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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 08:07

     

    Marcus Imbsweiler. Bergfriedhof

    06.12.2007

    „Sind Sie Polizist?“
    Im Rahmen der diesjährigen Karlsruher Bücherschau las Marcus Imbsweiler aus seinem Debüt, dem Heidelberg-Krimi „Bergfriedhof“. Sympathisch und aufgeschlossen stellte er sich nebenbei zugleich den Fragen des Publikums – und enthüllte unter anderem auch seinen ursprünglichen Beruf.
    Ines Schipperges besuchte für TITEL die Lesung und sprach mit dem Autor

     

    Marcus Imbsweiler, 1967 im Saarland geboren, lebt seit siebzehn Jahren in Heidelberg. Die Stadt und ihre Einwohner kennt er sehr genau. So offenbart sich sein Krimi im Laufe des Geschehens als eine äußerst amüsante Kombination aus Kriminalgeschichte und Gesellschaftsstudie. Imbsweiler ist kritisch und ziemlich schonungslos. Sein Privatdetektiv, eine abgerissene Gestalt namens Max Koller, deckt nicht nur einen Mordfall auf, sondern nebenbei auch die düstere Vergangenheit und Gegenwart der Heidelberger Oberschicht.
    Die ironische Sprache und die teils geradezu absurden Dialoge, die daraus resultieren, machen die Lektüre von „Bergfriedhof“ zu einem Vergnügen. Der feine Wortwitz, der beim Lesen im Eifer des Gefechtes manchmal beinahe verloren geht, trat während der Lesung, unterstützt durch die pointierte und anschauliche Vortragsweise des Autors, umso deutlicher hervor: „Tüchtige Verwandtschaft ist heutzutage so schwer zu bekommen.“

    Auch die Auswahl der gelesenen Kapitel war gut durchdacht und trug dazu bei, einen treffenden Eindruck vom Buch zu vermitteln. Imbsweiler begann mit dem ersten Kapitel, in dem die Leiche gefunden und Koller mit seinem ominösen Auftragsgeber konfrontiert wird. Hier wird also die Spannung aufgebaut und die eigentliche Krimihandlung, das Rätsel um den ermordeten Penner und den merkwürdigen „Senior in Kaschmirmantel und Hut“, eingeleitet. Das zweite Kapitel hingegen, das der Autor zum Vortrag brachte, beschreibt den provokanten Besuch eines Chemieunternehmers und ist stark dialoglastig. Diese Episode scheint weniger dem Fortgang des Geschehens oder der Lösung des Mordfalls zu dienen, als vielmehr der Charakterisierung einer so genannten Elite, die sich als „stinkendes Stück Scheiße“ offenbart.

    Max Koller, ehemaliger Taxifahrer, chronisch pleite, aber keineswegs auf den Mund gefallen, begegnet im Laufe seiner Ermittlungen immer wieder Mitgliedern der höheren Kreise, die umso tiefere Abgründe in sich bergen. Imbsweiler zeichnet seine Charaktere mit viel Liebe zum Detail. Gerade diese scharfen und prägnanten Beschreibungen von Mensch und Gesellschaft – die in Imbsweilers neuem Buch, „König von Wolckenstein“, noch weiter ausgeführt werden – verleihen dem Krimi seinen besonderen Reiz und seine individuelle Note. Zugleich jedoch erfüllt er durchaus auch die Erwartungen des geübten Krimilesers. Die Auflösung des Mordes verblüfft, ist aber plausibel und keinesfalls zu weit hergeholt. Auch bedient sich der Autor gängiger Krimimotive, stellt beispielsweise ebenso wie Doyle oder Christie seinem Protagonisten einen treuen besten Freund zur Seite. Sherlock Holmes hat seinen Watson, Hercule Poirot hat Captain Hastings – und Max Koller hat Fatty.

    Zwischen den beiden Kapiteln bot Imbsweiler dem Publikum die Möglichkeit, Fragen an ihn zu richten. Dabei gab vor allem ein Punkt große Rätsel auf: Was macht eigentlich ein Schriftsteller, bevor er sein erstes Buch veröffentlicht? „Sie lesen sehr gestenreich, sind Sie Schauspieler?“, wurde gemutmaßt. „Sind Sie Polizist?“, hieß es weiter. Dieser „Fall“ wurde schließlich von Marcus Imbsweiler selbst gelöst: Er kommt, wie er erklärte, „vom Schreiben aber nicht vom Inhalt“ und arbeitete nach seinem Studium der Musikwissenschaft und Germanistik als Musikredakteur.

    Weitere Fragen beantwortete er dem TITEL-Magazin in einem Interview (siehe nachfolgend).



    Zuallererst die Standardfrage: Wie macht man das, ein Buch schreiben? Wie kommt man dazu?
    Wie kommt man dazu? Das frage ich mich auch manchmal. Ich hatte schon länger Lust, eine Krimiparodie zu schreiben, und vor Jahren hatte ich die Idee zu dem Anfang: Bei Mitternacht ein Käuzchenschrei, ein abgehängter Privatdetektiv stolpert über eine Leiche – und warum denn nicht auf dem Friedhof? Er weiß nicht, wer der Tote ist, er hat einen Auftrag, von dem er nicht weiß, worum es geht. Das war der Anfang, und wenn man den erst einmal hat, kann man sich ja Fragen stellen: Warum ist er jetzt dort, was kann das für ein Auftrag sein?

    Die Idee zur Handlung kam also erst später? Erst kam die Leiche und dann die Lösung?
    Genau, den Plot habe ich dann wirklich daraus entwickelt und drum herum gebastelt. Nur die Idee mit der Krimiparodie habe ich irgendwann fallengelassen, weil ich gemerkt habe, das trägt nicht, das hat keinen Spannungsbogen für den ganzen Text. Das habe ich dann also wieder geändert und versucht, die Geschichte möglichst realistisch in die Heidelberger Szenerie einzubauen – wobei ein paar parodistische Elemente immer noch enthalten sind. Der Privatdetektiv ist natürlich ein Abziehbild von diesen Ami-Privatdetektiven, die zuviel trinken und kein Geld haben. Aber ich habe versucht, dem Ganzen einen einigermaßen realistischen Hintergrund zu geben.

    Der Tonfall ist ja generell doch sehr ironisch-witzig, die Charakterbeschreibungen eben auch durchaus parodistisch – aber vor dem Hintergrund einer eher tragischen Geschichte. War dieser Kontrast Absicht oder hat sich das dann auch erst so ergeben?
    Der Tonfall kam auf jeden Fall schon von der Ursprungsidee. Auch wenn die Handlung insgesamt jetzt nicht mehr parodistisch ist – aber der Umgang dieses komischen Typen mit seiner Umgebung und mit sich selbst, das sollte schon noch eine ironische Note haben.

    Die Geschichte spielt in Heidelberg, in Ihrer Heimatstadt. Wurden die Charaktere denn auch nach „lebenden“ Vorbildern gezeichnet?
    Nein, das nicht.

    Aber es ist ja sicher kein Zufall, dass gerade Heidelberg den Ort der Handlung darstellt?
    Irgendwann habe ich mich gefragt, wo soll die Geschichte spielen – und ich wollte eben etwas nehmen, das ich auch kenne. Da lag es nahe, Heidelberg zu nehmen.

    Und die historischen Hintergründe der Handlung? Beruht zum Beispiel die Verwechslungsgeschichte auf realen Begebenheiten?
    Nein, das ist komplett erfunden. Das entstand aus der Anfangsidee, dass der Auftragsgeber seine Persönlichkeit verheimlichen will. Ich wollte den Krimi in der Geschichte verwurzeln, auch, um dem Ganzen eine etwas ernstere Note zu geben. Da hat sich die Kriegszeit angeboten. Einige Details sind durchaus real, zum Beispiel die Tatsache, dass auf Heidelberg ein oder zwei Bomben geflogen sind, eben auch in die Bergheimer Straße.

    Wie lange hat es denn insgesamt gedauert, das Buch zu schreiben?
    Das kann ich nicht sagen, weil ich den Text so oft umgeschrieben habe. Ich nehme an, dass die erste Version gar nicht so lange gedauert hat, ein paar Monate. Ich habe die erste Version erst einmal liegen gelassen, sie mir später noch einmal angeschaut, fand sie furchtbar und habe sie wieder komplett überarbeitet. So ging das dann drei, vier Mal. Und das hat dann eben zu der langen Dauer zwischen erster Fassung und Veröffentlichung geführt. Man muss sich immer wieder auch in die Situation des Lesers versetzen. Wenn man schreibt, ist man eben kein Leser. Es geht auch viel langsamer: Man überlegt, man formuliert – und der Leser hat eben ein ganz anderes Lesetempo.

    In Rezensionen wird ja auch immer wieder Ihre intelligente Sprache gelobt, wird „Bergfriedhof“ als sehr anspruchsvoller Krimi bezeichnet. Was war denn nun eben das Zielpublikum, hatten Sie beim Schreiben auch eher anspruchsvollere Leser vor Augen?
    Zielpublikum, das kann man eigentlich nie sagen. Was ich schon wollte, war, einen Unterhaltungsroman zu schreiben, den auch jeder lesen kann, ihn aber auch nicht zu billig zu machen und einen gewissen Anspruch an mich selbst zu wahren, gerade auch sprachlich ein bisschen mehr zu bieten als nur den Transport des Inhalts.

    Große Teile des Krimis befassen sich ja dann auch mit Gesellschaftsstudien. Es war also durchaus beabsichtigt, auch außerhalb der eigentlichen Handlung des Krimis zu arbeiten?
    Ja, auf jeden Fall. Als ich mir erst einmal überlegt hatte, dass die Geschichte in Heidelberg spielen soll, war mir ziemlich schnell klar, dass es mir nicht reicht, einfach nur Heidelberger Schauplätze zu nehmen, Straßennamen, Geschäfte, das Heidelberger Schloss etc. Ich wollte auch etwas von der sozialen Schichtung einfangen. Da gehören natürlich die Studenten dazu, da gehört das Akademikertum dazu, da gehört der Reichtum der Stadt dazu, das Fehlen der Arbeiterklasse – und das wollte ich schon transparent machen.

    Der Krimi wäre also anders geworden, wenn er nicht gerade in Heidelberg gespielt hätte?
    Genau. Ich finde, ein Regionalkrimi sollte schon den Anspruch haben, dass er bestenfalls nur in dem Ort, in dem er spielt, spielen kann bzw. in dem einem Ort spielen kann, in einem anderen aber nicht. Mein Krimi könnte sicher so auch in Göttingen so spielen, nicht aber in Wanne-Eickel.

    Beruhen denn zum Beispiel die Beschreibungen der Studentenverbindungen und ihrer inneren Rituale auf eigenen Erfahrungen im Studium? Sie haben ja auch selbst in Heidelberg studiert.
    Ja, ich habe zwei Drittel meines Studiums in Heidelberg verbracht und den Rest in Tübingen, und in beiden Städten hat man die Burschenschaften erlebt. Ich selbst war nie in einer Burschenschaft, kenne das also nur von außen und habe mir einiges erzählen lassen. Mein Verhältnis dazu ist eine Mischung aus Anziehung und Abschreckung. Mich fasziniert diese Abschottungspolitik von Männergruppen. Das scheint etwas Archetypisches zu sein, das gibt es überall – in Naturvölkern, aber auch unter den Akademikern, unter nüchternen Wirtschaftsleuten, die die alten Rituale pflegen. Dieses Bizarre ist es, das mich fasziniert. Da ist die Gefahr, ins Klischee abzurutschen, natürlich groß.

    Aber hier spielt ja dann sicher auch wieder das Parodistische eine große Rolle?
    Das ist natürlich auch gefundenes Fressen für die Hauptfigur, für den Privatdetektiv Koller. Es ist übertrieben, es ist überzeichnet, aber es gibt solche Figuren natürlich auch in der Wirklichkeit.

    Sind denn noch weitere Krimis mit Max Koller geplant?
    Als ich einmal beim Gmeiner Verlag in Meßkirch war und wir uns über das Projekt unterhalten haben, fiel im Nebensatz: Einen Krimi allein braucht man gar nicht auf den Markt zu werfen, man muss eigentlich immer eine Serie planen. Und das habe ich mir gemerkt; an mir soll es nicht scheitern. Der zweite Krimi mit Max Koller wird gerade geschrieben und soll nächsten Sommer erscheinen. Er wird im Theater- im Opernmilieu spielen, da, wo ich mich auch ein bisschen auskenne. Ja, und mehr darf ich auch nicht verraten. Ich wollte ihn auf jeden Fall in einer deutlich anderen Umgebung spielen lassen.

    Herzlichen Dank für das Gespräch, dann sind wir sehr gespannt auf den neuen Krimi mit Max Koller!


    Marcus Imbsweiler war im Gespräch mit Ines Schipperges

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