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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 18:21

     

    Elke Heidenreich trifft Tomi Ungerer

    18.09.2008

    Der Bilderbuch-Weltmann

    Schon zu Lebzeiten hat man Tomi Ungerer in seiner Heimat Straßburg ein Museum gebaut. Dass sich hinter dem brillanten Zeichner, Maler und Schriftsteller auch ein hochinteressanter Charakterkopf verbirgt, beweist diese Live-Aufnahme von der lit.COLOGNE auf das Eindrucksvollste.
    Von Sebastian Karnatz

     

    Was waren das noch für Zeiten als die nationale Fernsehliteraturkritik von einem so genannten „Literarischen Quartett“ angeführt wurde. Vier Menschen, die sich hemmungslos über Literatur stritten; die glaubten, ihre Meinung mit persönlichen Angriffen verteidigen zu müssen. Es waren Minuten, die uns vorführten, wie nahe eigentlich Jubelkritik und Verriss beieinander liegen. Elke Heidenreich, die legitime Erbin der Medienpräsenz des Quartetts, hat die Rolle des Großkritikers Reich-Ranickischer Prägung nie ganz ausfüllen wollen. Sie sieht sich selbst wohl eher als über Literatur plaudernde Leserin und Autorin, als Frau vom Fach, die ihre Leseerlebnisse gerne mit allen Interessierten teilen will. So ist Heidenreich etwas durchaus Befremdliches gelungen: Sie hat die Dichotomie von Verriss und wohlwollender Besprechung abgeschafft. Heidenreich empfiehlt – sie rät nicht ab. Ihre Sendung „Lesen“ hat Elke Heidenreich zwar eine beinahe unfassbare Marktmacht eingebracht, ihren Ruf als Literaturkritikerin jedoch nachhaltig beschädigt. Dass sie dieses Schicksal durchaus auch mit ihrem Vorgänger Marcel Reich-Ranicki teilt, dürfte ihr nur wenig Trost verheißen.

    Literaturpäpstin und Weltbürger

    So funktioniert der Mechanismus der voreiligen Ablehnung auch bei dem geneigten Verfasser dieser Zeilen: Elke Heidenreich und Tomi Ungerer? Deutschlands Literaturpäpstin und der elsässische Weltbürger, Zeichner, Karikaturist, Schriftsteller und Maler Tomi Ungerer? Diese beiden Antipoden in einem mehr als einstündigen Gespräch über Gott und die Welt? Kann das denn gut gehen? Die Antwort ist jedoch so überraschend wie klar: Es kann. Beide Gesprächspartner begegnen sich auf Augenhöhe – und als Freunde. So plaudern sie ungezwungen über Ungerers Heimat Straßburg, über seine Bemühungen um das französisch-deutsche Verhältnis, über seine Arbeit und über vieles mehr; Tiefgründiges und scheinbar Banales, Biographisches und Weltgeschichtliches stehen hier nebeneinander. Das alles erörtern Ungerer und Heidenreich in einem spannenden und hoch amüsanten Gespräch - angeregt und anregend zugleich.
    Heidenreich betätigt sich vor allem als Stichwortgeberin. Sie führt das Gespräch angenehm locker, aber nie ziellos. Ihre große Begeisterungsfähigkeit, eben jene Gabe, die „Lesen“ trotz aller Kritik so erfolgreich macht, scheint auch hier immer wieder durch. Heidenreich begegnet Ungerer mit dem allergrößten Respekt und gibt ihm genügend Raum, von seinem mehr als ereignisreichen Leben zu berichten.
    Der Künstler nimmt diese Einladung dankend an – und erzählt: Da beginnt man plötzlich zu spüren, um was für einen Menschen es sich hier handelt; um einen beinahe zeitlosen Geist, einen stets Schaffenden, der seine Inspiration aus dem Leben, der Literatur und nicht zuletzt leider auch aus schweren gesundheitlichen Schicksalsschlägen zieht. „Du rauchst immer noch?“, fragt Heidenreich den fast 80jährigen. Und jener antwortet auf die Frage nach dem Gesundheitsrisiko charmant und mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor: „Rauchen ist nicht verboten, sagen viele Tote(n).“ Ein solches Gespräch zwischen zwei lebensfreudigen Kunstschaffenden ist schließlich stets auch – eine seltsame Dichotomie – ein Gespräch über den Tod. Das kreative Schaffen Ungerers, sein stetes Pendeln zwischen Wort und Bild, Zeichnung und Dichtung, ist dem Unausweichlichen abgerungen; sein amüsiert-jovialer Vitalismus eine einzige Trotzreaktion gegenüber den eigenen körperlichen Gebrechen.

    Am Ende siegt die Kunst

    Der geneigte Hörer darf mehr als eine Stunde mit diesem fabelhaften Künstler und Menschen verbringen, der seine Karriere noch einmal mit Siebenmeilenstiefeln – von Straßburg unter anderem über die USA nach Irland – Revue passieren lässt und nebenbei einiges über so gewichtige Themen wie die Jagd auf den Osterhasen und sexuelle Hörigkeit preisgibt. Der Geist, Esprit und Witz seiner Werke lebt auch in Ungerers Rede weiter, so dass dieses dicht gedrängte Gespräch nicht einmal den Hauch von Langeweile aufkommen lässt. Leider jedoch macht die Klangqualität dem Hörgenuss desöfteren einen Strich durch die Rechnung. Das ständige Knacken und Rauschen – es handelt sich um einen Live-Mitschnitt von der lit.COLOGNE – kann allerdings die gute Laune des Hörers nur peripher trüben.
    „Ein aufsässiger Charakter“ ist ein Dokument der schier unglaublichen Humanität und nahezu ungebrochenen Lebenslust eines großen Künstlers, dessen Werke die Zeiten überdauern werden. So klingt auch das Fazit dieses einstündigen Gesprächs versöhnlich: „Am Ende siegt die Kunst.“ Ein schönes Schlusswort für eine schöne CD.

    Sebastian Karnatz


    Ein aufsässiger Charakter. Elke Heidenreich trifft Tomi Ungerer. 1 CD, Laufzeit: ca. 70 Minuten. Random House Audio 2008. Preis: ca. 14,95 Euro.

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