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Freitag, 24. März 2017 | 13:08

Interview Denis Scheck

10.06.2010

,,Carl Barks ist für mich eine Beseligungslektüre"

Im Deutschlandfunk moderiert er den Büchermarkt, in der ARD das Magazin Druckfrisch: Denis Scheck zählt zu den bekanntesten und geistreichsten deutschen Literaturkritikern. Er ist aber auch ein großer Comic-Leser und -Kenner. Zum dritten Mal war er dieses Jahr in der Jury für den Max und Moritz-Preis vertreten. CHRISTOPH HAAS hat sich mit ihm unterhalten.

 

Sie sind Literaturkritiker, interessieren sich aber auch lebhaft für Comics – das empfinden viele Leute immer noch als Widerspruch.

 

Für mich ist das überhaupt kein Widerspruch! Aber das ist wahrscheinlich eine Generationenfrage. Für mich, der ich 1964 geboren bin, ist es so selbstverständlich, sich für Comics zu interessieren wie für Fernsehen und Kino. Um mich von diesen Medien fern zu halten, hätte ich ja eine kuriose Elfenbeinturm- oder Sleepy Hollow-Existenz führen müssen. Was glauben Sie denn, was ich mit fünf oder sechs Jahren im Freibad getan habe – ich habe Donald Duck gelesen. Schiller und anderen deutschen Klassikern bin ich zum ersten Mal dank Carl Barks und seiner kongenialen Übersetzerin Erika Fuchs begegnet.

 

Und dann war da Asterix. Gudrun Penndorf, die Übersetzerin von Goscinny, hat viel Kritik einstecken müssen, aber sie hat, glaube ich, doch eine verdammt gute Arbeit geleistet. Sie war für mich jedenfalls mindestens so wichtig wie die Pippi Langstrumpf-Übersetzerin und deren Sprachspiele. Auch über Clever & Smart und über MAD habe ich Tränen gelacht. Das waren prägende Einflüsse.

 

Ich möchte das Lesen von Romanen und Comics aber gar nicht als so etwas Unterschiedliches begreifen. Es handelt sich natürlich um zwei verschiedene Medien, aber der Lesevorgang, das Sich-Hineinversetzen in andere Welten funktioniert doch sehr ähnlich. Jemand, der nie den Sprung von der Literatur zum Comic gewagt hat, wird das aber anders sehen, das ist mir klar. Man muss in der Lage sein, Bild und Text synchron zu verfolgen.

 

Carl Barks Carl Barks

,,Neues aus der Wiederkehr des Immergleichen"

Worin sehen Sie denn die spezifischen Stärken des Comics als Medium?

 

Bevor ich diese Frage beantworte, muss ich vorausschicken, dass ich kein Comic-Theoretiker bin. Aber dass Comic etwas mit Zeit zu tun hat, mit der Darstellung von Zeit und dass er, wie der Film, großartig in der Lage ist, parallele Ereignisse darzustellen, das scheint mir auf der Hand zu liegen. Wie Jens Harder in Alpha 14 Milliarden Jahre der Kosmogonie, der Evolutionsgeschichte schildert, das scheint mir in der Literatur nur schwer vorstellbar. Und wie es Charles Schulz in den Peanuts gelingt, mit einer großen Reduktion zu arbeiten, wie er aus der Wiederkehr des Immergleichen stets etwas Neues heraus holt, das ist auch großartig. Grundsätzlich halte ich aber nichts davon, Literatur und Comic gegeneinander auszuspielen.

 

Was sind denn, wenn es um Comics geht, Ihre ewigen Favoriten? Was würden Sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen? Immer noch Carl Barks?

 

Unbedingt! Das ist für mich eine Beseligungslektüre! Je älter ich werde, desto mehr fallen mir beim erneuten Lesen Details auf, die mir bislang entgangen sind. Das funktioniert bei mir so, wie wenn ich Shakespeare, Tolkien oder Jane Austen lese. Das klingt nach einer eklektizistischen Auswahl, die nicht für jeden etwas ist – aber bei mir ist es eben so, dass ich mich nach Lektüre dieser Autoren wieder erfrischt der Gegenwart zuwenden kann. Wie soziologisch stichhaltig zum Beispiel Barks die Unterschiede zwischen Arm und Reich beschreibt, das ist mir erst jetzt aufgefallen.

 

Und dann liebe ich die Peanuts, auch immer noch Clever & Smart. Und Claire Bretécher und Gaston von Franquin – mein heutiges Leben ähnelt viel mehr dem des Büroboten, als ich es wahrhaben will. Ich glaube, das ist meine wahre Funktion hier im Deutschlandfunk.

 

Ich habe schon gedacht, dass sie sich mit Spirou vergleichen könnten.

 

Nein, der ist viel zu glamourös, mir steht eher Gaston nahe! Oh, und Tardi hätte ich fast vergessen, und meine Schwäche für abseitige frankobelgische Sachen wie die Minimenschen von Seron.

 

,,Das war die schiere intellektuelle Lust"

Was gefällt Ihnen denn besonders gut, wenn es um aktuelle Comics geht?

 

Zum Beispiel Der alltägliche Kampf von Manu Larcenet. Als Geschichte einer nachgetragenen Liebe, als Rekonstruktion einer Elternwelt, speziell einer Vaterwelt fand ich das sehr stark. Auch Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens, diese megalomanische Autobiographie von Ulli Lust, sowie die Comics von Isabel Kreitz und Gift von Barbara Yelin gefallen mir sehr gut.

 

Können Sie etwas über Ihre Arbeit in der Erlanger Jury erzählen?

 

Von allen Jurys, denen anzugehören ich das Vergnügen habe, ist das sicherlich diejenige, in der ich am meisten lerne. Von den Mitgliedern habe ich wahrscheinlich am wenigsten Ahnung von der Materie. Ich kann mich an Diskussionen mit Hendrik Dorgathen und Andreas Platthaus erinnern. Da ging es um technische Fragen, darum, wie etwas gemacht ist. Da habe ich als Grenzgänger sehr viel profitiert, das war die schiere intellektuelle Lust. Und das tröstet auch darüber hinweg, dass die Jury-Arbeit sehr schlecht bezahlt wird. Das sind alles sehr angenehme Menschen, auch die Leute vom Erlanger Kulturreferat, da gibt es nichts zu motzen.

 

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der deutschen Comic-Szene in den letzten Jahren?

 

Wenn ich an den aktuellen Salon denke, stimme ich der allgemeinen Tendenz der Berichterstattung zu. Wir können eine Erstarkung des Selbstbewusstseins der hiesigen Comic-Szene beobachten. Es ist gar nicht mehr so wichtig, große Namen aus dem Ausland zu holen; es gibt auch bei uns gute Künstler. Das ist eine schöne, „gesunde“ Entwicklung. Es ist auch wichtig, dass es gute Unterhaltungs-Comics gibt, so wie es eben Unterhaltungsliteratur gibt. Das ist der Humus, auf dem dann die große Kunst gedeihen kann.

 

,,Ich muß auf das Graphische achten"

Seit ein paar Jahren werden Comics verstärkt in den Feuilletons der großen Zeitungen  wahrgenommen. Interessieren Sie sich für die Entwicklung der deutschen Comic-Kritik?

 

Als ich zusammen mit Sabine Küchler Fun Home von Alison Bechtel für Kiepenheuer & Witsch übersetzt habe, bot sich mir die Gelegenheit, die Kritiken, die so einer Graphic Novel gelten, komplett zu lesen. Da gab es viele Kritiken, auch viele positive Kritiken, aber deren Niveau hat mir nicht besonders gefallen. Das waren oft biedere Nacherzählungen. Aber es gibt andere Beispiele. Das vorletzte Heft der Comixene zu dem Thema „Gott und Religion im Comic“ war zum Beispiel ausgezeichnet; da konnte ich auch Nektar für meine literaturkritischen Arbeiten saugen.

 

Wenn Sie selbst über Comics schreiben, ist das dann anders, als wenn Sie über Literatur schreiben?

 

Nein. Ich muß mich nur ermahnen, das Graphische, den Zeichenstil genügend zu würdigen und nicht allein auf die Erzählung zu achten. Aber wenn ich an meine Fernsehsendung denke, dann ist es kein großer Unterschied, ob ich Marjane Satrapi, die Schöpferin von Persopolis, oder etwa den italienischen Romanautor Andrea Camilleri interviewe – das sind ganz ähnliche Fragen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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