• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. Juli 2017 | 08:34

     

    Jo Lendle im Gespräch

    17.07.2008

    Poetenladen präsentiert

    Hätte ich mein eigenes Manuskript angenommen?


    Jo Lendle, 1968 in Osnabrück geboren, studierte Kulturpädagogik und Animation Culturelle in Hildesheim und Montreal. Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Edit“ und ist seit 1997 Lektor für deutschsprachige Literatur bei DuMont. In Hildesheim und München lehrte er Kreatives Schreiben und war Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1999 erschien sein Debüt „Unter Mardern“ (Suhrkamp), 2008 der Roman „Die Kosmonautin“ (DVA).

     

    Katharina Bendixen: In diesem Frühjahr ist Ihr Roman „Die Kosmonautin“ erschienen, gleichzeitig sind Sie Lektor im DuMont Verlag. Ist es nicht schwierig, gleichzeitig als Lektor und Autor zu arbeiten?

    Jo Lendle: Vor hundert Jahren, als der Lektorenberuf entstand, war jeder Lektor gleichzeitig Autor, die Verleger riefen Autoren in ihre Verlage, weil diese sich mit der handwerklichen Seite der Literatur auskannten. Irgendwann trennte sich das, und plötzlich glaubte man, sich für eine Seite entscheiden zu müssen, plötzlich wurde es als schwierig wahrgenommen, zur gleichen Zeit Lektor und Autor zu sein. Genau genommen gibt es zwei Schwierigkeiten: Die erste liegt in der Wahrnehmung von außen: Leute wissen nicht genau, mit wem sie gerade sprechen, mit dem Lektor oder dem Autor. Die zweite Schwierigkeit kommt von innen: Als Lektor hat man eine Position, die Literatur immer in Zweifel zieht, und als Autor muss man einen großen Grad an Übereinstimmung mit der eigenen Literatur haben. Dazwischen gilt es zu vermitteln.

    K. Bendixen: Wie vermitteln Sie dazwischen?

    J. Lendle: Zwischen meinen zwei Büchern liegt eine gewisse Zeit. „Unter Mardern“ habe ich angefangen, bevor ich Lektor wurde, und in der ersten Zeit als Lektor beendet. Das war tatsächlich schwierig, denn ich habe nachts geschrieben, und es funktionierte für mich nicht, den ganzen Tag Literatur in Zweifel zu ziehen und am Abend plötzlich zu glauben, dass mein Satz für die Welt notwendig ist. Aber dann habe ich angefangen, morgens zu schreiben, solange diese ganzen Dinge noch ruhen, und das geht sehr gut.

    K. Bendixen: Wenn Sie als Lektor in den eingehenden Manuskripten lesen, sagt dann nicht manchmal der Autor in Ihnen: „Was für ein geniales Manuskript, das hätte ich selbst auch gern geschrieben“?

    J. Lendle: Nein, das passiert nicht. Als Kollege freue ich mich über solche Texte. Und keines der Bücher der Autoren, die ich verlege, hätte ich schreiben können. Die heimlich augenzwinkernde Grundfrage ist eher: Hätte ich mein eigenes Manuskript angenommen?

    K. Bendixen: Welche Voraussetzungen muss ein Autor mitbringen, um in das Verlagsprogramm von DuMont aufgenommen zu werden?

    J. Lendle: Wir haben da keinen Kriterienkatalog, und wenn zwanzig von zwanzig Eigenschaften zutreffen sagen wir: Das ist unser Mann oder unsere Frau. Wir müssen das Gefühl haben, dass uns das Manuskript überrascht, wir müssen darin einen Ton finden, dem wir trauen, über mehrere Bücher zu kommen, denn wir wollen keine einzelnen Bücher veröffentlichen.

    K. Bendixen: Das Literaturprogramm des DuMont Verlags ist relativ breit. In diesem Frühjahr ist zum Beispiel der Thriller „Kind 44“ des Engländers Tom Rob Smith erschienen, Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ und ein neuer Gedichtband von Raphael Urweider. Besteht da nicht die Gefahr, als Verlag profillos zu werden?

    J. Lendle: Ich finde es eher schwierig, wenn ein Verlag in unserer Größenordnung ein ganz enges Profil zieht. Dann fangen die Bücher nämlich an, sich gegenseitig auf die Füße zu treten. Wir haben immer wieder probiert, ein sehr klares Programm zu machen, zum Beispiel vier Debütanten gleichzeitig zu veröffentlichen, aber dann ist tatsächlich ein Buch hinten runtergefallen, und das ist schade.

    K. Bendixen: Ist ein Grund für dieses breite Programm auch, dass die starken Titel schwächere Titel stützen?

    J. Lendle: Wir schreiben bei Raphael Urweider nicht hin: Wird querfinanziert von „Kind 44“ in der Höhe von soundsoviel Euro, aber das ist natürlich vollkommen klar. Wir haben uns am Anfang des Literaturprogramms dafür entschieden, Lyrik zu veröffentlichen, und damit werden wir auch fortfahren. Wegen Lyrik geht ein Verlag nicht Bankrott, dann man weiß exakt, wie viel Geld man verlieren wird.

    K. Bendixen: Beim open mike haben Sie einmal als Lektor die Texte für die Endrunde ausgesucht. Nach welchen Kriterien haben Sie dort die Texte bewertet?

    J. Lendle: Diese Entscheidung ist tatsächlich völlig frei von Ökonomie. Aber im Grunde habe ich mich dort für dieselben Texte entschieden, die ich auch in der Lektoratsrunde vorschlagen würde. Wenn man für einen Titel richtig brennt, wird man ihn verlegen. Nur im Verlag muss man sich noch untereinander einigen. Man darf nicht der einzige sein, dem der Titel gefällt, sondern das ganze Haus muss dahinter stehen.

    K. Bendixen: Welche Art von Literatur sehen Sie gerade auf dem Weg nach oben?

    J. Lendle: Ich glaube im Gegensatz zum Feuilleton nicht so sehr an diese thematischen Vorgaben. Jedes Halbjahr wird nach den großen Themen und Strömungen gesucht, gerade wird diese kurios überflüssige Diskussion um die politische Literatur ausgekämpft. Jeder Autor hat doch seine eigene Geschichte zu erzählen und kann keine Auftragsarbeit des Feuilletons ausführen. In der ZEIT war gerade eine Besprechung meines Buchs gemeinsam mit Turksib von Lutz Seiler, die beide durch Zufall in Kasachstan spielen. Natürlich hat der Rezensent versucht zu vergleichen, aber daraus kann man keinen Kasachstanboom ableiten.

    K. Bendixen: Sie haben am Literaturinstitut studiert und unterrichten mittlerweile an verschiedenen Universitäten selbst Kreatives Schreiben. Denken Sie, dass diese Schulen effektiv sind, was das Erlernen von Schreiben betrifft?

    J. Lendle: Bestimmte Lernschritte macht jeder Autor im stillen Kämmerchen: lesen, ausprobieren, scheitern. Diese Schritte können in einer wie auch immer institutionalisierten Schreibzusammenkunft aber fokussiert und möglicherweise beschleunigt werden. An die Schreibschulen kommen Leute, die in ihrer Entscheidung, das Schreiben ernsthaft zu betreiben, relativ weit sind und die sich dann gegenseitig anregen. Aber Schreiben ist ein einsames Geschäft. Auch am Literaturinstitut verschwindet am Ende des Tages jeder nach Hause. Und das, was hinter diesen Schulen steht, nämlich Erfahrungen zu sammeln und sich Gedanken über Darstellungsformen zu machen, kann man theoretisch auch zu Hause.

    K. Bendixen: Was versuchen Sie den Studenten in Ihren Seminaren zu vermitteln?

    J. Lendle: Ich glaube, dass zum Schreiben zwei Dinge gehören. Zum einen, seine eigene Geschichte in einer eigenen Sprache zu erzählen, und zum anderen, dieses Erzählen zu überdenken und zu überlegen, was davon funktioniert und was nicht. Den ersten Teil kann einem niemand abnehmen. Aber den zweiten Teil, wie man Sachen noch intensiver, angemessener beschreiben kann, den kann man lehren.

    K. Bendixen: Glauben Sie, dass daraus Institutsliteratur entsteht?

    J. Lendle: Nein. Was als Institutsliteratur bezeichnet wurde, ist im deutschsprachigen Raum eine Schreibmode gewesen. Schreibmoden hat es immer wieder gegeben, früher waren es häufig Zeitschriften, in denen sich plötzlich Strömungen kondensiert haben, literarische Gruppen, die sich über Manifeste, später über Zusammenkünfte geäußert haben. Solche Moden gliedern sich an Institutionen an, heute eben an Schreibschulen. Aber die Bücher, die dabei herauskommen, sind extrem unterschiedlich. Es ist verdammt schwierig, Gemeinsamkeiten zwischen diesen Büchern zu finden, wenn man eine Vergleichsgruppe der Bücher aufmacht, die nicht an Instituten entstanden sind. Die entsprechen manchmal viel eher den Kriterien der so genannten Institutsliteratur.

    K. Bendixen: Zum Abschluss noch eine Frage zur Zukunft des Buches. Wohin wird sich das Buch angesichts des Internets und der Digitalisierung entwickeln?

    J. Lendle: Im Grunde genommen kann ich da nur die Standardantworten geben: Wir stehen der Zukunft demütig gegenüber, und bisher hat jedes Medium überlebt. Schon jetzt, ohne die Digitalisierung, hat das Buch den Status eines Leitmediums nicht mehr wirklich inne. Aber das Buch hat immer noch eine riesengroße Aura. Gerade im Sachbuchbereich braucht man immer wieder ein Buch, um ein Gespräch zu fokussieren. Ich glaube, dass sich für bestimmte Textsorten andere Ausgabeformen als praktischer erweisen werden, aber man sollte sich hüten, Panikautomatismen zu schüren. Auch als Radio und Fernseher eingeführt wurden, dachte man, dass man jetzt sofort an den Rand des Untergangs käme. Das Buch ist ein extrem geglückter Gegenstand, und alles, was von den Vorteilen des Buches profitiert, wird immer wieder in das Gewand des Buches schlüpfen.

    K. Bendixen: Vielen Dank für das Gespräch.

    Das Gespräch führte Katharina Bendixen für den Poetenladen


    poet nr. 5, Magazin des Poetenladens, Hrsg. von Andreas Heidtmann
    Poetenladen, Leipzig Juli 2008. 192 Seiten. 8.80 Euro

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter