peel und erfreut mit seinen unter dem Namen Carlo Fashion veröffentlichten Solowerken Musikliebhaber mit offenen Ohren. TOM ASAM traf Carl Oesterhelt, der den Sound of Munich genreübergreifend mitprägt(e).

 

Oesterhelt wurde 1968 nur einen Steinwurf vom Monopteros, des über die Grenzen Münchens hinaus als Symbol der Weltoffenheit bekannten Rundtempels im Englischen Garten, geboren. Dazu passend verbrachte er seine Schulzeit überwiegend an einem für bayerische Verhältnisse ungewöhnlich liberalen Gymnasium im Süden der Landeshauptstadt. Was weniger einer zielstrebigen Berufsorientierung als der Festigung der Überzeugung diente, Musiker zu werden – in welcher Form auch immer. Wobei der zwischenzeitlich angestrebte Konservatoriumsbesuch dann zugunsten eines freieren Band-Daseins gestrichen wurde.

 

1991 übernahm Carl den Schlagzeugerposten der semilegendären Merricks, die bereits bei ihrer 87er Debut-EP von Thomas Meinecke (damals wie heute Mitglied von FSK und mittlerweile u.a. als Suhrkamp-Autor bekannt) produziert wurden. Ziemlich erfolgreich war das 97er Album „The Sound of Munich“, bei dem sich die Merricks den Zeiten der großen Münchener Discoproduktionen zeitgemäß näherten. Das Cover zierte ein Photo des unglaublichen Münchner Schwabylons, einem 1973 für 140 Millionen Mark errichteten, futuristischen Gebäude, dass nach nur sechs Jahren wieder abgerissen wurde. Highlight: Der Nachtclub "Yellow Submarine" mit einem Haifischbecken für 36 Haie!

 

Größtmögliche Freiheit und freiwillige Selbstkontrolle

Aber auch die Merricks waren nicht für die Ewigkeit gemacht, und maximal Katzenhaie im Becken des Musibiz. Der Versuch, den Sound of Munich in professionelle Bahnen zu lenken, führte schnell zum Ende der Band. Oesterhelt machte weiter. Bereits 1990 war er auch Schlagzeuger bei FSK geworden – obwohl diese bis dahin Schlagzeuger „aus ästhetischen Gründen“ ablehnten und Oesterheld knapp 20 jahre jünger ist als Thomas Meinecke.

 

Die Band, benannt nach der Institution Freiwillige Selbstkontrolle, gründete sich bereits 1980. Bis heute setzen sich FSK mit unterschiedlichsten musikalischen und kulturellen Einflüssen auseinander, wobei sie sich vor allem für kulturelle Bruchstellen und (Re-)Übertragungen interessieren und Authentizität grundsätzlich anzweifeln. Besondere Ehre für FSK: Sie galten als deutsche Lieblingsband der 2004 verstorbenen BBC-Radiolegende John Peel. So waren sie Teil von sieben(!) sogenannten Peel-Sessions, bei denen Bands ins Studio eingeladen wurden, um live ihre Stücke einzuspielen. Von der Umgänglichkeit Peels (dem u.a. The Clash, The Cure, The Fall und Joy Division eine Menge zu verdanken haben!) berichtet Oesterhelt genauso begeistert, wie von der Professionalität der Produzenten. Wobei es vor allem die schnelle Umsetzung von Ideen ist, die ihm wichtig ist.

 

Was professionelles Arbeiten anbelangt hat Oesterhelt vor allem auch in den USA wichtige Erfahrungen gesammelt: „Als wir da mit FSK getourt sind, fanden die, dass wir unsere Instrumente nicht so toll beherrschten. Aber das war halt dann Punk für die. Und dann haben sie eben Punk-Sound bestmöglich abgemischt und das voll akzeptiert!“ Auch mit MS John Soda, einer Elektropop-Band mit Beteiligung von Micha Acher (The Notwist) war Carl in den US of A sowie in Kanada zu finanziellen Hochzeiten des Morr-Labels Live unterwegs – zu einer Zeit als Radiohead-Head Thom York Lali Puna, eine weitere Band aus dem München-Weilheim-Kosmos, als „Beste Band der Welt“ bezeichnete.

 

Ein weiteres Dauerprojekt ist die Band Three Shades, die nach dem Ende der Merricks – quasi als Hausband des damaligen, heißgeliebten Indieladens Club2 – entstand. Neben Carl mit an Board: Club2-Hälfte Ivica „Ivi“ Vukelic und – wie sollte es anders sein: Markus und Micha Acher. Letztes Jahr erschien mit „Thank god for the beatniks“ nach langem Vorlauf ein Album der Band, das gemäß acherschem Perfektionismus in den Abbey Road Studios gemischt wurde.

 

the crazy hooverman

Mit seinem 2001 auf Hausmusik erschienenen Debut „this is carlo fashion“ führt Oesterhelt mit Carlo Fashion quasi eine „musikalische Kollektion“ ein. Wie bei einem guten Modelabel ist er dabei auf Traditionen wie neue Strömungen gleichzeitig ausgerichtet. Alles ist erlaubt, und alles einem nicht unbeträchtlichem Tempo unterworfen (bis heute gibt es sechs Veröffentlichungen unter diesem Namen). Das Debut, oft als erster Teil einer Trilogie („I am the crazy hooverman“ und „pieces for acoustic instruments and synthesizers“ folgten) gesehen, verknüpft analoge und digitale Instrumentalparts zu einer abenteuerlichen Abfahrt, die weder mit üblichen Indietronics noch mit offensichtlichen Exotica-Rip-offs zu tun hatte.

 

Neben der Liebe zur Klassik scheint musikalisch und auch in den Titeln, die Liebe zur Heimat („B11“/ „Starnberger See“) genauso durch wie die Neugierde auf andere Kulturen („Bombay Jazz“, „Romanien Fantazy“, „Sofia so far...“): „Ich betrachte meine Musik als eine Art Tagebucheintrag. Es geht um Momentaufnahmen, es geht nicht so sehr um Perfektionismus. Ich möchte meine Ideen schnell umsetzen. Zu große Ernsthaftigkeit sehe ich dabei als Beschränkung.“  

 

Und wie in einem Tagebuch spielen auch in den Kollektionen Carlos Freunde eine große Rolle. Er schreibt die Stücke, packt die Noten unter den Arm und klappert Freunde und Musikerkollegen ab. Die Aufnahmen entstehen in den Zimmern der einzelnen Musikern. Ergänzt durch obskure Samples vervollständigt sich am Computer bzw. Synthesizer ein dichtes Soundgebräu, das aufgrund der ausgefeilten Kompositionen und des professionellen Masterings durch Michael Heilrath trotz aller Stilvielfalt absolut stimmig erscheint. Der Einfluss der Klassik und Carls Liebe zu russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts scheinen ab dem zweiten Album immer deutlicher durch.

 

„Die Autobahn München-Salzburg-Linz-Wien. Genüßlich vertiefte Gespräche über alle Arten von Musik, logisch über Thelonious Monk, logisch über Sun Ra und Theo Parrish, aber auch regelmäßig über die klassischen Komponisten und deren heutige Interpreten“, erhellt Thomas Meinecke auf der Rückseite des Covers die (Un-)Tiefen der Inspiration. Vielleicht kann man Carls Herangehensweise an die sogenannte Neue Musik in gewisser Weise mit der von Außenseitern wie Monk, Sun Ra oder Moondog an den Jazz vergleichen. Erwartungshaltungen eines Genres interessieren hier nicht, es geht um die pure Lust - und vielleicht auch den Zwang - die Musik aus dem Kopf auf die Platte oder Bühne zu transportieren.

 

Seine offene Herangehensweise an die Fortführung Neuer Musik mit anderen Mitteln steht im Kontrast zum momentanen „Mikrotrend“, elektronische Musik mittels Klassik (z.B. Carl Craigs und Moritz von Oswalds Beitrag zur »ReComposed«-Reihe der Deutsche Grammophon oder das Projekt „Aufgang“) Seriosität zu verleihen. Während hier Ravel in den Clubkontext transportiert wird, werden dort Ernsthaftigkeit und Authentizität von vornherein bezweifelt und Zuordnungen vermieden. Bereits als Jugendlicher komponierte Carl klassische Stücke, was in einem von spätgeborenen Mods-, The Smiths- oder Punk-Fans geprägten Umfeld sicher nicht das bestimmende Gesprächsthema war.  Doch auch wenn das Interesse an Komposition und Klassischer Musik blieb, schlug er nie den akademischen Weg ein.

 

Nachdem Carlo Fashion immer wieder Vergleiche mit Filmmusik heraufbeschwört, stellt sich die Frage, ob er in diesem Bereich tätig ist. Doch Versuche in diese Richtung scheiterten an zu strikten Vorgaben bzw. der Ablehnung bereits existenten Materials. Mehr Freiheit lassen da Arbeiten im Bereich Hörspiel (unter anderem Michaela Melians preisgekrönte BR-Produktion „Föhrenwald“) oder Theater. Hier gibt es Aufträge von den Kammerspielen, wo Goldene Zitronen-Sänger Schorsch Kamerun als Regisseur tätig ist. Bei der Ruhrtriennale übernahm Carl Oesterhelt 2008 die musikalische Leitung bei „Westwärts“, wobei Kamerun ebenfalls Regie führte. Solche Aufträge bringen im Gegensatz zu den Nischenprodukten der Carlo-Kollektion Geld in die Kasse. Aber sicherlich nicht in einem Ausmaß, das ein Leben im Überfluss in Deutschlands teuerster Stadt ermöglichen würde.

 

Womit sich Oesterhelt längst arrangiert hat. Wahrer Luxus sind für ihn ein vertrautes Umfeld und größtmögliche Freiheit. Der Umzug nach Berlin, oder andere vermeintlich künstlerfreundliche Metropolen war dabei nie eine Option. Musikalisch gesehen ist die größte Freiheit, keinerlei Genre-Schubalden zu bedienen. Und so lässt sich Carl auch nicht unter die naheliegende „Resteschublade“ Avantgarde subsumieren.

 

Neuland Bari

Neuland betrat Carlo Fashion mit seinem fünftem Album „Das Konservatorium von Bari“, das mit Unterstützung des Münchner Kulturreferats live im ältesten Profangebäude („Zerwirk“) der Stadt eingespielt wurde. In üblicher Lässigkeit wurde hierfür gerade mal eineinhalb Tage lang geprobt. Doch ohne Ehrgeiz ist Carl Friedrich Oesterhelt – so der ganze, einem Komponisten angemessene Name – dabei freilich nicht. So freut er sich schon, dass die Profis des Bayerischen Rundfunkorchesters ihm als Autodidakten bei der Umsetzung eines seiner Stücke attestierten, dass „95% der ausgehändigten Partituren korrekt“ seien.

 

Leider völlig untergegangen ist das letzte Werk „Requiem“, da das Hausmusik-Label nur noch als Zombie durch die Musiklandschaft geistert, folglich Promotion-Tätigkeiten und somit auch Besprechungen in der Presse völlig ausblieben. So bleibt es wohl – vorläufig - bei sechs Kollektionen Carlo Fashion, die zwischen Neuer Musik,„cartoon-soundtracks, dub, fake jazz, Kammermusik“ sowie Einflüssen globaler Folklore überwältigenden Stoff für Menschen mit offenen Ohren bieten. Da Carl von den diversen Downloadportalen „noch nie auch nur einen Pfennig“ gesehen hat, sollte jeder, der diesen Artikel bis hier verfolgt hat, die Gelegenheit nutzen, in diesen Soundkosmos vorzudringen – und sich bei Gefallen Originale sichern.

 

Den perfekten Einstieg in die Soundkollektion bietet die Homepage www.carlofashion.de. Hier kann man per Download in einzelne Tracks reinschnuppern und sich von den durchgehend gelungenen Coverartworks überzeugen. Noch besser: Alle, die hier Feuer fangen, können direkt Kontakt zu Carl aufnehmen, um zu absolut fairen Preisen CDs oder Vinylausgaben zu erstehen! Voraussichtlich im Herbst folgt dann (wohl unter dem Namen Oesterhelt/Enders) eine Veröffentlichung mit dem Weilheimer Johannes Enders, der unter dem Namen „Enders Room“ hervorragende Electro-Jazz-Platten vorlegte und unter anderem den Neuen Deutschen Jazzpreis erhielt.

 

Titel-Kulturmagazin wird berichten!


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