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Der Splitter-Verlag

19.03.2009

Traditionspflege und Experimentierfreude

Wer in Deutschland, dem ewigen Entwicklungsgebiet der Neunten Kunst, Comics verlegt, der muss ein Enthusiast, ein Missionar sein – und natürlich ein solider Geschäftsmann, eine solide Geschäftsfrau. In unregelmäßigen Abständen wollen wir die Verlage vorstellen, die sich dem wechselvollen Handel mit Alben und Heften, mit Serien und Graphic Novels widmen. Den Anfang macht der in Bielefeld ansässige Splitter Verlag. Von SVEN JACHMANN

 

Auch der deutsche Comicmarkt folgt zyklischen Gesetzen. Mit der Etablierung eines Fachhandels Mitte bis Ende der 1970er Jahre und dem Albenaufschwung vor allem bei den Branchenriesen Carlsen und Ehapa in den 1980er Jahren entwickelte die Bande Dessinée, der französische und frankobelgische Comic im klassischen Albenformat, ihre dominierende Marktpräsenz. Dies hatte zur Folge, dass kleinere Verleger bei der Lizenzvergabe hochkarätiger Titel meist das Nachsehen hatten, denn der Großteil fand - schon aufgrund der oft exorbitant hohen Lizenzkosten - für einen vergleichsweise überschaubaren Markt wie dem deutschen bei den großen Verlagshäusern ein Zuhause.

Mit dem Mangaboom der 1990er Jahre und dem fast parallel einsetzenden, wenn auch kurzem Aufschwung der längst obsolet geglaubten Heftchenkultur änderte sich dieses Kräfteverhältnis. Die Marktführer entschlackten ihr Programm derart radikal, dass dabei nicht nur partiell der französischsprachige Comic an sich, sondern ganze Genres auf der Strecke blieben. Vom einst gepflegten Fantasy-Sektor bei Carlsen etwa blieben nur noch Bruchstücke übrig; stattdessen konzentriert man sich verstärkt auf das boomende Manga-Phänomen. Und bei kleineren Verlegern führte diese Diversifizierung ebenfalls nicht notgedrungen zu einer Spezialisierung.

Beim alten, in München ansässigen Splitter Verlag überschlug sich unter der Schirmherrschaft von Jürgen Janetzki die Veröffentlichungspolitik, indem man das einst klar konturierte Programm vornehmlich auf die Hefte des amerikanischen Image-Verlags ausdehnte. Nach Ramschaktionen, zahlreichen abgebrochenen Serien und Publikationsverzögerungen und der daraus resultierenden Furcht der Leser, ob der Start einer neuen Reihe angesichts ihrer ungewissen Fortsetzung den Kauf überhaupt noch lohne, blieb den Betreibern im Jahre 2000 nichts anderes übrig, als Konkurs anzumelden. Was folgte, war Schweigen.

 

Born Again

Bis sich Anfang 2006 ein neues Team alteingesessener Szenebegleiter wie -kenner in Bielefeld zusammenfand, kurzerhand die Namensrechte erwarb, eine GmbH & Co. KG gründete, im Mai selben Jahres den Splitter-Verlag wieder aufleben und darauf im Oktober die ersten Veröffentlichungen folgen ließ. Mit Dirk Schulz, Delia Wüllner-Schulz und Horst Gotta besteht der Kern der Betreiber aus wahrlich nicht unbekannten Namen. Dirk und Delia sind neben Splitter auch Inhaber der Werbeagentur Animagic und zeichnen für Illustration und Lettering zahlreicher Heyne-Titel und Carlsen-Reihen verantwortlich. Zudem war Delia Texterin von Dirks Fantasy-Serie Parasiten, die bei Carlsen verlegt wurde. Ebenfalls bei Carlsen erschienen auch seine zweibändige Sci Fi-Parodie Celtis und die bisher achtteilige Sci Fi-Reihe Indigo.


Die deutliche Orientierung an einem frankobelgischen Stil, gepaart mit der Verquickung einschlägiger Genregeschichten bei einer gleichzeitig ungeheuren Produktivität, weist ihn ganz klar als ein Novum unter der langsam, aber stetig wachsenden Zahl deutschsprachiger Comiczeichner und -zeichnerinnen aus. Auch Horst Gotta kann mit seinen bei Ehapa/ Feest veröffentlichten Serien Janet und Das abenteuerliche Leben des Jerry Jatson bereits einige Veröffentlichungen im Comicbereich vorweisen.

Diese jahrelang gesammelten Erfahrungen auf dem Albensektor kamen der Verlagsgründung folglich nur zugute. Obgleich die ersten Unkenrufe nach der Pressemitteilung einer Reunion von Splitter nicht lange auf sich warten ließen, steckt hinter der Namenswahl, laut Dirk Schulz, zweierlei: Splitter war nun mal meine erste verlegerische Heimat, mit der ich viele gute Erinnerungen verbinde, und so ist der Name natürlich auch als Hommage zu verstehen. Auf der anderen Seite steht Splitter vornehmlich für die Förderung einer französischen und frankobelgischen Erzähltradition, die wir gerne aufgreifen wollten. Dank des klaren Verlagsprofils wussten die Leser sofort, was sie zu erwarten hatten und woran wir uns orientieren: nämlich gute Genre-Erzählungen bei maximalem Herstellungsaufwand zu bieten.

Delia Wüllner-Schulz ergänzt: Das zu bewerkstelligen war und ist nicht schwer. Aus dem einfachen Grund, weil wir selbst Riesenfans der Materie sind. Deswegen sind uns Auswahl und Aufmachung Herzensangelegenheiten, und ich glaube, das merkt man unseren Veröffentlichungen auch an. Was uns nicht gefällt, nehmen wir nicht ins Programm. Es gilt halt einzig zu beachten, die Fehler der Vergangenheit zu umgehen. Vom Prinzip also ein absolut effektives Konzept. (lacht)

 

Bibliophile Präsentation und transparente Verlagsspolitik

 Was der Ökonom als notwendige Corporate Identity bezeichnet, ist genau genommen Ausdruck von Liebhaberei: überformatige, vierfarbige Hardcoverausgaben zum, je nach Umfang, einheitlichem und erschwinglichem Preis. Wo es möglich ist, bereichern Vorworte, Skizzen oder beigefügte Grafiken die Editionen. Diese Freude an der bibliophilen Präsentation ist keine Selbstverständlichkeit, zumal auf einem überschaubaren Markt, bei dem eine verkaufte Auflage von 3000 Stück bereits als Erfolg gewertet werden muss. Obgleich auch die Ansprüche der Leserschaft nicht in den 1980ern stecken geblieben sind.

Horst Gotta: Die Editionen sollen natürlich auch für die Zukunft Bestand haben. Es gibt doch nichts Ärgerlicheres, als ein Album nach Jahren aus dem Regal zu ziehen, nur um die rausfallenden Seiten neu zu ordnen und danach festzustellen, dass weder Lettering noch Übersetzung die Freude aufkommen lassen, die der Klappentext verspricht. Auswahl und Präsentation sollten eine Einheit bilden.

Neben der aufwändigen Präsentation bildet Transparenz das zweite philosophische Standbein bei Splitter.

Delia: Natürlich werden wir keine Serie abbrechen, wenn sich herausstellen sollte, dass der Abverkauf nicht unseren Erwartungen entspricht. Auch werden die Intervalle zwischen den einzelnen Bänden möglichst kurz gehalten, solange wir auf vorhandenes Material zurückgreifen können - schon um die Geduld der Leser nicht über Gebühr zu strapazieren. Und was den vielleicht zu geringen Abverkauf betrifft: Dabei helfen natürlich zum einen die Verlagsrenner, zum anderen die Titelstreuung in der Breite. Aber auch das gehört zum Teil unseres Selbstverständnisses: Eine Mischung aus arrivierten Klassikern und, teilweise natürlich nur für hiesige Verhältnisse, interessanten Entdeckungen zu bieten. Mit der Wiederveröffentlichung und Fortsetzung von Don Lawrences „Storm“ oder „Die Kaste der Meta-Barone“ von Jodorowsky und Gimènez machen wir die Klassiker verfügbar, zu denen dann andere Titel vielleicht noch reifen müssen.

Mittlerweile ist der Verlag in der Lage, sich selbst zu finanzieren. Große Gewinne werden dabei noch nicht eingestrichen. Stellt man in Rechnung, dass sich der Albenausstoß von anfänglich zwei Titeln pro Monat auf momentan fünf erhöht hat – und dies innerhalb zweier Jahre -, wirft auch dies natürlich ein Schlaglicht auf eine noch weit ausbaufähige Comictradition im deutschsprachigen Raum. Die wird zu einem kleinen Teil auch verlagsintern gefördert: Im Oktober 2008 präsentierte man auf der Frankfurter Buchmesse mit Seide und Schwert den ersten Band der insgesamt sechsteilig konzipierten Adaption von Kai Meyers Fantasy-Epos Das Wolkenvolk und somit auch die erste Eigen- wie Familienproduktion. Denn beteiligt waren neben dem Kernteam einzig vertraute Wegbegleiter, die man schon dank des freundschaftlichen Verhältnisses längst mit Splitter assoziiert: der Comiczeichner Ralf Schlüter und Szenarist Yann Krehl.
Die Resonanz bei der Kritik war hervorragend, der zweite Band ist für April bereits angekündigt. An diese Adaption ist natürlich auch der Versuch geknüpft, eine bisher wenig comicaffine Leserschaft für die Grafische Literatur zu gewinnen.

Seitdem der Comic zunehmend nicht nur im Feuilleton, sondern sogar vereinzelt in der Boulevardpresse (Lost Girls in „Bild“, Liebe schaut weg in „Brigitte“) Beachtung findet, stehen die Zeichen zumindest nicht schlecht.

Dirk: Der Begriff „Graphic Novel“ als ökonomische Kategorie hat diesbezüglich sicher einige Türen geöffnet, auch wenn sich dies vielleicht noch nicht unmittelbar in blanken Verkaufszahlen ausdrückt. Aber selbstverständlich arbeiten wir an Konzepten, mit denen wir uns eine stärkere Präsenz im nicht spezialisierten Buchhandel erhoffen. Zum einen ist da die Ausweitung unseres Programms auf Randgebiete, die zum Credo des Verlags passen. Dazu gehört etwa die Comicadaption von Stephen Kings „Der dunkle Turm“, die, im Gegensatz zur Softcovervariante im amerikanischen Format bei Heyne, von uns als luxuriöse, überformatige Collectors Edition verlegt wird. Das ist quasi der Rückkoppelungseffekt: Wer den Comic von Heyne entdeckt, allerdings Wert auf eine opulente Aufmachung legt, greift dann zu unserer Veröffentlichung. Den umgekehrten Effekt bietet unsere Idee der kleinformatigen SplitterBooks. Als solche werden beispielsweise „Seide und Schwert“, aber auch „India Dreams“ und „Paradise“ erscheinen. „Seide und Schwert“ sogar in zweifacher Ausführung, eben als Splitterbook und als reguläres Album. In den SplitterBooks werden mehrere Alben enthalten sein. Somit sind sie günstiger und aufgrund ihrer geringeren Größe handlicher. Auf diese Weise versprechen wir uns, eine Brücke zwischen Fach- und Buchhandel zu schlagen, nicht zuletzt aber auch, die Leser für die Alben sensibilisieren zu können.

 

Intensive Kundenpflege

Betrachtet man die Mühen, die kleine Verlage wie Reprodukt, Cross Cult oder eben auch Splitter - trotz oder wegen gänzlich unterschiedlicher Programme - aufwenden, keimt tatsächlich ein wenig die Hoffnung auf, dass sich im Buchhandel für den Comic neue Dimensionen erschließen lassen. Neben der intensiven Kommunikation mit der Leserschaft, etwa in den verlagseigenen Sektionen des Comicforums, eint alle Betreiber die nicht minder intensive Pflege des Halbjahreskatalogs. Dank ausführlicher Leseproben und übersichtlicher Informationen zu Werken und Autoren hat man sich auch in Fragen der Selbstpräsentation zu den regulären Literaturverlagshäusern längst auf Augenhöhe begeben.
Zur Kundenpflege zählt außerdem die Aufwertung ausgewählter Serien in Form von Schubern, deren Produktion nicht selten spontan beschlossen wird, oder Special Editions, denen Kunstharzfiguren beigefügt sind.

An der schnellen Konsolidierung von Splitter lässt sich ablesen, dass der klassische französische und frankobelgische Comic mit einem durchdachten Konzept einen längeren Atem besitzt, als ein mutmaßlich maroder Markt vermuten ließ. Was die Erosion des Comicmarktes an Lücken hinterließ, musste anscheinend durch etwas verlegerischem Wagemut und deutlicher Selbstpositionierung gefüllt werden.

Delia: Wir sind ja selbst immer wieder euphorisiert von dieser positiven Aufnahme. Immerhin verwirklichen wir damit beiläufig auch noch unseren Traum vom eigenen Comicverlag. Aber Erfolg und Überleben, soviel Binsenweisheit muss sein, kann sich nur in Verkaufszahlen ausdrücken, weswegen wir unsere Grenzen behutsam austesten. Mit „Comanche“ haben wir nun einen weiteren Klassiker, aber eben auch unseren ersten Western berücksichtigt. Mit „Sonnenfinsternis“ versuchen wir uns im Juni an unserem ersten schwarzweißen Titel, der zudem noch eine tragikomische Graphic Novel über das Beziehungsleben darstellt. An verlagsorientierter Experimentierfreude mangelt es jedenfalls nicht.

Ein kleines Jubiläum gibt es bereits zu feiern: Im April 2009 wird mit dem SplitterBook Seide und Schwert das 100. Album verlegt.

 

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