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Zum Tode von Paul Miron

17.04.2008

Vermittler zwischen Mitteleuropa und Rumänien

Paul Miron, geb. am 13. Juni 1926 in der schönen Moldauregion in Rumänien, ist in der Nacht zum 17. April 2008 nach langer Krankheit in Freiburg, wo er seit rund 40 Jahren lebte, lehrte und wirkte, verstorben. Paul Miron war trotz seiner Emigration nach Deutschland seit der großen Wende einer der populärsten Schriftsteller seines Geburtslandes Rumänien.

 

Der emeritierte Professor für Romanistik hat ein gutes Dutzend Bücher mit origineller und sprachgewaltiger Prosa, Lyrik und Dramatik veröffentlicht und damit große Erfolge gefeiert. In Deutschland sind erst einige Theaterstücke und ein sehr lesenswerter Band mit Mirons Lyrik (zweisprachig rumänisch-deutsch) erschienen. „Die Zeit“ und „Tagesspiegel“ berichteten. Zu Mirons Lebensleistung gehört neben seinen literarischen und wissenschaftlichen Werken auch eine einzigartige Vermittlerrolle zwischen Deutschen und Rumänen gerade in den dunkelsten Zeiten des Ceausescu-Regimes. Die Rumänen haben es ihm gedankt mit Ehrendoktor-Hüten und Ehrenbürgerschaften, wir Deutsche haben durch ihn Wesentliches über das Land der Moldauklöster und der Karpaten erfahren.

Dabei war Mirons Leben voller Dramatik: 1944 muss er nach zweieinhalbjähriger politischer Kerkerhaft aus dem Land seiner Vorfahren fliehen, entrinnt in den Wirren des Kriegsendes mit viel List mehrfach knapp dem Tode, studiert danach in Bonn, Köln und, auf Rat und mit Unterstützung seines Mentors, des Romanisten Ernst-Robert Curtius, in Paris. 1954 promoviert er mit einer Arbeit über die "Typologischen Strukturen des Rumänischen" in Bonn, 1974 folgt die Habilitation in Freiburg.

Miron wirkt zunächst als Lektor und später als Professor für die rumänische Sprache (ab 1952 in Köln, später in Bonn und ab 1964 in Freiburg/Brsg.) In dieser Zeit kann er Generationen von deutschen Romanisten mit dieser „Randsprache“ ihres Faches, aber auch mit den Geheimnissen und dem Zauber der rumänischen Kultur und Literatur vertraut machen. Zahlreich sind auch die Studenten, die Rumänisch für ihr nicht-philologisches Studium benötigten: Theologen, Archäologen, Geographen u.a.. Sie alle betreut Miron nicht nur in der Universität, sondern auch in der gastfreien Wohnung der bibliophilen Familie in Bonn und alsdann in Freiburg. Er vermittelt seinen Studenten nicht zuletzt einen wesentlichen rumänischen Charakterzug: die Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit des homo balcanicus.

Scharfzüngige Satiren voller Ironie und Heiterkeit

Das wissenschaftliche Werk Paul Mirons wird über seine Lebenszeit hinaus wirken, so seine typologischen Sprachstudien, v.a. jedoch die von ihm gemeinsam mit Elsa Lüder besorgte Neuausgabe des dreibändigen rumänisch-deutschen Wörterbuchs von H. Tiktin (inzwischen in 3. Auflage) oder seine philologische Edition der ersten, monumentalen rumänischen Bibel. Mit den von ihm in den 60er und 70er Jahren herausgegebenen Zeitschriften "Prodromos" und "Dacoromania" konnte Miron gerade die im totalitären Rumänien nicht mehr gelittenen Fächer Theologie und Geschichte in seiner unterdrückten Heimat wirksam werden lassen. Und es war Paul Miron, der in den schwierigen Zeiten der Unterdrückung erneut den Dialog mit rumänischen Wissenschaftlern suchte und fand, der unermüdlich Gesprächsfäden knüpfte, Bibeln nach Rumänien schmuggelte und unzählige rumänische Besucher im schönen Freiburg beherbergte (von denen einige, wie sich später herausstellte, höchst lesenswerte Berichte für seine Securitate-Akte erstellten, aus denen er in einem Erinnerungsband genüsslich zitiert). Diese mutige und selbstlose Tätigkeit für die deutsch-rumänischen Beziehungen im Wissenschaftsbereich verschafften ihm in der alten Heimat zwar unausgesprochen hohe Anerkennung, offiziell jedoch scharfe Anfeindungen seitens des Ceausescu-Regimes.

Erst nach seiner Emeritierung 1991 gelangte Mirons wohl größte Leistung an die Öffentlichkeit, ein literarisches Werk höchst origineller und geistreicher Prosa, Lyrik und Dramatik. Die bisher zumeist in rumänischer Sprache erschienenen Bände stellen ihn bereits heute in eine Reihe mit den großen rumänischen Exil-Autoren Eugen Ionesco, Mircea Eliade und Emil Cioran.

Paul Miron wird in der westlichen Rezeption entweder als "byzantinischer Hofsänger oder als Offiziant sakraler Riten" gesehen, was ihn nicht anficht, doch sind es insbesondere die scharfzüngigen Satiren voller Ironie und Heiterkeit, die den Leser einnehmen. Miron schrieb in rumänischer, deutscher und französischer Sprache. Doch gelingt es ihm naturgemäß am besten in seiner Muttersprache, den ungeheuren Bilderreichtum mit der Vielseitigkeit der ihm verfügbaren stilistischen Mittel so zu paaren, dass literarische Produkte erster Güte entstehen, die erst teilweise ins Deutsche übertragen worden sind.

So bleibt es einem deutschen Publikum überlassen, ein relativ schmales, aber ungeheuer lesenswertes Oeuvre zu entdecken. Zum Beispiel Mirons 2003 in Zürich erschienenen Gedichtband "Eine Menge Bäume" (rumänisch und deutsch). Eugen Ionesco, Dramatiker von Weltruhm, von Miron im Scherz befragt: "warum bist Du eigentlich so berühmt und nicht ich?" antwortete offenherzig: "Weil mein Manager so geschickt ist". Miron hatte nie einen Manager oder Literatur-Agenten. So bleibt zu hoffen, dass sein Werk dennoch die Anerkennung findet, die es verdient.

Gunnar Hille

WIE SCHÖN DU WARST

Wie schön du warst!
Schlaftrunkene Tauben luden mich ein,
sie fuhren aus ihre Antennen wie Schnecken.
Irgendwo hielt das Horn eines Jägers
mit seinem Zauberklang die Zeit fest.
Wie schön du warst!
Das Boot schwer von Begehren
verhedderte sich im Schilf, doch ich nahm es nicht wahr…
Die Augen, wie Brunnen verschlossen, tiefer als Leidenschaft,
maßen die Ewigkeit zurück bis zum Anfang.
Nur das Spiel zwischen Himmelsgewölbe und Erde,
das Spiel der Delphine in lauen Gewässern…

Wie schön du warst!
Ei, wie schön du warst!


(aus: P.M., Eine Menge Bäume. Gedichte dt./rum., Zürich 2003)

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