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Leena Lehtolainen: Rezension & Interview

04.04.2009

Maria neben der Spur

In ihrem neuesten Fall ermittelt die finnische Kommissarin Maria Kallio unter Leistungssportlern und Sportfunktionären. Dabei lässt Leena Lehtolainen ihre Hauptfigur lange Auf der falschen Spur laufen. Mit gewohnter Hartnäckigkeit und ungewohntem Widerwillen fördert Maria dabei interessante Geschichten zutage, nur nicht die Lösung ihres Falles. Als sie das endlich merkt, ist sie erleichtert, und die Leser auch. JUDITH HAMMER hat sich mit der finnischen Autorin einlässlich beschäftigt und unterhalten

 

Dieser Kriminalroman beginnt damit, dass die Kommissarin keine Kommissarin mehr ist. Maria Kallio, die treue Leser als die Leiterin des Gewaltdezernates in Espoo kennen, hat diesen Job an den Nagel gehängt und forscht nun in einer Projektgruppe über häusliche Gewalt. Sie genießt ihr Familienleben bei geregelten Arbeitszeiten. Die Autorin legt hier schon einmal die Spur, an der Maria sich festbeißt: Jutta, eine Sportjournalistin, erhält Morddrohungen. Damit beschäftigt sich die Ex-Kommissarin zunächst nur privat, um ihrer besten Freundin Leena einen Gefallen zu tun. Der Anfang wirkt zögerlich und ruhig, so wie Marias Leben im Moment zu sein scheint, da sie im Innenministerium Daten sammelt und das Familienleben genießt. Endlich hat sie genug Zeit und Abstand, all das zu verarbeiten, was sie als Polizistin erlebt hat. Doch als ein Mord geschieht, erhält Maria den Versetzungsbefehl zurück zur Polizei.

Lange geschieht wenig

Im ersten Teil des Romans erklärt Lehtolainen die Situation Kallios, ihr Privatleben, ihre Motive zum Jobwechsel ausführlich. Das erleichtert den Einstieg für die Leser, die die anderen Romane nicht kennen. Aber die Beschreibungen der Hintergründe gehen auf Kosten der Dynamik. „Meine Haare (…) waren so lang wie nie zuvor in meinem Erwachsenenleben, sie reichten weit über die Schultern. Ich band sie nur zusammen, wenn ich respektabel wirken wollte, was in meinem derzeitigen Job nicht jeden Tag nötig war.“ Solche Sätze betonen den persönlichen Charakter der Erzählung, spannend wird sie dadurch nicht. Kapitelweise wühlt sich Maria immer tiefer in die falschen Spuren hinein, und fördert dabei so wenig ans Licht, dass der Leser viel Geduld braucht. Sie selbst will auch so schnell wie möglich wieder weg aus dem Revier. Die Ermittlungen kreisen um die Morddrohungen, die die Journalistin Jutta erhält, nachdem sie enthüllt hatte, dass einige Aushängeschilder des finnischen Leistungssports ihrer Begabung mit Doping auf die Sprünge halfen. Wer wollte sie vergiften? Die Trainer, die Sportler, oder hat sie alles nur inszeniert, um ihre Karriere in Schwung zu bringen? Anstatt hier Hinweise zu streuen, die sich im Hinterkopf der Kommissarin und des Lesers verdichten könnten, zieht Leena Lehtolainen am Ende eines Kapitels unerwartet ein Detail aus dem Ärmel, das zum nächsten Kapitel überleitet: Da kommt ein Anruf aus der Gerichtsmedizin oder ein Verdächtiger entschließt sich nun doch, auszusagen. Das bringt zwar die Handlung voran, wirkt aber manchmal konstruiert.

So läuft es im Leistungssport

Viele Sportler verlassen sich heute nicht mehr auf Schweiß allein, das lernt die sportliche Maria hier. Leistungssteigernde Mittel gehören oft zum Speiseplan, und manche halten das für ein Kavaliersdelikt. Wer den Sport fördert und mit welchen Mitteln, das zeigt Leena Lehtolainen in diesem Roman nachvollziehbar. Viele Interessen sind im Spiel, die die Autorin so auf die Figuren verteilt, dass fast alle irgendetwas zu verbergen haben. Moralisierend wird es nicht, zu lakonisch sind die Kommentare der Kommissarin: „Inzwischen betrachtete ich den Länderkampf als seltsames Relikt aus Vor-EU-Zeiten. In der schwedischen Mannschaft kämpften Immigranten der zweiten Generation, und die Logos der Sponsoren waren größer als die Nationalflaggen.“ Damit die Leser auch wirklich alles verstehen, versorgt die Autorin sie mit ausführlichen Erklärungen. Durch Maria Kallios Ausflug in die Forschungsarbeit gibt es noch einen zweiten Hintergrund für die Geschichte: Häusliche Gewalt. Leena Lehtolainen behandelt das Thema differenziert und lässt die Schilderungen für sich sprechen. Überraschend und geschickt verknüpft sie am Ende die beiden Fäden, die zu Beginn die Trennung zwischen Marias beiden Berufswelten verkörpern.

Fortsetzungen folgen

Leena Lehtolainen wurde mit ihrer Maria-Kallio-Reihe bekannt. Auf der falschen Spur ist der zehnte Roman, in dem die Kommissarin die Hauptrolle spielt. Die Autorin schrieb schon im Alter von zwölf Jahren ihr erstes Buch, einen Jugendroman; mit dem Schreiben von Krimis begann sie 1993 mit Maria Kallio als Hauptfigur. Die Literaturwissenschaftlerin ist eine der bekanntesten Krimiautorinnen Finnlands. Das finnische Fernsehen hat bereits einige Maria-Kallio-Romane verfilmt.

Leena Lehtolainen hält sich auch in diesem Buch an ihr bewährtes Rezept: Viel persönliche Note, eine Anzahl von Spuren und interessante Einblicke in ein Milieu. Zartere Gemüter können das Buch beruhigt lesen, trotz Autobomben und Vergiftungen gibt es keine drastischen Detailschilderungen. Auch ohne die Lektüre der früheren Bände kann der Leser der Entwicklung folgen. Aber packend ist dieser Krimi nur in wenigen Abschnitten, zum Beispiel am Schluss, als es in einem dramatischen Finale noch mehr Tote zu geben droht und der Schuldige endlich gefasst wird. Wer gerne wissen will, wie sich Maria Kallios Leben entwickelt, der wird den Roman dennoch nicht aus der Hand legen.

Judith Hammer





Ein Gespräch mit Leena Lehtolainen


Judith Hammer
: Leena Lehtolainen, Auf der falschen Spur ist Ihr zehnter Krimi mit der Hauptfigur Maria Kallio. Schreiben Sie im Moment schon den nächsten? Wie viele weitere wird es in dieser Reihe geben?

Leena Lehtolainen
: Ich arbeite gerade an einem neuen Roman, aber er handelt nicht von Maria Kallio. Ich plane, noch mindestens zwei weitere Romane mit ihr als Hauptfigur zu schreiben. Aber wie viele es insgesamt werden, das habe ich noch nicht entschieden. Ich habe nicht das Gefühl, das ich das jetzt schon tun müsste.

J. Hammer
: Für jeden Kallio-Roman haben Sie als Rahmen ein ganz bestimmtes gesellschaftliches Thema gewählt. In einem Buch ist es der Tierschutz, in einem anderen Prostitution, in Auf der falschen Spur geht es um Doping. Warum suchen Sie einen solchen Hintergrund für Ihre Kriminalgeschichten aus?

L. Lehtolainen: Im Allgemeinen beginnt jeder meiner Romane mit einer Frage oder mit einem Thema. Es kann sein, dass ich nicht einmal selbst weiß, wie ich darüber denke, und indem ich darüber schreibe, erforsche ich es.

J. Hammer
: In Ihren Krimis zeigen Sie die Charaktere auch in ihrem Privatleben, Sie beschreiben ihre persönlichen Probleme und Gewohnheiten. Wie wirkt sich das auf die Geschichte und den Spannungsaufbau aus?

L. Lehtolainen
: Auch eine Polizistin hat ihr eigenes Privatleben, und so sehr die Menschen auch versuchen, Arbeit und Privates auseinander zu halten, so verschwimmen die Grenzen dazwischen doch häufig. Es ist in Finnland im Moment ein großes Thema, wie man das Arbeitsleben und die Familie miteinander vereinbaren kann, fast jeder denkt darüber nach. Indem ich das Familienleben von Maria Kallio beschreibe, versuche ich auch, der Geschichte einen gewissen Rhythmus zu geben, der manchmal nicht sehr schnell ist. Dadurch bekommt der Leser eine Atempause.

J. Hammer
: Wenn Sie an die verschiedenen Genres denken, sehen Sie eine Verschiebung innerhalb von fiktiver Literatur, vom „Gesellschaftsroman“ zu Kriminalromanen mit einem gesellschaftlichen Hintergrund?

L. Lehtolainen
: Es stimmt, heute vermischen sich die einzelnen Genres immer mehr. Zumindest in den skandinavischen Ländern sind die Kriminalromane voller sozialer Fragen, wie man sie auch in den Werken Henrik Ibsens und August Strindbergs oder in den Stücken der finnischen Dramatikerin Minna Canth findet. Der sogenannte Mainstream-Roman bedient sich großzügig beim Kriminalroman und die Grenze zwischen den Gattungen ist nicht immer erkennbar. Ich halte das für eine gute Entwicklung.

J. Hammer
: In Auf der falschen Spur gibt es, wie in den bisherigen Maria Kallio-Romanen, viele Bemerkungen und Beobachtungen über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Da trifft man etwa auf männliches Macho-Verhalten oder auf eine Frau, die sich zwischen ihrer Karriere und ihrer Familie entscheiden muss. Sind das im Moment auch aktuelle Themen in Finnland?

L. Lehtolainen
: Ja, leider. Ständig wird darüber diskutiert, ob die Kinder zu Hause glücklicher aufwachsen oder in einer Tagesstätte, und weil Männer im Allgemeinen höhere Gehälter als Frauen beziehen, bleibt die Mutter oft zu Hause bei den Kindern. Die Machos sind nur eine Minderheit, aber dafür sind sie laut.

J. Hammer
: Sie kennen sicher all die Klischees über die Finnen: Sie gehen in die Sauna, trinken viel und halten sich gerne draußen in der Natur auf. Maria Kallio findet manchmal nur in der Sauna ein bisschen Privatsphäre. Wie viel ist dran an den Klischees?

L. Lehtolainen
: Wir Finnen lieben unsere Sauna und viele von uns gehen jeden Tag dorthin! Einige Menschen – wieder eine Minderheit – haben Alkoholprobleme, und weil sie in der Öffentlichkeit trinken, sieht man das oft. Einige Finnen, die in der Stadt leben, sind lieber drinnen, aber es gibt viele von uns, die gerne Ski fahren, wandern oder joggen. Ein Klischee über die Finnen ist inzwischen überholt: Wir sind nicht schweigsam: Wir reden die ganze Zeit – mit unseren Mobiltelefonen!

J. Hammer
: Bevor Sie eine Vollzeitschriftstellerin wurden, haben Sie Literaturwissenschaften studiert. Hilft Ihnen dieser Hintergrund jetzt beim Schreiben?

L. Lehtolainen
: Ich denke, es hilft, wenn ich die Geschichte plane, den Aufbau entwerfe, bevor ich mit dem eigentlichen Schreibprozess beginne und auch, wenn ich meinen Text redigiere. Aber während ich schreibe, analysiere ich nicht und denke nicht theoretisch über das nach, was ich schreibe.

J. Hammer
: Gibt es einen Teil des Schreibens, den Sie am meisten mögen? Und was gefällt Ihnen daran nicht so sehr?

L. Lehtolainen
: Ich plane gerne und denke gerne über die Charaktere nach, lerne sie kennen. Und wenn das Schreiben an sich gut läuft, genieße ich meine Arbeit. Ich hasse Korrekturlesen und bin auch nicht sehr gut darin, Rechtschreibfehler zu finden.

J. Hammer
: Welche zeitgenössischen Autoren lesen Sie gerne? Und warum?

L. Lehtolainen
: Ich kann gar keine einzelnen Namen nennen, da ich sehr viel lese und viele verschiedene Arten von Literatur.

J. Hammer
: In Deutschland ist Krimiliteratur aus Skandinavien zurzeit sehr beliebt. Haben Sie eine Erklärung dafür? Und kann man aus Ihrer Sicht überhaupt von „Skandinavischen Krimis“ sprechen?

L. Lehtolainen
: Kriminalromane aus Skandinavien oder Nordeuropa sind sich in einigen Punkten ähnlich, aber es gibt auch viele Unterschiede, also ist es wohl an sich keine eigene Gattung. Hier in den nordischen Ländern werden auch viele eher uninteressante Romane geschrieben, weil es solch ein Trend ist. Ein Krimi aus Skandinavien ist also nicht automatisch ein gutes Buch, aber viele von ihnen sind es.

J. Hammer
: Vielen Dank für das Gespräch.

 

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