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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 26. Juni 2017 | 21:09

     

    Alban Lefranc im Gespräch

    02.02.2009

    Schönheit und Mitleid

    Alban Lefranc, 1975 in Caen geboren, lebte mehrere Jahre in Deutschland und legte im Herbst 2008 drei unter dem Titel Angriffe zusammengefasste Romane auf Deutsch vor. Er ist Chefredakteur der deutsch-französischen Literaturzeitschrift «la mer gelée» und Übersetzer, u.a. von Peter Weiß. Lefranc lebt in Paris. Das Gespräch führte Sibylle Luithlen.

     

    Sibylle Luithlen: Wie bist du zu dem Romanstoff Fassbinder/Vesper/Nico gekommen?

    Alban Lefranc: Jeder der drei Romane hat eine eigene Entstehungsgeschichte; der deutsche Verleger hat die drei Bücher in einem Band veröffentlicht, aber auf französisch sind sie einzeln erschienen (bei drei verschiedenen Verlagen, 2005, 2006 und 2009). Die Einheit hat sich also erst im Nachhinein ergeben, ich hatte nie vor, eine Trilogie zu schreiben.
    Es sind also keine Romane über Fassbinder/Versper/Nico, sondern von ihnen ausgehend. Diese drei historischen Persönlichkeiten waren Ausgangspunkte, Auslöser für mein Schreiben. Sie haben mir jeder auf seine Weise ermöglicht, weit auseinanderliegende Themen meines Schreibens wie die Sexualität oder die Beziehung zwischen Leben, Kunst und Politik zu vereinigen.
    Und für mich ist das Schreiben nichts Spontanes oder Natürliches. Ich muss jedes Mal einen gewissen Ekel überwinden; das Gefühl: Was soll das eigentlich? Ich brauche Stoffe, die mich aus meiner Trägheit reißen.
    Mein Interesse, über diese drei Personen zu arbeiten, bestand darin, das Wiederkäuen des autobiografischen Schreibens zu vermeiden; sie repräsentieren Dinge, die meiner eigenen Lebenswelt a priori fremd sind: sowohl durch ihre künstlerische Praxis als auch durch ihre Epoche.
    Gleichzeitig vereinen sie in sich das, was man laut Nabokov von einem Kunstwerk erwarten kann: Schönheit und Mitleid. Es sind imminent romanhafte Personen. Ich glaube, dass das Leben selbst so spannend ist, dass man nichts dazu zu erfinden braucht. Ein berühmtes Zitat von Borges hierzu: „Die Spiegel und die Kopulationen sind widerwärtig, weil sie die Anzahl der Erscheinungen vervielfältigen.“

    S. Luithlen: Was fasziniert dich an diesen drei Figuren?

    A. Lefranc: Fassbinders Charisma, die Intensität in seinen Interviews sind wirklich ungewöhnlich. Man findet sie auch in seinen Artikeln und Gelegenheitstexten (etwa in „Filme befreien den Kopf“) und natürlich in seinen Filmen. Auch Nico berührt mich unmittelbar. Was Vesper angeht, so verkörpert er besser als jede Romanfigur das Tonnengewicht von Schuld, das auf den Söhnen in Deutschland während der Nachkriegszeit lastete.
    Jeder der drei vereinigt auf sich eine Menge an Gefühlen und Empfindungen, von denen aus ich versucht habe, ein Buch zu schreiben.

    S. Luithlen: Sind deine Romane dokumentarisch?

    A. Lefranc: Nein, absolut nicht. Sie halten sich grosso modo an die allgemein bekannten Tatsachen, aber sie nehmen keinerlei Neutralität oder historische Wahrheit für sich in Anspruch. Ich versuche, die Wirkung dieser Personen auf mich zu verstehen. Und da ich nicht auf einer einsamen Insel lebe, vermute ich, dass meine Empfindungen und Gefühle auch meinen Lesern nicht fremd sind. Ich erkunde die Empfindungen, die in uns, jedenfalls in vielen von uns, ausgelöst werden durch das, was wir von diesen drei Leben wissen oder zu wissen meinen.

    S. Luithlen: Was verbindet deine drei Protagonisten?

    A. Lefranc: Mehreres. Sie gehören zur selben Generation: unterm Bombenhagel geboren, hinter sich den Schock der Nazi-Verbrechen, der Bewusstwerdung all dessen, was während der Jahre des Nationalsozialismus passiert ist, vor sich den dümmlichen Optimismus des Wiederaufbaus, den Antikommunismus als Staatsreligion, die D-Mark als unhinterfragten Fetisch. Die 50er Jahre sind von Fassbinder auf großartige Weise beschrieben worden, mit einer geradezu jubilierenden Grausamkeit, vor allem in „Die Ehe der Maria Braun“. Maria Braun ist eine schreckliche Allegorie auf Deutschland. Was möchte diese schöne und sympathische Frau? Ein Haus und einen Mann. Für ein bisschen respektable Bürgerlichkeit ist sie bereit, mit jedem ins Bett zu gehen und rücksichtslos zu morden.
    Es sind auch drei Künstler, drei Menschen, die entschlossen sind, sich mit künstlerischen Mitteln von der Welt zu befreien: dem Kino, der Literatur oder der Musik.

    Und es sind drei imminent tragische Gestalten, von denen zwei sehr jung sterben, getrieben von einem unbezwingbaren Hang zur Zerstörung (besessen von einem mächtigen Zerstörungstrieb). Es sind drei Personen, die zumindest teilweise das Klischee des extatischen und selbstaufopfernden Künstlers verkörpern.
    Fassbinder und Vesper haben etwas von diesen Figuren bei Dostojewski, die bereit sind, sich einen Arm auszureißen, nur um die Aufmerksamkeit eines anderen zu erregen. Das ist es, was Katherine Mansfield „the terrible desire to establish contact“ nennt.

    Aber in meinen Augen sind sie alle drei vor allem Menschen, die mit großer Geste gelebt haben, jenseits ihrer Niederlagen und Aufschreie. Sie haben unter sehr schwierigen Umständen wunderbare Dinge geschaffen („Dinge machen aus Angst“, wie es Rilke ausdrückte): Filme, ein Buch, Songs, die uns noch heute berühren, dreißig Jahre nach ihrer Entstehung.

    S. Luithlen: Wie hat sich dein Blick auf sie durch die Arbeit an den Romanen verändert?

    A. Lefranc: Ich hatte nie ein festes Bild von ihnen, ein endgültiges Verständnis; nur sehr flüchtige Eindrücke, bruchstückhaft, und das kann auch gar nicht anders sein.
    Und mir ist während der Arbeit immer deutlicher geworden, dass man absolut nichts über das Leben eines anderen sagen kann, dass wir von den anderen so gut wie nichts wissen. „Wir leben, wie wir träumen – allein“, sagt Conrad in im Herz der Finsternis.
    Von außen bleibt einem also nichts übrig, als einige simple Tatsachen festzuhalten: diesen Film in diesem Jahr, jene Rolle in jenem Film, Aufenthalt an diesem Ort, aber es ist unmöglich – oder zumindest sehr schwierig –, über diese Schicht von beobachtbaren Fakten hinauszugehen. Man muss erfinden. Was im Falle von Nico am augenfälligsten war, denn sie wird immer auf eine bestimmte Rolle festgenagelt (Velvet, Factory) und man spricht ihr fast jede Form von eigener Existenz ab. Bei ihr habe ich mich vor allem für die Zwischenräume interessiert. Um über diese Oberfläche hinauszukommen, habe ich die Personen von innen quasi kolonisiert, habe in ihrem Kopf einen Putsch gemacht und an ihrer Stelle gesprochen.

    S. Luithlen: Gab es einen Anstoß, dich mit ihnen und mit der deutschen Geschichte der 60er und 70er Jahre zu beschäftigen?

    A. Lefranc: Wenn es einen Ausgangspunkt gibt, dann ist es ganz klar Fassbinders Mitwirken an dem im Kollektiv entstandenen Film „Deutschland im Herbst“. Er hat in diesem Film Marksteine meiner eigenen Arbeit gesetzt: so weitgehend wie möglich den Körper und die Politik auszudrücken. Zu zeigen, wie sich politische Ereignisse in unseren Körper einschreiben, selbst die kleinsten Gesten wahrzunehmen und auszudrücken.

    S. Luithlen: Warum gerade drei Deutsche?

    A. Lefranc: Ich habe die letzten zehn Jahre vor allem in Deutschland gelebt. Ich bin lange nach den Ereignissen geboren, um die sich meine Romane drehen, zudem bin ich Ausländer, aber paradoxerweise habe ich den Eindruck, dadurch freier darüber sprechen zu können. Es wäre für mich viel schwieriger, beispielsweise über den Algerienkrieg zu sprechen, in dem Maße, wie das meine eigene Geschichte oder die meiner Familie berührt. Hegel sagt, dass die Eule der Minerva ihren Flug erst in der Abenddämmerung beginnt. Wenn der Tag sich dem Ende neigt, eine Epoche zu Ende geht, fangen wir an zu begreifen, was passiert ist. Die Distanz ist also notwendig.

    S. Luithlen
    : Siehst du dich in einer literarischen Tradition, z.B. mit der Montagetechnik?

    A. Lefranc: Einen wichtigen Einfluss auf mich hat Pierre Michon. Seine vies minuscules (Das Leben der kleinen Toten, übersetzt von Anne Weber) lässt alltägliche und vergessene Leben im Modus des Mythos’ oder der Sage wieder auferstehen. Sein Schreiben ist sehr fragmentarisch. Wichtig waren für mich seine Porträts von Autoren wie Balzac oder Faulkner (trois auteurs).
    Was die Montage angeht: Es gefällt mir, die Stimmen und Schreibstile zu variieren; von den Baader in den Mund gelegten Sprüchen zu den Sketchen von Lenny Bruce bei Nico überzugehen. In beiden Fällen habe ich ihre Worte neu erfunden und versucht, mir schreibend neue Territorien zu erschließen.

    S. Luithlen: Wie ist für dich das Verhältnis von Leben und Schreiben?

    A. Lefranc: Das ist natürlich nicht voneinander zu trennen.
    Das Verhältnis von Leben und Schreiben scheint in meinen Büchern durch. Ich kenne die Methode von Stanislawski sehr schlecht, aber ich konnte mir nicht verkneifen, beim Schreiben an RWF/Nico/Vesper an ihn zu denken. Ich sagte mir: Ich muss alles in mir suchen, was mich ihnen näherbringt, meine depressiven und euphorischen Zustände, die auch die ihren waren. In diesem Sinne könnte man das Buch auch „Selbstporträt des Autors als RWF/Nico/Vesper“ nennen, so wie das Porträt des Künstlers als junger Hund von Dylan Thomas oder das Porträt des Künstlers als junger Mann von Joyce.
    Bei Fassbinder, Vesper und Nico gibt es das Bestreben, sich einen extatischen Körper zu erschaffen, einen den Maßen des Lebens entsprechenden Körper, im Sinne von Rimbaud in seinen Illuminations : „Oh! Durch einen neuen Leib der Liebe sind unsere Knochen bekleidet !“

    S. Luithlen: Steht dein neues Projekt auch in Zusammenhang mit Deutschland?

    A. Lefranc: Nein, überhaupt nicht.
    Es ist ein Buch, für das ich ein Schreibstipendium bekommen habe und an dem ich seit zwei Jahren arbeite. Ich versuche es dieser Tage abzuschließen.

    S. Luithlen: Vielen Dank für das Gespräch!

    Zur Rezension von Alban Lefrancs Angriffe. Fassbinder, Vesper, Nico

    Alban Lefranc: Angriffe. Fassbinder, Vesper, Nico. Drei Romane. Aus dem Französischen von Katja Roloff. Blumenbar Verlag 2008. 325 Seiten. 19,90 Euro.

    Foto: Blumenbar


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