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    Sonntag, 23. April 2017 | 21:36

    Eric-Emmanuel Schmitt im Interview

    12.07.2010

    Galanterie und Philosophie

    Ein Gespräch mit Eric-Emmanuel Schmitt über Stil, die Erotik der Gedanken und den Verzicht auf das Wahre. Geführt von LINE SORYANO

     

    Saloppe Eleganz, einnehmende Manieren, anständige Wohlbeleibtheit, ideal geschnittenes Sakko, geistreiche Worte - ein Gespräch mit Eric-Emmanuel Schmitt ist ein Luxus. Die Gestalt des französischen Dramaturgen und Kurzgeschichtenautors wirkt beinahe einschüchternd. Er ist Verfasser zahlreicher Bestseller und hat am 10. Mai den „Prix Goncourt de la Nouvelle“ gewonnen. Doch mit seiner vollendeten Zuvorkommenheit sorgt er dafür, dass ich mich wohlfühle. Wie Diderot, der französische Aufklärer, den er zum Helden seines Theaterstückes Der Freigeist machte, setzt Schmitt alles daran zu gefallen.


    Zuerst trat Diderot in Schmitts Leben allerdings nicht als fiktive Figur auf, sondern als Gegenstand seiner Doktorarbeit in Philosophie: Diderot oder die Philosophie der Verführung. Später entschied sich Schmitt für das literarische Schreiben. Doch seine frühe Liebe zur Philosophie ist in seinen Büchern immer noch erkennbar, wenn auch nicht auf den ersten Blick ...

     

    Herr Schmitt, Sie haben zuerst als Akademiker in einer wissenschaftlichen Sprache und über komplexe philosophische Themen geschrieben. Das glaubt man kaum, wenn man Ihre Bücher liest: Sie sind fast immer sehr kurz, die Handlung konzentriert sich auf zwei bis drei naive Figuren, die Sprache ist klar und geläufig. Wie sind Sie zu dieser Schlichtheit gekommen?

     

    Es hat tatsächlich lange gedauert, bis ich zu meinem Stil fand. Ich habe die Schwäche begabter Leute: Ich ahme sofort nach. Ich habe mich sogar in Gesellschaft als Imitator betätigt. Man steckt mir eine Diskette in den Kopf, und ich liefere sofort den Stil von Chateaubriand, Racine, Sartre, Guitry …

     

    Diese stilistische Wankelmütigkeit machte mir aber Angst. Ich sagte mir, ich würde eines Tages wie Cocteaus Chamäleon auf dem bunten schottischen Plaid vor Erschöpfung sterben.

     

    So habe ich lange gesucht. Ich fragte mich immer: „Welcher Schriftsteller bist du? Was ist deine eigene Stimme?“ Dann habe ich entdeckt, dass meine Stimme diese kurze, plastische, extrem klare Sprache ist.

     

    Kann man mit dieser Sprache weiter Philosophie treiben?

     

    Na ja, die Einfachheit meiner Schreibweise ist nicht gleichbedeutend mit Einfältigkeit oder Anspruchslosigkeit. Einseitigkeit ist Unkenntnis der Schwierigkeiten. Mein Stil ignoriert die Schwierigkeiten nicht. Aber er will sie lösen – auch im Satz. Meine Schreibweise ist durch und durch Anregung. Ich sage weniger, damit der Leser mehr denkt.

     

    Cover von "Der Besucher" Cover von "Der Besucher"

    Nicht alle teilen Schmitts Auffassung. Vor kurzem hat der französische Journalist Pascal Fioretto eine Parodie von Schmitts Kurzgeschichten veröffentlicht – im Großdruck wie in einem Lesebuch, „um dem Leser zu helfen, große Augen auf das Unsichtbare zu öffnen.“

     

    Herr Schmitt, fürchten Sie nicht, auf diese Weise immer am Anfang der Philosophie zu verbleiben und letztendlich das Wichtigste zu verpassen?

     

    Nein. Ich glaube nicht an Philosophie, wenn sie antwortet. Philosophie schafft Fiktionen, sie forscht. Ihre erste Aufgabe ist es, immer genauer und immer intensiver zu fragen. Solange sie fragt, ist sie rational und auch demokratisch. Denn die Fragen sind das, was alle gemeinsam haben und was alle zusammenbringt.

     

    Dann kommen die Antworten. Und da, fürchte ich, beginnt die Hochstapelei. Allein die Tatsache, dass Philosophie mehrere Antworte anbietet, ist ein Beweis dafür, dass sie nicht im Wahren ist. Auf das Wahre habe ich längst verzichtet.

     

    Was für mich aber wiederum interessant ist, ist diverse Antworten zu konfrontieren. Der Besucher zum Beispiel ist ein Dialog zwischen dem Atheisten Sigmund Freud und – vielleicht – Gott … Es ist eine Theodizee, eine Gerichtsverhandlung gegen Gott. Aber ich will, dass man beide Stimmen hört.

     

    Das Nebeneinander beider Reden ist mein philosophischer Akt. Insofern stimmt mein Stil mit meiner Idee der Philosophie durch und durch überein.

     

    Auf Deutsch 2004 erschienen Auf Deutsch 2004 erschienen

    So ist Eric-Emmanuel Schmitt im Gespräch: intelligent, ausführlich, wortgewandt. Zweifellos ein glänzender Abkömmling des französischen Systems der Elitehochschulen, dessen unerreichbare Spitze, die „Ecole Normale supérieure“, er erklimmen konnte.


    Und so sind auch seine Bücher. Man mag an ihnen ja Fehler finden: Die Sprache ist eher fließend als wirklich schön, und an Subtilität fehlt es wohl auch hier und da. Aber klug sind sie und erhellend und der Rhythmus stimmt. Schmitts Bücher sind eben so, wie viele sich ihren Philosophielehrer wünschen. In der popularisierenden Absicht erkennt man das Vorbild Diderots.

     

    Herr Schmitt, Sie haben sich offensichtlich Diderots aufklärerischem Ehrgeiz zu eigen gemacht und …

     

    Um Gottes Willen! Ich will mich nicht mit Diderot vergleichen, ihm zolle ich meine größte Bewunderung.

     

    Aber seine Enzyklopädie war ganz klar ein anti-elitäres Projekt. Auch deswegen hat er nie irgendeine philosophische Abhandlung geschrieben, sondern Briefe und Romane. Er wollte andere Menschen erreichen, als die, die Philosophie lasen.

     

    Auch für mich ist ein Intellektueller kein Mandarin und kein Mitglied eines esoterischen Zirkels. Ich würde Verrat begehen, wenn ich mich nicht an alle wenden würde.

     

    Für Sie gibt es also eine Ethik des Schreibens. Ihre Happy Ends sind ein gutes Beispiel dafür. In einem anderen Interview haben Sie gesagt, sie seien da, damit Ihr Leser nicht in Verwirrung bleibt …

     

    Dafür beunruhige ich ihn zuerst gerne! Gern führe ich meinen Leser in Gebiete, in die er sonst nicht verdringen würde. In meinen Stücken zum Beispiel, über die Frage nach der Existenz Gottes oder über amouröse und sexuelle Verwicklungen. Ohne eine Geschichte, die sie an die Hand nimmt, würden manche diese Territorien gar nicht betreten. Dabei sind Sie genauso fähig zu denken, wie jemand, der lange studiert hat.

     

    Deshalb hat mich der Erfolg von Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans auch immer tief erfreut. Denn normalerweise bringt man mit einer muslimischen Romanenfigur nicht Millionen von Menschen zum Lesen. Ich habe es geschafft.

     

    Über insgesamt fünf Religionen hat Schmitt schon geschrieben. Sein „Zyklus des Unsichtbaren“ umfasst fünf philosophische Märchen im Stil von Voltaires Candide, die jeweils in eine Form der Spiritualität einführen. Die jüngste dieser Kurzgeschichten Vom Sumo, der nicht dick werden konnte ist letztes Jahr in Deutschland erschienen.

     

    Herr Schmitt, haben Sie schon daran gedacht, in Ihrem Zyklus des Unsichtbaren auch einmal über den humanistischen Atheismus zu schreiben?

     

    Eine Erzählung über die atheistische Spiritualität? Da sage ich Ihnen ehrlich: Ich hatte nicht daran gedacht. Natürlich hätte auch der Atheismus dort seinen Platz. Danke für die Idee.

     

    Aber eigentlich geht es mir in diesem Zyklus hauptsächlich darum, Toleranz zu schaffen. Und der Atheist in unserer Gesellschaft ist nicht der am meisten Verkannte. Ich selbst war damals Atheist: mit Gewalt, mit Bitternis – auch mit Ängstlichkeit. Es ist extrem schmerzhaft, das Menschsein als Atheist.

     

    Auch für Diderot?

     

    (Stille) Getroffen! Nein, nicht für Diderot. Denn Diderot hatte den Rausch derer, die Neuland erschließen. Er befreite sich vom Aberglauben. Also sind wir nicht wirklich in vergleichbarer Lage. Heute ist es, glaube ich, viel schmerzhafter, Atheist zu sein …

     

    Szene aus: Oscar et la dame en rose Szene aus: Oscar et la dame en rose

    Ob der Vorwurf einer kindlich einfachen Sprache gilt oder nicht, Tatsache ist, dass Schmitt für die Geschichten seines Zyklus des Unsichtbaren Kinder als Hauptfiguren gewählt hat.

     

    Warum Kinder, Herr Schmitt?

     

    Das Kind ist der philosophische Held par excellence. Platon sagt es schon: Die erste philosophische Tugend ist das Staunen. Die Fähigkeit zu philosophieren besteht erstens darin, Fragen zu stellen, und dann, die Fragen allein mit der eigenen Vernunft zu beantworten. Was beschreibt Platon da, wenn nicht die Kindheit? Ich wollte das Kind rehabilitieren. Das Kind ist nicht durch Wissen beschwert. Es stellt die Fragen aufrichtig, und stellt nur Fragen, die sich ihm wirklich stellen, eben weil sie lebenswichtig sind.

     

    Also sind die Kinder ihrer Kurzgeschichten alle wie der kleine Sklave aus Platons Menon, der durch Sokrates befragt den Satz des Pythagoras selbständig entdeckt?

     

    Diesen kleinen Text habe ich immer geliebt.

     

    Außerdem habe ich als Lehrer die gleiche Erfahrung gemacht. Ich habe an einem philosophischen Experiment mit Kindern zwischen zehn und elf Jahren teilgenommen. Natürlich war ich am Anfang sehr skeptisch. Wovon rede ich wohl mit Zehnjährigen? Aber am Ende habe ich mit Ihnen existentielle, theologische, metaphysische Gespräche geführt! Und von solcher Reinheit, so treffend! Ich hatte dummerweise gemeint, meine Kultur sei ein Mehrwert, aber eigentlich ist Hellsichtigkeit das Wesentliche. Hauptsächlich diese umstürzende Erfahrung hat zum Zyklus des Unsichtbaren geführt.

     

    Wollten Sie nicht mittels der Kinder, auch die Gelegenheit herbeiführen, einen Erzieher sprechen zu lassen?

     

    Hm, nicht wirklich. Die Beziehung ist hier nicht pädagogisch, dafür bin ich viel zu sehr Anhänger von Diderot. Diderots Dialog ist nicht Platons Dialog. Es gibt nicht einerseits denjenigen, der weiß und andererseits denjenigen, der nicht weiß. Meine Erwachsene wissen nicht, aber sie legen Zeugnis ab.

     

    Außerdem gibt es eine Dialektik in der Beziehung. Das Kind bringt dem Erwachsenen genauso viel wie der Erwachsene dem Kind. Sehen Sie sich den letzten Brief der Dame in rosa an, nach dem Tod des kleinen Oskar. Er enthält weder Wut noch Beschuldigungen. Es ist ein Dankschreiben. Die Dame in Rosa fühlt sich in der Liebe bestärkt und für die kommenden Jahre aufgeladen. Sehen Sie Monsieur Ibrahim. Er stirbt glücklich. Keiner hatte auf den Lebensmittelhändler Acht gegeben; der kleine Momo hat aus ihm einen Grossen gemacht.

     

    Symptomatisch genug haben auch die Kinder Liebesgeschichten. Im Rest Ihres Werkes kommt das Motiv des Begehrens erst recht zum Ausdruck: Liebesgetändel, extravagante Erotik, Geschlechtsverwechslung. Dunkel zehrend mit Don Juan oder naiv schwämerisch mit Odette Toutlemonde. Die erotische Spannung durchzieht ihre Stücke und Kurzgeschichten. Es ist auch Ihre Lesart von Diderot, dass er die Philosophie als Erotik übt …

     

    Diderot schreibt: „Meine Gedanken, das sind meine Huren.“

     

    Erstens ist es eine schlichte Tatsache, dass es eine Lust am Denken gibt. Fragen Sie alle Leute, die Mathematik oder Philosophie treiben: Es ist wirklich eine Freude zu kombinieren, zu entwerfen, zu phantasieren … Aber nicht nur. Es ist auch notwendig, mit den Ideen zu flirten, zu liebäugeln, sich einer Gegenthese vorläufig anzuschmiegen.

     

    Aber Achtung, diese Erotik ist kein Mangel an Respekt. Es ist eine fröhliche Erotik; wir sind eher bei Casanova als bei Don Juan. Man lässt sich vom anderen und seiner Welt faszinieren, man bekommt seine Andersartigkeit zu spüren. Eigentlich geht es immer noch darum, mit der Monomanie der Wahrheit Schluss zu machen.

     

    Das Begehren als Prinzip der Bewegung?

     

    Genau. Und die Idee, dass Anhalten eine Inkonsequenz ist.

     

    Also ist nicht der Freigeist der Schwache?

     

    Nein, ich will den Freigeist nicht als Opfer seiner unbeständigen Gemütsart darstellen. Seine Unstetigkeit kommt aus tiefer Neugier. Unbeständigkeit ist die wahre Reise.

     

    Geradezu flatterhaft springen sie zurzeit von einem Projekt zum Anderen. Jetzt gerade probieren Sie zum zweiten Mal ihr Glück im Kino! [Anm. d. Red.: Gemeint ist hier Oscar et la Dame en rose]

     

    Mein Leben ist vom Begehren regiert. Im Ernst! Und das Begehren ist auch stärker als alle Ängste. Als ich vom Theater zum Roman gewechselt habe, hat man wohlmeinend versucht, mich davon abzuhalten. „Machen Sie das bloß nicht!“, hat man damals gesagt. „Sie sind doch schon als ein großer europäischer Dramaturg anerkannt. Die Kritik wird Sie totschlagen!“

     

    Es-ist-mir-e-gal. Ich mache das, was ich will. Ich gehe dahin, wo die Lust am Schaffen mich hintreibt.

     

    Und dann gibt es einen anderen Grundsatz, dem ich folge. Die Schriftsteller irren sich darüber, was sie gut können. Ich will nicht allein entscheiden. Dafür brauche ich die anderen. Voltaire war überzeugt, er sei ein großer Tragöde – zum Glück hat er ja auch noch ein paar Briefe und Märchen hinterlassen …

     

    Nun, ich habe mich entschieden: Um nicht fehlzugehen, will ich einfach multiplizieren! Lieber gleich Überfülle, statt eine bedachtsame, ängstliche, lähmende Verstopfung.

     


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