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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 07:39

    Friederike Kretzen im Gespräch

    27.04.2009

    Von der Normalität einer small town

    In Leverkusen läuft bis zum 30. April 2009 das einwöchige Lesefest „Lev liest“. Am Sonntagabend kehrte die Autorin Friederike Kretzen für eine Lesung in ihre Heimatstadt zurück. Über die Rolle der Stadt und die Dimension des Anderen in ihrem Schreiben, besonders in ihrem jüngsten Roman Weißes Album, sprach Sie mit STEFAN ANDRES.

     

    Frau Kretzen, in Ihren Romanen spielt Leverkusen wiederkehrend als Ort der Handlung eine zentrale Rolle. Sie sind in Leverkusen geboren – wie autobiographisch sind Ihre Romane?

    Friederike Kretzen: Ich reagiere da sehr allergisch, weil es immer heißt, Frauen können nur Autobiographien schreiben, im Gegensatz zu Männern, die immer Kunst oder Literatur schreiben. Ich glaube, jede Literatur ist autobiographisch. Mag sie noch so fiktiv und verschlüsselt und gekünstelt daherkommen. Für mich ist das eigentlich kein Gegensatz und es ist auch kein Unterschied. Ich schreibe mit den Erfahrungen, so wie ich sie selbst erlebt habe – ich kann ja nur davon schreiben. Leverkusen ist ein sehr besonderer Ort und ich habe immer das Gefühl: ich muss versuchen, mir klar zu machen, dass man aus so einem Ort kommen kann.

    Was ist so besonders an Leverkusen?

    Kretzen: Ich finde es einfach unglaublich fiktiv. Das ist eine Behauptung von einem Ort. Und dann ist es natürlich auch eine massive Materialität, eine massive Ökonomie, die diesen Ort gegründet hat. Was sich Leverkusen nennt, ist ja eine Verdeckung von dem, was da vorher war. Und das gibt es in der Struktur der Stadt ja immer noch, aber das ist durch dieses Großgebilde Leverkusen überhaupt nicht mehr zu erkennen.

    Sie sind nach dem Abitur fortgegangen, Sie leben jetzt in der Schweiz, in Basel. Glauben Sie, dass dieser Schritt aus Leverkusen weg nötig war, um das Schreiben über Leverkusen überhaupt zu ermöglichen?

    Kretzen: Ich würde sogar soweit gehen: Ich wollte auch aus Deutschland raus. Ich erzähle ja nicht nur über Leverkusen, sondern eine deutsche Geschichte. Diese Erinnerungen sind ja keine Verherrlichung, sondern der Versuch, sich im Grunde zu vergewissern: Gab es das eigentlich? Von wo komme ich eigentlich? Habe ich eine Herkunft? Kann man den Ort benennen? Gibt es den auf der Landkarte? Oder habe ich mir das womöglich alles nur ausgedacht? Ich glaube, für meine Generation gab es schon sehr stark das Gefühl von gekappten Wurzeln, von zerbrochenen Verbindungen, nach den Weltkriegen.

    Sie sagen, es ist keine Verherrlichung – das ist es tatsächlich nicht. Der Ton erinnert ein wenig an Thomas Bernhard, der ja auch sehr böse gegen seine Heimat wettern konnte.

    Kretzen: Im Grunde kann man ja versuchen zu fragen: „Wie erträglich ist das eigentlich, wo man drin lebt?“ Sich herauszunehmen, zu sagen: „Das ist nicht erträglich!“ – das hat, würde ich sagen, mit Freiheit zu tun. Früher hieß es dann immer: „Dann geh doch nach drüben.“ Aber das wäre ja keine Alternative.

    In Ihren Romanen tauchen immer wieder Trotzkisten, Leninisten, Maoisten auf. Haben Sie sich vielleicht auch verdächtig gemacht, für das System hinter dem „Eisernen Vorhang“ zu sympathisieren?

    Kretzen: (lacht) Ja, gut. Also, ich bin ja Jahrgang 56. In meinem vorletzten Buch, Übungen zu einem Aufstand, da geht es noch einmal sehr stark um diese ganz besondere Sozialisation, später dann an der Uni . . .

    . . . also in der Zeit nach Leverkusen?

    Kretzen: Nach Leverkusen. Und wenn man dann Soziologie studiert, in dieser Zeit, da war schon was los. In Übungen zu einem Aufstand habe ich das angesiedelt zwischen 1975 und 77. Mit der Schleyer-Entführung, mit diesen Selbstmorden, mit dieser unglaublichen staatlichen Repression, ist auch etwas zu Ende gegangen. Und über das Schreiben von diesem Buch Übungen zu einem Aufstand habe ich mich auch gefragt: „Habe ich das eigentlich erlebt? Oder habe ich mir das immer nur eingebildet?“ Das hatte etwas von einer ganz bestimmten, ich nenne das mal: revolutionären Energie. Das hatte wirklich etwas mit Kraft zu tun. Jetzt bin ich irgendwie auch noch einmal sehr viel älter geworden und denke plötzlich: ja, vielleicht war ich ja wirklich in einem historischen Moment jung, wo tatsächlich so was da war, also auch von den Konstellationen, von den Aufbrüchen. Es war etwas aufgebrochen mit 68. Es stand wirklich etwas offen, was dann mit dieser RAF und dieser ganzen Repression auch wieder zugegangen ist. Und auch, wie ich meine, bis heute verschüttet ist. Alles, was jetzt über die RAF aufgearbeitet wird, da habe ich wirklich das Gefühl, da geht’s jetzt um Geister. Das sind alles irgendwie so Phantome, die da die ganze Zeit bearbeitet werden, da geht es um etwas ganz anderes.

    Um was?

    Kretzen: Das weiß ich auch nicht, aber um das, um was es gehen soll, geht es ganz bestimmt nicht. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich noch erlebt habe, wo es wirklich so etwas gab wie einerseits den Glauben – und zwar einen allgemeinen Glauben daran, dass sich Gesellschaft verändern lässt. Dass sich der Zustand, der schlechte Zustand, in dem wir leben, in dem wir irgendwie so drin sind, gefangen sind, konsterniert sind, dass der sich verändern lässt. Und dass es vielleicht gar nicht mehr so lange hin ist, dass es sich verändert. Das war damals.

    Diesen Glauben gibt es heute nicht mehr?

    Kretzen: Nein, so nicht mehr. Was ich wirklich ganz erstaunlich finde: ich sehe im Moment so keinen Widerstand. Das finde ich sehr befremdend. Eine unglaubliche Anpassung ist da, eine unglaubliche Anpassungsleistung – man kann das ja auch als Leistung beschreiben. Aber zu sagen: „Nein, das mach ich nicht, das will ich nicht. Ich lass’ mich nicht, beispielsweise, von Bologna-Punkten qualifizieren“, das finde ich im Moment sehr, sehr wenig. Und damit einher geht natürlich auch eine Frage wie: „Darf man kompliziert schreiben? Darf man sagen, es ist kompliziert, deswegen schreibe ich kompliziert?“ Aber ich mach’s nicht komplizierter als es ist. Im Gegenteil.

    In Ulla Hahns Roman Das verborgene Wort, der zum Teil auch in Leverkusen handelt, geht es um ein Mädchen, das sich von ihren Eltern aus dem Arbeitermilieu mittels Literatur emanzipiert. Ist Leverkusen literarisch interessant, weil exemplarisch für Gegenwart oder Nachkriegszeit?

    Kretzen: Das kann man nicht an einen Ort binden. Ich glaube, was Leverkusen auszeichnet, das ist diese Normalität. Das gibt es irgendwo zwischen Köln und Düsseldorf, da fährt man ganz schnell dran vorbei und dann sieht man vielleicht noch dieses Leuchtding von Bayer. Aber das war’s. Und dann kennt man noch Bayer Leverkusen, den Fußballverein. Aber es geht doch um die Normalität davon, dass es das gibt. Also, von Paris kann man sich nicht emanzipieren, da kann man nur raus gehen und dann sagen alle: beleidigt. Aber Leverkusen? Es gibt doch so einen Lou Reed-Song, der heißt „Small Town“, der handelt eigentlich nur davon, dass man weiß, dass man von hier weggehen muss.

    Erzählen Sie doch mal von dem Leverkusen, wie es in Ihren Romanen vorkommt.

    Kretzen: In meinen Büchern gehört zum festen Personal das Haus der Großmutter, der Thurnshof aus dem 18. Jahrhundert. Sie hat Betten vermietet an Arbeiter, die im Bayerwerk gearbeitet haben, damit hat sie vor dem Zweiten Weltkrieg angefangen, weil es da der Familie finanziell sehr schlecht ging. Der Hof stand in unmittelbarer Nähe zum Werk, das auch immer näher und näher kam, weil es immer größer wurde. In den 30er Jahren wohnten noch Handwerker bei ihr, die durch die Gegend zogen. Das hat sie auch durch den Krieg durch gemacht. Nach dem Krieg sind erst die jungen Männer aus der Eifel gekommen. Die haben dann aber lange da gewohnt, die haben richtig Anstellung im Bayerwerk gehabt. Und nach denen aus der Eifel kamen die Spanier, dann kamen die Jugoslawen und sehr, sehr viel später kamen die Italiener. Die Deutschen waren dann irgendwie nicht mehr da. Oder die haben dann geheiratet und haben sich in Leverkusen ansässig gemacht.

    Sie verwenden den Begriff „Schlafmänner“ in Ihren Romanen.

    Kretzen: So hieß das bei uns in der Familie: Das waren die „Schlafmänner“. Das war der Begriff, den ich dafür hatte. In meinem Roman Indiander, da kommt das noch einmal ganz anders vor. Indiander erzählt noch einmal ganz anders, bezogen auf Leverkusen, auch Ich bin ein Hügel, besonders aber Indiander.

    Sie erzählen nicht chronologisch, sondern arbeiten mit Anspielungen, mit sich wiederholenden Motiven und Bildern.

    Kretzen: Ich denke immer: Wie können wir ein ganz bestimmtes Wissen von Geschichte erzählen? Wie sie versprengt, aktualisiert ist und wie wir sie immer wieder neu zusammensetzen. Dazu reizt mich die Montage viel zu sehr. Das ist ja ein künstlerisches Verfahren, wo ich das Gefühl habe: Darin lässt sich Erkenntnis gewinnen. Und für mich hat Literatur und Schreiben immer noch mit Erkenntnis zu tun. Ich will da was wissen, und ich fange an zu schreiben, um etwas zu erfahren, und nicht, weil ich was weiß.

    Wer sind Ihre literarischen Vorbilder?

    Kretzen: Bei Weißes Album war mir Virginia Woolfs Wellen sehr nahe. Das ist natürlich hoch gegriffen. Aber ich finde, das ist ja ein irrsinniges Verfahren, das sie da anwendet. Wenn man fragt, was kann man von Virginia Woolfs Wellen lernen – da lernt man die Wellen!

    Deshalb auch die „Wellenschrift“ in Weißes Album.

    Kretzen: Ja, richtig. Und sie erzählt ja auch nichts anderes, als dass unser Leben wirklich eingebettet ist in die Bewegung der Wellen und dass jedes Leben ein kleines Meer ist. Aber das kann man nur erfahren, wenn man sich auf diese Bewegungen einlässt. Und das heißt auch, nicht immer gucken müssen, ob’s eine Antwort gibt oder ob es die richtige Antwort gibt.

    Am ehesten Ihre Rolle einnehmen in Weißes Album könnte Hanna, die das ganze auch aufschreibt. Gehört diese reflexive Dimension, über Schreiben und Sprache, für Sie dazu?

    Kretzen: Ja, klar. Aber das ist natürlich nun wirklich der gute, alte Brecht. Mir geht es eigentlich darum, dass ich, was ich schreibe, auch tue. Dass man nicht irgendwie da einen schönen Satz hinschreibt und sagt, das ist ein schöner Satz. Sondern dass er schön ist, darin erweist sich der schöne Satz. Ich kann nicht sagen, ich möchte einen schönen Satz schreiben. Das geht nicht, denn damit ist er noch nicht schön. Sondern der Satz muss schön sein.

    Hanna ist auch diejenige, die „vorwärts schreibt“.

    Kretzen: Ja, das hat etwas mit diesem „Nach Moskau!“ zu tun, das in dem Roman immer wieder auftaucht, angelehnt an Tschechows Drei Schwestern. Ich finde es immer wieder interessant, zu sehen, wie man eigentlich in Richtungen lebt und denkt. Wo ist vorne? Wo ist hinten? Vorwärts mag das sein, was hinter einem liegt. Vorwärtsschreiben ist vielleicht eine viel internere Geschichte und hat gar nichts mit vorne zu tun, sondern mit der Kraft, mit den Wellen zu tun.

    Im Sinne von „sich wach halten“?

    Kretzen: Oder wach zu werden. Das ist ja auch noch einmal ganz wichtig in „Weißes Album“: Die wachen auf.

    Richtig, das Aufwachen der drei Protognistinnen. Wie kann man sich das vorstellen? Oder anders: Wo ist der Aufwachraum?

    Kretzen: Wahrscheinlich in dem, dass man die Hoffnung nicht reduziert, dass man weiterhin sagt: „Nach Moskau!“ Es gab ja nie diesen realen Ort, es war immer noch der Raum der Hoffnung, wohin man noch gehen könnte. Und ich denke, das ist eigentlich der Ort, in dem und über den man überhaupt aufwachen kann, den man immer braucht, wenn man sich realisieren will. Man kann sich nicht hier am Ort realisieren, man braucht immer die Dimension des anderen. Sonst wird man nicht wach. Sonst meint man immer nur, man sei wach. Das ist ja das Tückische. Es gibt ja unheimlich viele tolle Witze darüber, dass man meint, man sei wach, dabei ist man als jemand falscher aufgestanden.

    Sie schreiben weiter vorwärts?

    Kretzen: Ich habe das Gefühl, das fängt jetzt erst an.

     

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