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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 17:45

     

    Jean-Marie Straub wird 75

    08.01.2008

    Lonely are the Brave

    Jean-Marie Straub zum 75. Geburtstag

    Von Wolfram Schütte

     

    Nachdem ihm sein alter ego Danièle Huillet im vergangenen Jahr der Tod entrissen hatte, wird Jean-Marie Straub heute ohne diesen ihm nächsten Menschen seines Lebens 75 Jahre alt. In Frankreich oder Italien, wo immer er sich jetzt aufhält, wird er an diesem Tag allein sein - oder hoffentlich/sicherlich: unter Freunden. Nicht mehr in Deutschland, wohin die beiden zuerst gekommen waren, weil sich der in Metz 1933 Geborene 1958 dem französischen Militärdienst in Algerien entziehen wollte. Es war die Emigration, in der Straub-Huillet zu Filme-Machern geworden sind - und sogleich als Unruhestifter in Erscheinung traten: radikal widersetzlich allem Konformismus als dem mehr oder minderen Einverständnis mit den hier herrschenden politischen, gesellschaftlichen und künstlerischen Verhältnissen und Übereinkünften.

    Die beiden “Fremden” haben im “Neuen deutschen Film” befremdlich direkt einer Böllschen Erzählung und einem seiner komplexen Romane deren harte Kerne freigelegt: schneidenden Widerspruch gegen die Wiederbewaffnung (Machorka-Muff, 1962) und tätlichen Widerstand gegen die Restauration der bürgerlichen Gewaltverhältnisse (1965): in “Nicht versöhnt” - oder “Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“, wie der, Brecht zitierend, vollständige Titel ihrer den Autor wie den Verleger (und große Teile der westdeutschen Kritik) bestürzenden filmischen Lektüre von Bölls Familiengeschichtsroman “Billard um halbzehn” lautete.

    Aggressivität und entschiedene Opposition ist seither dem Oeuvre von rund zwei Dutzend Filmen der Straub-Huillets inhärent geblieben, wobei sie (nach Godards treffender Formulierung im Blick auf Costa-Gavras) keine “politischen Filme” gemacht, sondern Filme politisch gemacht haben: Filme also, nicht filmische Transportmittel für politische Slogans und Botschaften. Politisch ist die Utopie der Straubschen Ästhetik, wonach die kinematografischen Kunst, sicht- & hörbar zu machen, was die beiden Filmmacher als Essenz vorgefundenen Werken von Brecht bis Kafka, von Bach bis Schönberg, von Cézanne bis Mallarmé, von Corneille bis Hölderlin, von Pavese bis Vittorini (also der Tradition der europäischen Kultur) abgelesen, freigelegt & inszeniert haben, daraufhin intensiver, tiefer, nachhallender ins Bewusstsein der Zuschauer & -hörer dringt - als durch das auf oberflächliche Einfühlung spekulierende Transportband der geläufigen (Literatur-) Verfilmungen. Der Preis dieser radikalen politischen Ästhetik im Umgang mit Ton, Sprache, Bild, Montage, Repräsentation von Menschen, Gegenständen, Räumen und Landschaften im Lichte eines essentialistischen Naturalismus ist hoch. Kompromisslos wird er von diesem Oeuvre entrichtet, indem es eher als versiegelte Flaschenpost im Meer der kinematografischen Beliebigkeiten ausgesetzt erscheint, statt je auch nur einmal als “Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen” auf der Leinwand erschienen zu sein.

    In der Zirkulationssphäre des Kinos und der Filmindustrie waren die Filme Straub-Huillets marginal; als radikale Widerrufe und “Rücknahmen” der allgemein-allgewaltigen Bilderproduktion des Kinos: zentral. Nur dank der Unterstützung des Produzenten Klaus Hellwig und enthusiastischer Fernsehredakteure wie Werner Dütsch (WDR) oder Dietmar Schings (HR) konnte ein Großteil des Straubschen Oeuvres überhaupt entstehen und in der ARD gesendet werden. Seit diese “Straubiens” gestorben oder in Pension sind und das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen flächendeckend und lückenlos quotenorientiert ist, haben sich solche Nischen für die minoritären Filme der Straubs auch in unseren 3. Programmen geschlossen.Obwohl Straub-Huillet Anfang der Siebziger Jahre nach Rom übersiedelten, fortan dort und in Paris lebten und sich nur noch einmal 1982/83 für ein Jahr in Hamburg zur Vorbereitung und zu Dreharbeiten ihrer “Klassenverhältnisse” (nach Kafkas “Amerika”) aufhielten, blieb ihr späteres Werk noch lange der deutschsprachigen Kultur verbunden; zuletzt drehten sie in Frankfurt am Main 1996 die Schönberg-Operette (!) “Von Heute auf Morgen“. Seit 1998 (“Sicilia!”) jedoch wurde ihre künstlerisches Phantasie und Arbeit von Elio Vittorini und Cesare Pavese bestimmt; aber in Deutschland waren die letzten italienischen Filme dieser wahrhaft europäischen Filmemacher nicht mehr zu sehen.

    Wer in seiner eigenen Lebenszeit das Werden dieses solitären kinematografischen Oeuvres verfolgt, den stetigen Kampf darum begleitet und den asketischen Mut und die ebenso stolze wie bescheidene Unbeugsamkeit der beiden einander Verschworenen bewundert hat, wird am heutigen Tag dankbar Jean-Marie Straub grüßen. “Und immer noch scheint über all unserem Dunkel die Sonne der Gerechtigkeit, als Hoffnung, als Fanal”. (Herman Melville, “Moby Dick”)

    Wolfram Schütte

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