• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 26. April 2017 | 17:46

     

    Zum 100. Geburtstag von Hans Mayer

    18.03.2007

    Dem Traum folgen

    Seit er 1946/47 mit „Georg Büchner und seine Zeit“ literarisch "debütierte", hat Hans Mayer, kontinuierlich bis zu seinem Tode im "Ahnen- & Enkeldienst" (Arno Schmidt) publizierend, schon mit seinen frühen Büchern über Thomas Mann, Bert Brecht oder zur deutschen und Welt-Literatur die "Professorengermanistik der Germanistikprofessoren" hinter sich gelassen in Richtung auf einen geistes- und kulturkritischen Essayismus von europäischem Rang, der es verschmähte, sich von Fußnoten bloß in Trab setzen zu lassen und nur in der kleinen Manege des akademischen Zirkels zu paradieren.

     

    Heute vor 100 Jahren, am 19. März 1907 wurde Hans Mayer in Köln geboren, 2001 ist er in Tübingen gestorben. Als Anfangs des Jahres der Suhrkamp-Verlag in Berlin eine Wiederauflage seines Opus Magnum “Außenseiter” in Gegenwart von Christa Wolf und Christoph Hein vorstellte, wurde für einen kurzen Moment im Literaturbetrieb des Augenblicks das Bild & das Faszinosum dieses kleinen großen Mannes, der als Germanist, Übersetzer, Essayist und Kritiker - als ein rundum bürgerlich gebildeter Marxist - für mehrere Jahrzehnte öffentlich brillierte, noch einmal von jenen beschworen, die ihn persönlich kannten und ihm vieles verdanken.

    Wer ein Vierteljahrhundert jünger als er war, in beiden Teilen Nachkriegsdeutschlands lebte und mit Literatur & Musik, Politik & Gesellschaft als Autor oder Wissenschaftler, als passionierter Leser oder Zuhörer zu tun hatte, kannte selbstverständlich Hans Mayer: als vortragenden brillanten Hochschulprofessor oder als öffentlichen Redner. Den meisten aber war Hans Mayer als Autor einer Vielzahl von Büchern mit Aufsätzen, Essays, Kritiken und zuletzt autobiographischen Aufzeichnungen bekannt, ja geradezu geläufig: ein “Hans Dampf in allen Gassen” wäre man fast versucht zu sagen angesichts seiner intellektuellen Präsenz, würde der Redensart nicht ein Pejoratives beigemischt sein. Zwar war Hans Mayer gewiss “umtriebig” und rastlos eifrig tätig, um “da zu sein”; und seine “Eitelkeit”, über das zu sprechen und zu publizieren, wovon er etwas verstand und wozu er etwas wusste, begleitete diesen großen Kenner & Kunstliebhaber wie sein Schatten, in dem er sich paradoxerweise sonnte. Aber keiner, der ihm zuhörte und ihn las, ging “ungeleit´ nachhaus”, jeder vielmehr auf die angenehmste, intensivste, kenntnisreichste Art “belehrt” und “begeistert”.

    Spöttisch, vielfach auch neidisch, hieß es oft über seine öffentliche Präsenz: "Keine Feier ohne Mayer". Er sprach gerne vor Publikum, die großen Hörsäle der Universitäten (Leipzig, Tübingen, Hannover u.v.a.) waren ihm da zu enge Räume, und er nahm jede Gelegenheit wahr, um sein Credo eines Enthusiasten der Literatur, der Kunst und der Gesellschaft öffentlich vernehmbar und verständlich zu machen. Selten hat der kulturhistorische Polyhistor, der über ein einzigartiges Gedächtnis samt assoziativen Verknüpfungslüsten verfügte - was ihm, im hohen Alter nahezu blind, wunderbar dienlich blieb - seine Zuhörer dabei enttäuscht, fast immer aber mitgerissen.

    Denn er wusste viel über Literatur, Musik und Geistesgeschichte; und es wurde immer mehr, je weniger seine über den eindringlichen Rhetor staunenden Zuhörer noch von dessen souverän an- & ausgespieltem geistigen Verfügungsbestand ihr Eigen nannten. Umso mehr war aber von ihm zu erfahren, wo nicht zu lernen. Denn die Geschichte selbst sei keine "Furie des Wegwerfens", die der Marxist in der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft am Werke sah. "Alles wurde (in der Geschichte) 'aufgehoben' und ist dadurch in einem geschichtlichen Moment wieder verfügbar: wenn man es sucht, braucht, wiederfinden möchte". Wer heute das alles noch möchte, findet alles auch bei ihm „aufgehoben“!

    Oeuvre mit gesamteuropäischer Reichweite


    Hans Mayer, als deutscher Jude, Homosexueller und Marxist, stand gleich dreifach auf den Vernichtungslisten seiner deutschen Zeitgenossenschaft. Und dass er, in großbürgerlichem Milieu aufgewachsen und doch politisch nach links orientiert, "eigentlich nur" als Jurist promoviert wurde und seine Habilitation in allgemeiner Staats- und Gesellschaftslehre wegen der Machtübernahme der Nazis nicht mehr zustande kam, sich seinen Ruhm zeitlebens jedoch als Literaturwissenschaftler erschrieben hat: - das passte in keinen akademischen Konformitätsrahmen.
    Noch weniger schließlich aber sein Oeuvre: nahezu unüberschaubar im Hinblick auf seine gesamteuropäischen Reichweiten, historischen Tiefenschärfen und aktuellen Besichtigungen des jüngsten Zeitalters - aufgefächert in einer Vielzahl von monographischen, essayistischen, glossarischen und autobiografischen Arbeiten. Kein akademischer Zeitgenosse konnte da dem Schriftsteller Hans Mayer das Wasser reichen.

    Seit er 1946/47 mit „Georg Büchner und seine Zeit“ literarisch "debütierte", hat Hans Mayer, kontinuierlich bis zu seinem Tode im "Ahnen- & Enkeldienst" (Arno Schmidt) publizierend, schon mit seinen frühen Büchern über Thomas Mann, Bert Brecht oder zur deutschen und Welt-Literatur die "Professorengermanistik der Germanistikprofessoren" hinter sich gelassen in Richtung auf einen geistes- und kulturkritischen Essayismus von europäischem Rang, der es verschmähte, sich von Fußnoten bloß in Trab setzen zu lassen und nur in der kleinen Manege des akademischen Zirkels zu paradieren.

    Als Aufklärer suchte der Interpret der historischen Erbschaften und humanistischen Entwürfe gesellschaftliche Wirkung für seine öffentliche Lektüre der Geistesgeschichte (wozu die Musik, Wagner vor allem, auch gehörte). Ein gesellschaftspolitischer Aufklärer, der jedoch die individuellen künstlerischen Potentiale nicht an die instrumentelle Unvernunft des Tages "verriet", oder die Moderne der Joyce, Proust, Kafka an die Spottgeburt des "Sozialistischen Realismus". Deshalb hat Mayer das Sacrificium Intellectus Georg Lukacs' (und dessen bornierter Adepten) während seiner Dozentenzeit an der Leipziger Universität (1948/63) nicht gebracht; sonst hätte der "Kosmopolit" auch Uwe Johnson und Christa Wolf nicht zu seinen damaligen Schülern zählen dürfen: in seinem akademischen "Widerstandsnest".

    Studie über Außebseiter

    Hans Mayer, der nach seiner Emigration in Frankreich und der Schweiz (1933/45) und nach zweijähriger Chefredakteurstätigkeit beim Hessischen Rundfunk(1946/47 zusammen mit Stephan Hermlin und Golo Mann) 1948 in die "Sowjetische Besatzungszone" übersiedelt war, verließ die DDR 1963 und erhielt 1965 einen Ruf an die Universität Hannover, wo er sich nach Differenzen mit dem Kultusministerium 1972 emeritieren ließ. Obwohl er sich, ein leidenschaftlicher Lehrer, auch danach weder von Gastprofessuren in Frankreich oder Japan und von Vorträgen und Reden bis ins hohe Alter dispensierte, so fand der Gelehrte doch jetzt die Zeit zu seinem "Hauptwerk", wenn man will seiner „Negativen Dialektik“, nämlich der dreiteiligen Studie über „Außenseiter“ (1975); und - indem der über 70jährige sich selbst "historisch" wurde - zu mehr und mehr autobiographischen Erinnerungen, in denen der „Deutsche auf Widerruf“ seine erlebte Zeit als geistige Biografie beschrieb, um dann diese späte persönliche summa vitae mit der Trilogie „Turm von Babel“ (Erinnerung an eine Deutsche Demokratische Republik), den „Wendezeiten“ (Über Deutsche und Deutschland) und dem „Widerruf“ (Über Deutsche und Juden) zu beschließen.

    Hans Mayers Versuche über „Außenseiter“ beginnen mit dem lapidaren Satz, dass "die bürgerliche Aufklärung gescheitert ist" und zwar mit ihrer "Gleichheitsforderung für alles, was Menschenantlitz trägt" - gescheitert für die Frauen, die Homosexuellen und die Juden. Sowohl gegen den bewunderten Freund Ernst Bloch gerichtet wie gegen Theodor W. Adorno - der eine missachte den konkret leidenden Menschen zugunsten einer leidenden Menschheit, der andere weise manche Züge einer "antibürgerlichen Feudalrestauration" auf -, radikalisiert Mayer in seinem ungemein ausgreifenden, hochgespannten und geradezu verschwenderisch materialreichen Buch jedoch die Kategorie des Besonderen genauso wie Adorno die des "Nicht-Identischen": mit der gleichen, hier vornehmlich literarisch beglaubigten trostlosen Einsicht in die unversöhnliche Dialektik der Aufklärung.

    Freilich war für den leidenschaftlichen Zeugen des "Zeitalters der Extreme" (Hobsbawm), dem er mit allen seinen brillanten Mitteln der Exegese, des Enthusiasmus und der humanen Anteilnahme als kundiger Vor- & Nachleser ihrer geistesgeschichtlichen Utopien und Tragödien entgegenwirkte, die miterlebte Negativ-Bilanz des Jahrhunderts nicht das letzte Wort. "Die Geschichte geht weiter - und das Prinzip Hoffnung wird überleben".

    Vielleicht sollten wir uns Sisyphos denn doch weniger als "glücklichen Menschen" (Camus) und mehr als einen vorstellen, der sich nicht entmutigen lässt.

    Wolfram Schütte

    ... bis sie dann gestorben sind.

    Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

    Petraeus und sein Stab

    Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

    Musik in Schwarz-Weiß

    Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

    Zwischen Karikatur und Avantgarde

    Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter