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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. April 2017 | 21:35

     

    Nachruf auf Wolfgang Hilbig

    03.06.2007

    Begnadeter Grenzgänger zwischen Lyrik und Prosa

    Zum Tod des Georg-Büchner-Preisträgers Wolfgang Hilbig

     

    "Ich bin endgültig in der Eliteliga angekommen. Honorare steigen, was ich schreibe, wird gedruckt, und mit dem Preisgeld erreiche ich ohne Probleme die Rente", hatte Wolfgang Hilbig erklärt, als ihm 2002 der Georg-Büchner-Preis verliehen wurde. Im immer stärker durch öffentlichkeitswirksame "Vermarktung" geprägten Literaturbetrieb ist er dennoch stets ein Außenseiter geblieben. Der introvertierte Hilbig lebte zurückgezogen in einer Altbauwohnung am Prenzlauer Berg in Berlin, scheut die öffentlichen Auftritte und fühlt sich selbst bei Lesungen unwohl: "Da bin ich eine zweckentfremdete Figur."

    Mit Rollen am Rande der Gesellschaft kannte sich Hilbig, der am 31. August 1941 im sächsischen Meuselwitz geboren wurde, aus leidvoller Erfahrung bestens aus. Als in der Bundesrepublik 1979 der Lyrikband "Abwesenheit" erschien, wurde der Autor in der ehemaligen DDR einige Wochen in Untersuchungshaft genommen und später zu einer Geldstrafe wegen angeblichen Devisenvergehens verurteilt.

    Ein Jahr später erschien dank des Engagements von Franz Fühmann in der renommierten DDR-Zeitschrift "Sinn und Form" eine erste Auswahl aus Hilbigs Werken. Ein Autor mit einer proletarischen Musterbiografie (er arbeitete als Heizer, Werkzeugmacher und Hilfsarbeiter), der sich die staatstragende Maxime "Greif zur Feder, Kumpel" zu eigen gemacht hatte und dennoch von den SED-Zensoren mit Argusaugen beobachtet wurde."Ich war ein völlig normaler Arbeiter in einem Industriegebiet der DDR, der mit seinen Kollegen gut auskam. Diese Kollegen wussten nicht, dass ich schreibe", berichtet Hilbig rückblickend über die Zeit seiner literarischen Anfänge.

    Als er 1985 mit einem Schriftstellervisum in den Westen kam, ging es im rasanten Tempo bergauf. Die Kritik feierte Hilbig euphorisch, er wurde mit zahlreichen Preisen überschüttet, und der große Durchbruch gelang ihm mit der kurzen Erzählung "Die Weiber" (1987).
    Wie auch in den nachfolgenden Werken "Grünes grünes Grab" (1993) und "Die Kunde von den Bäumen" (1994/ alle im S. Fischer Verlag) dominiert eine Synthese aus surreal anmutenden Allegorien und düsterer Verfallsbeschreibung. Auch formal bieten diese Texte eine reizvolle Gratwanderung zwischen Lyrik und Prosa.Von ganz anderem Zuschnitt sind die beiden opulenten, autobiografisch gefärbten Romane "Ich" (1993) und "Das Provisorium" (2000). Über seine eigenen Identitätsprobleme, die mit der Übersiedlung in den Westen zusammen hingen, gab Hilbig (trotz der Tarnung hinter der dritten Person) im "Provisorium" schonungslos Auskunft. Es ist fraglos eines seiner bedeutendsten Werke. Ein Roman, der um das große Thema "Fremdsein" kreist und von einem Schriftsteller erzählt, der zwischen Nürnberg und Leipzig pendelt, sich an beiden Orten als Außenseiter fühlt und unpathetisch über den Begriff Heimat reflektiert."Ich hatte beim Schreiben das Gefühl, nicht mehr so richtig ein DDR-Autor zu sein. Wahrscheinlich ist das durch die Distanz passiert", erklärte der Georg-Büchner-Preisträger.

    Schreiben ist für Hilbig immer ein Akt der Selbstbefreiung, ein permanenter Kampf gegen Obsessionen, der zwar für den Leser selten einen Hochgenuss verheißt, aber durch sein verstörendes Ambiente einen singulären Tonfall in der deutschsprachigen Literatur garantiert.
    "Mir hat nie jemand gesagt, was ich werden soll, was ich machen soll. Ich kann es mir nur so erklären: Wenn einer ohne den geringsten Anhaltspunkt aufwächst - dann wird er automatisch Schriftsteller. Dann hilft nur noch Artikulation. Das Schreiben ist auf jeden Fall ein fast körperliches Bedürfnis", bekannte Hilbig vor fünf Jahren in einem Interview. Zuletzt sind von ihm vor vier Jahren die Erzählungen "Der Schlaf der Gerechten" – wie alle Werke bei S. Fischerr - erschienen. Am Samstag ist Wolfgang Hilbig, einer der letzten großen Individualisten der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur, der begnadete Grenzgänger zwischen Lyrik und Prosa, in Berlin im Alter von 65 Jahren an einem Krebsleiden gestorben.

    Peter Mohr

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