• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 21:10

    Interview mit Nicolas Mahler

    10.06.2010

    "Bei mir ist es immer auch Autobiographie"

    Mit dem frisch gebackenen Max und Moritz-Preisträger Nicolas Mahler hat CHRISTOPHER FRANZ ein Interview geführt.

     

    Ihr neuestes Buch Engelmann ist nicht bei einem Ihrer angestammten Verlage erschienen, sondern bei Carlsen. Wie kam es dazu?

     

    Das ist eine recht umständliche Vorgeschichte. Aber im Endeffekt ist es so, dass bestimmte Bücher bei bestimmten Verlagen funktionieren und bei anderen nicht. Ich habe auch bei einem österreichischen Literaturverlag ein Buch herausgebracht, Längen und Kürzen, und das ergibt einfach Sinn, weil es zu 70 Prozent aus Text besteht. Das ist natürlich bei einem Literaturverlag viel schlüssiger, weil das Publikum sich dafür eben interessiert. Wenn so ein Buch bei Reprodukt herauskommt, ist das wahrscheinlich verwirrend.

     

    Ein Superhelden-Comic sollte im Idealfall bei einem Mainstream-Verlag herauskommen, da passt es eigentlich gut hin. Reprodukt ist das Zuhause für meine persönlichen, autobiographischen Geschichten. Der ganze Verlag ist darauf ausgelegt, autobiographische Geschichten zu publizieren.

     

    Ich finde es ganz amüsant, bei verschiedenen Verlagen verschiedene Projekte anzubieten. Es hat auch nie die Situation gegeben, wo man sagt, da kämpfen jetzt zwei Verlage um ein Buch oder fühlen sich ungerecht behandelt, warum das jetzt bei dem Verlag erscheint oder nicht. Ich finde es schlüssig, was bei Reprodukt erscheint, und ich finde es schlüssig, dass das eine Buch bei Carlsen erscheint. Das gilt auch für die Sachen, die bei der Edition Moderne, wo ich eigentlich angefangen habe, erscheinen.

     

    "Ein richtiger Autorenverlag, sehr treu"

    Wie kam es zu den vielen Publikationen bei den ausländischen Verlagen?

     

    Das war einfach nur Glück. Ich habe Ende der neunziger Jahre keinen deutschen Verlag gefunden und habe dann selbst verlegt, damals war die unabhängige Verlagsszene viel kleiner als jetzt. Ich weiß nicht, wie viele Bücher Reprodukt im Jahr gemacht hat, da kommt jetzt im Quartal mehr raus als damals, viel mehr sogar. Das Selber-Verlegen war mir auf Dauer zu mühsam, mit dem Vertrieb, den Druckkosten usw.

     

    Ich bin immer wieder in Frankreich gewesen, habe mich umgeschaut, was es so gibt, und da habe ich einen Verlag entdeckt, der genau das machte, was ich mir vorstellte: L´Association aus Paris. Denen hab ich ein selbstverlegtes Buch geschickt und sie haben gleich das erste abgedruckt und seit damals eigentlich jedes Manuskript, das ich ihnen vorgeschlagen habe. Sie sind sehr treu. Ein richtiger Autorenverlag. Nicht so wie manche Verlage, die sagen: "Oh, das ist aber ein schwer verkäufliches Buch, müssen wir das auch machen?" Die sagen einfach: "OK, das Buch wird sich nicht so gut verkaufen, aber es ist das neue Buch von dir und wir wollen dich bei uns präsentieren und irgendwann wird schon mal der große Durchbruch kommen." Der ist natürlich bis heute nicht gekommen.

     

    Manche sehen das anders!

     

    Naja, nicht wenn man französische Maßstäbe anlegt. Die in Frankreich rechnen mit ganz anderen Verkaufszahlen, das ist im Prinzip eine Industrie. Was wir als gute Verkaufszahlen sehen, ist für die gerade einmal kostendeckend.

     

    Sie haben gesagt, Engelmann erscheint bei Carlsen weil er da besser hinpasst, weil er weniger persönlich ist. Ist in Engelmann überhaupt nichts Autobiographisches verarbeitet?

     

    Doch, natürlich. Bei mir kommt es immer in die Autobiografie herein. Aber man kann sagen, dass Engelmann ein "Komik-Comic" ist.

     

    Sie haben auf der gestrigen Eröffnung ihrer Ausstellung hier in Erlangen gesagt, dass sie rechtzeitig mit Beginn der Pubertät den Absprung von den Superhelden-Comics geschafft haben. Wie ging es dann weiter?

     

    Zeichnen hat mich immer interessiert und mit 13-14 etwa haben mich die amerikanischen Zeitungscomics, Krazy Kat von George Herriman und so etwas, fasziniert. Dieser direkte Zugang hat mich angesprochen. Ich war nie ein Freund des epischen Erzählens, das hat mich eigentlich nie interessiert. Eher die Verknappung und die Präzision. Weil man wenig Platz hat, muss man einfach verknappen und komprimieren und so kleine Welten schaffen und nicht alles erklären und ausführen. Das nervt mich eher. Ich war auch nie ein ausgesprochener Comic-Albenleser, die kurzen Sachen gefallen mir mehr.

     

    Gender Bender Actionfigur Gender Bender Actionfigur

    "Comic-Ausstellungen sind schnell sehr fad"

    Dennoch kreieren sie um manchen Ihrer Charaktere einen richtigen kleinen Kosmos. Bei Engelmann sind es die (erfundenen) Merchandisingprodukte, die in der Ausstellung gezeigt werden. Wie wichtig ist das Ihnen?

     

    Die Engelmann-Ausstellung war zuerst auf dem Comic-Salon in Luzern zu sehen. Da habe ich kurz vorher zwei oder drei Bücher fertiggestellt. Das war eigentlich recht erschöpfend, immer gebückt am Zeichentisch zu sitzen und diese Deadlines einzuhalten. Da habe ich mir gedacht, wenn diese Bücher fertig sind, konzentriere ich mich auf die Ausstellung. Comic-Ausstellungen sind sehr schwierig zu machen, weil sie sehr schnell fad sein können. Ich achte immer darauf, dass es irgendetwas gibt, das einen Mehrwert macht. Nicht, dass man sich denkt, das Buch habe ich gelesen, jetzt sehe ich es an der Wand noch einmal. Da ist mir die Idee mit den Merchandisingartikeln gekommen. Es war auch eine ganz angenehme Arbeit viel in Wien herumzulaufen, in Antiquariaten Dinge zu suchen. Ich halte meine Objekte jetzt nicht für große Kunst, aber es ist einfach unterhaltsam und es macht vor allem Lust auf das Buch.

     

    Sie haben gesagt, Sie haben für die Ausstellung ein bisschen recherchiert. Haben Sie sich auch für den Comic in die Superhelden-Szene eingearbeitet? Sie haben sie zumindest hervorragend portraitiert!

     

    Sehr wenig, eigentlich gar nicht. Es gibt auch viele, die das anders sehen, die zum Beispiel sagen, das, was ich beschreibe, ist völlig veraltet. Sicher, ich kenne die neuen Tendenzen im Superhelden-Comic nicht, ich habe nur den oberflächlichen Eindruck aus dem Comic-Shop oder von Festivals. Natürlich ist viel verarbeitet vom Dasein als Autor und von den bekannten Rechteproblemen. Deswegen kommen so viele dubiose Verträge in Engelmann vor. Die Einflüsse kamen also von überall her, nicht nur aus der Superhelden-Szene.

     

    Sie schaffen es, unter anderem mit dem Band Pornographie und Selbstmord, immer wieder einen sehr stimmigen und objektiven Blick auf die Comicszene und ihre Eigenheiten zu werfen.

     

    Ja sicher. Mit der habe ich ja auch oft und viel zu tun, zu der habe ich ein gestörtes Verhältnis. Der Verlag hat sogar gemeint, ob wir manche Seiten nicht rausnehmen sollten, weil die Leute doch schlecht behandelt oder dargestellt werden. Aber ich glaube schon, man merkt meinen Büchern an, dass ich Sympathien für die Leute habe, die solchen Spinnereien nachgehen oder die so komische Hobbys wie Comicsammeln haben. Auch wenn ich sage, dass das seltsam ist. Wer ist nicht seltsam? Das ist wenigstens eine ehrliche Art von Seltsamkeit.

     

    Sie hauen jemanden ja auch mal gerne in die Pfanne, wenn auch auf eine liebevolle Weise. Gibt es für Sie Grenzen, was Sie zeichnen wollen?

     

    Ich schaue schon, dass ich niemanden fertig mache. Wenn ich jemanden fertig mache, dann muss das schon ein mächtiger, bekannter Typ sein. So wie der Typ, der in Kunsttheorie versus Frau Goldgruber vorkommt. Dieser bekannte, großspurige österreichische Malerfürst, den niemand außerhalb von Österreich kennt. In Österreich ist er eine Figur des öffentlichen Lebens. Solchen Leuten wird so viel Ehrerbietung und Geld zuteil, solche Leute kann man durchaus schlecht machen. Das ist legitim.

     

    "Arbeiten von mir landen nur durch Zufall in Galerien"

    Sie haben gesagt, dass Sie ihre Werke nicht unbedingt als hohe Kunst bezeichnen würden. Dennoch stehen Sie scheinbar des öfteren auf dem schmalen Grat zwischen der Welt der Comics und der der Kunst. Manche Arbeiten, wie zum Beispiel SPAM, funktionieren auch in einem Kunstmuseum. Wo würden Sie sich einordnen?

     

    Definitiv beim Comic. Comic ist mir viel, viel näher weil ich Kunst eigentlich nicht verstehe. Mich würde es furchtbar deprimieren, wenn ich für einen Sammler arbeiten würde. Für Künstler ist sowas ja teilweise gang und gäbe. Daran hätte ich keine Freude. Ich habe es gern, dass jeder, der zehn Euro hat, sich meine Bücher kaufen kann.

     

    Es passiert immer nur durch Zufall, dass irgendwelche Arbeiten von mir in Galerien landen. Da passt dann gerade das Thema und der Kurator sagt, ich habe deine Arbeiten in deinen Büchern gesehen. Ich sage dann: Schön, freut mich, wenn ich so mein Publikum ausweiten kann. Die wichtigste Forderung für mich ist dann, dass meine Bücher im Shop liegen. Für mich ist eine Ausstellung, banal gesprochen, Werbung für die Bücher. Eine Ausstellung ist für mich dann gelungen, wenn die Leute herausgehen und das Buch haben wollen.

     

    Bei Engelmann haben Sie ausgiebig mit Farbe gearbeitet. Freut Sie das oder denken Sie da nicht groß drüber nach, ob Sie nun mit Farbe oder in Schwarzweiß arbeiten?

     

    Für Zeitungen und Magazine arbeite ich ja meistens farbig. Deswegen war es für mich jetzt nichts Neues, das habe ich eigentlich täglich. Wenn man nur die Möglichkeit hat, Schwarzweiß zu arbeiten, dann entwickelt man natürlich Figuren, die nur so gut funktionieren. Aber gerade bei Superhelden habe ich mir gedacht, gerade die sind keine düsteren, sondern so knuddelige Figuren, da ist Farbe ideal, schon allein um die Charaktere zu unterscheiden. Ntürlich sind die Farben jetzt ein bisschen farbiger. Wahrscheinlich haben sie beim Drucken den Kontrast ein bisserl hinauf gedreht.

     

    Vielen Dank für das Gespräch!

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter