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Zum 20. Todestag von Jörg Fauser

16.07.2007


Einer unserer Besten

Vor 20 Jahren starb Jörg Fauser: Erinnerung an einen kaum bekannten Kultautor

 


Mit dem only-the-good-die-young-Mythos assoziiert man im allgemeinen früh verstorbene und drogenerprobte Ikonen des Pop & Rock, weniger der Literatur. Ein Zufall, dass deren mythenkompatible Jungtote (Rolf Dieter Brinkmann etwa oder Heiner Link) denn auch in einer Grauzone zum „Pop“ anzutreffen sind? An der Schnittstelle der Genres und Stimulantien lebte und arbeitete ein Autor, auf den nahezu alle Legenden-Ingredienzien zutreffen: Drogenkonsument, Alkoholiker, überbordend kreativ, nicht alt geworden. Am 17. Juli 1987, dem Tag nach seinem 43. Geburtstag, wurde der alkoholisierte Jörg Fauser auf der A 94 bei München von einem LKW erfasst. Ohne diesen Tod, dessen genaue Umstände nie geklärt wurden, wäre Fauser vermutlich kaum zum Mythos geworden, denn im Grunde war er ein nicht unbürgerlicher Mensch, zumindest was sein geradezu calvinistisches Arbeitsethos und seinen immensen Ehrgeiz betrifft. Was Fauser in seinen wenigen Jahren geschaffen hat, ist erstaunlich. Trotz seines Alkoholismus zwang sich Fauser zu einem bürokratischen Arbeitsrhythmus: Beginn um 7 Uhr 30, Ende gegen 16 Uhr, rund acht Stunden Schreiben, Schreiben, Schreiben. Das war sein Lebensinhalt, und ohne das Schreiben wäre er vermutlich nicht mal 43 geworden.

Boheme, Widerstand, künstlerischer Ehrgeiz

Man kann an Fausers Biografie mancherlei studieren, zum Beispiel den Einfluss familiärer Prägung. Fausers Eltern sind Künstler, der Vater ein mäßig erfolgreicher Maler, die Mutter Autorin für den Rundfunk und Schauspielerin, beide waren engagierte Antifaschisten – Boheme, Widerstand und künstlerischer Ehrgeiz prägen den Sohn. Der liest mit acht den kompletten Grabbe (Alkoholiker), fasziniert von dessen ungeheuerlichen Dramen, mehr noch von seinem antibürgerlichen Charakter. Fallada (Morphinist) folgt als Lektüre, schließlich die amerikanische Beat-Generation: Kerouac, vor allem Burroughs. Mit 15 veröffentlicht Fauser erste Artikel in der Frankfurter Neuen Presse. Er entflieht dem Elternhaus und bricht die Schule ab, geht nach London, kehrt heim, macht Abitur, beginnt und verwirft ein Studium, absolviert seinen Zivildienst in einem Heidelberger Krankenhaus und wird dort drogenabhängig. Er flüchtet nach Istanbul, wo er im Junkie-Viertel Tophane lebt. Manische Ortswechsel: 1968/69 ist Fauser in Berlin, dealend in einer Kommune, 1969 bis 1971 in Göttingen, anschließend in Frankfurt im Umfeld der Hausbesetzerszene – immer mitten drin in den wilden Zeiten des Aufbruchs und der Utopien, und dennoch nie wirklich integriert, ein Beobachter, Beschreibender, ein außenstehender Anarch mit eigenem Kopf.
Und den setzt er durch: anhand eines Buches von Burroughs therapiert er sich selbst vom Heroinkonsum, eine Leistung, auf die er sein Leben lang mit Recht stolz ist. Der Alkoholismus bleibt. Anhand seiner Bücher etabliert er sich als Autor. Ein exzessiver Workaholic: Fauser, „ein Profi, der alles schreiben konnte“ (Harry Rowohlt), verfasst Gedichte, Hörspiele, Drehbücher. Er gibt Undergroundzeitungen heraus, ist Redakteur beim Berliner tip, übersetzt, und vor allem schreibt er: Rezensionen, Songs für Achim Reichel, den er auf Tourneen begleitet, die hervorragende, noch heute Maßstäbe setzende Marlon-Brando-Biografie Der versilberte Rebell, Storys und exakt recherchierte literarische Reportagen für unterschiedlichste Zeitungen, von der Basler Zeitung bis zum Playboy und Lui.

Was Fausers Durchsetzung als „seriöser“ Autor im Wege stand, war seine Ablehnung der „etablierten Gremienkultur“. Mit der zeitgenössischen deutschen Literatur konnte er, stolz darauf, „keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand“ bekommen zu haben, nicht viel anfangen, er kam von der amerikanischen. Mit Bukowski war er befreundet und schrieb Gedichte in dessen Stil: „schreiben ist wie Spuren / ins Spülwasser ritzen, / ein einziger Blick / in die Gegend genügt: / lächerlich, ein / Nirwana / für / Nieten“. Er schätzte Graham Greene, Chandler, Hammett, Ambler. Und entsprechend schrieb er auch – und damit kam der Erfolg – Krimis. 1981 erscheint Der Schneemann, der 1984 mit Marius Müller-Westernhagen verfilmt wurde. Zu der Zeit galten Krimis noch als minderwertig, und von „Popliteratur“ redete auch noch keiner.

Tempo, Kraft, schnoddrige Lakonie

Fauser ging es, rasch und damit freilich plakativ zusammengefasst, um das unverlogene, befreite Leben, um Wahrhaftigkeit. Deshalb verabscheute er biederbürgerliche Milieus ebenso wie die Verlogenheit politisch korrekter Maoisten und Linksintellektueller, deshalb bevorzugte er die Gesellschaft der gestrandeten Existenzen, die in Kneipen und Trinkhallen bei Bier und Schnaps ihre Lebensgeschichten erzählen: „Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern“. Seine Bücher handeln von Glückssuchern und Verlierern, die versuchen, unkorrumpiert ihren eigenen Weg zu gehen. Im Schneemann kommt der Kleinkriminelle Siegfried Blum per Zufall an eine nicht unerhebliche Menge Koks. Sein Versuch, den Stoff zu verkaufen, scheitert an seiner Mischung aus Paranoia und Größenwahn, an der Unfähigkeit, sich mit anderen zu arrangieren. Repräsentativ für Fauser und dessen Figuren ist der aufrechte Trotz, mit dem Blum sein Schicksal hinnimmt: „Man war der einzige, der man sein konnte, und man tat es, man blieb es. Es war vielleicht nicht immer ein gutes Gefühl, aber es war das einzige, das man hatte.“

Fauser schrieb süffige, saloppe Suspense-Romane, eine Melange aus Unterhaltung und großer Literatur, voller Anspielungen und nicht frei von Genre- und Figurenklischees, mit denen Fauser ironisch spielt. Sie sprühen vor Tempo, Kraft, schnoddriger Lakonie und kühler Eleganz. Vor allem aber zeichnen sie als mittlerweile historische Romane wie nebenbei präzise Bilder der bundesdeutschen Gesellschaft von den 1960er bis 80er Jahren. Das gilt vor allem für den 1984 erschienenen autobiografischen Roman Rohstoff, Fausers besten. Hier erzählt er ironisch gebrochen die Geschichte seines schelmenhaften Alter Egos Harry Gelb, der Schriftsteller werden will und diesem Ziel alles andere unterordnet. Der Roman, einer der wichtigsten der letzten Jahrzehnte, bündelt Fausers Lebenserfahrungen, als wäre er ein Vermächtnis. Mit Rohstoff setzte sich Fauser endlich auch als ernstgenommener Autor durch. Die bittere Frage, was aus ihm hätte werden können, die Ahnung, wie viel wir mit ihm verloren haben, ist ein wesentlicher Teil des Fauser-Mythos.

„Er war einer unserer besten“, schrieb der Literaturkritiker Lutz Hagestedt und forderte: „Lest Fauser, Leute, Ihr tut Euch selbst den größten Gefallen.“ Starke Worte. Aber schön, wahr und gut.

Thomas Schaefer


Zu Jörg Fausers 60. Geburtstag vor drei Jahren erschien die erste Biografie, informativ, empathisch, mitunter etwas zu flott gehalten, ein Buch, das den „Mythos Fauser zu bekritteln nicht antritt“, wie die Autoren selbst einräumen:Matthias Penzel & Ambros Waibel: „Rebell im Cola-Hinterland. Jörg Fauser – Eine Biographie“. Edition Tiamat, Berlin 2004. 287 Seiten, 20,- Euro.

Dem Berliner Alexander Verlag ist es zu verdanken, dass der ganzen Fauser wieder zugänglich ist, in Form einer sechsbändigen Werkausgabe und zudem durch zwei Hörbücher, auf denen Benjamin von Stuckrad-Barre und Franz Dobler – leidenschaftliche Fauser-Apologeten wie beispielsweise auch Wiglaf Droste und Feridun Zaimoglu – aus Rohstoff und dem lyrischen Werk lesen.

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