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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 29. Mai 2017 | 22:56

     

    Marion Poschmann im Gespräch

    16.10.2008


    Unbehagen in der Kultur

    Ein Interview mit Marion Poschmann von Carsten Zimmermann

    Marion Poschmann, geboren 1969 in Essen, legt in diesem Herbst mit ihrer Hundenovelle (FVA) ihr fünftes Buch vor. Zuletzt erschienen der Gedichtband Grund zu Schafen (2004) und der Schwarzweißroman (2005).

     

    Carsten Zimmermann: Liebe Marion Poschmann, dein drittes, schmaleres Prosabuch, die Hundenovelle, beginnt mit einer leicht zeitentrückten Szene, in der der Erzählerin auf einem Brachgelände am Stadtrand ein Hund zuläuft, der sie nicht mehr loslässt und sich in der Folge immer mehr zu einer Obsession auswächst. Was hat es mit dem Hund auf sich, und wie siehst du das Verhältnis zwischen den beiden?
    Marion Poschmann: Der Hund ist in dieser Novelle eine ganz alltägliche, aber zugleich auch mysteriöse Figur. Ich wollte den Hund so realistisch wie möglich darstellen, habe dazu eine Menge recherchiert, Ratgeber über Hundeerziehung, Körpersprache, Hundefrisuren gelesen, mich mit den verschiedenen Hundemoden, Futtermitteln, Mäntelchen, Halsbändern auseinandergesetzt. Darüber hinaus hat der Hund einen Symbolwert. In der Novelle beschäftige ich mich mit dem Thema der Melancholie. Ich bin von Dürers Kupferstich „Melencholia I“ ausgegangen: Dort sieht man eine mächtige geflügelte Frauenfigur mit stechendem, konzentriertem Blick in einem angespannten Moment, es ist ein Moment des „kurz davor“. Man weiß als Betrachter nicht, ob kurz vor einer genialen Einsicht oder vor dem endgültigen Eintritt in den Wahnsinn. Dieser Moment wird in meinem Text ausgeweitet und in Handlung umgesetzt. Zu Füßen dieser Dürergestalt liegt ein ausgemergelter dunkler Hund; in der Ikonografie wird dieser Hund als typisches Attribut des melancholischen Temperaments angesehen. Der Hund begleitet diejenigen Personen, die Grenzen überschreiten, seien es Grenzen des Denkens oder Grenzen zu anderen Welten, er führt zum Beispiel in vielen Mythen die Verstorbenen in die Unterwelt. Mein Hund sollte auch ein solcher Seelenführer sein, wobei ein Gang in unbekanntes Gelände nicht immer angenehm ist: Deshalb hat die Erzählerin zu dem schwarzen Hund, der sich ihr aufdrängt und sie sozusagen in Gegenden bringt, in die sie gar nicht wollte, ein ambivalentes Verhältnis.Anfangs nimmt der Hund immer mehr Platz ein. Er breitet sich in ihrer Wohnung, in ihrem Leben aus, während die Frau sich eher widerstrebend um ihn kümmert, der Hund scheint ganz klar zu dominieren. Dann kippt das Ganze, sie entledigt sich für ein Weile des Hundes, entwickelt aber sofort eine geheimnisvolle Obsession, füttert heimlich fremde Hunde, sammelt alles, was mit Hunden zu tun hat, und identifiziert sich schließlich selbst mit dem Hundsein.

    C. Z.: In der Kulturkritik hat man die Melancholie gerne als Gegenentwurf zur vorherrschenden Zweckrationalität einerseits, zu utopischem Denken andererseits begriffen. Bei deiner Ich-Erzählerin scheint sich die Lage gegenüber einer solchen gewissermaßen domestizierten, eher intellektuellen und skeptischen Haltung verschärft zu haben. Es gibt, wie mir scheint, bei ihr einen starken Wunsch nach Transzendenz, der sich neben dem Motiv der Tierwerdung auch in der Parallelisierung durch einige nicht gerade zimperliche Heiligenlegenden zeigt. Was genauer ist das für eine Verfassung, in der sich deine Figur befindet bzw. in die sie hineingerät?
    M. P.: Ich möchte bei der Kulturkritik ansetzen. Als Gegenentwurf zur Zweckrationalität war die Melancholie nie etwas Domestiziertes. Sie galt als Horror der Aufklärung; überall dort, wo es den Aufklärern daran gelegen war, Licht oder zumindest Lichtmetaphorik in eine Sache zu bringen, gab es von Seiten der Melancholie das Dunkle, schwer Greifbare, Unaussprechliche, Unvernünftige, also eine tiefe Skepsis dem Offensichtlichen gegenüber, auch gegenüber dem, was ich als übermäßige Säkularisierung bezeichnen würde. Es ist solch eine Skepsis, die meine Erzählfigur prägt. Sie nimmt die üblichen Sinnangebote der Gesellschaft, Konsum, Karriere und die Identität, die daraus entsteht, nicht mehr an. Sie sucht nicht nur die Einsamkeit, sie steigert sich in eine maßlose Vereinzelung hinein, es ist der Versuch einer kompletten Abkehr von allem, völlig übertrieben und sinnlos, würde man vom Standpunkt der Vernunft sagen. Aber die Unsinnigkeit ihres Verhaltens hat für mich auch ein subversives Element, zumindest stellt es die glatte Oberfläche der „restlichen Welt“ hier und da in Frage. Der Psychiater Hubertus Tellenbach hat die Melancholie als ein unglückliches Raum- und Zeitverhältnis charakterisiert. Er beschreibt sie als Gefühl von endloser Dauer, als eingeschlossene Irrfahrt – meine Figur hat vielleicht ein ähnliches Gefühl von Eingeschlossensein, es wird ihr eng, insbesondere durch die Anwesenheit des Hundes, und so, wie die Heiligen durch bizarre asketische Maßnahmen versucht haben, solche Engegefühle in Richtung Transzendenz aufzubrechen, ist der Versuch des Tierwerdens auch ein Versuch der Öffnung – oder der Flucht.

    C. Z.: Es gibt in deinem Buch allerdings auch humorvolle und selbstironische Töne, wie siehst du das Verhältnis von Ernst oder Radikalität zum Humor?
    M. P.: In Jean Pauls Vorschule der Ästhetik heißt es, der Humor entstünde aus einem schiefen Verhältnis des Endlichen zum Unendlichen, der Humor ist also die pathetische Kehrseite eines übergroßen Ernstes. Der Hund war für mich eine ideale Figur, um diese beiden Seiten zusammenzubringen. Er hat Züge des mystischen Himmelshundes, er ist unheimlich und bleibt trotz seiner Anhänglichkeit irgendwie ungreifbar, er bringt sozusagen die unendliche Dimension in die Geschichte hinein. Aber durch seine „Hundigkeit“ kippt das Ganze auch immer wieder ins Lächerliche. Gerade die Welt der Hundehaltung weist ja die absurdesten Rituale und Gerätschaften auf, sie ist eine Realsatire, wie man sie sich nie ausdenken könnte, all die Futternäpfe mit Pfoten, die bizarren Spielzeuge in Babyfarben, die Bettchen mit aufgedruckten Hunden, damit deutlich wird, wo der Hund hingehört – man stelle sich vor, jede Nacht in einem Bettzeug mit seinem aufgedruckten Porträtfoto zu schlafen, um auch am nächsten Tag noch zu wissen, wer man ist.

    C. Z.: Es gibt neben dem Hund eine weitere Bezugsfigur der Erzählerin, nämlich die verstorbene Mutter, und ähnlich wie der Hund scheint auch die Mutter eine Entwicklung ins Allgemein-Symbolische durchzumachen, zu einer Art Personifikation des Totenreichs. Welche Rolle also spielt die Mutter und welche der Tod?
    M. P.: Die Erzählerin hat zur Mutter eine ungewöhnlich enge Beziehung, sie schlafen gemeinsam im Ehebett, die Mutter macht keinen Schritt alleine, die Tochter muss sich um alles kümmern, kurz und gut, sie leben übertrieben symbiotisch, und als die Mutter stirbt, entwickelt die Tochter ein eigenartiges Schuldgefühl. Sie hat der Mutter in der Sterbestunde nicht beigestanden, während die Mutter jetzt tot ist, hat sie überlebt. Weil sie immer für alles verantwortlich war, ist sie in gewisser Weise jetzt auch für den Tod verantwortlich. Dieses Schuldgefühl ist für mich das heimliche Zentrum der Novelle. In Bezug auf die Mutter ist es eine imaginäre Schuld, die dann später, in der Beziehung zum Hund, zur Realität wird. Mich hat immer die Frage beschäftigt, was Leute zu ihren Handlungen bringt, das ist ja überhaupt eine der wesentlichen Fragen der Literatur. Ich hege ein tiefes Misstrauen gegenüber Handlungskonstruktionen, die auf einem linearen Ursache-Wirkungs-Prinzip basieren. Menschen sind kompliziert. Im Krimi stellt man die Frage nach dem Motiv, und wenn ein Krimi richtig gut ist, bleibt der Täter mit seinen Beweggründen ein völliges Rätsel, das ist das wirklich Gruselige. In meiner Novelle hat sich die Tochter im Leben nie von der Mutter abgrenzen können, und sie kann es auch im Tode nicht, jedenfalls zunächst.

    C. Z.: Dein drittes Prosabuch ist sicherlich wieder eines, in dem du Grenzen der Ich-sagenden Subjektivität auslotest, dieses Mal vielleicht noch schärfer. Ich selbst erlebe als Leser dabei etwas Paradoxes: ein Gefühl der Befreiung, während mir zugleich der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Ist das Absicht?
    M. P.: Wenn man sich mit Subjektivität beschäftigt, kann es wahrscheinlich gar nicht anders sein. Das Subjekt ist ja diese Paradoxie, es schafft sich unaufhörlich Kontur, um jemand zu sein, eine bestimmte Person mit Eigenschaften, Hobbys, Bekanntschaften und so fort. Diese Konturen sind naturgemäß flüchtig, und wenn man genau hinsieht, öffnet sich sofort ein Abgrund – diese Leere, für die ich mich besonders interessiere, kann sehr bedrohlich wirken, aber ich würde sofort zustimmen, dass sie auch etwas Befreiendes hat. Man ist nicht mehr festgelegt und kann sich verändern.

    C. Z.: Du hast die Frage implizit vielleicht schon beantwortet, aber ich würde dich dennoch zum Abschluss gerne fragen, inwiefern du deine Hauptfigur als exemplarisch ansiehst. Gibt es vielleicht sogar eine gesellschaftspolitische Relevanz, oder liegt das Schwergewicht auf ästhetisch-philosophischen Fragestellungen?
    M. P.: Eine ästhetische Haltung ist immer auch eine politische, womöglich sogar gerade dann, wenn sie nicht mit Pamphleten und Manifesten daherkommt, denn jede Kunst vertritt ja ein bestimmtes Menschenbild. In meiner Novelle wird, fast romantisch, die Nachtseite der Dinge betont, die Vergänglichkeit, das „Tierische“, vom dem wir uns gerne lossagen würden, um narzisstische Gefühle von Unsterblichkeit und Omnipotenz zu stabilisieren. Meiner Hauptfigur gelingt es nicht, diese dunkle Seite, das erschreckende Faktum des Todes, ausreichend zu verdrängen. Sie verhält sich entsprechend extrem. Für mich ist es eine Allegorie.

    C.Z.: Vielen Dank für das Gespräch!




    Marion Poschmann liest einen Auszug aus 
    Hundenovelle

    © der Abbildung: FVA

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