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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 18. August 2017 | 18:19

     

    Zum 65. Geburtstag des Schriftstellers Gerhard Roth

    24.06.2007

    Archive des Schweigens geöffnet

    "Seit seiner Kindheit war ihm klar, dass ihn ein Universum der Gleichgültigkeit umgab", erfahren wir zu Beginn von Gerhard Roths Roman
    Der Berg (2000) aus den Gedanken der Hauptfigur Viktor Gartner. Gegen jene Form der Gleichgültigkeit ist der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth vehement literarisch zu Felde gezogen. In den 80er Jahren hat er sich in seinem siebenbändigen Monumental-Epos Archive des Schweigens mit der literarischen Aufarbeitung der österreichischen Geschichte befasst.

     

    Roth ist ein "literarischer Etappenfahrer" mit gewaltigem erzählerischen Stehvermögen. Seine Romane bauen aufeinander auf, ergänzen sich, enthalten Querverweise, wie auch sein jüngstes, wieder auf sieben Bände konzipiertes Großprojekt unter dem Titel Orkus beweist.
    Nach Der See, Der Plan, Der Berg, Der Strom und Das Labyrinth erscheint im August nun allerdings zunächst die etwas aus dem Rahmen fallende Autobiografie Das Alphabet der Zeit.

    Gerhard Roth, der am 24. Juni 1942 in Graz als Sohn eines Arztes geboren wurde, studierte nach dem Willen seines Vaters zunächst Medizin, brach aber früh sein Studium ab: "Ich bin in der Universitätsbibliothek gesessen und hab geschrieben, während mein Vater gedacht hat, ich studiere..." Das abgebrochene Medizinstudium war möglicherweise auch als Affront gegen den Vater intendiert - als Wut und Protest gegen das langjährige NSDAP-Mitglied in der eigenen Familie.

    Von 1966 bis 1977 arbeitete Roth als Programmierer und Organisationsleiter im Grazer Computerrechenzentrum, um (neben seiner literarischen Arbeit) ein halbwegs solides Auskommen zu haben. Fasziniert von Wolfgang Bauer, dem literarischen Lokalmatador seiner Heimatstadt Graz, veröffentlichte er in den frühen 70er Jahren zunächst experimentelle Prosa: "Ich wollte allen Ernstes unverständlich schreiben. Nicht verstanden werden - das war mein ästhetisches Ziel! Der Erfolg hat sich allerdings in Grenzen gehalten", resümiert Gerhard Roth im Rückblick auf seine literarischen Anfänge.

    Markenzeichen Rätselhaftigkeit


    Leichte Kost sind seine Romane allerdings nicht. Ein Hauch von Rätselhaftigkeit ist zu Roths Markenzeichen geworden. Seine ausschweifende Erzählweise mit Exkursen in die Welt der bildenden Künste, der Psychiatrie, der Philosophie und der Geschichte macht es den Leser nicht immer einfach, dem erzählerischen Faden zu folgen. Das ist durchaus intendiert, denn in vielen Roth-Romanen begegnen wir im Hintergrund auch Motiven von Kriminalfällen.

    Ein großzügiger Vorschuss des S. Fischer Verlags ermöglichte es Gerhard Roth, sich ganz auf seine schriftstellerische Arbeit an den "Archiven des Schweigens" zu konzentrieren. 1980 erschien als erster Band des Zyklus' Der stille Ozean. Mittelpunkt des aus den unterschiedlichsten literarischen Gattungen zusammengesetzten Zyklus', in dem Fiktion und (auch fotografische) Dokumentation ineinander fließen, ist das 1984 erschienene 800-Seiten-Buch Landläufiger Tod.

    Seit rund 25 Jahren lebt Roth – Vater von vier Kindern (darunter den Regisseur
    Thomas Roth, der auch Drehbücher seines Vaters verfilmte) - mit seiner Frau abwechselnd auf einem alten Bauernhof in der Südsteiermark und in Wien. Die steirische Hügellandschaft an der Grenze zu Slowenien, deren Bewohner und die von Roth dort zusammengetragenen Anekdoten haben ebenso Eingang in seine Bücher gefunden wie das rege gesellschaftliche Treiben in der österreichischen Hauptstadt. Der Brand in der Wiener Hofburg fungierte als Handlungsauslöser in seinem letzten Roman Das Labyrinth (2005). Zudem bedient sich Roth bei seiner Arbeit eines umfangreichen Fotoarchivs, das für ihn die Funktion eines literarischen Notizblocks übernommen hat.

    Gerhard Roth, der im Laufe der Jahre mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde (zuletzt erhielt er 2003 das große Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien), ist fraglos einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Österreichs, beinahe schon ein Klassiker zu Lebzeiten. Die Stadt Graz hat vor einigen Jahren bereits seinen Vorlass angekauft - eine gigantische Sammlung von Manuskripten und handschriftlichen Aufzeichnungen sowie seine komplette Bibliothek.

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