Jakov Lind wird 80
09.02.2007
Ein großer Unbekannter
Literaturpreis zum 80. Geburtstag des Schriftstellers Jakov Lind
"In Wirklichkeit probiere ich bloß andere Möglichkeiten der Existenz und mache mir Notizen. Schreiben heißt für mich Alternativen finden. Das Unerträgliche erträglich denken", erklärte der Schriftsteller Jakov Lind, der im deutschen Sprachraum nie die ihm gebührende Anerkennung fand.
So fungiert die in dieser Woche bekannt gewordene Verleihung des mit 7000 Euro dotierten Theodor-Kramer-Preises an den gesundheitlich stark angeschlagenen Jakov Lind auch als eine Art öffentliche Wiedergutmachung. In der Begründung der Jury hieß es, dass Lind ein geradezu "klassischer österreichischer Schriftsteller" sei, der "die zerreißenden Widersprüche seines Lebens ganz offen und ungeschminkt zur Sprache zu bringt". Und vielleicht steht ihm noch eine ähnlich späte "Entdeckung" bevor wie seinem Landsmann Albert Drach, der den Georg-Büchner-Preis im Alter von 85 Jahren zugesprochen bekam.
So schonungslos wie kaum kein anderer Autor seiner Generation hat Jakov Lind in seinen Werken die Grausamkeiten während der Nazi-Zeit nacherzählt. Er wurde Anfang der 60er Jahre zu den Lesungen der Gruppe 47 eingeladen, und sein literarischer Erstling, die Erzählungen "Eine Seele aus Holz" (1962), erntete euphorische Kritiken. Doch die Stimmung im deutschsprachigen Literaturbetrieb schlug schnell um. Jakov Lind wurde als eine Art "Störenfried" stigmatisiert. Den 1963 erschienenen Roman "Landschaft aus Beton" bezeichnete Hans-Magnus Enzensberger als "blutigen, banalen Grießbrei."
Ein schwer wiegender Irrtum. Dieses noch heute schockierende Lebensbild des fiktiven Unteroffiziers Bachmann hatte der Zsolnay Verlag vor zehn Jahren noch einmal neuaufgelegt. Es zeigt in einer bisweilen, leicht ausufernden Sprache die zerstörende Wirkung des totalitären Systems auf das Individuum. Der Protagonist lebt in einem wahren Kriegswahn, ohne überzeugter Parteigänger der Nazis zu sein. Als ihm aufgrund einer vermeintlichen Geisteskrankheit "Frontuntauglichkeit" attestiert wird, werden die Grenzen zwischen der (Fehl)-Diagnose und Bachmanns tatsächlich paranoidem Verhalten völlig aufgelöst.
"Landschaft in Beton" ist ein mindestens ebenso wichtiges Anti-Kriegsbuch wie Remarques "Im Westen nichts Neues".
Während das in viele Sprachen übersetzte Werk des am 10.Februar 1927 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geborenen Autors außerhalb des deutschen Sprachraums einen hohen Stellenwert genießt, steht hierzulande die Entdeckung einer wichtigen Stimme der Nachkriegsliteratur noch aus.
Jakov Lind arbeitete nach dem Krieg in Israel, Wien und Holland als Schauspieler, Landarbeiter, Strandfotograf, Privatdetektiv, Filmagent und Gastprofessor. Eine Heimat fand er schließlich in London, wo er seit den frühen 60er Jahren lebt und im mallorquinischen Künstlerdorf Deià, wo er sich vor allem als Maler betätigte.
Auch Linds Erzählwerke "Eine bessere Welt" (1966), "Nahaufnahmen" (1973), "Der Erfinder" (1988) und "Im Gegenwind"(1997)verheißen noch heute eine lohnende Lektüre. Über sein Verhältnis zu Deutschland erklärte er in Anspielung auf seinen Lieblingslyriker Heinrich Heine: "Ich schlafe gut und denke nicht dran."
Peter Mohr