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Deef Pirmasens im Interview

11.02.2010

,,Das hat ja jetzt mit dem Internet erst mal nichts zu tun!"

MAXIMILAN REEG hat Deef Pirmasens interviewt.

 

Deef Pirmasens, wie fühlt man sich, wenn man den Shootingstar der deutschen Literaturszene quasi abgeschossen hat?

Darum ging´s mir ja gar nicht. Mir ging´s darum, aufmerksam zu machen, dass es eben einen anderen Autor gibt, der Teile von dem, was sie sagt schon geschrieben hat, und der leider nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie bekommt. Der nicht in den Feuilletons besprochen wurde.

Wie bist Du dahinter gekommen, dass sie aus einem Roman des Untergrundschriftstellers und Bloggers Airen abgeschrieben hat?
 

Die Situation ist die, dass ich das Buch von Airen ziemlich gut kenne, weil ich letztes Jahr in München eine Lesung mit Texten daraus gemacht habe. Dann sind mir aber bestimmte Worte aufgefallen, Formulierungen, die rausstechen aus ihrem Text, Wörter wie Technoplastizität, Wörter wie Vaselinetitten und noch ein paar andere, und das hat mich daran erinnert, dass Airen diese Wörter auch verwendet hat. Und ich dachte dann zuerst, na mein Gott, das kann Zufall sein, aber es wurde immer mehr und am Schluss waren´s dann ja, weiß nicht, so 10-12 Passagen, teilweise auch fast ganze Sätze und Motive.

Wie viel hat sie denn insgesamt abgeschrieben?
 
Die wortwörtlichen Stellen sind so zehn, die sehr markant sind. Und abgesehen davon hat sie zum Beispiel am Schluss des Buches einen Brief, den die tote Mutter an die Protagonistin schreibt, ein hasserfüllter Brief, der auch oft zitiert wurde im Feuilleton und sehr gelobt wurde, und dieser Brief, ist der von Helene Hegemann übersetzte Wortlaut des Songs „Fuck you“ von der Band „Archive“ aus dem Jahr 2005, was sie nicht kenntlich macht. Und das ist schon ganz schön dreist.

 

Glaubst Du, sie hat es einfach nicht besser gewusst?
 

Man sollte jetzt nicht zu hart mit ihr ins Gericht gehen, weil sie hat sich ja auch entschuldigt. Ich denke, dass sie sehr wohl weiß, was ein Zitat ist und was die Unterschlagung eines Zitates ist, weil es gibt ein Zitat aus einer Erzählung von David Foster Wallace, das ist ganz korrekt zitiert, ihr Verlag, der Ullstein Verlag hat auch die Erlaubnis für dieses Zitat eingeholt, bei Kiepenheuer und Witsch – insofern scheint ihr das bewusst gewesen zu sein.

Ist abschreiben im Internet normal?
 
Also es wird im Internet sehr viel abgeschrieben, aber zumeist mit Quellenhinweis und Link zur Quelle. Alles andere ist sehr verpönt. Man kann jetzt nicht sagen, wir leben im Internet in einer Plagiat-Kultur, in der es völlig normal ist, Inhalte zu plagiieren und deswegen sei das jetzt rechtens. So ist es nicht.

Ist geistiger Diebstahl Deiner Meinung nach ein typisches Internetphänomen?
 

Tja, gegen Diebstahl kann man sich ja, wenn man irgendwas veröffentlicht, erst mal gar nicht schützen. In dem Moment, wo man etwas veröffentlicht, kann ja jeder hingehen und das wieder verwenden. Das hat ja jetzt mit dem Internet erst mal nichts zu tun, sondern das war ja schon immer so.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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