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Christoph Steier im Interview

14.07.2008

"Vieles ist schon gesagt, bevor man den Mund aufmacht"

Christoph Steier (29) hat in seinem Leben allerhand akademische und literarische Preise gewonnen und schreibt zurzeit in Zürich an seiner Dissertation über Hunger. In seinem ersten Roman Tauchertage, der gerade erschienen ist, wird dagegen viel gegessen – und gekotzt: Die Hauptfigur Kilian hat Bulimie. Im Interview mit Felix Stephan spricht er über den Körper, die Krankheit und das deutsche Klassensystem.

 

In deinem ersten Roman Tauchertage hat der Zivi Kilian Lohmann Bulimie. Die „Tauchgänge“, wie er die Kotzsessions nennt, sind sehr detailreich beschrieben. Wie hast du recherchiert?

Die Recherche hatte drei Säulen: Einmal Betroffene, die ich kenne, dann einen befreundeten Arzt, der sich damit befasst, und drittens Internet und Literatur. Ich beschäftige mich ja auch in meiner Dissertation mit Hunger als bedeutungsstiftende Praxis und da geht es auch am Rande um Bulimie. Also nicht aus persönlicher Betroffenheit – wenn es sein muss, bin ich ein miserabler Kotzer.

Obwohl Kilian sehr intelligent und wortgewandt ist, zerstört er seinen eigenen Körper bis an den Rand des Todes. Wie passt das zusammen?

Frei nach Lessing: „Nicht jeder, der seiner Fesseln spottet, ist auch frei.“ Intelligenz ist ja nicht unbedingt die Gewähr für ein glückliches, sorgloses Leben. Dass Kilian sehr viel nachdenkt und wahrnimmt, belastet ihn eher. Ich sehe da keinen Widerspruch.

Kilian ist ja eigentlich ein untypischer Krankheitsfall. Weniger als zehn Prozent der Bulimie-Kranken sind Männer. Wieso hast du einen Mann mit der Krankheit ausgestattet?

Als Trendthema ist das in den Medien ja schon präsent. Man geht, glaube ich, von 80.000 essgestörten Männern in Deutschland aus. Mich interessieren die Geschlechterrollen auch gar nicht, sondern die Struktur, die hinter der Krankheit steht. Da denke ich schon, dass in den letzten 20 Jahren Männer, was ihren Körper angeht, immer mehr einem ähnlichen Druck ausgesetzt sind wie Frauen.

Im Roman spielt ein ästhetischer Druck aber ja eher keine Rolle.

Ich denke doch. So wie die Figur Kilian angelegt ist, ist für ihn äußere Perfektion eigentlich die Bedingung, unbefangen denken zu können. Er möchte eben nicht, dass er in irgendeiner Form sublimiert. Dass er also einen Welthass entwickelt, weil er eben in dieser Welt, die ja eine körperlich geprägte Welt ist, nicht zurecht kommt. Er hat Angst davor, zum Misanthropen zu werden, nur weil er mit seinem eigenen Körper nicht zufrieden ist. Das wird im Roman aber eher vorausgesetzt, weil ich davon ausgehe, dass der Körper heute das erste semiotische Schlachtfeld ist und vielleicht auch das wichtigste.

Er versucht sich zu entmaterialisieren.

Das findet man eher bei der Magersucht. Aber auch Kilian treibt an, dass er ein Zeichen für Verzichtfähigkeit sein will. Damit, sich aus der Welt zu hungern, kann die Figur wenig anfangen. Sie legt es eher darauf an, ein Körperzeichen zu werden, das an der Grenze zum Verschwinden angesiedelt ist. Kilian möchte ja schon etwas sagen und weiß halt, dass der Körper der Hauptsendemast ist. Vieles ist eben schon gesagt, bevor man den Mund aufmacht.

Im Krankenhaus trifft Kilian einen Magersüchtigen namens Hagen, dessen zarte Linien ihn nicht unberührt lassen.

Natürlich nicht! Hagen steht in der Tradition des Dandys, des Hungerästheten, der von Luft und Bewunderung lebt. Das Modell ist ja nicht erst seit dem heroin chic der 90er salonfähig, das gab es zum Beispiel schon bei Lord Byron. Verzichtfähigkeit demonstriert Unabhängigkeit von der profanen Welt der Fresser. Das bewundert Kilian ganz sicher. Da ist viel mehr Disziplin. Man kann natürlich darüber streiten, inwiefern das Kotzen nicht auch sehr viel Disziplin erfordert, obwohl es erstmal disziplinlos aussieht. Im Buch wird ja schon eine Differenz zwischen Magersucht und Bulimie aufgemacht, die unterschiedliche Ursachen haben, wie ich glaube. Hagen ist durchaus jemand, der sauberer ist als Kilian. Der, wie er selber sagt, den Kampf mit dem täglichen Essen schon hinter sich hat. Und das ist ja etwas, das den Bulimikern verwehrt ist. In medizinischen Berichten liest man immer wieder, dass sich irgendwann ein Gewöhnungseffekt einstellt und Anorektiker ihren Hunger tatsächlich nicht mehr so stark erleiden. Bei Kafka findet man das auch: „Hungern ist die leichteste Sache der Welt.“

Obwohl Kilian selbst immer wieder darüber monologisiert, warum er eigentlich ständig kotzt, hat er selbst keine Antwort. Wieso lebt er nicht einfach so geordnet und glücklich wie seine große Liebe Charlotte, der er ihr zufriedenes Leben wenn nicht neidet, so doch mindestens gönnt?

Kilian leugnet ja einen Zusammenhang zwischen seinem Denken und seinem Essverhalten, aber das Sich-Nicht-Festlegen-Wollen ist sicher ein Merkmal sowohl seiner Persönlichkeit als auch der Bulimie. Man frisst, obwohl man eigentlich nicht fressen will, löst das vermeintlich, indem man kotzt, manövriert sich damit aber natürlich nur tiefer hinein. Was mich interessiert hat, war ein Charakter, für den nichts selbstverständlich ist, der alles in Frage stellt, aber eben merkt, dass es diesen Ort außerhalb von Sinnsystemen überhaupt nicht gibt. Er leidet darunter, dass er nicht weiß, wie er sich selbst positionieren soll, wie er Realität verstehen soll, aber dass dieses Zögern trotzdem eine Realität schafft, die immer enger wird. Das ist, glaube ich, die Motivation, dass er nicht weiß, wo sein Platz ist. Dass er in der Vorläufigkeit bleiben will, dass er mit seinen Bedürfnissen überhaupt nicht zurecht kommt.

Charlotte sagt zu Kilian an einer Stelle, dass sie jetzt auf der Stelle mit ihm schlafen würde, wenn sie ihn nicht so sehr lieben würde. Das liest man bei jungen Autoren zur Zeit häufiger: Wirklich Nähe ist nur solange möglich, bis es zum Sex kommt. Mit dem Sex wird die Beziehung fleischlich und ordinär.

Das Ordinäre spielt bei mir eher keine Rolle. Das Problem ist vielmehr, dass Kilian nicht richtig bei sich selbst ist und deshalb auch niemanden wirklich an sich ran lassen kann. Das Paradox in der Beziehung zu Charlotte ist, dass er sich selbst ihr nicht zumuten möchte, gerade weil er sie mag. Charlotte, die ja in sehr körperlichen Verhältnissen gelebt hat, die vielleicht sogar ans Ordinäre grenzen und sie immerhin bis zum Aidstest bringen, ist es vielleicht sogar ganz willkommen, dass Kilian ihr in der Hinsicht keine Avancen macht. Aber auf Dauer ist es für sie natürlich kein Modell. Das ist auch in etwa die Grundstruktur des Romans: Dass jedem etwas fehlt, das er beim Anderen zu finden hofft. Aber er kriegt halt den ganzen Sack Probleme, die mit der jeweiligen Lebensweise verbunden sind, mit dazu. Ich glaube aber nicht, dass zurzeit die Liebe vom Sex gestört wird. Ich glaube eher, dass zurzeit viele Menschen unterwegs sind, die kein geklärtes Verhältnis zu sich selbst haben und dann solchen Sex suchen, den man im Internet finden kann, und nicht fähig sind, sich mit anderen auszutauschen. Das ist bei Kilian ja ganz offensichtlich: Er ist ein monologischer Wichser. Eigentlich kann er nur mit sich selbst sprechen, obwohl er sich gern verständlich machen möchte. Das bezieht sich sicherlich auch auf die Ebene der Sexualität. Ein letzter Satz noch zu dem Thema: Charlotte lebt ja in latenter Prostitution mit ihrem Freund Steve. Sie ist zwar nicht die arme Dirne, die es nicht anders haben könnte, aber es ist schon so, dass sie in Verhältnissen lebt, wo Sexualität anders ausgelebt wird und Steve und seine Freunde mit Kamerahandys zu Schaumpartys nach Mecklenburg-Vorpommern fahren. Und da stellt sich in der Tat die Frage, inwiefern Charlotte nicht bestimmte Dienste erbringt.

Nur weil ihr Freund reicher ist als sie, ist sie doch nicht gleich eine Prostituierte.

Man muss heute den Begriff der Prostitution aus der Anrüchigkeit heben - die Kampfzone ist ja schon länger ausgeweitet. Aber vor dem Hintergrund der Selbstbestimmung gerät etwas aus dem Blick, dass menschliche Beziehungen immer in irgendeiner Form über Machtverhältnisse geregelt sind. Deswegen ist Charlotte keine gefallene Heilige, sondern es ist durchaus ein Phänomen, das ich kenne, das man beobachten kann und zu dem ich auch kein Gegenmodell kenne. Und da eben viele Menschen ihre Ansprüche nicht kennen oder nicht in die richtige Relation zu ihren Möglichkeiten setzen können, gibt es meiner Meinung nach auch einen großen inneren Toleranzbereich, was man tun muss, um in dieser Welt seinen Platz zu finden.

Das ist auch eine Beobachtung aus der Medienwissenschaft, dass das Fernsehen die Erwartungen an den eigenen Lebensweg ins Irrationale verschiebt.

Das Credo der medialen Verblendung ist aber schon viel älter. Dass Menschen wirklich Erlebtes in Bilder pressen, denen sie mit ihrem Dasein und ihrem Körper nicht entsprechen können, ist ein uralter Mechanismus. Das fängt von mir aus beim Christentum an. Kilians Problem ist es, ein Wertesystem zu finden, das seinen Wert und seine Handlungen bestimmen soll. Selbst Literatur ist für Kilian ein „Verblendungszusammenhang“, wie Adorno sagen würde. Er trifft dort auf Ideale, die er einerseits zwar schätzt, andererseits aber nicht verwirklichen kann oder als antiquiert wahrnimmt. In Tauchertage geht es nicht darum, dass nur schöne, erfolgreiche Menschen im Fernsehen sind und deshalb Küstersöhne aus dem Norden verzweifelt versuchen, das nachzuleben. Dafür ist die Linie nach hinten viel zu weit verlängert. Es geht ja auch um Adoleszenz. Man sieht verschiedene Modelle und keines von denen entspricht dem, was man mit all seinen Hoffnungen eigentlich hat erreichen wollen.

Ist Tauchertage auch ein Klassenroman?

Ja, natürlich. Dafür bin ich zu sehr an Bordieu geschult, um einfach davon ausgehen zu wollen, dass jeder Mensch von einer noch so entwickelten Gesellschaft in alle Richtungen offen gehalten wird. Das kann ich nicht glauben und das möchte ich auch gar nicht glauben. Gleichzeitig verbinde ich das aber auch nicht mit einer kämpferischen Attitüde. Ich glaube nicht, dass man die Vorzüge von Gesellschaft genießen kann, wenn man gleichzeitig davon ausgeht, dass in jeder Mikrogeneration die Verhältnisse neu verteilt und die Karten neu gemischt werden. Gesellschaft ist ein System, und das reproduziert sich nunmal. Es wäre Unsinn, wenn es nicht etwas wie Klassen gäbe, die bestimmte Verlaufsmöglichkeiten vorprägen. Das bedeutet nicht, dass der Einzelne das nicht überwinden kann. Bestimmte Austauschprozesse sind immer im System angelegt. Ich glaube aber nicht, dass jeder Mensch jede Entwicklung in sich trägt. Man ist ja schon mit 15 bis 20 Jahren selbst körpergewordene Geschichte und verfügt über Prägungen, die man einem einfach ansieht. Man kann nicht erwarten, dass bei unterschiedlichen Prägungen die gleichen Möglichkeiten rauskommen.

Also sind Klassen kein Unglück?

Nehmen wir die Else-Figur. Else kann ja durchaus gut damit leben, was er ist. Soll man jeden am sozialdemokratischen Ideal des hochgearbeiteten Akademikers messen? Ist es immer ein Glück, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein, oder ist nicht vielleicht an den Rändern viel mehr Kongruenz möglich? Sowohl oben als auch unten. Der Roman ist keine Anklageschrift gegen die herrschenden Verhältnisse. Das Schöne in Deutschland ist doch, dass die Grenzbereiche zumindest partiell durchlässig sind. Mit tausend Euro im Monat kann jeder in Deutschland ein relativ weitgefächertes Leben führen mit großen Zugänglichkeiten. Man kann sehr vielen verschiedenen Menschen begegnen. Ich nehme aber an, dass es sich nach dem Berufseinstieg im Großen und Ganzen doch wieder so sortiert, wie es vorher gewesen ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

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