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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 23. April 2017 | 21:35

     

    Zum Tod von Jakov Lind

    19.02.2007

    Möglichkeiten der Existenz

    Zum Tod des österreichischen Schriftstellers Jakov Lind

     

    In diesem Frühjahr sollte dem Schriftsteller Jakov Lind der mit 7000 Euro dotierte Theodor-Kramer-Preis verliehen werden. Er sei ein "klassischer österreichischer Schriftsteller", der "die zerreißenden Widersprüche seines Lebens ganz offen und ungeschminkt zur Sprache zu bringt", hieß es zutteffend in der Jury-Begründung."In Wirklichkeit probiere ich bloß andere Möglichkeiten der Existenz und mache mir Notizen. Schreiben heißt für mich Alternativen finden. Das Unerträgliche erträglich denken", erklärte Jakov Lind, dem im deutschen Sprachraum zeitlebens die ihm gebührende Anerkennung versagt blieb. So fungiert die Verleihung des Theodor-Kramer-Preises nun posthum als eine Art öffentliche Wiedergutmachung.

    So schonungslos wie kaum kein anderer Autor seiner Generation hat Jakov Lind in seinen Werken die Grausamkeiten während der Nazi-Zeit nacherzählt. Er wurde Anfang der 60er Jahre zu den Lesungen der Gruppe 47 eingeladen, und sein literarischer Erstling, die Erzählungen "Eine Seele aus Holz" (1962), erntete euphorische Kritiken. Doch die Stimmung im deutschsprachigen Literaturbetrieb schlug schnell um. Jakov Lind wurde als eine Art "Störenfried" stigmatisiert. Den 1963 erschienenen Roman "Landschaft aus Beton", Linds wichtigstes Werk, bezeichnete Hans-Magnus Enzensberger als "blutigen, banalen Grießbrei." Ein schwer wiegender Irrtum. Dieses noch heute schockierende Lebensbild des fiktiven Unteroffiziers Bachmann hatte der Zsolnay Verlag vor zehn Jahren noch einmal neuaufgelegt. Es zeigt in einer bisweilen, leicht ausufernden Sprache die zerstörende Wirkung des totalitären Systems auf das Individuum. Der Protagonist lebt in einem wahren Kriegswahn, ohne überzeugter Parteigänger der Nazis zu sein. Als ihm aufgrund einer vermeintlichen Geisteskrankheit "Frontuntauglichkeit" attestiert wird, werden die Grenzen zwischen der (Fehl)-Diagnose und Bachmanns tatsächlich paranoidem Verhalten völlig aufgelöst. "Landschaft in Beton" ist heute ein mindestens ebenso wichtiges Anti-Kriegsbuch wie Remarques "Im Westen nichts Neues". Während sein in viele Sprachen übersetztes Werk außerhalb des deutschen Sprachraums einen hohen Stellenwert genießt, steht hierzulande die Entdeckung einer gewichtigen Stimme der Nachkriegsliteratur noch immer aus. Jakov Lind, der am 10. Februar 1927 als Sohn eines jüdischen Kunsthändlers in Wien mit dem bürgerlichen Namen Heinz Landwirth geboren wurde, musste als 11-jähriger vor den Nationalsozialisten in die Niederlande fliehen, arbeitete dann nach dem Krieg in Israel, Wien und London als Schauspieler, Landarbeiter, Strandfotograf, Privatdetektiv, Filmagent und Gastprofessor.

    Eine Heimat fand er schließlich in London, wo er seit den frühen 60er Jahren lebte und im mallorquinischen Künstlerdorf Deià, wo er sich vor allem als Maler betätigte. Die meisten seiner Werke hatte Lind zunächst in englischer Sprache geschrieben.
    Seine Erzählwerke "Eine bessere Welt" (1966), "Nahaufnahmen" (1973), "Der Erfinder" (1988) und "Im Gegenwind" (1997) verheißen noch heute eine lohnende Lektüre und die Entdeckung eines großen "Unbekannten" der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Über sein Verhältnis zu Deutschland erklärte Lind in Anspielung auf seinen Lieblingslyriker Heinrich Heine: "Ich schlafe gut und denke nicht dran."
    Am Samstag ist Jakov Lind in London wenige Tage nach seinem 80. Geburtstag gestorben.

    Peter Mohr

    siehe auch den kürzlich erschienenen Beitrag Ein großer Unbekannter

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