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    Montag, 29. Mai 2017 | 07:40

    Fontane-Preis für Emine Sevgi Özdamar

    30.03.2009

    "Ich bin in der deutschen Sprache glücklich geworden"

    - Laudatio auf die Fontane-Preisträgerin Emine Sevgi Özdamar

    Die 1946 in der Türkei geborene Schriftstellerin, Schauspielerin und Regisseurin Emine Sevgi Özdamar (u. a. Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus, Die Brücke vom Goldenen Horn, Seltsame Sterne starren zur Erde) erhielt den Fontane-Preis 2009 des Landes Berlin. Die nachfolgende Laudatio in der Akademie der Künste, Berlin hielt unser Mitarbeiter WOLFRAM SCHÜTTE.

     

    „Kein türkischer Autor, außer dieser Schriftstellerin, hat je etwas Vergleichbares geschrieben – nämlich einen Roman, der quer durch zwei Kulturen galoppiert.“ Das hat der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo an ihr bewundert. Und sein englischer Kollege John Berger erkannte in ihr „eine Poetin des Verschwundenen, des Unsagbaren: komisch und schrecklich zugleich“. Die Rede war von Emine Sevgi Özdamar.

    Zwei europäische Autoren & Intellektuelle von literarischem Rang, die beide auf je eigene Art sich von der Kultur ihrer Herkunft entfernten und sich der Fremde – sei’s im marokkanischen Marrakesch, sei’s im bäuerlichen Leben in Savoyen – zugewandt hatten, haben nach der Lektüre des Debütromans Das Leben ist eine Karawanserei in ihrer jüngeren türkischen Kollegin eine Geistesverwandte entdeckt. Nur dass die in Anatolien geborene Sevgi Özdamar radikaler als Goytisolo und Berger nicht nur eine andere Kultur & Lebensweise erkannte und sympathetisch begleitete; sie hat sich selbst, mit 44 Jahren erst, & einzig in der deutschen Sprache als Schriftstellerin zur Welt gebracht. Also nicht, wie sie sagt, in ihrer türkischen „Mutterzunge“. Deshalb gehört ihr ¼uvre aus Romanen, Erzählungen und Theaterstücken zur deutschen Literatur.

    Zum Vergleich fällt einem einzig der Pole Teodor Korzeniowski ein, der als „Joseph Conrad“ einer der größten englischen Erzähler wurde. Wie dieser von den Abenteuern der Seefahrt, in der er den ersten Teil seines Leben verbrachte, so erzählt auch Emine Sevgi Özdamar von den Abenteuern ihrer familiären Odyssee in der Türkei und ihren Lebensreisen als theaterbegeisterte Schauspielerin und Regisseurin in der Türkei, Frankreich und Deutschland. War das ersehnte Ziel des polnischen Emigranten die englische Handelsmarine, so der magische Hafen des jungen türkischen Mädchens und der erotisch emanzipierten Frau aus Anatolien das Berliner Brechttheater, das der Schweizer Benno Besson an der Ostberliner Volksbühne sinnlich fortführte.

    Joseph Conrad wie Sevgi Özdamar sind an ihren poetischen Orten angekommen, aber erst zu Schriftstellern geworden, indem sie ihre verwickelten Lebensläufe & Welterfahrungen in ihren Adoptivsprachen erzählerisch nachvollzogen oder transzendierten, aber aus ihnen die Stoffe für ihre Prosa entwickelten. Jedoch das Leben – das Selbsterlebte und das Imaginierte – will ja nicht nur erzählerisch zurückgerufen und literarisch beschrieben sein, sondern sprachlich erschaffen werden. An der poetischen Originalität offenbaren sich Rang & Qualität einer literarischen Prosa. Mir scheint, das ist heute fast vergessen worden.

    Zunge : Sprache

    Es gibt wenige unter unseren Autoren, die sich zumindest auch als „Wortmetz im Steinbruch der Sprache“ verstehen, wie das Arno Schmidt für sich reklamierte. Er hätte nicht schlecht gestaunt, wenn er in der „Mutterzunge“ einer in der Türkei geborenen, aber erst durch Deutsch sich selbst und uns literarisch präsent gewordenen Autorin erfahren hätte, dass ihre Mutter sie bewundernd eine „Wortmetze“ genannt hat.

    Zugegeben: Um der Pointe willen habe ich das in einen Archaismus übersetzt, was Emine Sevgi Özdamar aus dem Türkischen ihrer Mutter auf Deutsch an Land gezogen hat: das erfundene Wort „Mundhure“. Nahebei liegt das uns geläufige Wort von der „Maulhure“, das nicht gerade als Empfehlung gilt. Aber das schert die geborene Türkin, die sich sprachlich ins Deutsche einbürgert, keinen Deut: „In meiner Sprache heißt Zunge: Sprache. Zunge hat keine Knochen, wohin man sie dreht, dreht sie sich dorthin“: So beginnt ihr erzählerisches Werk. Sie hat darin auch „keine Scheu vor vulgären Wörtern im Deutschen“, sehr wohl aber im Türkischen. Wirkt da das Vaterland noch nach?

    In ihren Büchern ist das deutsche Pendant zum amerikanischen „fucking“ erstaunlich oft – aber nicht als inflationärer Fluch – vertreten. Speziell auch in einer türkischen Kindheit, die zwar keusch bleibt, aber alles andere als unerotisch. Eine Nachkriegskindheit, in der zugleich jene „Geschlechtswerkzeuge“, die Immanuel Kant zum „wechselseitigen Gebrauch“ in der Ehe bestimmt sieht, als männliche „Waren“ durch die Gegend getragen werden oder als weibliche „Schachteln“ so lange verschlossen bleiben sollen, bis sie als „Diamanten“ später verloren gehen möchten. Das ist ein Ziel, für das die Autorin ihre Ich-Erzählerin auf eine ebenso abenteuerliche wie pikaresk-humoristische Reise schickt – und zwar souveräner als fucking Henry Miller, weil die sexuelle Erfüllung bei ihr immer Teil der erotischen Utopie bleibt.

    Für die schöne Schamlosigkeit, mit der sie deutsche Wörter gebraucht, besitzt sie einen plausiblen Grund: „In der Fremdsprache haben Wörter keine Kindheit.“ Also auch keine Geschichte, deren Druck von ihnen genommen ist, wenn die sprachliche Newcomerin sie zwar als vorgefundene, aber von ihr modulierbare Gebrauchsgegenstände sich aneignet. Das mag man der Gnade einer nicht-deutschen Geburt zuschreiben oder dem Mut, sich bei der semantischen Grenzüberschreitung ein ganz eigenes Terrain zu gewinnen. Es ist aber unser Gewinn.

    Dabei fallen ihre Blicke auf die Gegenstände unseres Sprachgebrauchs – Blicke, die mitnichten „naiv“ sind, sondern eher Karl-Valentinhaft „hinterfotzig“, wenn nicht sogar im 68er-Sinn „hinterfragend“ werden.
    Zu „Gastarbeiter“ assoziiert sie z. B.: „Ich sehe vor mir 2 Personen, eine sitzt als Gast, und die andere arbeitet.“ Derart verfremdet sich unter der schreibenden Hand Emine Sevgi Özdamars das gesprochene Alltagsdeutsch in ihr eigensinnig-phantasievoll erschriebenes. Es pflügt unsere Sprachwelt um, nicht selten unterminiert es sie – und zwar, indem längst versteinerte Melodien, ausgeblichene Bilder zum Singen & Leuchten gebracht werden. Was wir in der Prosa unserer Preisträgerin erfahren, ist die radikale Rückgewinnung des Animistisch-Visuellen, des Bilder-Sprachlichen, des Sprach-Bildlichen. Es ist die Rückkehr der Fantasie in die Wörter. Ein hochpoetischer Vorgang, dessen Pathos-Formel lauten könnte: „Und siehe, die Metaphern leben!“

    Und weil die Metaphern leben, wacht die deutsche Sprache wieder auf aus dem Schlaf der diskursiven Vernunft ihrer Abstraktionen, und es zieht ein in sie: die ganze Karnevalistik der Masken & Bilder, der wieder sinnlich gewordenen Begriffe, der uns greifbar naherückenden Dinge.
    Zum Beispiel hier: „Die Armut lief wie eine ansteckende Krankheit durch die Straßen. Ich schaute auf die Armen wie auf Pestkranke und konnte nichts für sie tun. Wenn ich einen halben Mann im Rollstuhl sah, versuchte ich, nicht von vorne mit ihm in Augenkontakt zu kommen, aber ich schaute lange hinter ihm her. Nur die Blinden schaute ich von vorne an. In die Augen der Armen zu gucken, war sehr schwer. Ich schaute so oft über meine linke Schulter, um die Armut von hinten zu sehen, dass mir meine linke Schulter wehtat.“

    Alles ist Bildlichkeit, Situation, Augenblick, Wiederholung: ein gestisches Beschreiben, das den Akt der Scham, der Armut nicht ins Gesicht sehen zu können, ins Körperliche übersetzt – bis hin zur linken Schulter, die schmerzt.

    Und diese Momentaufnahme aus Istanbul wird fortgesetzt – bis in die Erweckung der Dinge hinein: „Auf den steilen Straßen standen viele Bücherverkäufer. Sie legten ihre Bücher auf die Erde, und der Wind blätterte in ihnen, Bücher von der Russischen und der Französischen Revolution oder über Widerständler, die vor 500 Jahren von den Ottomanen geköpft worden waren […]. Alle getöteten, erwürgten, geköpften Menschen, die nicht in ihren Betten gestorben waren, standen in diesen Jahren auf. Die Armut lief auf die Straße, und die Menschen, die in ihrem Leben dagegen etwas hatten tun wollen, lagen jetzt als Bücher auf den Straßen. Man mußte sich nur zu ihnen bücken, sie kaufen, und so kamen viele Getötete in die Wohnungen, sammelten sich in den Regalen, neben den Kopfkissen und wohnten in den Häusern. Die Menschen, die mit diesen Büchern die Augen zu- und aufmachten, gingen am Morgen als Lorca, Sacco und Vanzetti, Robespierre, Danton, Nazim Hikmet, Pir Sultan Abdal, Rosa Luxemburg wieder auf die Straße.“

    Was in den 68er-Jahren ganz nüchtern „Rezeption revolutionärer Literatur“ genannt wurde, wird buchstäblich & märchenhaft in bildliche Verinnerlichung verwandelt.

    Schamlos und liebevoll verliebt

    An einer anderen Stelle mutiert eine zeittypische Intellektuellenszene zur Ikonografie einer Grandville’schen Bildergeschichte – und Grandville, der satirische Fantast in Walter Benjamins Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, wurde von den Surrealisten als ihr Vorläufer betrachtet: „Eines Tages saß ein neuer Intellektueller unter ihnen, er sah aus wie eine Eule […]. Sie schauten alle zu dem Mann, der wie eine Eule aussah, und wenn er einen Satz sagte, ging ein anderer in den Satz hinein wie eine große Schere, schnitt den Satz in der Mitte durch und vervollständigte den Satz selbst. Dieser Satz wurde wieder von einer anderen Schere zerschnitten. Plötzlich saßen zwanzig große Scheren am Tisch, die sich nach links und rechts drehten.“

    Es gibt – neben dem Märchenhaften und Surrealen – noch eine dritte poetische Fügung, deren sprachliche Leuchtzeichen einem plötzlich aus der kreativen Prosa Emine Sevgi Özdamars entgegenblinken – und aus der Sprachwelt jener deutschen Barockdichter zu kommen scheinen, die Günter Grass einmal zu seinem Treffen in Telgte geladen hatte.

    „Oh Mensch“, heißt es da an einer Stelle mit expressionistischem Zungenschlag: „Oh Mensch, was hat dich von deinem hochsinnigen Herrn abwendig gemacht.“ Wer unter unseren Autoren kennte und gebrauchte noch das schöne, alte Wort für eine große Geste der anteilnehmenden Liebe: „hochsinnig“? Von „hohem Sinn“, wo doch Niedertracht als zynischer Einklang mit der Welt an der Tagesordnung ist? Aber noch auffälliger, barocker, emblematischer ist das geradezu Caspar-von-Lohensteinhafte „abwendig gemacht“. Man sieht buchstäblich die Körperdrehung der sich abwendende Geisteshaltung, als würde eine Hand eine menschliche Figur vom Anblick des hochsinnigen Herrn wegdrehen.

    So ist die Prosa Emine Sevgi Özdamars schamlos und liebevoll verliebt in den leidenschaftlichen Wörter-Verkehr & dessen Zeugungslust; und ihre sinnliche Verwandlung des Lebens in einen pulsierenden Sprachleib epischen Erzählens spricht ein unbändiges Verlangen nach Zärtlichkeit in der Armseligkeit und Kälte der Welt aus – oder in den Worten des späten Brecht: nach Güte und Freundlichkeit.

    Mit Mut ins Unversicherbare

    Man wird sich von dem Mut der 19-Jährigen, ins Unversicherbare aufzubrechen und ihre Freibeuter-Existenz und ihren Lebensunterhalt in einer fremden Kultur zu finden, nur den respektvollsten Begriff machen müssen. Aber nicht allein Wunschenergie und Lebenswillen gehörten dazu, sondern auch das Verlangen nach Lebenslust & Daseinsfülle, die sie mit den Geistesgegenwärtigen ihrer Generation weltweit von Berkeley über Paris, Berlin, Prag bis Istanbul teilte. Es war der letzte kollektive Wunschtraum zum Besseren in diesem katastrophalen Jahrhundert; das globalisierte Aufleuchten eines weltumgreifenden Lebensgefühls, das die Kunst und die sozialen Bewegungen, das individuelle erotische Glück und den Willen zur gerechten Güterverteilung in der Gesellschaft als gelebte Einheit ultimativ imaginierte.

    Den kolossalen Traum von dieser Großen Utopie hat Emine Sevgi Özdamar mitgeträumt und befördert: erst in Westberliner Wohngemeinschaften unter Arbeitsemigranten und später in Ostberlin als Regieassistentin an der Volksbühne. Dazwischen aber als Schauspielstudentin und Wanderschauspielerin in der politisch gärenden Türkei, bevor das Land brutal durch das Militär kaltgestellt wurde. Als sie endgültig 1976 in die Emigration ging, hatte sie die Vision: „Das Land stirbt, alle Menschen werden getötet, man muß das Land fotografieren, bevor es stirbt. Die Geschichte unserer Generation ist plötzlich zum Märchen geworden […]. Wenn wir dieses Märchen nicht schreiben, bleibt nur die Statistik übrig, in der man lesen kann, dass es uns gegeben hat.“

    In Die Brücke vom Goldenen Horn, dem Mittelstück ihrer Istanbul-Berlin-Trilogie, mit der sie auf 1001 Seiten schelmenhaft und chaplinesk „quer durch die Kulturen galoppiert“, gelingt ihr ein bewegendes & fabelhaftes Kunststück: die komische Geschichte einer erotischen Erweckung & weiblichen Emanzipation mit der tragischen vom blutigen Ende der politisch-kulturellen Revolte in der Türkei zu synchronisieren.

    Mit Emine Sevgi Özdamar ist die deutsche Literatur über den Bosporus gegangen – und reich beschenkt zurückgekehrt. „Ich bin in der deutschen Sprache glücklich geworden. Deshalb schreibe ich deutsch“, hat sie einmal ihre literarische Wahl begründet. Aber was für ein Glück war das auch für uns, meine Damen und Herren!
    Dafür danken wir Dir, liebe Emine.

    Foto © Isolde Ohlbaum

     

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