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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 08:02

     

    Jagoda Marinic im Gespräch

    06.12.2007

    Ich möchte das Undarstellbare dargestellt wissenJagoda Marinić, geboren 1977 in Waiblingen, studierte Germanistik, Politische Wissenschaft und Anglistik in Heidelberg und lebt heute als Schriftstellerin, Theaterautorin und Journalistin in New York und Heidelberg. Sie debütierte 2001 mit dem Erzählband Eigentlich ein Heiratsantrag. 2005 folgte der Erzählband Russische Bücher (beide bei Suhrkamp), für den sie mit dem Grimmelshausen-Förderpreis ausgezeichnet wurde. Kürzlich erschien ihr erster Roman Die Namenlose bei Nagel & Kimche. Präsentiert vom Poetenladen.

     

    Frage: Was spricht Ihrer Meinung nach gegen eine konventionell erzählte Geschichte, und warum wollten Sie Ihre Geschichte nicht konventionell erzählen?

    Jagoda Marinić: Nichts spricht gegen nichts, jeder Text ist lediglich ein Angebot an den Leser, und sowohl konventionelle als auch unkonventionelle Geschichten können gut erzählt sein. Es ist nur so, dass ich das Konventionelle inzwischen weder lesend noch schreibend nachvollziehen kann. Für mich ist eine Folge von Geschehnissen ebenso wenig aushaltbar wie eine Familiengenealogie – beides bezeichnen die meisten als Roman. In meinem Erleben von Welt hat sich irgendwann etwas eingestellt, was in den konventionellen Geschichten keine Entsprechung findet. Ich erlebe mein Dasein weniger in Geschehnissen als vielmehr in Gefühlen, denen mitunter gar kein Ereignis zugrunde liegt oder die dem Ereignis, das sie auslöst, oft nicht ganz entsprechen. Deshalb kann ich wohl nicht mehr konventionell erzählen.

    Hat also das Misstrauen gegen die Fiktion auch etwas mit dem Leben, mit Ihrer Welterfahrung zu tun?


    Ja, es kommt eher daher als von der Beschäftigung mit dem Schreiben. Je nachdem, an welchem Punkt im Leben man steht oder welche Einflüsse und Erlebnisse einen gerade prägen, erzählt man sich die eigene Geschichte anders. Beim Lesen habe ich diese Erfahrung selten widergespiegelt bekommen. Die meisten Bücher behaupten einen roten Faden, ein so war und ist und bleibt es von vorne bis hinten. Das erscheint mir aber nicht glaubwürdig. Meine Sehnsucht nach Geschichten wird in Theater und Film gestillt. In Büchern dagegen möchte ich etwas finden, was mir Theater und Film nicht geben können. Ich will in Texten nicht drei gute Dialoge lesen, sondern Wahrnehmungsebenen dargestellt wissen. Die Bücher, die mich anziehen, würden jeden Regisseur zur Verzweiflung treiben, weil sie das Undarstellbare darstellen, indem sie fragen: Was ist das Ich, das diese Geschichten erlebt?

    In Ihrem Roman finden sich vier Arten zu erzählen: das Tag-Ich und das Nacht-Ich, das Ich der Fußnoten und die kursiven Tagebuchaufzeichnungen des Tag-Ichs. Ist die Konstruktion bewusst kompliziert?


    Ich finde die Konstruktion nicht kompliziert und kann eventuelle Ratlosigkeit nur bedingt nachvollziehen. Ich glaube, dass der Leser ebenso hin- und hergeschleudert wird wie ich, dass aber dennoch innerhalb der Wechsel ein Zusammenhang spürbar ist, den ich bis ins Letzte aufschlüsseln könnte, wenn ich es wollte. Es ist ein Buch für neugierige Menschen, neugierig auf sich und wie sie damit umgehen, wenn sie ein Buch mal nicht einfach nur verschlingen, sondern mitkreieren sollen, indem sie dem Gelesenen eine Deutung geben. Im Prinzip würden mir die Interpretationen des Buches mehr über den Leser als über das Buch erzählen.

    „Nach heutigem Verständnis braucht eine Geschichte weniger denn je so etwas wie einen Plot“, sagt die Namenlose in Ihrem Roman. Und dann geschieht aber doch eine ganze Menge: Die Namenlose arbeitet in einer Bibliothek und ist ständig wütend auf ihre Chefin; sie verliebt sich; sie fährt zu ihrer Mutter, die im Sterben liegt …


    Heutzutage finden zunehmend Verwechslungen zwischen Autor und Figuren statt, weil Autoren mehr oder minder gezwungen sind, sich dem Personenmarketing zur Verfügung zu stellen, denn ohne mediale Unterstützung ist die Verbreitung eines Werks fast unmöglich. Die Namenlose sagt diesen Satz, weil sie die Welt so wahrnimmt. Das heißt aber nicht, dass das als Autorin meine Position ist, obwohl ich die Welt zumindest mit einem Teil meiner Selbst auch so wahrgenommen haben muss, sonst hätte ich der Protagonistin diesen Satz nie in den Mund gelegt. Vielleicht mag ich einfach das Spiel mit den Erwartungen der Leser. Viele suchen in Büchern einen Halt, statt ihn verlieren zu wollen. Dieser Satz beispielsweise führt dazu, dass der Leser das liest und denkt: „Ah ja, da schildert die Autorin über ihre Figur ihr literarisches Programm.“ Und dann lasse in meinem Buch doch etwas passieren. Statt sich darauf einzulassen, sagt der Leser: „Was will die denn, eben hat sie doch gesagt, es gäbe heutzutage weniger Plot denn je?“ Und dann ist der Leser beleidigt, weil ich mich nicht an das halte, was er sich ausgedacht hat.

    Welche Funktion hat denn der Leser in Ihren Büchern, wie soll er sich verhalten?


    Das ist nicht meine Art zu denken. Ich weiß, dass es Leser gibt, ich weiß, dass es Bücher gibt, und ich hoffe, dass sich die jeweils passenden finden. Ich könnte aber meinen Leser nicht funktionalisieren, und ich denke auch nicht über den Leser nach. Ja, unter Umständen könnte ich Leser großartig an der Hand fassen und herumführen und mich gleichzeitig großartig dafür bewundern lassen, wie toll ich das kann. Aber das interessiert mich nicht. Was mich zum Schreiben treibt, ist das Abenteuer, das es sowohl für den Leser als auch für mich darstellt. Der Leser bekommt gerade genug Futter, dass er sich nah am Geschehen befindet, doch nie genug, um all seine Fragen von mir beantwortet zu bekommen.

    Schreiben Sie sich von äußeren oder auch inneren Erwartungen frei, indem sie etwas Neues schaffen?


    Leider verweigere ich meinem Schreiben zuliebe die Selbstanalyse. Innere und äußere Erwartungen sind für mich ein kaum trennbares Geflecht aus Eigenem und Fremdem. Ich lasse all diese Stimmen zu, halte sie aus und höre nicht hin, so paradox das klingen mag. Sicher hat das in der Summe dann einen Einfluss. Den kann ich aber nicht greifen, weil er mir zur Normalität geworden ist. Ob man aber überhaupt etwas Neues schaffen kann, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich beim Schreiben nur mir glaube, ganz gleich, wie falsch ich damit liegen könnte und was ich damit riskiere.

    Inwiefern hat sich Ihr Schreiben verändert, weil Sie schon sehr zeitig veröffentlicht haben?


    Kann sein, dass es etwas erstickt hat. Kann sein, dass ich deshalb keine Geschichten erzählen kann. Kann aber auch sein, dass ich ohne das frühe Veröffentlichen nie geschrieben, sondern einen anderen Weg gewählt hätte. Das sind sehr schwer zu beantwortende Fragen, deren Antworten ich nur kennen würde, wenn ich ein anderes Leben gehabt hätte und gleichzeitig über dieses hier Bescheid wissen würde. Ich weiß nie genau, was jetzt mein Wesenszug ist, was immer so gewesen wäre und was das Ergebnis bestimmter Erfahrungen ist.

    Sie haben im Juni in Klagenfurt gelesen. In Ihrem Videoporträt haben Sie gesagt, dass Sie mit dem Schreiben und Veröffentlichen nun auch die Möglichkeit haben, in der Öffentlichkeit über sich selbst zu reden oder zu hypochondern. Wie groß ist die Freude darüber vor allem bei einem Roman wie Die Namenlose, der sehr persönlich scheint?


    Die Freude ist maßlos. Nein, zunächst einmal finde ich den Anspruch absurd, dass Autoren authentisch schreiben sollen und zugleich unpersönlich. Ich selbst möchte keinen Roman lesen, der unpersönlich ist. Dann würde ich zu einem Sachbuch greifen, aber auch da gefallen mir die besser, die einen persönlichen Standpunkt aufweisen. Die Reaktionen auf das Video zeigen mir, wie wenig greifbar das Reden im Kulturbetrieb geworden ist, mehr nicht. Es gibt dieses gängige Reden über Literatur, und das ist in etwa so spannend, wie die Aussagen in meinem Video tief sind. Nichts, was in diesem Video gesagt wird, bedeutet etwas, aber es war mir klar, dass man versuchen würde, es zu deuten. Ich finde, dass im deutschsprachigen Raum unter Intellektuellen viel leere Luft produziert und viel dreckige Wäsche gewaschen wird. Der Film war der Versuch, mich aus der Affäre zu ziehen, Ausdruck meines Unwillens, in so einem Forum wirklich etwas über mich zu sagen, womit ich ja auch etwas sage. Eine Totalverweigerung gelingt leider nur durch Selbstauflösung, was ich mir ersparen möchte.

    Und damit, dass Sie in den Text eintauchen und wieder aus ihm auftauchen, meinten Sie auch nichts?


    Ich mochte einfach die absurde Formulierung. Das Wort „eintauchen“ spielt mit dem gesellschaftlichen Bild des Künstlers, den die Muse küsst, der „ab- oder eintaucht“ in die „Gedanken und Phantasiewelt“, als wäre sie nicht die Lebenswelt. „Taucht in ihre Texte ein, Text-türen, Text-ilien.“ Der Satz bedeutet offensichtlich nichts. Mir war nur klar, dass man ihm Bedeutung aufzwingen würde, wenn ich ihn in diesem Kontext ausspreche. Auch das ist nichts Neues, doch dieser einbetonierte Zwang nach Interpretierbarkeit ist in seiner Vorhersehbarkeit jedes Mal überraschend und unterhaltsam.

    Vielen Dank für das Gespräch!


    Das Interview führte die Leipziger Autorin und Journalistin Katharina Bendixen.


    Aus: poet[mag] 4. Magazin für Literatur, Heft 4. Hg. von Andreas Heidtmann.
    poetenladen, Leipzig Dezember 2007. 192 Seiten. 8.80 Euro. ISBN 978-3-940691-00-2.
    Mit Beiträgen von Kurt Drawert, Ron Winkler, Eva Demski, Dieter M. Gräf u.v.a.

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