• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 18:17

    Benjamin Zhang Bin: Comic-Künstler aus China

    03.06.2010

    Irony isn´t over (sondern noch gar nicht angekommen)

    Mit dem chinesischen Comic-Künstler Benjamin betritt der Leser eine neue, aufregende Dimension des Bilderzählens. Das macht dieses Werk nicht weniger rätselhaft. Von BRIGITTE HELBLING

     

     

    Grob gepinselt fluten die bunten Panels in Orange die Seitenränder, Szenarien im Aufbruch oder dabei, sich selbsttätig ins Leere zu verlängern... die Figuren sind verwischt, als stünden sie unter niederschwelligem Stroboskop-Schock. Gegen die pulsierenden Stadtansichten steht der monotone Soundtrack von Teenage Angst made in China: Orange spricht, die Protagonistin, die sich vom Hochhausdach stürzen will und dann den Jungen Dashu trifft, der sie daran hindert.

     

    Benjamin Zhang Bin zu lesen, das ist, als würde man eine neue Dimension des Comic-Erzählens betreten, und anfangs war ich gar nicht sicher, ob mir das gefällt. Die Bilder sind grell und irgendwie maßlos, die Computer-Maltechnik sorgt für eine merkwürdig plakathafte Glattheit, und die Figuren sehen alle aus, als kämen sie aus einem punkigen Modekatalog (Das tun sie vielleicht auch. Benjamin hat ursprünglich Mode-Design studiert).

     

    Großstadt-Comics umspielt von Grashalmen

    Das war vor zwei Jahren in Erlangen, bei der großen Ausstellung zum chinesischen Comic in der Haupthalle der Messe, wo nicht nur ich, sondern der größere Teil der versammelten deutschsprachigen Comic-Welt zum ersten Mal dem chinesischen Comics gegenüberstand. Die Ausstellung war idyllisch. Kleine hölzerne Stege über klaren Wasserflächen, umspielt von hohen Gräsern, simulierten eine asiatische Landschaft, wie sie in chinesischen Märchen, Filmen und Legenden gerne vorkommt. Erst später stellte ich fest, dass dieses Setting das Gegenteil war von dem, was Benjamin, geboren 1974, in seinen Erzählungen beschreibt.

     

    Immer denkt man dann gleich an die Schrift. Im Sinne der Frage: Was einem wohl entgeht, wenn die chinesischen Schriftzeichen - soviel mehr (glaubt man) ein Teil des „Bildes“ als unsere Buchstaben - auf den Comic-Seiten fehlen? Die Frage ist müßig. Es ist vollkommen unmöglich, das zerklüftete Spiel von Benjamins Erzählen zu erfassen, wenn man die Texte zu seinen Panels nicht lesen kann.

     

    Ein Leiden wie bei James Dean

    Die Bilder sind das eine - diese aufgeladenen Panel-Strecken, die den durchwegs jungen Menschen in China darstellen, ihn feiern, ihn posieren lassen, sich auch mal über ihn lustig machen, der beinah karikatureske Strich in Der Sommer in jenem Jahr - aber mitfühlend, und immer leidenschaftlich. Irony ist hier nicht over, Ironie ist in dieser Welt noch gar nicht angekommen.

     

    Das Gegenteil dieser latenten Heldenposen sind die Texte. Sie sprechen von Verwirrung, Sehnsucht, Verlorenheit, Verzweiflung. Man redet aneinander vorbei, man findet sich manchmal, aber noch öfter macht man sich gegenseitig das Leben zur Hölle. Zwischen den Generationen wiederum ist die Kommunikation nicht verkorkst, sie ist, im Sinne eines Austauschs, gar nicht vorhanden. Das Leiden an der Welt, diese ewig gleiche Jugendbefindlichkeit, ist das zentrale Thema der Figuren bei Benjamin, und sie zerbrechen daran öfter, als einer nach vorn gerichteten, aufstrebenden Gesellschaft lieb sein kann.

     

    Das ist das eine, was mir an Benjamin anfing zu gefallen - die schamlose Emotionalität, das gnadenlose Melodram, bis an die Grenze des Kitschs, aber nicht darüber hinaus. Die Geschichten sind allerhöchstens semi-autobiografisch, aber die Authentizität ist ihnen nicht abzusprechen, im Sinne einer nackten Notwendigkeit, sie zu erzählen. Merkwürdigerweise erinnern sie an nichts mehr als jene amerikanische Jugendbefindlichkeit Ende der 1950er, deren vollendete Verkörperung James Dean in Filmen wie Denn sie wissen nicht, was sie tun oder Jenseits von Eden gibt. James Dean war der Prototyp eines hilflosen, beinah animalischen Leidens einer Jugend, die dabei in keinem Moment die Strahlkraft ihrer Hormone verliert - nur ist das Setting hier natürlich nicht die Kleinstadt, sondern die neuen chinesischen Metropolen.

     

    Wer sich nicht wäscht, ist ein Egoist

    Das zweite, was mich für die Bücher einnahm, war, wie sehr man sie auf den ersten Blick zu verstehen glaubt - und wie viel Unverständliches sich auf den zweiten dann auftut. Woran genau leidet diese Jugend? Was will sie? Im großen Ganzen stellen sich da keine Fragen. Im Detail - jede Menge.

     

    Ich beziehe mich im Weiteren ausschließlich auf Orange und die beiden Geschichten in Remember. Sie umfassen - vorläufig - Benjamins Hauptwerk; es sind Meisterstücke, jede Erzählung mit einer eigenen Entscheidung, was Dramaturgie und Grafik betrifft. Dagegen liest sich der erste Benjamin-Band One Day mit seinen vier Frühwerken wie das Portrait einen Künstlers unterwegs zu sich selbst. Da wird noch rumgespielt, ausprobiert, es sind Kostproben eines großen Talents. Mit Orange und Remember wird die Sache dann ernst.

     

    Fragen. Zum Beispiel die Künstlerfiguren, die es in allen drei Geschichten gibt: Außenseiter, Rebellen, besessene Existenzen. Was ist von ihnen zu halten? In zwei der drei Geschichten haben diese Figuren ein echtes Problem mit Körpergeruch. Ihre nähere Umgebung hält es aus diesem Grund mit ihnen kaum aus. Der Gestank ist nicht der einzige Anlass, aber das klare olfaktorische Signal, ihnen „Egoismus“, „Versagen“ und die Unfähigkeit, sich ihrer Umgebung „anzupassen“ vorzuwerfen. Diese Künstlerexistenzen sind in einem tiefgreifenden Sinn Asoziale. - Natürlich sind es Asoziale! Hallo Chinesen? Künstler sind gerne mal asozial - schon mal was davon gehört? Zweifellos - davon handeln die Geschichten ja, aber gesellschaftlich tragbar scheint der Umstand deswegen nicht zu sein. Sie gehen unter, diese versifften Existenzen, nicht, weil sie sich nicht waschen, sondern weil das Sich-Nicht-Waschen für ein Unglück oder eine Armut (oder beides) steht, das jeder Aussicht auf Erfolg unüberwindbar im Weg steht.

     

    Und wenn sie sich dann mal waschen ... Dashu zum Beispiel, der gescheiterte Künstler in Orange, der einzige, der mitbekommt, wie verzweifelt seine kleine Nachbarin ist. Orange will mit ihm nichts zu tun haben: „Keine Typen zu küssen, die ekelhafte Hemden tragen, ist noch immer einer meiner Grundsätze“. Als die beiden sich zum Ende der Geschichte auf dem Dach treffen, hat Dashu sein Hemd gewaschen. Es hängt an der Wäscheleine, als er sich auf den Dachrand stellt und in die Tiefe fällt, um Orange zu beweisen, wie einfach es sein kann, zu leben ... ein starkes Bild. Ein merkwürdiges Bild. Man kann da viel reinlesen, aber ganz zu verstehen ist es nicht.

     

    Die drei Gebote des Comics in China

    Noch so ein Rätsel. Die erste Geschichte in Remember und die letzte, die Benjamin bis heute gezeichnet hat, Niemand kann fliegen, niemand kann sich erinnern, enthält eine Szene, in der ein junger Comic-Zeichner von einem alten Chefredakteur zurecht gewiesen wird, weil er eine zu „originelle“ Geschichte eingereicht hat (und die Röcke der Mädchen zu kurz sind):

     

    „Es gibt ... drei Gebote. Erstens: Du sollst über die Liebe schreiben, denn die heutigen Leser sind Mädchen. Wir müssen von Liebe erzählen, aber zugleich Küsse und nackte Frauen verbannen! Zweitens: Du sollst dich von den [Geschichten in den] chinesischen Klassikern inspirieren lassen... Drittens: Du sollst immer und immer wieder Manga kopieren! Wenn sich ein japanischer Autor gut verkauft, dann mach ihn nach! Kopieren ist keine Schande! ... Ich glaube ganz sicher nicht, dass ein origineller Stil den Lesern gefallen würde!“

     

    Natürlich fällt einem bei dieser durchaus gut gemeinten Tirade gleich ein, dass Orange, entstanden im Jahr davor, von den staatlichen Verlagshäusern in China abgelehnt wurde, weil die Story „zu deprimierend“ sei. (Das war 2003. 2006 erschien der Band dann beim französischen Verlag Xiao Pan, der viele „Manhua“ oder chinesische Comics als erster westlicher Verlag herausgebracht hat. Benjamin überarbeitete die Geschichte für diese Veröffentlichung noch einmal komplett. In China ist Orange bis anhin nicht erschienen.) So funktionieren schließlich die indirekten Zensurmechanismen autoritärer Staatssysteme. Wo kein wahrhaft unabhängiges Verlagswesen existiert, kann ein abgelehntes Werk allenfalls noch im degenerierten Ausland sein Glück suchen. In Benjamins Fall ist die Suche geglückt. Wie viele andere, weniger erfolgreiche Beispiele gibt es wohl?

     

    Die graue Vorzeit von vor zwei Jahren

    Andererseits: Der alte Chefredakteur wird bereits im Laufe der Erzählung (zu seinem eigenen Entsetzen) durch einen Jüngeren abgelöst, der das mit dem Comic nicht mehr so eng zu sehen scheint. Dazu kommt: Das Mädchen, das sich in dieser Geschichte in den Comic-Zeichner verliebt hat, war einst selbst eine „berühmte Comic-Zeichnerin“, sie hat dann aber umgeschult, erzählt sie, auf Sekretärin, weil Comic-Zeichnen zu ihrer Zeit gesellschaftlich noch als „Aktivität ohne Zukunft“ galt... Hier spricht, nebenbei, keine 50-jährige Tippmamsell. Das Mädchen wirkt nicht älter als der Junge, der bei ihrem Chef, dem Redakteur, vorgesprochen hat. Von welchem „Einst“ ist also die Rede - die graue Vorzeit von vor zwei Jahren?

     

    Wie schnell verändert sich in China eigentlich die Welt?

     

    Ziemlich schnell, könnte man annehmen. Niemand kann fliegen, niemand kann sich erinnern, das vielleicht ein gesellschaftlich „akzeptableres“ Happy-End aufweist (das Mädchen verlässt den Künstler und kehrt in ein „normales Leben“ zurück, der Künstler sprayt über eine ganze Front von Häuserwänden den Comic, den sie machen wollte und nie gemacht hat) gewann 2004 den Oriental Animation & Comic Competition Gold Dragon Award - auch bekannt als den chinesischen Oscar für die (animierte und nicht animierte) Bilderzählungs-Industrie. Verliehen (natürlich) durch die Industrie selbst. Die offenbar kein Problem hat mit dem, was der Comic-Zeichner in der Geschichte selbst noch vergeblich einfordert:

     

    „Das ist nun mal die Wirklichkeit! Die Handlung verlangt, dass ich sie so zeichne!“

     

    Comics in China als "a young man´s game"

    So steht man dann also da mit seiner Begeisterung zu drei Comics, die den Leser anspringen wie ein Triumph der Globalisierung (selbst die Malweise erinnert eher an die Schule um Bill Sienkiewicz als an das, was man als „asiatische Comics“ kennt) - und einen mit ihren Rätseln doch alleine lassen. Übrigens ist das nicht ungewöhnlich. Die äußerst beliebten Highschool-TV-Serien aus den USA enthalten ähnlich ungelöste Fragen. Warum ist Cheerleader etwas, was jedes Mädchen sein will? Wo liegt, im Ernst, die Faszination von Football? An solche kulturelle Unterschiede hat man sich allerdings längst gewöhnt. Man nimmt sie hin. Man verwechselt sie nur bedingt mit dem eigenen Leben, ist eben Amerika. Nicht wahr?

     

    Das letzte Rätsel ist dann Benjamin Zhang Bin selbst, der Vorreiter und Kämpfer für die Originalität im chinesischen Comic, der seit „Niemand kann fliegen, niemand kann sich erinnern“ keine Comic-Geschichte mehr herausgebracht hat. Vielleicht fehlt ihm die Zeit? In den Nachwörtern erzählt er gerne von der intensiven und qualvollen Erfahrung, eine Geschichte zu entwickeln -  und die Geschichten bestätigen, dass in ihnen eine ernsthafte Suche nach der richtigen Form steckt.

     

    Tatsache ist aber auch: Benjamin ist mittlerweile ein Star, im eigenen Land und international. Seinem Blog kann man mit Hilfe von Google-Übersetzung entnehmen, dass er für die Sache des chinesischen Comics weltweit unterwegs ist, daneben unterrichtet und Workshops gibt, dass er außerdem Musik-Videos gestaltet, Superhelden-Cover für den Marvel-Verlag und eine Menge weiterer Illustrationen geschaffen hat, die in den Comic-Bänden und einem eigenen Band mit Artwork, Flash, abgedruckt sind. Er schreibt Romane, er ist Redakteur einer Buchreihe. Er macht sich (in seinem Blog) weiterhin Sorgen um die Kultur in China, seine Freunde, die Zukunft der Welt. Comics, die dese Themen weiter vertiefen würden, sind jedoch - zumindest gibt es dafür nirgends einen Hinweis - keine mehr erschienen.

     

    Damit drängt sich eine weitere Frage auf: Ist der Comic für einen 36-jährigen Veteranen wie Benjamin, wenn nicht ein „Spaß für Kinder“ (über diesen Satz von Verlagsvertretern können sich seine fiktiven Comic-Zeichner schwarz ärgern) - so doch vielleicht etwas, was man vor allem in einem bestimmten Alter macht? Eine „Aktivität“, aus der man irgendwann herauswächst?

     

    Sind Comics in China, wie so viele legendäre Erschienungen des Rock’n’Roll, a young man’s game?

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter