TITEL kulturmagazin
Freitag, 24. März 2017 | 13:06

 

John Berger wird 80

05.11.2006

Solitär/Solidär

Zum 80. Geburtstag von John Berger

Von Wolfram Schütte

 

Der in London geborene und seit langem im französischen Hochsavoyen und Paris lebende John Berger wird am 5. November 80 Jahre alt. Wie alle gut aussehenden Männer - zusätzlich aber durch seine Zartheit im Umgang mit Menschen, gleichgültig ob Freunde oder Fremde, ungemein einnehmend, sympathisch & nicht allein nur charmant -, fühlt sich John Berger durch sein numerisches Alter belästigt, obwohl & weil man es ihm in keiner Hinsicht ansieht. So hört man. Ich bin ganz sicher: träfe das zu, so wäre es seine einzige Eitelkeit - eine lässliche Sünde für den liebenswerten Mann & homme à femmes.

Nie habe ich erlebt, wenn ich seinen Namen vor anderen Autoren nannte - vor solchen, die ihn persönlich und jenen, die nur sein Werk kannten -, dass auch nur einer abfällig, neidisch oder unfreundlich von ihm gesprochen hätte; manche wünschten sogar, ihn endlich einmal als Person kennen zu lernen, wohl weil ihnen während der Lektüre seiner Arbeiten ein ganz eigentümlicher, untergründiger menschlicher, ja auch herzlicher “Wärmestrom” präsent zu sein schien. Solche Sympathie für einen der ihren ist höchst ungewöhnlich unter Künstlern und Schriftstellern, die sich ja immer auch in Konkurrenz zu einander selbst definieren: durch Anziehung & Abstoßung. John Berger aber, scheint mir, hat mehr Freunde als Feinde unter seinen Kollegen & Kolleginnen - überall auf der Welt. Ebenso unter Lesern.
Freundschaftliche Zuneigung, ja eine gewisse Form von Fernen-Liebe für einen Künstler bedeutet mehr als Bewunderung. Diese kann sich als Respekt auf seine Hervorbringungen und deren Meisterschaft & Gelungenheit beziehen & richten - und die empirische Person ignorieren. In den meisten Fällen ist diese Trennung absolut notwendig und wo man versäumt hat, sie vorzunehmen & durchzuhalten, wird man oft ungerecht bei die Wertschätzung des der misslichen Person zu verdankenden künstlerischen Werks.

Nicht so bei John Berger. Wer je ihm bei einer Lesung zugehört, mit ihm gesprochen oder mit ihm zusammen war, wird das bestätigen. Bei ihm ist “der Mensch” wie der “Autor“. Diese ebenso seltene wie erstaunliche Identität ist sein offenes Geheimnis, und dessen Grundlage: Offenheit, Neugier, Demut, Enthusiasmus & Takt. Wie mit Grazie in Würde zu leben sei, wäre von ihm zu lernen: in dem, was er schreibt & geschrieben hat ebenso, wie an seinem Umgang mit Menschen und Kunstwerken. Dabei heißt das nicht, dass man alles von ihm schätzen oder immer seine Meinungen & Absichten zur Welt teilen muss, schon gar nicht im Gespräch und der Diskussion mit ihm. Er liebt den Dialog, Kennenlernen, Nachforschen, Bezweifeln, Formulieren - also die Arbeit des Denkens - wie ein Philosoph, der sich Fragen stellt. Nie hat er eine fertige Antwort, immer sieht man ihm an, wie er seinen Weg denkend und sprechend sucht. Und vor allem in seinen brillanten Essays plötzlich zu epiphanischen Verdichtungen gelangt, die blitzhaft ihre Gegenstände erleuchten oder ein Werk durchglühen, das in ein ganz neues Licht gerückt wird.
Übrigens scheint er, der eine “tiefsitzende Sympathie für die Underdogs hat”, auf deren politischer Seite er sein Leben lang war, dennoch sein “Weltvertrauen” nie verloren zu haben, obwohl doch ein guter Teil seines Oeuvres dem unwiederbringlichen Abschied gewidmet ist - am entschiedensten dem Verschwinden der bäuerlichen Welt des lebensvollen Handwerks, das er jedoch auch dort, wo er ihm ein großes, schmerzliches Eingedenken widmet (in der erzählerischen Trilogie “Von ihrer Hände Arbeit”, also “Sauerde”, “Spiel mir ein Lied” und “Flieder & Flagge”) weder heroisiert noch sentimentalisiert.

Von früh auf bewegte er sich im London der Kriegs- & Nachkriegszeit im Kreis von linken europäischen Emigranten (u.a. Ernst Fischer), bevor John Berger selbst einer wurde - als ihm die intellektuelle Provinzialität und der politische Opportunismus in Großbritannien, die er als junger polemischer, nachdenklicher und radikaler Kunstkritiker des linken “New Statesman” kräftig aufgemischt hatte, zuwider wurden und er einen Skandal provoziert hatte, weil er 1972 den Booker-Preis für seinen zweiten Roman “G.“ zur Hälfte den militanten “Black Panthers“ in den USA stiftete. Er ging “auf den Kontinent”, wie man auf der Insel immer noch sagt, und lebt seither in einem winzigen Ort Hochsavoyens unter Bauern, wenn er nicht auf Reisen war & ist : in Frankreich und Polen, Deutschland und Italien, Spanien den USA. Der leidenschaftliche Motorradfahrer John Berger wurde gewissermaßen nebenbei, aber mit Notwendigkeit & aus Passion: ein europäischer Künstler von hohem Rang. Was Albert Camus als Antinomie von “solitär” und “solidär” für den Künstler behauptete, hat John Berger als Herausforderung verstanden, mit dem Spagat seiner leidenschaftlichen Empathie zu überbrücken.
Denn der Augenmensch John Berger gehört zu den mehrfach Begabten, die sich vielfach künstlerisch verausgaben & erproben können. Als Maler hatte er begonnen - eine ursprüngliche künstlerische Leidenschaft, der er sich erst wieder im Alter zuwandte -, war dann zur Kunstkritik & zum Essayismus übergewechselt und hatte zugleich journalistisch gearbeitet. Noch in London waren seine ersten Romane “Die Spiele” & “G.” entstanden. Die bewegende Recherche “Geschichte eines Landarztes” (1967), gewissermaßen ein literarischer Vorgriff auf erzählerische Zeugenschaften und Verdichtungen in Prosa & Gedicht, die ihm in der bäuerlichen Welt der französischen Alpen auf eine neue, intensive Art zuwuchs, stiftete eine lebenslange Zusammenarbeit & Freundschaft mit dem Schweizer Fotografen Jean Mohr, mit dem zusammen er nicht nur ein Buch über “Arbeitsemigranten“ (1975) sondern auch eine kleine Philosophie der Fotografie unter dem Titel “Eine andere Art zu erzählen” (1982) geschrieben hat.

In den Siebziger Jahren verhalf er mit seinen Drehbüchern “Die Salamanderin”, “Mitte der Welt” und “Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird” dem Welschschweizer Filmregisseur Alain Tanner zu drei international bewunderten Meisterwerken, deren künstlerische Qualität Tanner danach nie mehr erreicht hat. In Deutschland aber wurde John Berger zuerst vor allem als Essayist mit dem bei Wagenbach erschienen Band “Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens” (1981), dem weitere essayistische Erkundungen des “Sichtbaren und Verborgenen” bei “Begegnungen und Abschieden” folgen sollten, und dann als Erzähler von “Sauerde - Geschichten vom Land” (1982) bei C. Hanser bekannt, der fortan seine Oeuvre kontinuierlich publizierte - bis hin zu dem eben erschienen Band autobiographischer Erzählungen “Hier, wo wir uns begegnen“, die auf eine solitäre erzählerische Weise die Erinnerung an seine Mutter, frühere Freunde, Weggefährten und Geliebten mit Gegenwartsporträts von Orten, Städten, Ländern verbinden.In einem Essay, der von einem 1640 entstandenen Bild des spanischen Malers Velázquez ausgeht, der ein imaginäres Porträt des antiken Fabelerzählers Äsop gemalt hat, beschreibt John Berger, was seine Vorstellungskraft und Phantasie dem Bild ab- & in es erzählerisch hineinliest: “Er betrachtet, beobachtet, belauscht und erkennt, was ihn umgibt, was außerhalb seiner selbst ist, und zugleich wägt er im Inneren ab, ordnet das, was er wahrgenommen hat, und versucht unablässig, einen Sinn jenseits der fünf Sinne zu finden, mit denen er geboren wurde”.

Es fällt schwer, in dieser Phantasie über Velázquez´ “Äsop” nicht auch ein diskret verborgenes Selbstporträt des europäischen Künstlers John Berger zu vermuten, weil darin Weg & Ziel seiner Kunst der Wahrnehmung, der Anteilnahme und der daraus entwickelten Transzendenz in einen verborgenen Sinn des “Unabgegoltenen“, wie Ernst Bloch sagen würde, auf zarte Art angedeutet ist.

Wolfram Schütte

... bis sie dann gestorben sind.

Wenn Comics sich klassischen Märchenmotiven widmen, dann tun sie das meist in Form einer eher überzogenen Parodie. Selbst wenn sich dahinter so viel Sophistication verbirgt wie hinter ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Musik in Schwarz-Weiß

Noch ein paar Tipps für die Tage in denen Stimmung und Landschaft sich den Grau-Tönen nähern und die richtige Musik dabei hilft, ruhige Momente zu ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter