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Samstag, 25. März 2017 | 10:47

Interview mit Simon Schwartz

10.06.2010

"Mach doch mal was Lustiges!"

Am Samstag, den 05.06. um 14:00 Uhr hat CHRISTIAN NEUBERT in Erlangen ein Interview mit Simon Schwartz geführt – im Frühstückssaal des Comic-Salons, wie es sich für diese Uhrzeit gehört.

 

Simon, du hast gestern den ICOM-Preis für den besten Szenaristen gewonnen, außerdem bist du mit Drüben! für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert worden – dazu jeweils schon mal herzlichen Glückwunsch! Jetzt könnte ich mir allerdings vorstellen, dass diese Nominierung Drüben! sehr festlegen und einschränken könnte. Wie siehst du das selbst?

 

Zunächst bin ich sehr erfreut darüber, überhaupt nominiert worden zu sein. Zumal ich vor kurzem erst erfahren habe, dass das ja der einzige Staatspreis für Literatur ist.

 

Drüben! ist deine Diplomarbeit gewesen. Hast du dir im Vorfeld der Arbeit vielleicht schon Gedanken gemacht, ob und wie es zu einer richtigen Veröffentlichung kommen könnte?

 

Nein. Es ist natürlich wünschenswert, wenn man nicht für die Schublade produziert, aber das Projekt war zunächst ein vollkommen anderes. Das ursprüngliche Projekt war die komplette Familiengeschichte von 1850 bis in die Gegenwart. Das Buch fokussiert sich ja nur auf die Ausreise meiner Eltern aus der DDR. Mein Vater kommt aus einem sehr sozialistischen Haushalt, was einfach darin begründet liegt, dass seine Eltern Juden waren und natürlich völlig begeistert von der DDR – das wird ja nur ganz kurz angerissen. Allein da gibt es schon viele Geschichten, und auch vor dem "Dritten Reich" gibt es viele spannende Geschichten in dieser Familie. Insgesamt ist sie also äußerst umfangreich, doch das wurde immer mehr zu so einer Art Leviathan.

 

Irgendwann habe ich gemerkt, dass das, was mich wirklich interessiert, eben die Ausreise war, weil meine Eltern, als sie sagten, sie gehen weg, exakt in dem Alter waren wie ich, als ich angefangen habe, diese Geschichte zu schreiben. So ein Beschluss war damals in der DDR eine sehr einsame Entscheidung. Vor allem war sie das für meinen Vater, weil meine Großeltern überhaupt nicht verstanden haben, dass ihr Sohn so eine 180°-Wendung gemacht hat. Die haben ja auch bis nach der Wende keinen Kontakt mit uns gewollt. Ich habe deswegen auch kein wirkliches Verhältnis zu ihnen – und ich habe mich gefragt, warum das zwischen mir und ihnen so ein komisches Verhältnis ist; es geht ja auch um mich in dem Buch. Aber dass es dann ausgerechnet zum 20. Jahrestag der Maueröffnung herauskomen ist, war wirklich Zufall. Meine Diplomprüfung fiel eben in den Herbst – und einen Tag nach meiner Prüfung ist das Buch herausgekommen, das war einfach eine glückliche Fügung.

 

Zu Drüben! als Diplomarbeit: Ging denn die Wahrnehmung von der „akademischen Seite“ einher mit dem, wie der Comic jetzt von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird?

 

Ja, ich habe eine 1,0 dafür bekommen – aber der Theorieteil war auch super. (lacht)

 

"So war es einfach kostengünstiger"

Du hast dich dafür entschieden, die DDR komplett in Grautönen darzustellen, so wie man sie meistens auch in Filmen dargestellt sieht. War das vielleicht ein Grund für diese Entscheidung?

 

Nein. Doch ich muss dazuauch sagen, dass mein Vater meint, seine Erinnerung sei erst farbig ab dem Zeitpunkt, als meine Eltern in Westberlin angekommen sind. Ich weiß nicht, ob das ein bisschen polemisch von ihm gemeint ist. Ansonsten ist es kein inhaltlicher Grund gewesen, sondern eher ein technischer. So war es einfach kostengünstiger. Es ist ja nicht umsonst auffällig, dass die meisten Comics, die publiziert werden – speziell auch in Deutschland, da es ja ein recht kleiner Markt ist – in schwarzweiß sind. Das ist eben ein Kostenfaktor. Außerdem war es für mich auch ein Arbeitsfaktor – es ist die längste Geschichte, die ich jemals gemacht habe, es sind über 100 Seiten. Wenn ich die farbig gemacht hätte, dann hätte ich vermutlich noch ein Jahr länger dran gesessen. Aber es ist tatsächlich auch die erste Schwarzweiß-Arbeit, die ich gemacht habe, ansonsten habe ich immer mit Farben gearbeitet.

 

Ich habe mir ja auch mal die Krikel-Krakel-Bücher von dir angeschaut ...

 

Oh Gott, ja (lacht), aber das ist noch mal etwas völlig anderes. Aber ansonsten sind die Comics, die ich selbst oder in Anthologien veröffentlicht habe, alle farbig, genauso wie die Illustrationen, die ich für Zeitschriften mache. Das nächste Buch wird allerdings wieder schwarzweiß werden, mit einer Sonderfarbe – einem schmutzigen Blau.

 

Man kann also damit rechnen, dass bald wieder etwas von dir erscheint.

 

Ja, ich hoffe Ende nächsten Jahres.

 

Drüben! erinnert ein Stück weit an Persepolis.

 

Ja, da gab es viele Vergleiche.

 

Es ist auch sicher nicht der schlechteste Vergleich.

 

Ja, klar. Aber ich glaube, der Grund ist schlicht und einfach: Persepolis ist schwarzweiß und nicht realistisch, sondern in einem leicht cartoonartigen Stil gezeichnet. Auf den ersten Blick mag Drüben! schon daran erinnern, aber es ist ja inhaltlich etwas völlig anderes. Marjane Satrapi hat eine ganz andere Erzählweise und auch einen ganz anderen Ansatz. Sie erzählt ja mit viel Humor von den ganzen grausigen Dingen, und ich glaube, Drüben! ist im Gegensatz extrem unlustig (lacht). Ich habe beim Signieren jetzt auch festgestellt, dass ich in die Bücher immer Figuren zeichne, die sehr deprimiert gucken, und ich überlege mir dann immer: Mach doch jetzt mal was Lustiges! Das Lustigste in meinem Buch ist vielleicht noch die Szene mit dem Fahnenappell, das ist ja die einzige Stelle, wo die Leute gut drauf sind.

 

Kannst du mir irgendwelche Vorbilder nennen?

 

Es gibt natürlich Zeichner, von denen ich beeinflusst bin. Im allgemeinen mag ich sehr den Stil von Illustrationen der fünfziger und sechziger Jahre. Dann aber auch solche Amerikaner wie Chris Ware oder Seth, die wiederum eindeutig die Zeichner der Fünfziger und Sechziger mögen. Das deckt jetzt natürlich nur das Zeichnerische ab. Ansonsten hat mich sicher auch Anke Feuchtenberger, bei der ich studiert habe, sehr stark beeinflusst. Sie hat auch definitiv einen großen Einfluss auf die deutsche Comicszene im allgemeinen, weil viele junge Zeichner, die jetzt veröffentlichen, bei ihr in Hamburg studiert haben. Wenn man sich diese Sachen anguckt, sind sie nebeneinander schon mal sehr unterschiedlich, und mit Ankes Sachen haben sie rein gar nichts zu tun – sowohl optisch als auch inhaltlich.

 

Oft hat man das ja, dass Professoren ihren Schülern ihren eigenen Stil überbürsten – das macht sie gar nicht. Was sie einem beibringt, ist mehr eine Einstellung zur Arbeit, eine Philosophie oder Moral. Das klingt vielleicht ein bisschen abgehoben, trifft es aber eigentlich schon. Eben eine gewisse Herangehensweise, dass man das alles ernst nimmt, dass man die Themen durchdenkt und auch eine Ernsthaftigkeit in der Arbeit hat. Wenn ich meine Arbeiten jetzt vergleiche, dann ist mit meinen Zeichnungen seit der Zeit vor dem Studium vielleicht gar nicht so viel passiert, da gab es keine große Entwicklung. Aber vom Erzählerischen und von der Herangehensweise her hat sich auf jeden Fall sehr viel verändert.

 

"Erlangen ist immer eine schöne Sache"

Eine Frage habe ich noch bezüglich des Begriffs Graphic Novel, der ja mittlerweile überwiegend als Label funktioniert. Der Avant-Verlag verzichtet darauf, den Begriff ...

 

... nein, das steht hier: eine Graphic Novel zum 20. Jahrestag der ...

 

Das steht da hinten drauf, aber ich meine den Stempel, wie man ihn z.B. von Carlsen kennt.

 

Der ist ja hässlich, dieser Stempel, und wahrscheinlich aus genau diesem Grund eben auch nicht drauf. Ansonsten ist der Begriff an sich schon eine Crux. Er wird eben als Label benutzt, um den Leuten klar zu machen: Dieser Comic hier ist nicht mit lustigen Tieren oder mit Superhelden, sondern er richtet sich stattdessen an ein Publikum, das eine anspruchsvolle Geschichte haben möchte. Das Problem ist natürlich, dass dieser Begriff so schwammig ist. Man kann jetzt z.B. auch einen Elfencomic nehmen, in dem einer stirbt, und: Zack – ist es eine Graphic Novel. Auf die Verlage wird ja auch immer ein bisschen eingedroschen, dass sie ihn jetzt benutzen, nur um ihre Bücher zu verkaufen. Da sage ich aber ganz ehrlich: Hey, ich finde das völlig in Ordnung von jemandem, der sein Buch auch verkauft haben möchte.

 

Der Markt ist so klein, und es gibt immer diese Fraktion, die sagt: „Wir wollen das ja auch so klein halten und so schön heimlich, und jetzt will da jemand Geld mit machen“. Natürlich wollen die Leute Geld damit machen. Ich freue mich, wenn ich meine Geschichte erzählen kann, ich möchte, dass die Leute sie lesen – und die Verlage wollen das auch, und sie wollen schöne Bücher mit schönem Papier. Aber sie wollen auch davon leben können. Und im Moment ist es leider für die meisten Verlage nicht einmal ein Nullgeschäft. Von daher ist es völlig legitim, dass sie auf die Bücher etwas drauf drucken, damit sich das Zeug verkauft. Es verdient ja eh keiner Millionen damit, und die Leute, die immer auf den Verlagen rumhacken, haben das nicht wirklich durchdacht. Der Begriff ist völlig bescheuert, aber der Grund, warum er benutzt wird, ist angemessen und völlig in Ordnung.

 

Gerade im Manga-Bereich finde ich die Benutzung sehr merkwürdig. Da werden manche Veröffentlichungen zur Graphic Novel geadelt und quasi „europäisch“ verlegt und andere dagegen ...

 

Ja, wie gesagt, es ist eben total schwammig und man fragt sich nun immer, was denn nun eine Graphic Novel ist, und das kann jetzt eben alles sein. Der Grundgedanke war einfach der, dass ein solcher Comic in der Buchhandlung nicht mehr in die Kinderecke kommt, sondern bei Thalia vielleicht auch mal zur Literatur, wo sie dann auch hingehört, zumindest zum Teil. Und das finde ich völlig legitim.

 

Was hältst du denn vom Comic-Salon als Event oder auch von vergleichbaren Veranstaltungen?

 

Es macht mir immer Spaß. Ich meine: Frankfurt ist ganz grausig, und Leipzig finde ich noch schlimmer. Dort ist einfach immer so ein Stress, es ist laut und man wird sehr durchgehetzt. Hier dagegen kann man sich in die Sonne setzen und ein Bier trinken, und vor allem sieht man hier die Leute, die man sonst nicht oder nur selten sieht, es ist eben eine riesige Familienveranstaltung. Das finde ich ganz schön.

 

Ich kann aber noch etwas empfehlen: Es gibt auch in Hamburg ein Comic-Festival. Das hat im letzten Jahr zwar ausgesetzt, aber dieses Jahr wird es wieder stattfinden, soweit ich es gehört habe. Und dort finde ich es fast noch schöner. Es ist natürlich wesentlich kleiner und auch mehr auf das Avantgarde- oder Graphic Novel-Zeug bezogen, und auch viel auf studentische Arbeiten. Im Hinblick auf das Potential, das da gezeigt wird, finde ich es noch mal einen Tick besser als den Comic-Salon. Aber Erlangen ist auf jeden Fall immer eine schöne Sache.

 

Unter den ganzen Sachen, die hier auf dem Comic-Salon vorgestellt werden – hast du da einen heißen Tipp?

 

Ja – Pinocchio von Winshluss, der hat ja gerade den Max-Und-Moritz-Preis gewonnen. Der ist super! Und dermaßen durchgeknallt! Das Buch hat keine Message, aber es ist der Wahnsinn! Äußerst unterhaltsam und wunderschön gezeichnet, auf schönem Papier mit Hardcover, aber eigentlich mit so einer Punk-Attitüde – es wird einfach mal alles so richtig zerlegt (lacht) – aber eben auf eine schöne Art, so dass man es nicht gleich merkt.

 

Und noch dieser Tipp: Mit Ludmilla Bartscht gebe ich eine kleine Anthologie heraus: Aua! Aua! Heiß! Heiß! Da erhalten verdammt gute Zeichner trashige Vorgaben, die sie dann neu interpretieren sollen. Da ist jetzt zum Comic-Salon die zweite Ausgabe herausgekommen. Vor zwei Jahren beim Comic-Salon hat der Hansrudi Wäscher eine Ausstellung für sein Lebenswerk mit seinen Sigurd-Comics bekommen, die relativ grauslig gezeichnet und auch inhaltlich nicht sehr originell sind. Diese sollten die Leute dann interpretieren. Diesmal haben wir den Zeichnern alte Bravo-Hefte aus den siebziger, achtziger Jahren gegeben, mit Foto-Comics, die sie dann neu verarbeitet haben. Da sind teilweise echt lustige Sachen entstanden.

 

Vielen Dank für das Gespräch - und weiterhin viel Erfolg!

 

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