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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 21:04

    100. Geburtstag von Juan Carlos Onetti

    02.07.2009

    Grenzverwischungen als ästhetisches Prinzip

    Am 1.Juli vor 100 Jahren wurde Juan Carlos Onetti in Montevideo geboren. ANDREAS MARTIN WIDMANN über den uruguayischen Schriftsteller und seinen im Rahmen einer Werkausgabe bei Suhrkamp erschienenen Roman Das kurze Leben, der insofern kennzeichnend für Onettis Schreiben ist, als  er sich mit dem Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit auseinandersetzt, ohne je theoretisch zu werden.

     

    Ein Mann steht unter der Dusche und hört durch die Wand, wie seine Nachbarin mit einem Besucher spricht. „Verrückte Welt“, sagte noch einmal die Frau, wie nachäffend, wie übersetzend. Ich stellte mir ihren Mund vor, wie er sich vor dem nach Kälte und Gärung riechenden Atem des Kühlschranks bewegte, oder vor dem braunen Holzperlenvorhang, der steif zwischen dem Abend und dem Schlafzimmer hängen mußte und die Unordnung der jüngst eingetroffenen Möbel verdunkelte. Zerstreut lauschte ich den abgehackten Sätzen der Frau, ohne an das zu glauben, was sie sagte.“ Der Mann unter der Dusche heißt Juan Maria Brausen. Er ist Angestellter einer Werbeagentur, steht kurz vor der Entlassung und arbeitet an einem Drehbuch. Während seiner Frau Gertrudis eine Brust amputiert wird, stellt er sich vor, was in Nachbarwohnung geschieht. Mit dieser Szene beginnt Juan Carlos Onettis (1909 – 1994) Roman Das kurze Leben.

    Zwei Leben

    Als der Roman, der Onettis Ruhm begründete, 1950 in Argentinien erstmals erschien, wurde er von der Kritik zunächst übergangen. Onetti lebte damals seit fünf Jahren in Buenos Aires, wohin er aus seiner Heimat Uruguay ausgewichen war. Sein Geld verdiente er als Reporter für die Nachrichtenagentur Reuters, nebenher veröffentlichte er Texte in literarischen Zeitschriften. Fünf Jahre später zog er wieder nach Montevideo, arbeitete als Werbetexter und Journalist und übernahm schließlich, wie der zehn Jahre ältere Borges auf der anderen Seite des Rio de la Plata, die Leitung der städtischen Bibliotheken. Zuletzt ging er, nachdem er 1974 wegen eines regierungskritischen Artikels mehrere Wochen im Gefängnis verbracht hatte, ins Exil nach Madrid.

    Auch Brausen, mit dem Onetti den Vornamen teilt, will fliehen, jedoch nicht vor der Politik, sondern vor dem eigenen Leben, das ihm zugleich inhaltslos und beengend erscheint. Den Geräuschen aus der Nachbarwohnung lauscht er wie einer Verheißung, er wartet auf das Gewitter, das den Frühling ankündigt erprobt sich darin, in seiner Phantasie Dinge und Menschen zu erschaffen, die es noch nicht gibt und die er deshalb nicht sehen kann. Eines Nachts, während seine Frau neben ihm schläft, erfindet er als Hauptfigur für sein Drehbuch den Arzt Diaz Grey und die Stadt Santa Maria. „Ich ging auf Zehenspitzen zum Balkon und betastete die halb heruntergelassene Holzjalousie. Ich lächelte, verwundert und dankbar, weil es so leicht gewesen war, ein neues Santa Maria in der Frühlingsnacht auszumachen.“

    Erfindung der Wirklichkeit

    Man hat als Leser einem Schöpfungsprozess beigewohnt, dessen Bedeutung sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen lässt, der jedoch über den Roman hinausweist und Onettis Rolle in der lateinamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts illustriert, denn was hier geschieht, ist die Erschaffung einer Welt mit den Mitteln der Sprache und der Kunst, die der Wirklichkeit gleichberechtigt gegenübergestellt wird. Nach und nach verliert sich Onettis Figur in dieser selbst erschaffenen Welt. Brausen verwirft das Drehbuch, hält jedoch an den erfundenen Figuren fest und schreibt die Geschichte des Arztes Diaz Grey und seiner morphiumsüchtigen Patientin Elena Sala kapitelweise weiter. Zur gleichen Zeit fädelt er, mehr oder weniger geschickt, die Bekanntschaft mit seiner Nachbarin Queca ein. Er gibt sich als Freund eines ihrer Bekannten aus, nennt sich Arce und beginnt unter falscher Identität eine Affäre mit ihr. Streckenweise lebt er drei parallele Leben: Sein eigentliches, das von Arce, in den er sich verwandelt, wenn er Queca besucht und seine fiktionale Existenz als Diaz Grey, bis ihm klar wird, dass er sein Dasein völlig ausgehöhlt hat.

    „In diesem Augenblick […] begriff ich, daß ich seit Wochen eines gewußt hatte: Ich, Juan María Brausen und mein Leben waren nichts als leere Formen, bloße Darstellungen einer alten, träge aufrechterhaltenen Bedeutung, eines ohne Glauben durch Menschen und Straßen und Stunden der Stadt, durch Routinehandlungen hingeschleppten Wesens. Ich war an dem unbestimmten Tag verschwunden, an dem meine Liebe zu Gertrudis geendet hatte; ich lebte im geheimen Doppelleben von Arce und dem Provinzarzt weiter.“

    Am Ende von Das kurze Leben flieht Brausen, der Mitwisser eines Mordes geworden ist, zusammen mit dem jungen Täter nach Santa Maria. Dort geraten sie in die Festlichkeiten des Karnevals und leihen sich Kostüme. Die Identitäten lösen sich auf, Brausen hat sich ganz in Diaz Grey verwandelt. Die letzten Seiten des Romans sind aus dessen Sicht und mit dessen Stimme erzählt – der Erzählerheld ist in seiner eigenen, erfundenen Geschichte aufgegangen.

    Selbstportrait mit Brille

    Dass es möglich wird, von Buenos Aires in die erfundene Stadt Santa Maria zu reisen, ist kennzeichnend für Onettis Schreiben und für seinen Glauben an die eigene Berechtigung der Kunst und zugleich für das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit, mit dem sich der Roman auseinandersetzt, ohne je theoretisch zu werden. Im zweiten Teil von Das kurze Leben gibt es ein Kapitel, das „Begegnung mit der Geigerin“ heißt. Während der Arbeit an dem Manuskript lernte Onetti die junge Dorotea Muhr, seine spätere, insgesamt vierte Ehefrau kennen, in die er sich auf den ersten Blick verliebte, als er sie mit einer Geige in der Innenstadt von Buenos Aires sah. Dieses persönliche Erlebnis, von dem Onetti später mehrfach berichtet hat, verarbeitete er umgehend in seiner Fiktion und verwandelte so das Leben in Literatur. Etwas Ähnliches geschieht, wenn eine Figur namens Onetti mit einem Mal in der Erzählhandlung auftaucht. Metalepse nennen Literaturwissenschaftler das. Nach seiner Entlassung eröffnet Brausen zum Schein eine eigene Werbeagentur und mietet ein halbes Büro von einem Mann – „er hieß Onetti, lächelte nicht, trug eine Brille und ließ ahnen, daß er nur Frauen mit blühender Phantasie und engen Freunden sympathisch sein konnte“.

    Wie Alfred Hitchcock, der in seinen Filmen in einer kurzen Einstellung zu sehen ist, geht hier der Autor plötzlich selbst durchs Bild und liefert nebenbei ein lakonisches Selbstportrait. Der, der schreibt, wird an dieser Stelle selbst beschrieben. „Er begrüßte mich um zehn, bat gegen elf um einen Kaffee, empfing Besucher und nahm Telefonanrufe entgegen, redigierte Schriftsätze, rauchte Gier und sprach mit ernster, stets gleich bleibender, träger Stimme“ heißt es weiter. Das Bild ähnelt dem, welches Onetti im Alter auf Fotos und in Interviews vermittelte, als auch in Europa sein Rang erkannt und mit internationalen Auszeichnungen gewürdigt wurde: Ein gebildeter, reservierter Herr, der von einem unheilbaren Pessimismus durchdrungen zu sein scheint. Dass Onetti den entsprechenden Abschnitt von einem Bekannten, den er um eine Kurzdarstellung seiner Person gebeten hatte, wörtlich in seinen Text übernahm, verhilft dem Spiel mit den Grenzverwischungen, welches der Roman zum ästhetischen Prinzip macht, zu einer weiteren Volte.

    Nachfolger

    Dass fast termingerecht zu Onettis 100. Geburtstag Werner Schroeters Diese Nacht in die Kinos kam, eine großartige und eigenwillige Verfilmung von Onettis Roman, in der der Regisseur das düstere Werk mit opernhafter Opulenz bebildert, ist vielleicht sogar Zufall. Dass außerdem ein Buch von Mario Vargas Llosa auf Deutsch erscheint, in dem dieser sich mit Onetti beschäftigt, ist es nicht, weder was Publikationsstrategien, noch was die Verbindung beider Autoren betrifft, und der Jubilar hätte sich kaum einen besser geeigneten Laudator wünschen können.

    Man kann Onettis Einfluss daran ermessen, wer vor ihm und wer nach ihm kam. Vor Onetti ragt aus der Geschichte der lateinamerikanischen Literatur mehr oder weniger vereinzelt Borges als Vertreter avantgardistischer Schreibweisen heraus wie ein Obelisk; gut zehn Jahre nach Erscheinen von Das kurze Leben treten die Autoren der so genannten Boom-Generation an: Carlos Fuentes aus Mexiko, Mario Vargas Llosa aus Peru und Gabriel Garcia Marquez aus Kolumbien, die drei bekanntesten, sind wie Onetti Schriftsteller von Weltrang und, anders als jener, schon zu Lebzeiten auch von Weltruhm, und jeder von ihnen beruft sich auf Onetti und auf die wegweisende Wirkung seines Werks. Sie wird nachvollziehbar, wenn man sich dem Autor durch die revidierte Übersetzung nähert, die im Rahmen der groß angelegten Werkausgabe erscheint.

    Das große Verdienst dieser Neuausgabe ist es, die Texte von Firnis und Staub, die sich auf der ersten Übertragung angesammelt hatten befreit, sie gewissermaßen wieder ans Licht gebracht zu haben. Im Vergleich mit diesen früheren Versionen fällt auf, dass der Erzählton härter, zugleich aber auch klarer und glatter geworden ist. Es seien einige Fehler zu beheben gewesen heißt es im Nachwort, doch die Herausgeber haben mehr geleistet, als die sprachlichen Mängel und Ungenauigkeiten zu beheben. Sie haben Onettis Poesie restauriert und erlebbar gemacht und mit der auf mehrere Bände angelegten Werkausgabe ein Projekt begonnen, das die Bedeutung des Autors in der Wahrnehmung deutschsprachiger Leser nachhaltig wird festigen können.


    Bei dem Beitrag handelt es sich um die aktualisierte und erweiterte Fassung eines Artikels, der zuerst in der Zeitschrift LiteraturNachrichten Afrika Asien Lateinamerika (Litprom) erschienen ist.

    Foto: Suhrkamp Verlag

     

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