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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 07:37

    Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug

    22.02.2010

    Billy Pilgrims Reise durch Zeit und Raum

    1969 erschien Kurt Vonneguts Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Der Roman avancierte zur „Antikriegsfibel der Vietnam-Generation“, zum literarischen Meisterwerk der US-amerikanischen Postmoderne. Der Rowohlt Verlag legt jetzt eine Neuausgabe vor. Ein Klassiker-Check von MONIKA THEES anlässlich des 65. Jahrestags der Bombardierung Dresdens, deren Schrecken den Kern dieses immer noch berührenden Romans bildet.

     

    Irgendwann ist Billy Pilgrim aus der Zeit gefallen, seitdem driftet er durch die Episoden seiner Biografie. Alles, was er erlebt hat, hat sich so zugetragen. „Es ist alles wahr“, das Manöver in Süd-Carolina, der Befehl, nach Übersee zu fahren, die Kriegsgefangenschaft, die Bombennacht von Dresden vom 13. auf den 14. Februar 1945 mit ihren Schrecken und Zehntausenden Toten – und die Lehre der Tralfamadorianer, die da lautet: Alle Augenblicke – Vergangenheit und Zukunft – waren immer vorhanden, werden immer vorhanden sein. Eine Person, die stirbt, scheint nur zu sterben, sie ist angesichts ihres Todes lediglich in einem besonders schlechten Zustand, aber sie bleibt sehr lebendig verknüpft – mit vielen Tagen, in vielleicht besserer Verfassung. Warum also weinen? Billy zuckt nur die Schultern, wiederholt, was seine außerirdischen Entführer ihn lehrten: „So geht das.“

     

    Ja, wir erinnern uns: Das berühmte „So it goes“ steht für einen Klassiker, einen Roman, der zur „Antikriegsfibel der Vietnam-Generation“ avancierte, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, eines der ersten literarischen Meisterwerke der US-amerikanischen Postmoderne und für einen großartigen Autor. Kurt Vonneguts fantastisch-realistisches Schlachthaus 5 oder Der Kinderkreuzzug erschien 1969 in den USA, gehörte dort lange, wegen unziemlicher Darstellung amerikanischer Soldaten und Blasphemie, zu den meistverbotenen Büchern. 1970 folgte die deutsche Erstausgabe. Vonnegut brachte der Roman, der „ein wenig in der telegraphisch-schizophrenen Art“ der Science-Fiction geschrieben ist, den literarischen Durchbruch. „Ki-witt, Ki-witt?“, singen die Vögel, der zeitreisende Billy Pilgrim wird im tralfamadorianischen Zoo auf Zircon-212 in einem geodätischen Kuppelbau zur Schau gestellt, 1945 überlebt er in einem Fleischkeller des Städtischen Schlacht- und Viehhofs die Bombennacht von Dresden. Sein Testament spricht er auf Tonband: „Ich, Billy Pilgrim, werde sterben, bin gestorben und werde immer am 13. Februar 1976 sterben.“

     

    Durch eine Tür geschritten, zur anderen hinaus

    Damals, im Februar 1945, trat er am Morgen aus dem Schlachthof, der Himmel war schwarz vor Rauch, die Stadt wie der Mond, schroff, leblos, unbewohnbar. „Alle im weiteren Umkreis waren tot.“ Der Schreckensnacht von Dresden wurde erst kürzlich (zum 65. Jahrestag 2010) gedacht. Längst sind die anfänglichen Schätzungen (135 000 Tote) nach unten auf 17 000 bis 25 000 (oder 35 000) korrigiert. Die alte Mär von Tiefflügen und Phosphorbomben spukt noch immer, obwohl widerlegt, in den Köpfen von „Zeitzeugen“. Das zerstörte Elbflorenz wurde zum Inbegriff des Bombenkriegs, es steht für das Grauen eines unbändigen Feuersturms, das Leiden der Zivilbevölkerung und die tödliche Logik eines „totalen“ Krieges. Die Angemessenheit des alliierten Flächenbombardements darf bezweifelt werden. Historiker stritten und werden streiten. Fest steht, viele von Vonneguts genutzten Quellen wären heute nicht mehr zitierfähig, sein Roman wurde selbst zu einem historischen Dokument – und zu einem zeitlosen Klassiker, einem Meisterwurf.

     

    Kurt Vonnegut jr., geboren 1922 und Deutschamerikaner der vierten Generation, hat selbst als amerikanischer Kriegsgefangener das Inferno von Dresden erlebt und im Keller eines Schlachthauses überlebt. 1967 reiste er mit einem alten Kriegskameraden nochmals nach Dresden. Das Thema erscheine ihm großartig, so Vonnegut, er hoffe, dass es ihm wenn nicht Ruhm, so wenigstens eine Menge Geld einbringen würde. Zunächst fiel ihm nicht viel ein, „jetzt, wo ich ein alter Furz mit seinen Erinnerungen, seinen Pall Malls und seinen völlig erwachsenen Söhnen geworden bin“. Doch er fand Wörter, Sätze und die schildern weniger die Zerstörung einer Stadt als die eines Menschen. Billy Pilgrim, der „1955 durch eine Tür geschritten und 1941 durch eine andere herausgekommen“ ist, fiel nicht aus der Zeit, er hat sich in ihr verfangen. Die Tralfamadorianer holten ihn eines Nachts, stellten ihn nackt in den Zoo und paarten ihn mit einem ehemaligen Filmstar namens Montana Wildhack. Ach so?

     

    Das ist wahr, so sagt er. Daran ändern auch die Schockbehandlungen in einem Krankenhaus für ehemalige Kriegsteilnehmer unweit von Lake Placid nichts, weder seine Frau Valencia, seine Kinder Barbara und Robert (der den Elitetruppen der Green Berets beigetreten ist), noch das behäbige, auskömmliche Optiker-Leben in Ilium, US-Staat New York. Die freundlichen Geschöpfe auf Zircon-212 können die vierte Dimension sehen, sie lehren Billy, wie Augenblicke fortdauern, sie drehen unerbittlich an den Uhren: Im Dezember 1944 erlebt Billy in den Ardennen den letzten großen deutschen Angriff, danach irrt er mit drei anderen Wanderern, ohne Landkarte, ohne Essen, durch den Wald. Er und der fette, großtuerisch daherredende Robert Weary und die zwei weiteren Jungs vom Infanterie-Spähtrupp der US-Army werden von Deutschen aufgegriffen, reihen sich ein in den ostwärts ziehenden Zug der Demütigung: Sie sind 22 oder jünger, kaum den Kinderschuhen entwachsen, ab jetzt Kriegsgefangene der Deutschen und froh, vorerst ihr Leben gerettet zu haben.

     

    Der Gestank nach Senfgas und Rosen

    Wir erinnern uns: 1965 fanden in den USA die ersten Kundgebungen gegen den Vietnamkrieg statt. Der Protest erfasste in den kommenden Jahren Pazifisten, Linke, eine breite Friedensbewegung dies- und jenseits des Atlantiks. Krieg ist barbarisch, er tötet Menschen, verkrüppelt sie lebenslang, sowohl körperlich als auch seelisch. Das Schlagwort der posttraumatischen Belastungsstörung kam auf: ein Syndrom, das verstärkt Vietnam-Veteranen zeigten, das unter anderen Etiketten bereits in früheren Kriegen zu beobachten war, das zu jedem Krieg gehört. Wie verarbeitet der Mensch Extrembelastungen der Bedrohung, des Tötens, der Gewalt? Was machen die Bilder und Erinnerungen? Ist das Unfassbare fassbar? Billy Pilgrim fällt keine Entscheidung, sechzig Zentimeter große, grüne Wesen mit Saugnäpfen unten am Boden und in den Himmel gerichteten Stielhänden haben sie ihm abgenommen.

     

    Billy kehrt zurück in das zerstörte Dresden, er und Kriegsgefangene aus aller Herren Länder öffnen das erste Leichenbergwerk der Stadt, sie riechen den süßlichen Verwesungsgeruch, der zum Gestank wird nach Senfgas und Rosen. Manche steigen hinunter in die Katakomben und schaffen es nicht mehr hoch, während der arme Edgar Derby einen Teekessel, der niemandem gehört, in die Tasche steckt. Die Leichen werden später nicht mehr heraufgebracht, sondern von Soldaten mit Flammenwerfern eingeäschert. Derby wird wegen Plünderung festgenommen, verurteilt und erschossen. Irgendwann wird es Frühling, der Zweite Weltkrieg ist zu Ende. Draußen vor der Stadt steht ein von zwei Pferden gezogener Wagen. Er ist grün und sargförmig. Die freundlichen Männchen raten, Billy solle sich auf die glücklichen Augenblicke seines Lebens konzentrieren, nur auf hübsche Dinge schauen, „während es der Ewigkeit misslang, zu vergehen“.

     

    Dresden ist nicht vergangen, am 13. Februar 2010 läuteten um 22 Uhr alle Glocken, Michail Gorbatschow erhielt in der Semperoper den erstmals vergebenen „Dresden-Preis“, der Aufmarsch einiger Tausend Neonazis konnte verhindert werden. Kurt Vonneguts Schlachthof 5 lenkte Anfang der 1970er-Jahre den Blick auf die Dresdner Bombennacht. Der alliierte Luftangriff auf die Elbestadt finde sich nur als Marginalie in der amtlichen Geschichte der US-amerikanischen Heeresluftwaffe, „obschon er ein so durchschlagender Erfolg gewesen war“, schreibt Vonnegut frotzelnd, bitterschwarz.

     

    Und während Billy Pilgrim Briefe und Verträge über die fliegenden Untertassen vorbereitet, im Dämmerschlaf über die Bedeutungslosigkeit des Todes und das wahre Wesen der Zeit sinniert, kehrt sein Sohn Robert aus dem Vietnamkrieg heim. Es könnte auch Afghanistan sein – oder der Irak, oder, oder ...  Der Krieg tötet nicht allein Leben, er tötet Seelen. Eine zeitlose Wahrheit. „So geht das?“ Ja.

     

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