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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 24. Mai 2017 | 02:19

    Tilman Rammstedt im Gespräch

    23.03.2009

    Die Musikalität von Sätzen spielt eine große Rolle beim Schreiben

    Buchmessenachlese: HANNS-WERNER PRUNCK und Tilmann Rammstedt unterhalten sich über den Kaiser von China, das menschliche Grundbedürfnis nach Spiel und ihre Lieblingsbücher.

     

    Hanns-Werner Prunck: Herr Rammstedt, ich habe Ihren "Kaiser von China" heute mal mitgebracht, weil ich gehört habe, dass Sie ihn gar nicht dabei haben.

    Tilman Rammstedt: Nein, ich kenn´s ja jetzt auch ein bisschen. Ich hab´s im Hotel, es darf sich heute tagsüber mal ausruhen.

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    HWP: Ich habe bemerkt bei dem Buch, dass es sehr rhythmisch geschrieben ist. Hat das etwas damit zu tun, dass Sie auch Musiker sind?

    TR: Ich bin nicht so richtig Musiker, das ist ein bisschen übertrieben. Ich spiele in einer Art Band, bei der es aber sehr um Texte geht. Dort spiele ich ein paar Instrumente, allerdings nicht besonders gut. Die Musikalität von Sätzen spielt eine große Rolle beim Schreiben. Das ist sozusagen das einzig richtige Stilmittel, das sich bei mir durchzieht. Es geht darum, dass die Texte nicht nur lesbar, sondern vor allen Dingen auch vorlesbar sind, und hoffe, dass sich das hoffentlich auch beim Leiselesen erschließt.

    HWP: Messeschwerpunkt ist dieses Jahr China. Welche Beziehung haben Sie persönlich zu diesem Land? Waren Sie schon einmal dort?

    TR: Nein, ich habe eigentlich keine richtige Beziehung zu China, außer dass es - irgendwann als ich das Buch anfing zu schreiben - so langsam losging. Es war 2007, die Olympiade lag in der Luft und das chinesische Wirtschaftswunder. Und andauernd hörte man von China. Es war ständig präsent in den Medien. Aber ich habe das Gefühl, trotzdem weiß niemand etwas darüber. Und dann hatte ich die Idee, ich könnte doch ein Buch über China schreiben und große Teile des Buches spielen tatsächlich in China, jedenfalls in einem erfundenen China.

    HWP: War das genau das Reizvolle als Schriftsteller, zu sagen, ich schreibe über ein Land das ich nicht kenne, ich kann es mir halb ausdenken?

    TR: Ich konnte es mir eigentlich ganz ausdenken. Ich glaube, ich hätte nicht darüber schreiben können, wenn ich da gewesen wäre. Dann hätte man plötzlich so eine Bringschuld gehabt, Erfahrungen, Eindrücke, mit denen man hätte abgleichen können. Und so hatte ich die vollkommene Freiheit. Ich hatte einen Reiseführer, genau wie der Erzähler - der denkt sich das ja auch nur aus, er hat auch nur einen reiseführer - an den habe ich mich am Anfang viel gehalten und dann zum Schluss eigentlich gar nicht mehr, dann habe ich mir alles ausgedacht und das machte dann auch am meisten Spaß.

    HWP: Das Wunderbare an diesem Buch ist, es beginnt eigentlich mit einer Schreibblockade. Den ersten Text den Keith Stapperpfennig schreibt ist: Lieber Großvater, du bist tot. Herzliche Grüße Keith. Und danach bricht es aus ihm heraus. Es beginnt mit sehr viel Sprachlosigkeit, Keith ist ein sehr sprachloser junger Mann, wenn er mit seinem Großvater zusammen ist, aber jetzt hat er die Möglichkeit, ihm zu sagen, was er wirklich von ihm denkt.

    TR: Genau, und er kann es nur innerhalb einer großen Lügengeschichte tun. Er kann es ihm nicht wirklich sagen, er kann es ihm sowieso nicht mehr sagen, er ist tot, aber über diesen Umweg, über diese Briefe an die Geschwister, merkt er auch selber, was er dem Großvater noch alles sagen möchte.

    HWP: Es gibt zwei Vorläufer, auch bei Dumont erschienen, und es ist mir aufgefallen, in Ihren Büchern wird sehr viel gespielt: Backgammon, Fang den Hut. Was spielt das Spielen für eine Rolle in Ihren Texten? Vielleicht auch im Schreibprozess?

    TR: Das Schreiben ist jetzt leider kein Spiel für mich. Da finde ich es nur schön, wenn das Resultat so aussieht. Das ist dann häufig mehr ein Kampf, aber ich spiele halt unglaublich gerne, also jetzt gar nicht so sehr Spieleabende, das mache ich nur so mittelgern. Aber diese Idee, Spiele auch zu erfinden, also diese ganze Homo-ludens-Geschichte, die macht nicht nur Spaß, sondern ich finde sie auch sehr einsichtig. Da ist ein menschliches Grundbedürfnis nach Spiel, dass wir uns sehr viel über Spiele erschließen und deswegen lasse ich auch meine Charaktere spielen. Dass das allerdings dann den Formwillen widerspiegelt, den Bezug habe ich noch nie gemacht, dass in meinen Texten gespielt wird, weil meine Texte auch spielerisch sind, das sehe ich nicht so. Wahrscheinlich weil ich beim Texteschreiben nicht das Gefühl habe zu spielen.

    HWP: Ich habe das Gefühl, dass Sie das, was Sie in "Wir bleiben in der Nähe" und "Erledigungen vor der Feier" schon andeuten, also den Tonfall z.B. und auch später dann die Dramaturgie in "Der Kaiser von China" zusammenführen, dass aus den beiden Vorgängerbüchern so etwas wie eine Quintessenz herauskommt, was in "Der Kaiser von China" zu einer Art Vollendung gebracht wird, einem Meisterstück.

    TR: Einerseits freut es mich, andererseits ist es auch ein wenig erschreckend, nicht nur weil Sie die beiden anderen als Vorläufer ansehen, sondern es würde auch heißen, dass ich jetzt fertig bin und nichts mehr schreiben muss. Ich glaube, ein bestimmter Ton zieht sich durch und ich glaube, je länger man schreibt, umso klarer findet man den Ton. Es kann dann sein, dass es in "Der Kaiser von China" eine Weiterentwicklung des Tones gibt, den ich von Anfang an gesucht habe. Thematisch sehe ich die beiden ersten Bücher eher zusammen und ich habe jetzt gerade bei "Der Kaiser von China" eigentlich versucht, etwas ganz anderes zu machen.

    HWP: Wenn für mich "Der Kaiser von China" das Buch des Jahres 2008 war, dann möchte ich Ihnen hier nun das Buch des Jahres 2009 vorstellen, "Schilten". Hermman Burger ist vor 20 Jahren durch Selbstmord ums Leben gekommen, er hat zehn Schlaftabletten genommen. Und dieses Buch ist nun neu herausgegeben worden bei Nagel & Kimche und ich möchte es sehr ans Herz legen. Es hat mich gefreut, Herr Rammstedt, dass Sie das Buch kannten und dass wir darüber sprechen können.



    TR: Also, ich habe es vor fünf sechs Jahren gelesen - und ich war weggeblasen! Ich weiß noch, es gehörte zu den Büchern, die ich alle paar Jahre mal wild verschenke, weil ich missionieren möchte. Nicht alle waren richtig glücklich darüber und haben aufgegeben. Es ist schon, naja sperrig würde ich nicht sagen, aber anstrengend.

    HWP: In "Schilten" geht es um ein Dorf und ein Dorfschullehrer namens Armin Schildknecht. Und der geht in diesem Dorf psychisch drauf. Zu seiner Rechtfertigung schreibt er Briefe an einen Inspektor, um ihm zu erklären, dass er eigentlich noch bei gesundem Bewusstsein ist. Aber innerhalb dieser Erklärung wird schon klar, wie krank er geworden ist. Der Humor von Hermann burger ist absolut entgegengesetzt zu Ihrem Humor, Herr Rammstedt. Ich finde Burgers Humor sehr anstregend, er fordert sehr viel, er ist oft sehr manieriert, wohingegen Ihnen eher das Leichte zukommt.

    TR: Ich mag ja auch eine gewisse Art von skurrilem Humor und ich hoffe, dass ich den manchmal in meinen Büchern auch herstellen kann. Ich habe mich auch kaputtgelacht beim Lesen von "Schilten", aber auf eine ganz andere Art, wie man sich sonst kaputtlacht. Es ist abstrus, es ist manisch.

    HWP: Diese unglaublichen Sätze, die er baut, diese Anhäufung von Bildern, von Material - das kann glaube ich schon sehr viele Leser schrecken, oder?

    TR: Das merkte ich jetzt, als ich versuchte, es noch einmal quer zu lesen. Das Buch ist auch ein bisschen wie ein wirrer Traum. Es ist nicht irgendwie ein halluzinogenes Buch oder so etwas. Ich habe zwar sowieso kein besonders gutes Gedächtnis, was Bücher angeht, aber ich habe mit Schrecken bemerkt, dass ich nur noch wusste, dass ich dieses Buch liebte, dass ich mich an so ein paar Stellen erinnern konnte, aber dass ich eigentlich nicht hätte darüber reden können, sodass ich dachte, ich kann´s ja kurz nochmal ein bisschen querlesen - und das funktioniert nicht, weil man in diese Sätze nicht einsteigen kann. Entweder man liest es ganz oder man findet niemals einen Zugang dazu.

    HWP: Ich finde, man muss sich dieses Buch richtig hart erarbeiten, man wird am Ende aber großartig belohnt dafür. Es gibt ja noch etwas, was Hermann Burger und Tilman Rammstedt verbindet: Auch Hermann Burger war Bachmann-Preisträger.

    TR: Das ist ja eine sehr illustre Galerie, wo man einerseits ganz große Namen findet und dann wieder Namen, von denen man nie wieder etwas gehört hat. Je nach Stimmungslage kann man sich dem einen oder anderen Lager zuordnen, wo man entweder sagt: Ja, ich gehöre jetzt zu denen wie Hermann Burger, wie Birgit Vanderbeke wie Katja Lange-Müller oder ich gehöre zu denen, deren Namen ich jetzt schon wieder vergessen habe.

    HWP: Ich hatte Sie gebeten, auch ein Buch mitzubringen

    TR: Ein weiterer Schweizer, Peter Bichsel und die "Kindergeschichten". Es gibt eine Aufnahme aus den 70er-Jahren, wie er die Kindergeschichten selber liest, und ich habe die als Kind bekommen, als platte. Wahnsinnig melancholische Geschichten! Und ich war am Anfang sehr böse auf meine Eltern, dachte: Wie konnten die mir sowas als Kind zumuten. Und kein Wunder, dass ich so geworden bin! Und dann erinnerte ich mich daran, dass ich sie als Kind natürlich ganz anders wahrgenommen habe. Er liest sie halt auch so wunderbar, ich kann´s gar nicht mehr lesen, weil ich ihn immer gleich höre. Das waren tatsächlich Sachen, die mich sowohl vom Rhythmus als auch von dieser Grundmelancholie, also das war so das, wo ich gesagt habe, so möchte ich auch schreiben. Und ich glaube, ich habe sehr viel von ihm geklaut.

    HWP: Elke Heidenreich hat einmal ihren Tonfall mit dem Bichseltonfall verglichen.

    TR: Das ist ja das Schöne: Immer wenn man etwas klaut und denkt: Oh Gott, hoffentlich fliegt das nicht auf! Wenn es dann auffliegt, wird es als Lob verpackt. Es wird immer gesagt: Das erinnert mich an Peter Bichsel. Niemals: Moment, das hat doch Peter Bichsel auch schon gemacht, nur viel besser! In "Der Kaiser von China" fiel mir dann hinterher auf, habe ich eigentlich auch noch ein ganz klein bisschen geklaut. Eine meiner Lieblingsgeschichten - obwohl es alle meine Lieblingsgeschichten sind - das ist "Amerika gibt es nicht". Und dort geht es um die wahre Geschichte der Entdeckung Amerikas, um Christopher Kolumbus, der nie nach Amerika gefahren ist, sondern sich versteckt - sehr ähnlich wie bei mir - und dann von Amerigo Vespucci gedeckt wird. Und der bestätigt das dann, weil er Mitleid mit dem armen kleinen Christopher Kolumbus hat. Und das hört dann damit auf, dass es Amerika tatsächlich nicht gibt und er weiß, viele fahren da hin, aber wenn sie wiederkommen, erzählen sie doch alle immer dasselbe: von New York und Wolkenkratzern, dem Mississippi und San Francisco. Und das ist doch sehr verdächtig...









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