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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 13:58

    Deutscher Jugendliteraturpreis für Andreas Steinhöfel

    26.11.2009

    Nicht diskriminierend, nicht pädagogisierend

    "Ich liebe das Lachen, weil es die Angst vertreibt, die diese verrückte Welt erzeugt". Ein interview mit Andreas Steinhöfel, dem aktuellen Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises. Von SUSANNE MARSCHALL

     

    Ein Preis jagt den anderen, Auszeichnungen flattern ihm gleich bergeweise zu: Letztes Jahr erhielt Andreas Steinhöfel unter anderem den „Corine“ für sein gerade erschienenes Buch Rico, Oskar und die Tieferschatten, vor kurzem den „Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis“, und im März dieses Jahres wurde er für sein gesamtes bisheriges Werk mit dem Erich Kästner Preis geehrt. Jetzt bekam er für seinen ersten Rico-Band den „Deutschen Jugendliteraturpreis“: Weil, so die Begründung der Jury u.a. „Steinhöfel eine ganz besondere Milieuschilderung gelingt, die weder diskriminierend gegenüber den Figuren, noch überfürsorglich pädagogisierend gegenüber seinen jungen Lesern ist, sondern einfach nur treffend und liebevoll.“ Dennoch ist der berühmte Kinder- und Jugendbuchautor völlig unprätentiös. Auch wenn man ihn das erste Mal trifft, hat man das Gefühl, gerade gestern stundenlang quasselnd mit ihm durch seine Wahlheimat Berlin gezogen zu sein.

     

    "Wenn hier einer meint, den Molly machen zu müssen, dann schmeißt ihn der Steinhöfel einfach raus.“ Rabauken kann er bei seinen Lesungen nicht brauchen. Gegen schlafmütziges Rumhängen hat er allerdings nichts - er will ja niemanden zum Zuhören verdonnern: „Nur bitte ohne Schnarchgeräusche.“

    Mit baumelnden Beinen sitzt Andreas Steinhöfel auf einem Tisch und grinst die Sechstklässler freundschaftlich an. Gekicher. Das Eis ist gebrochen in dem unterkühlten, schmucklosen Glaskasten mit der Nummer 044 in der Ettlinger Realschule im Badischen. Es ist die vorletzte Station seiner Lesereise, und der 47-Jährige sieht etwas abgekämpft und müde aus.

    Aber er ist voll da. Blitzt mit seinen wasserblauen Augen mal ernsthaft, mal verschmitzt in die Runde, scherzt und plaudert mit den Teenies, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und die finden es „voll cool“, dass er nicht nur in seinen Büchern ihre Sprache spricht.

    Zuerst kalte Füße

    Lokomotivführer wollte er als Kind werden, danach „ziemlich lange Tierarzt.“ Nach dem Abitur hatte Steinhöfel, geboren im hessischen Battenberg, aber ganz andere Pläne: Lehrer scheint dem damals vollbärtigen Idealisten genau das Richtige zu sein, und er studiert Biologie und Englisch. Beim ersten Schulpraktikum kriegt er allerdings kalte Füße: „Plötzlich erschreckte mich die Verantwortung, und ich hatte Angst, der Aufgabe nicht gewachsen zu sein.“ Deshalb lässt er das Lehramtsstudium sausen und sattelt um auf Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. Als er dann an seiner Magisterarbeit sitzt, fällt ihm zufällig das Kinderbuch in die Hände, das sein Bruder für den Carlsen-Verlag illustrieren soll.
    Er ärgert sich gewaltig: Weil es nur so strotzt vor moralinsaurer Pädagogik und schulmeisterlicher Strenge. Da muss er einfach kontern: Denn wenn Andreas Steinhöfel etwas noch nie leiden konnte, dann diese stockernsten Von-oben-herab-Kinderbücher mit erzieherischem Zeigefinger.

    Chaos und Wahnsinn?

    Also setzt er sich hin, schreibt flugs eine kleine Geschichte und schickt sie frech an Carlsen. Das war im Herbst 1989. Zwei Jahre später kam Dirk und ich heraus: ein Lausbubenbuch mit scheppernd witzigen Chaosgeschichten über den ganz normalen Familienalltag und seinen funkensprühenden Wahnsinn. „Seitdem bin ich Schriftsteller“, sagt Andreas bescheiden und grient: „Es war am Anfang wirklich nur ein Jux. Ich hab das in keinster Weise ernst gemeint.“

    Na, ob er da nicht doch ein bisschen flunkert? Sein Rico jedenfalls, der „Tiefbegabte“ aus der Berliner Dieffe mit den Bingokugeln im Kopf, der letztes Jahr seinen ersten großen Auftritt hatte, würde die plötzliche Autorenkarriere seines Schöpfers wohl nur kurz und knapp mit „Mann, Mann, Mann!“ kommentieren. In einem Atemzug und abwärts schleifendem Tonfall.

    In erster Linie sollen seine Kinder- und Jugendbücher Spaß machen: „Ich liebe das Lachen, weil es die Angst vertreibt, die diese verrückte Welt erzeugen kann“, schreibt der Familienmensch Steinhöfel vor 19 Jahren seiner Lektorin. Und auch wenn er Kinder als „egomanische kleine Monster“ bezeichnet, begeistert ihn doch genau dieses kindliche Gerechtigkeitsdenken, das so üppig aus ihrer unschuldigen Naivität sprießt. Ihr Humor und ihr „großes Potenzial, Chaos zu stiften“.

    In der Schicht darunter gibt es allerdings einiges zum Nachdenken in seinen Texten: „Nicht als zwingendes Muss, sondern als Angebot.“ Denn er kratzt gerne am Lack, am äußeren Schein. Raut mit spitzer, aber doch leichtfüßiger Lust die glattpolierten Oberflächen seiner Figuren auf und entlarvt die Kleinkrämerseelen. Da, wo es welche gibt. Zoomt liebevoll in die Gefühlswelten seiner Protagonisten: Macht ihr Innerstes fühl- und (be)greifbar, mit zärtlich zugewandtem Respekt, und lässt Stimmungen melodiös vibrieren. Dann nicht plötzlich, nicht hastig, langsam, Schritt für Schritt zieht er sich zurück, um dann von Außen die gesamte Situation zu betrachten. Ein Überblicksbild zu malen.

    Ungebremst gegen die Intoleranz

    Andreas Steinhöfel, der auch als Übersetzer, Drehbuchautor und Rezensent arbeitet, mag „Durchgeknallte“. Deshalb wimmelt es in seinen Büchern auch von skurrilen Individualisten und wunderlichen Exzentrikern: Sie sind seine Antihelden, die als kauzige, aber ehrliche und aufrichtige Sonderlinge immer wieder anecken. Von Steinhöfel gnadenlos überspitzt, der klaren Abgrenzung und schillernden Bildhaftigkeit wegen, knallen sie oft ungebremst gegen die beschränkte Intoleranz der Spießbürger. Und halten ihnen dabei schonungslos das eigene Spiegelbild vor die Nase, hauen ihnen ihr scheinheiliges Getue um die Ohren: Weil sie in ihrem Anderssein selbstbewusst sind und sich meist recht wenig darum scheren, was die Umwelt von ihnen hält.

    Daneben gibt es aber auch Grenzgänger, die einen Verstand haben und ihn auch einschalten: Wie der Ich-Erzähler Paul in Steinhöfels zweitem Buch „Paul Vier und die Schröders“. Er macht nämlich nicht mit bei der bösartigen Hetzkampagne gegen die schrillen Schröders, sondern freundet sich mit den eigenwilligen Persönlichkeiten an. Dadurch öffnet sich für Paul eine neue Welt jenseits der Kaffeeklatschschubladen und provinziellen Bigotterie. Ein Universum, bunt, schillernd und feinfühlig, das ihm den Mut gibt, den anderen die feige Maskerade vom Gesicht zu reißen.

    "Emotionaler Rückgriff auf die eigene Kindheit"

    Autobiografisch ist keines seiner 18 Bücher. Auch sein 1998 erschienenes Buch Die Mitte der Welt nicht, das für Furore sorgte und 1999 mit dem „Buxtehuder Bullen“, dem Preis der „jungen Jury der jungen Leser“ ausgezeichnet und für den „Deutschen Literaturpreis“ nominiert wurde. Das wünschen sich nur etliche Leser und gewisse Kritiker, die den dicken Wälzer „als grandiosen Coming-out-Roman eines Schwulen“ gelobt haben. Da war er übrigens so richtig stinkesauer. Aber natürlich sind seine Gestalten ein Teil von ihm: von seiner Persönlichkeit und seinem Denken, seinen Empfindungen und seiner Sensibilität, seinem facettenreichen Blick auf und in die Welt und seinen Beziehungen.

    Hat er erstmal ein grobes Personengerüst, „fällt es mir leicht, mich in die Figur einzufühlen. Da fließt es nur so aus mir heraus“: Die passende Sprache und der ungekünstelt leichte Ton mit den vieldeutigen Wortspielereien, die Komik und Tragik so wunderbar miteinander verwebt. Da wandelt er dann in seinen Protagonisten wie ein Entdecker auf Abenteuerreise. Formt sie und macht sie wahrhaftig und glaubhaft. Lässt ihnen aber immer Zeit und Raum, innerlich zu wachsen, sich in der Welt zu orientieren, die eigene Meinung und den Standpunkt zu finden. Und hangelt sich beim Schreiben an seinen Gefühlen entlang: „Emotionaler Rückgriff auf die eigene Kindheit“, nennt das der offenherzige Formfetischist Steinhöfel, der wie Rico gerne alles möglich aufsammelt, was auf der Straße liegt. Nur keine Fundnudeln.

    Aber er möchte diese Gabe des Hineinversetzens, die Welt mit den Augen anderer betrachten, lieber nicht genauer untersuchen oder gar sezieren: „Damit sie mich nicht verlässt." 

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