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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 25. Mai 2017 | 06:53

    Hermann Peter Piwitt: Heimat, schöne Fremde

    25.01.2010

    75 Jahre unter uns

    Eigentlich müsste Piwitt, diesem „unberechenbaren Einzelgänger“ (Peter Rühmkorf), eine Rolle zukommen, wie sie Grass zugeschrieben wird: als jemand, dem man zuhört, dessen Wort etwas gilt. Zu seinem 75. Geburtstag am 28. Januar erscheint nun ein Sammelband mit „Geschichten und Skizzen“, den THOMAS SCHAEFER gelesen hat.

     

    „Und nun ist man alt. Und ruhelos. Und unstillbar gelangweilt. Entzaubert, wie die Welt ist.“ Das notierte Hermann Peter Piwitt im Oktober 1999 in sein Tagebuch. Jetzt, mehr als zehn Jahre später, angesichts des 75. Geburtstags Piwitts am 28. Januar, wirkt diese Aussage nur bedingt zutreffend: alt und ruhelos, das mag ja noch angehen, aber „unstillbar gelangweilt“? Das können wir Piwitt nicht abnehmen, nimmt er doch beharrlich seine seit langem vertraute Position ein: die eines unabhängigen, überparteilichen, jedoch allemal parteiischen Beobachters dieser entzauberten Welt.

     

    Parteiisch seit jeher als dezidiert Linker, der sich jedoch nie dogmatisch einem Lager zugesellt hat. Auf einer solchen Warte droht mannigfache Einsamkeit. Als konsequent nicht zu vereinnahmender Kritiker der herrschenden Zustände, des Kapitalismus, kann man im vom „bürgerlichen Lager“ dominierten Literaturbetrieb und seinen Marktgesetzen schwerlich Fuß fassen. Exemplarisch berichtet Piwitt in Heimat, schöne Fremde, einer repräsentativen Sammlung von zum Großteil unveröffentlichten Notizen, Aufsätzen und Prosaminiaturen aus den letzten 30 Jahren, die pünktlich zum Geburtstag erscheint, von einem Kollegen, der einer Tageszeitung die Rezension eines Piwitt-Buches anbot und vom Redakteur den Bescheid erhielt: „Ihren alten ,Kampfgenossen? Piwitt sähe ich lieber in einer anderen Zeitung.“

     

    Raffiniert, surreal und hochartifiziell

    Eine solche Diskriminierung bedeutet mehr als eine ideologische Demarkationslinie, sie führt an die Grenzen der ökonomischen Überlebensfähigkeit. Doch auch in linken Kreisen ist die Position eines „unberechenbaren Einzelgängers“ (Peter Rühmkorf) keine bequeme: Dem „Kommunismusverdacht“ der einen entspricht der „Bourgeoisieverdacht“ der anderen.

     

    Des ungeachtet ist Piwitt seiner Linie treu geblieben ist. Das gilt vor allem für seine literarische Arbeit. Denn seine Romane, von Herdenreiche Landschaften (1965) über Die Gärten im März (1979), Der Granatapfel (1986) und Die Passionsfrucht (1993) bis zum späten Meisterwerk Jahre unter ihnen (2006) zielen nicht auf sozialen Agitprop-Naturalismus: „Ich glaube nicht, daß aller ästhetischer Ausdruck der Kunst ohne Rest auf die berühmten ,Produktivitätsverhältnisse? zurückzuführen ist.“ Es „bleibt ein gewaltiger Rest, wo Gesellschafts- und Politikwissenschaft gar nicht oder falsch greifen."

     

    Piwitt, der seit seinen ersten Veröffentlichungen als „originäres, eigenwilliges, schwieriges Talent“ (Stephan Reinhardt) galt, spielt raffiniert mit Formen und Perspektivwechseln, (Zeit-)Geschichte und surrealen Elementen, seine Literatur ist hochartifiziell verdichtete Prosa voller Anspielungen und Verweise, Bilder und Fragmente – und gerade deshalb zeitlos und gültig.

     

    Verdichtete Prosa voller Anspielungen und Verweise

    Ähnlich wie der zitierte Rühmkorf es hielt, trennt Piwitt sein literarisches Werk von den medien-, sprach- und vor allem herrschaftskritischen Wortmeldungen in Zeitungen und Zeitschriften (darunter vor allem regelmäßig in konkret). Darin spricht er pointiert Klartext wie kein Zweiter, wie man es in Heimat, schöne Fremde nachlesen kann: „Banken und Konzerne schaffen die Konditionen, unter denen wir uns verständigen, unseren Lebensunterhalt bestreiten, die Kinder aufwachsen lassen, alt werden. Wer macht sie politisch verantwortlich?“

     

    Auf Reisen nach Italien, durch deutsche Provinzlandschaften oder bei Aufenthalten „in einer dieser von Waren und Waschbeton verwüsteten westdeutschen Cities“, „herumirrend unter diesem inzwischen überall einheitlich unterschiedlich maskierten, menschlichen Industrietypus“, auf Gängen durch die gentrifizierten Viertel seiner Heimatstadt Hamburg, in den verbliebenen Reservaten der kleinen Parks und Kneipen, begegnet er der Befindlichkeit des an seiner Vergötterung des freien Marktes erstickenden Systems, dessen absurde Logik suggeriert, es gebe keine Alternative mehr zum Totalitarimus eines gänzlich durchökonomisierten Daseins.

     

    Den Veränderungen des „Milieus“ und der Lebensbedingungen spürt er nach in Gesprächen mit Obdachlosen, „Betrunkenen und Irren“, sogenannten „kleinen Leuten“. Es bedarf keiner elaborierten Gesellschaftsanalysen, um zu begreifen, was faul ist im Staate Deutschland: Die „Nachtjäger, ,Bogeys?, einsam im Großstadtdschungel“, mit „ihren unvergeßlichen Schicksalen und ihren Schnacks“, aufgerieben im Kampf ums ökonomische Überleben und so etwas wie Würde, gar Glück, bringen es aus eigener Erfahrung auf den Punkt: „Um im Sozialismus leben zu können, sind wir doch alle schon viel zu kaputt."

     

    ,,Einmischen und auf Änderung sinnen"

    Kein Wunder, dass sich Piwitt mit der Frage konfrontiert sieht, warum er so pessimistisch sei.

    Es spricht für Piwitt, dass er nicht nur klar und illusionslos benennt, was im Argen liegt, sondern über all die Jahre nie die Utopie des Positiven, den Traum vom selbstbestimmten Leben, von Solidarität und Gerechtigkeit, aus den Augen verloren hat: „Geschichte ist derzeit in den westlichen Industriestaaten auf eine so schreckliche Weise zum Stillstand gebracht worden, daß sie nicht mehr den geringsten Ansatz zum Mitmachen, Gemeinmachen, Weitermachen bietet.“ Gerade deshalb ist es „zu einer puren Überlebensfrage geworden, irgendwie etwas ganz anderes anzufangen."

     

    Wären die Zustände nicht so, wie sie sind, müsste Hermann Peter Piwitt in diesem Land eine Rolle zukommen, wie sie Grass zugeschrieben wird: als jemand, dem man zuhört, dessen Wort etwas gilt. Trotz seines Außenseiterstatus hält Piwitt als einer vom Stamme Sisyphos fest an dem „klammheimlichen Vergnügen, es könne doch noch irgendwo Gerechtigkeit geben“. Es spricht nicht für unsere literarische Öffentlichkeit, dass nach wie vor gilt, was Matthias Altenburg vor Jahren schrieb: „Die lesende Welt bekommt noch einmal die Chance, einen Autor zu entdecken, den bislang nicht entdeckt zu haben, ihr zum eigenen Schaden gereicht: einen der größten Stilisten, einen der berückendsten Erzähler der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.“

     

    „Du wolltest schöne Werkstücke machen; und wenn die politischen Zumutungen unter die Gürtellinie noch der schlichtesten Vernunft gingen, widersprechen, dich einmischen und auf Änderung sinnen dürfen“, zieht Piwitt in Heimat, schöne Fremde Bilanz. Es ist uns zu wünschen, dass dem großen Dichter und Aufklärer noch etliche Jahre unter uns zukommen, ruhelose, ausgefüllt mit auf Änderungen sinnendem Widersprechen und dem einen oder anderen schönen Werkstück.

     

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