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Der Fall Alexa Hennig von Lange

15.03.2010

Where have you gone, Popliteratur?

Im Rückblick zeigt sich die „neue deutsche Popliteratur“ weniger als einheitliche Schreibform denn als Konstellation einsamer, hoch talentierter Planeten, die Ende der 90er-Jahre zufällig im Sonnensystem Pop aufeinandergetroffen waren.  Einen besonders bunt leuchtenden, Alexa Hennig von Lange, traf BRIGITTE HELBLING in Berlin – Anlass für ein paar grundsätzliche Gedanken über eine spannende Literaturströmung, knapp 10 Jahre nach ihrem Verglühen.

 

Die Literatur der „Spaßgesellschaft“ (ein Hasswort der Medien für eine kurze Ära Ende des Millenniums) begann, als (meist) jüngere Autoren in den 1990ern anfingen, detailverliebt, selbstfixiert und in einer alltagsnahen Sprache dem eigenen Welterleben nachzugehen. Fort mit dem Geniegedanken, Pop rules und mit ihm das wilde Kraut in deinem Kopf – das Ergebnis war die Popliteratur und sie gefiel den Lesern, wenn auch seltener dem Feuilleton. Die Akademie wiederum stürzte sich darauf (wer will vor seinen Studenten nicht cool aussehen?) und untersuchte das Phänomen in Seminaren, die seinen Anfang auf zirka 1995 setzten – mit Erscheinen von Christian Krachts Faserland – und das Ende auf 2001, mit der ersten Vorrunde der Wirtschaftskrise und den Terroranschlägen auf die USA. Bye, bye Popliteratur hieß es nach 9-11 mit einem Mal. Wird Zeit für eine neue Ernsthaftigkeit! 

 

Die Autoren, die als „Popliteraten“ ausgemacht worden waren, schrieben weiter. Was hätten sie sonst tun sollen? Sie wurden auch weiter gelesen, ihre Bücher und mehr noch ihre Kolumnen, Reportagen und Artikel in Zeitungen und Zeitschriften und Frauen- und Trendmagazinen, wo viele von ihnen hergekommen waren. Die Plauderrunde von Tristesse Royale zum Beispiel stammte zum größeren Teil aus der Gebärmutter des deutschen Gonzo-Journalismus, Tempo. Ihr Thema – fünf Dandys treffen sich im Edelhotel zum Gespräch über „das, was die Welt im Innersten zusammenhält“ – war im Kern eine Magazin-Idee (die von den Protagonisten geschickt vermarktet wurde). Und was hält die Welt im Innersten zusammen? Oberfläche, Oberfläche, Oberfläche! – was geometrisch gesehen gar nicht mal so falsch ist.

 

Was die sogenannten Popliteraten damals schon von Berufskollegen unterschied, war die pragmatische Einsicht, dass man als Schriftsteller in einer sich verändernden Welt zusehen musste, wo man mit seinem Spaß an Textverfertigung blieb. Sibylle Berg verlegte sich aufs Theater, Rainald Goetz öffnete einen Blog. Benjamin von Stuckrad-Barre gab seine Journalschreibe als Remix-Buch heraus, Alexander von Schönburg berichtete in Hochglanzzeitschriften vom brotlosen Adelsleben.

 

Lesetouren von Popliteraten hatten mehr mit Rockkonzerten als mit traditionellen Wasserglasveranstaltungen zu tun, und in Talkshows redeten diese Autoren ebenso viel über die Erlebnisse des Vortags wie über die tiefere Bedeutung ihres Werkes. Nicht nur Lesen, auch der eigene Auftritt mit Lektüren sollte Spaß machen. Neu war das nicht, nur neu für die deutschsprachige Literatur. Ein Einziger hatte sich bereits im September 2001 in belletristische Höhen geschwungen, die der Forderung nach „neuer Ernsthaftigkeit“ entgegenzukommen schien: Christian Kracht mit 1979. Er war die Ausnahme, die die Regel bestätigte. Schreiben ist Dienstleistung, Lesen kein höheres Gebot mehr: Man muss schon um den Kunden werben, wenn man will, dass er einem die Miete zahlt.

 

Where have you gone, Popliteratur?

 

Eine Antwort könnte lauten: zurück in den von Kategorien befreiten Untergrund, um unser ganzes Denken, Sehen, Sprechen und Fühlen im als Unterhaltung getarnten Blick auf die Welt zu unterwandern.

 

Planet Alexa

Im Rückblick zeigt sich die „neue deutsche Popliteratur“ weniger als einheitliche Schreibform denn als Konstellation einsamer, hoch talentierter Planeten, die zufällig im Sonnensystem Pop aufeinandergetroffen waren. Und als die Kategorie ihres Zusammenhalts sich aus den Medien verabschiedete, hat das den vorrangigen Vertretern der Form nicht weiter geschadet. Einem davon soll im Weiteren nachgegangen werden: Alexa Hennig von Lange.

 

Als ich sie kennenlernte, war sie 23 Jahre alt, ihr Erstling Relax stand kurz vor dem Erscheinen. Mit seinem unerwarteten Erfolg wurde Hennig von Lange zum Küken der Popliteratur erkoren und entwickelte sich schnell zu ihrer wildesten, schönsten und gewaltbereitesten Vertreterin – auch und gerade was die Selbstinszenierungen in der Öffentlichkeit betraf. Die Anlässe dazu häuften sich für die Autorin selbst, wie sie betont, zumindest im Anfang vollkommen unerwartet: „Ich wusste damals gar nicht, dass es so etwas wie Literaturkritik gibt. Ich dachte, das Buch kommt in die Buchhandlungen, die Leute kaufen es, empfehlen es weiter, wenn es ihnen gefällt ...“

 

Weltschmerz am Ende des Jahrtausends

Relax war ein Bericht über das Wochenende einer Münchner Clique, erzählt aus der Perspektive eines Jungen und eines Mädchens. Es ging um Drogen, Feiern, unerfüllte Liebessehnsucht. Die Sprache war salopp, der Inhalt schamlos überzeichnet und der Grundton melancholisch: So klang chemisch beförderter Weltschmerz am Ende des Jahrtausends. Als konventionelle Liebesgeschichte in unkonventionellem Kontext trug Relax in sich schon das Rezept zum Erfolg, was allenfalls noch fehlte, lieferten die multimedialen Auftritte der Debütantin, die zuvor im Fernsehen gearbeitet hatte und wenig Berührungsängste kannte, wenn es um Selbstinszenierungen zur Unterhaltung des Publikums ging.

 

„Was die Selbstdarstellung betrifft, habe ich mich am Rock orientiert. Das waren meine Vorbilder oder die Gäste in amerikanischen Talkshows wie diejenige von David Letterman. Die Leute da sind nicht verkrampft, sie erzählen Anekdoten und bauen darüber eine emotionale Bindung zum Publikum auf. Man ist in erster Linie daran interessiert, sich und die andern zu amüsieren.“

 

Legendär sind Hennig von Langes Besuche in der Harald-Schmidt-Show, die heute noch auf Youtube zu finden sind. Einer davon zeigt die Autorin im dünnen Kleidchen auf Schmidts rotem Sessel, die dem Talkmaster gleich zu Beginn fröhlich mitteilt, dass sie ganzkörperrasiert und ohne Unterwäsche gekommen sei. Eine „Lolita, die viel zu freizügig über Sex redet“ nennt Hennig von Lange die Rolle, die sie im Umfeld von Relax bevorzugt einnahm. Damit konnten nicht alle ihre Gesprächspartner so gelassen umgehen wie Harald Schmidt, dem diese Autorin als Gast ganz offenkundig Spaß machte. Andere reagierten schon mal mit passiv-aggressivem Zuvorkommen oder onkelhafter Belehrung, was am Ende aber unerheblich war. Insgesamt erfüllten die Auftritte ihren Zweck. Als Autorin, als Medienerscheinung, als Persönlichkeit im deutschsprachigen Kulturleben war Hennig von Lange nach ihrem Debüt bald schon allgegenwärtig, und sie ist es, mit Abstrichen, auch geblieben.

 

Dabei war damals schon eins unübersehbar. Hennig von Lange in ihren Selbstinszenierungen mochte entschlossen überdreht, hin und wieder auch schlicht überfordert wirken (und bis heute ist das anrührende Bedürfnis erkennbar, dem Gegenüber das zu geben, was es von ihr will – oder eben gerade nicht). Was dagegen die Präsenz der Autorin in den eigenen Texten betrifft, ist keine Spur von Unsicherheit zu finden. Schreibend war Hennig von Lange von Beginn an Herrin der Lage, selbstbewusst, unerschrocken und ganz der eigenen Marschkapelle im Kopf verpflichtet. In den Räumen ihres Erzählens ist diese Autorin ganz bei sich. Der Rest ist dann vielleicht nicht mehr als atmosphärisches Gewitter, um die Aufmerksamkeit auf das Produkt zu lenken. Das die Romane waren. Hier will jemand etwas: Das war von Anfang an das Faszinierende an dieser Autorin.

 

Und wie ging es nach Relax weiter?

 

Where have you gone, Popliteratin?

 

Ich hatte, weil ich sie eine ganze Weile schon aus den Augen verloren hatte, nachgelesen, was seit Relax erschienen war. Die Jugendbücher um Lelle kamen mir vor wie ein Vorspann zu Relax – wie die „Kleine“ wurde, was sie im Erstling (tapfer, durchgedreht, traurig) dann ist. Von den Erwachsenenbüchern war Risiko von 2008 das erste seit Relax, das mich aufmerken ließ. Hier bot sich, endlich wieder, eine satt erzählte Geschichte. Und was für eine!

 

In der Vorstadt leben zwei Paare in einer unheilvollen Verstrickung, unschuldig beäugt von kleinen Kindern, die noch nicht gelernt haben, der heilen Welt zu misstrauen. Ein Vater mit Survivalist-Ambitionen trainiert den Nachwuchs im Überlebenskampf. Eine wahnsinnige Nachbarin setzt die Mutter, eine Stewardess, mit Liebesforderungen und Drohungen unter Druck. Die fühlt sich vom Mann der Nachbarin angezogen, das Dreieck birgt fatales Potenzial und wird mörderisch, als die Nachbarin die Kinder entführt. Im Watt verwandelt sich die Geschichte in Horror, als würde nun Stephen King mit an den Strippen ziehen, ein Autor, der Hennig von Lange mit ihrer Bereitschaft, aus Unverfänglichkeit Gewalt platzen zu lassen, liegen müsste. Ich habe sie nicht nach ihm gefragt. Risiko ist ein schwermütiges Buch, der Erwachsenenwelt ist nicht zu trauen: Die armen Kinder. Vielleicht fühlen Mütter so in Zeiten, in denen sie hilflos, zweifelnd sich selbst in die Augen schauen.

 

Aktueller Stand

Ich habe Alexa Hennig von Lange in Berlin besucht, schöne Wohnung in Mitte, zwei Kinder, die beiden Väter in der Nähe, von einem Freund ist die Rede, dessen Namen sie nicht verrät. Nichts ist fremd, alles ist anders, daran freuen wir uns beide. Sie ist 36 Jahre alt und hat in zwölf Jahren sechs Romane für Erwachsene und acht Kinder- und Jugendbücher herausgebracht. Das ist Schriftstellerei als Beruf.

 

Seit einigen Jahren wird Hennig von Lange seltener um Stellungnahmen zum Befinden ihrer „Generation“ gebeten, häufiger dagegen nach der Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft gefragt; als sei Generation eine Frage von Jugend, die sich später dann in die getrennten Welten von Männern und Frauen teilt. Vielleicht teilt auch Hennig von Lange diese Ansicht. Man kann schon Relax als einen Roman über getrennte Welten (die Jungs, die Mädchen) lesen. In den nachfolgenden Romanen rückte die Beziehung zwischen den Geschlechtern noch mehr in den Vordergrund, berichtet wurde meist aus Sicht der Frau. Viel schien sich nicht geändert zu haben, seit die „Kleine“ in Relax zu Hause auf einen Kerl wartete, der ihre Hingabe nicht zu verdienen schien. Nur Drogen kamen kaum noch vor, und wenn überhaupt noch gefeiert wurde, dann mit einer gewissen Schwermut.

 

Abkehr vom Autobiografischen

„Ich glaube an die Popliteratur“, erklärt Hennig von Lange bei meinem Besuch in Berlin. „Der Begriff wurde vielleicht dadurch entwertet, dass so viele junge Autoren damit ausgezeichnet wurden, die ihr eigenes Leben zwischen zwei Buchdeckel packten. Für mich geht es bei Popliteratur um Offenheit. Darum, die Dinge direkt anzusprechen, ehrlich zu sein, unverstellt. So vieles, was ich von andern lese, wirkt für mich verquast, nicht klar formuliert.“

 

Das ist ein Plädoyer für die Popliteratur, aber mit dem Roman nach Risiko wirkt es auch, als hätte die Autorin sich nun endgültig vom Diktum befreit, im Schreiben die Froschperspektive beizubehalten. Dabei ist Peace das Buch, das Relax am meisten gleicht, so sehr, dass ein sichtlich nervöser Moderator des ARD im Gespräch mit Hennig von Lange das Buch gleich zweimal als Relax vorstellte. Die Fernsehaufzeichnung zeigt eine gelassene, souveräne Autorin, die die Versprecher ihres Gegenübers charmant stehen lässt und später, fast beiläufig, darauf hinweist, dass Relax nun doch schon zwölf Jahre her ist. Welche Rolle nimmt sie hier ein? Diejenige einer Autorin, die gelernt hat, dem Kulturbetrieb zu geben, was der Kulturbetrieb verlangt: Seriosität. Nur Tage danach tritt sie dann in der österreichischen Satire-Talkshow Willkommen Österreich auf – und lacht sich einmal quer durchs Interview. Welche Substanzen hat die Frau genommen, fragten die Blogger hinterher. Und schrieben nicht (aber dachten vielleicht), ich möcht, bittschön, genau dasselbe haben.

 

Peace ist so ziemlich das erste meiner Bücher, das überhaupt nicht autobiografisch ist“, stellt die Autorin in einem anderen, wieder nüchternen Interview mit dem NDR klar. „Auch wenn Biografisches natürlich seinen Anteil daran hat.“ Damit sind dann die Sätze Simone de Beauvoirs gemeint, die die Mutter Alexa und ihrer Schwester auf den Lebensweg mitgab. Mach dich nie von einem Mann abhängig! „Man kann“, stellt John Updike irgendwo fest, „als Schriftsteller nur so und so lange das eigene Leben ausbeuten. Irgendwann hat man Erfolg und erlebt nicht mehr so viel. Dann verlegt man sich darauf, das Schreiben von andern auszubeuten.“ Oder damit abzurechnen. Wie war das noch mal mit der Frauenbewegung? Nicht aus Sicht der Macherinnen, sondern ihrer Opfer, sprich der Töchter und Söhne? Die Antwort darauf gibt in Peace die Form einer brillanten, überspitzten Satire.

 

Als ich Hennig von Lange im September nach ihren literarischen Vorbildern frage, nennt sie Charles Bukowski, und ich erinnere mich, dass das in Zeiten von Relax schon so war. Ich hatte es vergessen, und wieder fällt es nicht leicht, die schöne Frau vor mir mit dem saufenden Sänger des hohen Lieds der Körperflüssigkeiten zusammenzudenken. „Ach, das mit dem Alkohol interessiert mich nicht so sehr, das tut mir eher Leid.“ Was sie an Bukowski interessiere, sei der Autor als Störfaktor, jemand, der innerhalb der Gesellschaft Irritation hervorrufe. „Capote war auch so. Max Frisch mag ich ebenfalls sehr.“ Durchwegs Männer, stelle ich fest, denen, qua Geschlecht und Tradition, Provokationen zugestanden werden, die aus der Feder einer Frau mehr als nur Irritation hervorrufen können.

 

Hippiekultur liebevoll in den Dreck gezogen

Peace ist eine Provokation. Die Geschichte kreist um Joshua, 17 Jahre alt, der mit einer Mutter aufwächst, die wie ein einziger Spätschaden des Love & Sex & Rock’n’Roll daherkommt. Hier wird Hippiekultur liebevoll in den Dreck gezogen. Exponentiell verstärkt wird Mama als Katastrophengebiet durch militantere Aspekte der Frauenbewegung, nach deren Vorgaben sie den Sohn „emanzipiert“ großgezogen hat. Sprich (in den Worten Joshuas) als „Haussklave“. „Gleich kamen wieder ein paar schmerzhafte Bilder hoch. Ich mit einem Tablett in Händen. Ich mit Putzlappen auf den Knien. Ich am Bügelbrett ...“ Regelmäßig wird Joshua von Mordlust und Gewaltfantasien heimgesucht, die sich fast alle gegen die Mutter richten, aber – „das Problem war, ich war von ihr zum vollwertigen Pazifisten erzogen worden. Zum gläsernen Kind. Gesellschaftlich und öffentlich einsehbar. Nicht mal das Vertreten meiner eigenen Person war mir gestattet worden.“

 

Joshua tut sich Leid. Da hat Hennig von Lange einen modernen Männergestus gut getroffen. Währenddessen wird seine Mutter immer verrückter. Gleich zu Beginn der Geschichte schließt sie sich im Gästeklo ein. Für Monate, wie sich herausstellen wird – erst zum Guns’n’Roses-Konzert kann Joshua sie aus der Einsiedelei herauslocken. Axl Rose, ausgerechnet! Seine Mutter kommt mit einer selbst gebastelten Flugmaschine fürs Stage-Diving ins Stadion. Auf dem Nachhauseweg verführt sie fast beiläufig einen jungen Konzertbesucher, der nicht viel älter ist als ihr Sohn. Barry wird nun zusammen mit Joshua vor dem Gästeklo sitzen, wohin sich die Anti-Heldin auf dem Pfad zur nebulösen Erleuchtung wieder zurückgezogen hat. Zur gleichen Zeit müht sich Joshua weiter um politisch korrekte Beziehungen (sprich: Sexualkontakte) zu Mädchen, die ihm mitteilen, dass sie beschlossen hätten, keine Gefühle mehr zuzulassen.

 

„Worum geht es in der Popliteratur“, frage ich Hennig von Lange auch in Berlin. „Um die Angst“, antwortet sie. „Die Angst nicht wahrgenommen zu werden, die Angst, keinen Ort in der Welt zu finden, die Angst vor Sinnlosigkeit, Beziehungslosigkeit ... die Angst vor dem Tod. Darum geht es in all meinen Büchern und in den Büchern von Kollegen, die ich schätze. Mich hat immer verwundert, dass die Kritik nicht mehr darüber schreibt.“

 

Ich vermute dagegen (sage es aber nicht), dass es in allen Romanen darum gehen könnte, selbst, oder gerade, in den verquasten. Die Kunst – oder Kunst an sich – besteht dann darin, die Angst produktiv werden zu lassen. Das kann nicht immer gelingen. Aber Peace kommt bemerkenswert angstfrei, geradezu euphorisch daher. Sein Thema ist der Befreiungsschlag, der Joshua am Ende mit Hilfe von gleich drei Vaterfiguren gelingt, aber sein Objekt der Begierde scheint doch eher die wahnsinnige Mutter zu sein. Danach muss man eine Autorin nicht fragen, das kann ein Leser auch einfach behaupten. Joshua ist über weite Teile des Buches ein aggressiver, hilfloser Waschlappen. Seine Mutter ist das nicht. Anders als in Risiko stehen hier nun die Erwachsenen als diejenigen da, die etwas gewagt haben. Und weitgehend gescheitert sind. Geklagt wird nicht. Dass es nun an den Söhnen und Töchtern liegt, etwas zu wagen, ist die sehr korrekte Moral dieses Romans.

 

Peace spielt Anfang der 1990er, und das macht ihn, verglichen mit den früheren Werken, schon beinah zu einem historischen Roman – auf jeden Fall aber zu einer Satire, die mit historischen Gegebenheiten spielt. Die Frauenbewegung, von der Hennig von Lange berichtet, gibt es längst nicht mehr, vielleicht hat es sie so auch nie gegeben. In ihrer Überzeichnung jedoch scheint die Popliteratin – oder ehemalige Popliteratin angesichts des stattgefundenen Ausbruchs aus dem Käfig des Status Quo – zu fliegen. Überbordend und ungebunden, mehr als sie es je zuvor getan hat, selbst in Relax. Wenn die wilde Inszenierung sich mit solcher Kunstfertigkeit ins eigene Werk verlagert, kann sich eine Autorin, deren herrlich abgedrehten Selbstdarstellungen sie auf dem Markt mitpositioniert haben, schon mal sorglos ernsthaft geben.

 

Zumindest für die ARD.

 

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